Die Qual der Wahl

Vocal-Recording: Über 60 Mikrofone im Klangvergleich

Logos final(Bild: Stephan Lembke)

Auch wenn es einige Alternativen gibt, kommen bei Gesangsaufnahmen meist Großmembran-Kondensatormikrofone zum Einsatz. Während die Positionierung und Ausrichtung der Mikrofone vor der Sängerin/dem Sänger grundsätzlich sehr ähnlich ist, bieten sich bei der Auswahl eines Großmembran-Kondensatormikrofons mittlerweile sehr viele Optionen an. Für unsere Artikelreihe »Klangvergleich« haben wir uns diesmal genau in dieses Feld begeben und mit über 60 verschiedenen Mikrofonen für eine einzelne Klangquelle den bisher ausführlichsten Soundcheck unsererseits durchgeführt. Hier findest du nun die Klangbeispiele.

 Nach den bisherigen Mikrofonvergleichen in SOUND& RECORDING, die sich mit der Mikrofonwahl für Blasinstrumente, E-Gitarrenverstärker und das Schlagzeug befassten, folgt nun der Klangvergleich am zentralen Instrument vieler Musikproduktionen − dem Gesang.

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Bei der Betrachtung der vielen Optionen, die es bei einer Gesangsaufnahme gibt, wurde schnell klar, dass dieser Klangvergleich eine weitere Fokussierung benötigte. Neben den üblichen Kondensatormikrofonen steht nämlich eine Vielzahl von dynamischen Mikrofonen und Bändchenmikrofonen zur Auswahl, die sich in manchen Situationen ebenfalls als gute Alternative anbieten. Diese weisen allerdings einen recht anderen Klangcharakter auf, was die Vergleichbarkeit deutlich beeinträchtigt. Somit sollten als erste Eingrenzung des Vergleichsfeldes ausschließlich Kondensatormikrofone zum Einsatz kommen.

Eine weitere Fokussierung sollte die Größe der Mikrofonkapsel darstellen. Denn obwohl sich mit Kleinmembranmikrofonen gute Ergebnisse in puncto Authentizität einer Gesangs-Performance erzielen lassen, sind deren Geschwister mit der großen Membran weiterverbreitet und somit relevanter für einen ersten Klangvergleich.

Vor dem Aufnahmebeginn lässt Ray ihrer Fantasie freien Lauf — den Text für die Klangbeispiele hat sie anhand des Playbacks in der Regie geschrieben, während die Netzteile der Röhrenmikrofone im Aufnahmeraum warmliefen.
Der Focusrite ISA wurde ohne Low-Cut Filter und auf der höchsten Eingangsimpedanz betrieben, um eine optimale Vergleichbarkeit zu gewährleisten und die Beeinflussung durch den Vorverstärker möglichst gering zu halten.

Ein weiterer wichtiger Punkt war für uns, dass wir nicht ausschließlich mit aktuellen Mikrofonmodellen arbeiten, sondern auch Mikrofonklassiker in den Klangvergleich einbeziehen.

Da sich männlicher und weiblicher Gesang in vielerlei Hinsicht unterscheidet, war es uns für diesen Klangvergleich wichtig, beide Stimmtypen abzudecken. Die Sängerin Ray Lozano lieh dem Projekt daher ihre kräftige Soulstimme und war so nett, eine Melodie mit Text zum Playback beizusteuern. Ray hat viele Jobs als Background-Sängerin und arbeitete u. a. mit Freundeskreis, Joy Denalane und Maxim zusammen.

Der männliche Gesang stammt von David Rynkowski, der als Sänger, Produzent und Komponist von Film- und Theatermusiken in Köln tätig ist. Davids Stimme ist ebenfalls im Soul- und RnB-Bereich anzusiedeln. Ray und David kennen sich gut und arbeiteten kürzlich für Davids Band »Luciel« zusammen, deren Album im Januar 2019 veröffentlicht werden soll.

Gleichbleibende Qualität

Um eine Vergleichbarkeit der Beispiele zu gewährleisten und den Musikern die Performance in Bezug auf die Intonation und das Timing zu erleichtern, wurde ein Playback als Orientierungshilfe erstellt. Zur Präsentation verschiedener Facetten der Gesangsstimmen ging es im Playback von einem kurzen Strophenteil in den Refrain über, um eine dynamische Steigerung zu erzielen.

Die Mikrofone wurden in diesem Klangvergleich einzeln aufgenommen, um keine Kompromisse bei der Ausrichtung eingehen zu müssen. So musste die Positionierung zwar bei jedem Umbau überprüft werden, doch die Musiker erhielten einen klaren Bezugspunkt und sangen nicht an der Mikrofonkapsel vorbei. Ein Popfilter kam zum Einsatz und diente neben seiner klanglichen Funktion auch als Abstandsreferenz. Beim Soundcheck wurde der Abstand zwischen Mikrofonkapsel und Popfilter mit 18 cm festgelegt. Die Musiker hielten stets dieselbe Entfernung ein.

Als Mikrofonvorverstärker wurde ein Focusrite ISA828 genutzt, der gleichzeitig als A/D-Wandler fungierte. Der ADAT-Ausgang der Wandlerkarte des Preamps wurde mit dem Pro Tools HD-System in der Regie des Gotteswegstudio A verbunden. Die Aufnahme erfolgte mit einer Auflösung von 44,1 kHz und 24 Bit.

Die Klassiker

Obwohl es seit der ersten Vorstellung des Neumann U47 im Jahre 1947 zahlreiche Weiterentwicklungen im Bereich der Großmembran-Kondensatormikrofone gab, sind es doch gerade die ältesten Mikrofonmodelle, die einen Kultstatus erreicht haben. Neben dem U47 ist dessen Nachfolger, das M49, aus dem Hause Neumann zu nennen, welches als erstes Mikrofon überhaupt eine fernsteuerbare, stufenlose Auswahl der Richtcharakteristik besaß.

Eine Fernsteuerung ist ebenfalls beim AKG C12 möglich, allerdings in gerasterter Form. Das C12 zeichnet sich in erster Linie durch seine CK-12-Kapsel aus. Diese wurde auch im ELAM 250/251 verbaut, das von AKG für Telefunken entwickelt und hergestellt wurde. Doch auch die späteren AKG C414-Modelle nutzten die legendäre CK-12-Kapsel, bis eine kostengünstigere Alternative entwickelt wurde und die Umstellung während der Produktion des AKG C414EB erfolgte.

Das M49 wurde vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) entwickelt und patentiert, bevor es 1951 von der Firma Neumann in Serie hergestellt wurde. Der angeschrägte Korb dient der Vermeidung von stehenden Wellen, und dieses Design ist bei vielen aktuellen Kondensatormikrofonen wiederzufinden (z. B. bei der Neumann TLM-Serie).
Zwei frühe Legenden: links das AKG C12 (1953) mit dem großen »V2148«-Transformer und rechts das Neumann U47 (1947) mit M7-Kapsel. Beide Mikrofone gelten als begehrte Vorbilder für aktuelle Mikrofonmodelle und sind auf dem Gebrauchtmarkt nahezu unerschwinglich.
Auch äußerlich sind schon kleinere Unterschiede auszumachen — das linke U47 wurde zwar von Neumann in Berlin gebaut, allerdings durch Telefunken (mit eigenem Logo) bis in die späten 1950er-Jahre in Nordamerika vertrieben. Beim rechten U47 (mit Neumann Logo) ist die neuere Kapsel K-47 verbaut.
Nicht nur farblich, sondern auch klanglich zu unterscheiden: Das U87A auf der linken Seite ist die neuere Version, rechts das ursprüngliche U87. Beide Modelle gibt es in Schwarz oder nickelfarben, der Modelltyp ist der Bezeichnung am unteren Ring des Mikrofonkorpus zu entnehmen.

Das Kleingedruckte

Die Modellbezeichnungen von bekannten Mikrofonen wie C12 oder U47 sind in fast jedem Interview oder Artikel der Tonschaffenden-Branche zu lesen. Doch U47 ist nicht gleich U47. Wer sich etwas intensiver mit der Geschichte der alten Mikrofonklassiker auseinandersetzt, wird feststellen, dass das U47 in verschiedenen Varianten hergestellt wurde, die sich nicht nur im Aussehen unterscheiden. Während beim Großteil der U47-Mikrofone (bis ungefähr 1960) eine M7- Kapsel mit PVC-Membran verbaut wurde, kam bei späteren Modellen die haltbarere K47-Kapsel mit einer Mylar-Membran (aus Polyester) zum Einsatz. Gerade dieser Unterschied hat natürlich einen immensen Einfluss auf den Klang des Mikrofons, und so besorgten wir uns für unseren Klangvergleich zwei U47 mit ebensolchem Unterschied.

Solche Details findet man allerdings nicht nur bei sündhaft teuren Vertretern wie dem U47. Das weitverbreitete U87 weist ebenfalls Unterschiede zwischen seinen beiden Versionen auf: das ursprüngliche Modell, das von Neumann 1967 als erstes Großmembran-Kondensatormikrofon mit Transistorschaltung vorgestellt wurde, und die elektronisch verbesserte Version, die seit 1986 unter der Bezeichnung U87A erhältlich ist. Die Überarbeitung führte zu einem um 3 dB verbesserten Signal-Rauschabstand, der jedoch zu einem geringeren Headroom führt. Durch die Modifikation weist das neue Modell aber auch Unterschiede im Frequenzgang auf. Die alte Version wird bei einigen Klangquellen oft als »runder« beschrieben, da die höheren Frequenzen im Vergleich mit dem U87A weniger stark ausgeprägt sind.

Vocal Gesang Klangvergleich Mikrofone Test
Das Neumann U67 »Reissue« ist die Neuauflage des Mikrofonklassikers von 1960. Durch das Einhalten der Originalspezifikationen wird ein Klang erzeugt, der einem gut erhaltenen, alten U67 sehr nahekommt. (Bild: Stephan Lembke)

Das dritte Beispiel kommt erneut von der Firma Neumann, doch diesmal wurde den Wünschen der Vintage-Fanatiker stattgegeben und keine Modifikation des Originalmikrofons vorgenommen. Die Rede ist von der Neuauflage des Neumann U67, die auf der NAMM-Show 2018 präsentiert wurde. Das Klangresultat ist sehr nah am Original, doch weist das gut erhaltene U67 unseres Klangvergleichs etwas mehr Präsenz auf.

Im Jahr 2008 wurde bereits des TLM67 als eine Neuinterpretation des U67 mit Transistorverstärkung präsentiert, dem jedoch kaum Beachtung geschenkt wurde. Zugegeben, im Klangvergleich ist nur eine lose Verwandtschaft mit dem U67 und der aktuellen U67-Reissue zu erkennen. Bewertet man den Klang des TLM67 jedoch nicht im Vergleich zum originalen U67, sondern betrachtet man das TLM67 als eigenständiges Mikrofon, kann dessen Neumann-Qualitätsstandard nicht verleugnet werden.


Soundcheck:

Während der Session sind spannende Unterschiede zwischen den Mikrofonen aufgefallen. Gerade die Gegenüberstellung von Nachbauten und deren Vorbildern wurde mit Spannung erwartet. Hier im Soundcheck sind einige Eindrücke zu den verschiedenen Mikrofonen der Session zu finden. Die Reihenfolge dient lediglich der besseren Orientierung und soll nicht als eine Form der Bewertung der Mikrofone gesehen werden.

Alle Sound-Files findet ihr auch im Wave-Format in unserem Heftarchiv zum Download. 

Angelehnt an die frühen Sony Mikrofone kommt das Reference Silver mit einem detailreichen Klang daher, dem in den Höhen das Sahnehäubchen aufgesetzt wird. Die Mitten sind angenehm „rund“ und Problemen wie überbetonten „S“-Lauten wird mit diesem Mikrofon aus dem Weg gegangen.
Dass es sich beim Gemini II um ein Röhrenmikrofon handelt, ist klar im Klang erkennbar - satte Mitten und harmonische Sättigung zeichnet das Mikrofon aus. Zudem sorgt die Präsenz dafür, dass die Vocals in jedem Mix durchscheinen.
Das C12 aus der Diamond-Serie von Telefunken ist ein detaillierter Nachbau des alten AKG C12 Mikrofons. Im Vergleich mit dem Original ist es etwas weniger präsent, aber deutlich voller in den unteren Mitten. In der Qualität der Verarbeitung wird es höchsten Ansprüchen gerecht.
Das M149 zeichnet sich durch einen satten Klang in den unteren Mitten und dem Bassbereich aus. Die Höhen sind etwas reduzierter und weisen eine gute Portion harmonische Obertöne auf.
Das Mercury wurde in Zusammenarbeit mit Toningenieuren der Abbey Road Studios entwickelt und ist das Flaggschiff der Großmembran-Kondensatormikrofone der Forma Sontronics. Die Mitten klingen ausgewogen, im Bass ist der Klang etwas schlanker, was den Gesangsbeispielen zugute kommt.
Das Lewitt LCT540S gilt als das leiseste Mikrofon der Welt. Das Eigenrauschen wird vom Hersteller als so gering ausgewiesen, dass es unter Normalbedingungen nicht messbar ist. Klanglich ist das LCT540 sehr detailliert und hochauflösend, besonders im oberen Frequenzspektrum.
Das Röhrenmikrofon der Mikrofonschmiede aus Nashville bringt die Stimme weit nach vorn, was nicht zuletzt der Anhebung im Präsenzbereich geschuldet ist. Dennoch ist der „runde“ Charakter eines Röhrenmikrofons deutlich erkennbar.
Das originale AKG C12 im Bestzustand: Der Röhrensound ist satt in den unteren Mitten und seidig offen in den Höhen. Der Frequenzgang schmeichelt sowohl der Frauen- als auch der Männerstimme. Großartig!
Wenn es um die M7-Kapsel geht, stammen die Mikrofone häufig von Gefell. Das Microtech-Gefell UM92.1S weist etwas mehr Präsenz als das Vintage-Vorbild UM57 auf. Auch ein Vergleich mit dem CMV563 lohnt, da das Mikrofon ebenfalls eine M7-Kapsel nutzt und die Verstärkerschaltung fast identisch ist. Der Klangunterschied zum UM57 ist in erster Linie ein Resultat des unterschiedlichen Mikrofonkorbes.
Das Warm Audio WA-14 kann zwar nicht als exakter Zwilling des AKG C414 bezeichnet werden, allerdings ist der Klang an sich besonders in den Mitten sehr aufgeräumt und passt sich Davids Stimme sehr gut an.
Das Beste aus beiden Welten: Das Lewitt LCT940 kann sowohl als Transistor- als auch als Röhrenmikrofon betrieben werden. Am Netzteil lässt sich der Sound beider Schaltungen stufenlos mischen.
Das Neumann M49 — eine Leihgabe des Mikrofonverleihs Echoschall aus Berlin — ist in einem außerordentlich guten Zustand. Anstelle der üblichen K49-Kapsel wird in diesem Exemplar jedoch eine M7- Kapsel verwendet, was eine Ähnlichkeit zum U47 mit derselben Kapsel nahelegt. Klanglich kann das Mikrofon sowohl bei Davids als auch bei Rays Stimme durch angenehme Höhen und etwas »Zurück - haltung« überzeugen.
Verglichen mit dem Mercury und Aria aus gleichem Hause liefert das Sontronics Orpheus eine deutlich dunklere Klangfarbe und sorgt mit dem runden Mikrofonkorb für Hingucker.
Die erneute Zusammenarbeit zwischen SE Electronics und Rupert Neve hat sich gelohnt: Das RNT ist äußerst detailreich und funktioniert wunderbar für die männliche Stimme.
Zugegeben, der Vergleich des Chandler Limited REDD Microphones ist etwas unfair. Dieses Mikrofon kommt nämlich mit integriertem REDD.47-Vorverstärker, weshalb der Focusrite ISA hier nicht zum Einsatz kam. Mikrofon und Preamp sind sehr gut aufeinander abgestimmt, und im »Drive«-Modus werden die Röhren ordentlich angefahren, sodass angenehme harmonische Verzerrungen auftreten und der Stimme einen druckvollen Charakter verleihen.
Auch das Mojave MA-1000 hat sich am begehrten AKG C12 orientiert und wartet mit einem sehr knackigen Sound auf, sowohl die Höhen als auch die unteren Mitten wirken etwas reduzierter. Ein hö- renswerter Vergleich!
Im Audio-Technica AT5047 kommen vier rechteckige Membranen zum Einsatz. Das Resultat weist sehr angenehme Mitten und Höhen auf, im Bass ist das Mikrofon ausgewogen und der Nahbesprechungseffekt ist deutlich reduziert.
Das Röhrenmikrofon Valvet X der Firma Brauner weist ein deutlich runderes Fundament als das Transistormikrofon Phantom aus gleichem Hause auf. Beide Mikrofone sind sehr höhenreich und durchsetzungsfähig.
Die Röhre macht sich im Klang des Rode NTK stark bemerkbar, die Verwandtschaft des Mikrofons mit seinen Transistor-Geschwistern ist dennoch gut zu erkennen.
Besonders für Rays Stimme eignet sich das Shure KSM42 sehr gut. Die Präsenz im Frequenzgang stellt die Stimme weit nach vorne, ohne aufdringlich oder störend zu wirken.
Im direkten Vergleich mit dem »alten« U47 mit M7-Kapsel bringt das U47 mit der neueren K47-Kapsel den Gesang besser zur Geltung. Durch die leichte Präsenzanhebung wirken beide Stimmen etwas durchsetzungsfähiger und offener.
Mit dem Sony C100 holt man sich zwar keine Kopie des C800 ins Haus, doch das ist aufgrund der fehlenden Röhrenschaltung auch nicht zu erwarten. Dennoch ist die Höhenauflösung ähnlich crisp und durchsichtig.
Das Miktek MK300 bildet die Mittenfrequenzen in Davids Stimme detailliert ab, die Höhen fügen sich gut in das gesamte Klangbild ein, obwohl diese sehr ausgeprägt sind.
Das Soyuz SU-17 überrascht nicht nur mit einem extravaganten Design. Angelehnt an das Neumann U67 klingt das Soyuz besonders für die Männerstimme schön voll und präsent.
Die K47-Kapsel macht im AK47 von Telefunken Elektroakustik eine gute Figur und muss sich nicht vor den Vorbildern aus dem Hause Neumann verstecken.
Das M149 ist das aktuelle Flaggschiff aus dem Hause Neumann, das sich recht lose am ursprünglichen M49 orientiert. Es zeichnet sich unter anderem durch seine hervorragende Bass- und Mittenwiedergabe aus, die auch den Gesangsstimmen zugutekommt.
Wenn es etwas mehr sein darf: Das Townsend Labs Sphere L22 ist ein Modeling-Mikrofon, das verschiedene Klangcharaktere simulieren kann. Die klangliche Nähe zu den Vintage-Mikrofonen unserer Session ist durchaus erkennbar, und die nachträglichen Bearbeitungsmöglichkeiten im Plug-in bieten dem modernen Tonproduzenten weitere Optionen für Produktion und Mix — durchaus beeindruckend.

Kategorisierung

Der Vergleich der alten Originale mit den neuen Mikrofonen gestaltet sich nicht immer einfach. Viele Hersteller nehmen die Vintage-Klassiker in Bezug auf die Kapsel, die Röhrenschaltung, den Mikrofonkorb oder die gesamte Elektronik zum Vorbild, wobei Abweichungen an der Tagesordnung sind. Klanglich ist das Ergebnis in vielen Fällen nur zu erahnen, da alle Aspekte eines Mikrofons Einfluss auf den Klang nehmen. Eine grobe Kategorisierung soll an dieser Stelle dennoch erfolgen, um eine bessere Übersicht zwischen den Mikrofonen zu schaffen.

Die Verwandten des U47 stammen von Gefell mit der Bezeichnung UM92.1S und auch als ältere Versionen mit den Bezeichnungen CMV563 und UM57. Telefunken hat das AK47 mittlerweile in der zweiten Auflage im Programm, Warm Audio bietet sowohl ein WA-47-Röhrenmikrofon als auch ein WA-47jr. als Transistorversion an, die aufgrund der Schaltung ähnlich zum Neumann U47fet (dem »Transistor U47«) ist.

Im Hinblick auf die klassische CK-12-Kapsel von AKG sind sowohl eigene Mikrofone des Herstellers wie das C12VR (»Vintage Revival«) oder das C414XLII mit dabei, doch auch das Warm Audio WA-14 oder das Telefunken AR51 sind an den Klassiker von AKG angelehnt. Als besonderen Leckerbissen haben wir das C12 aus der Diamond-Serie von Telefunken erhalten.

Parallelen zum Neumann M49 sind bei der gesamten Neumann TLM-Reihe auszumachen, die sich zumindest an der angeschrägten Form des Mikrofonkorbes orientieren. Darüber hinaus sind die »Neumänner« TLM49 und das M149 nah am Vorbild orientiert.

Als Mikrofone im U67-Stil sind zunächst dessen Neuauflage und das TLM67 von Neumann zu nennen. Eine Anlehnung an das U67 findet sich auch beim russischen Soyuz SU17 und dem MA200 von Mojave Audio sowie dem CU29 von Telefunken.

Einen allumfassenden Einblick in die Welt der unbezahlbaren Mikrofone erhält man mit dem Townsend Labs Sphere L22, das als Modeling-Mikrofon eine Simulation aller Vintage-Klassiker vornimmt.

In der R-F-T Serie von Telefunken finden sich drei Mikrofone, die berühmte Vorbilder haben: Das AR51 (links) orientiert sich am C12 und ELAM251, das CU29 (Mitte) erinnert teilweise an ein U67, und als Vorbilder des AK47 (rechts) gelten das U47 und das M49.
Die Anzahl der Mikrofonmodelle, die Sony bereits hergestellt hat ist sehr überschaubar. Neben dem kostspieligen C800G (links), das in den USA für ca. 10.000 Dollar zu erwerben ist, wurde nun das hochauflösende C100 (rechts) für einen Bruchteil des Preises vorgestellt.

Mikrofone, Mikrofone, Mikrofone

Neben den modernen Reinkarnationen der frühen Röhrenklassiker sind auch »modern classics« wie das Sony C800G zu finden, das häufig für RnB-, Pop- und Rap-Gesang zum Einsatz kommt. In Europa ist dieses Mikrofon eher unbekannt, doch der Legendenstatus ist ihm garantiert, da der Handel durch die RoHs-Bestimmungen mittlerweile verboten ist. Unter der Bezeichnung Sony »C100« wurde allerdings schon der Nachfolger mit speziellem Doppelkapsel-Design präsentiert, der jedoch anders als das C800G eine Transistorschaltung besitzt.

Ohne nennenswertes Vorbild vermarktet die britische Firma Sontronics ihre Mikrofone. Dies macht sich direkt durch die ausgefalleneren Mikrofonkörbe bemerkbar, die entgegen der üblichen Neumann-Tradition auch mal kreisrund ausfallen.

Sontronics setzt bei seinen Großmembran-Kondensatormikrofonen weniger auf berühmte Vorbilder. Die Modelle Aria (rechts) und Mercury (Mitte) wurden in Zusammenarbeit mit Toningenieuren des Abbey Road Studios in London entwickelt.
In der Diamond-Serie bietet Telefunken handgearbeitete Nachbauten aller typischen Mikrofonklas - siker an — das C12 mit der Seriennummer 116 durfte an unserem Klangvergleich teilnehmen.

Outro

Wie bei jedem Klangvergleich stellt sich nun die Frage nach dem besten Gesangsmikrofon der Session. Grundsätzlich sind da auch wieder viele passende Optionen zu nennen, die nicht unbedingt dem hochpreisigen Segment entstammen müssen. Doch wenn ich eine explizite Entscheidung treffen müsste, dann wäre das originale AKG C12 ganz oben auf meiner Liste, allerdings dicht gefolgt vom U47 mit der K47-Kapsel, dem exzellenten M49 und dem alten U67. Ok, vielleicht spielt die Nostalgie dabei auch eine gewisse Rolle, doch die hervorragenden Klangeigenschaften einer solchen Mikrofonauswahl konnten in diesem Klangvergleich wieder eindeutig bestätigt werden.

Im Vergleich mit den neueren Vertretern der Mikrofonbaukunst sind jedoch auch einige Kandidaten zu finden, die der Klangqualität der Vintage-Mikrofone in nichts nachstehen. Aber macht euch ein eigenes Bild, denn alle Klangbeispiele können auf unserer SOUND&RECORDING-Website in unkomprimierter Qualität angehört und verglichen werden.

Wie auch bei den anderen Klangvergleichen bietet SOUND&RECORDING euch eine Gelegenheit dazu, einige der Mikrofone beim Vocal-Recording Workshop zu begutachten und anzuhören. Dieser findet am 11.08.2018 im Abbey Road Institute in Frankfurt statt.

Zu guter Letzt möchte ich allen Beteiligten und Sponsoren dieses Klangvergleichs meinen Dank aussprechen, da das Projekt ohne deren Unterstützung in diesem Umfang nicht möglich gewesen wäre. Neben David und Ray danke ich den beiden Assistenten der Session, Yannick Heym und Johann Köhnen. Zudem gilt mein besonderer Dank Dirk Joosten von den »Trypoul Recording Studios« in Neerkant (Niederlande), der mir das Neumann U47 mit der M7-Kapsel und das Sony C800G zur Verfügung stellte. Das AKG C12 stammt aus dem Kölner Tonstudio »The Brewery« und wurde freundlicherweise von Erik Breuer beigesteuert. Falls also Interesse an der Verwendung dieser seltenen Mikrofone besteht, freuen sich Dirk und Erik über eine Anfrage. Und falls jemand Vintage-Mikrofone für eine längere Produktion im eigenen Tonstudio benötigt, dann ist Carsten Lohmann vom Mikrofonverleih »Echoschall« aus Berlin der richtige Ansprechpartner. Ihm gilt mein Dank für den Verleih des Gefell UM57 sowie des Neumann U67 und M49, die sich allesamt in hervorragendem Zustand befinden.

Alle Testkandidaten im Überblick

AKG: C12, C12VR, C414 XLII
Audio-Technica: AT4060, AT5047
Brauner: Phantom, Valvet X
Chandler Ltd.: REDD Microphone
(Microtech-)Gefell: CMV563, UM57, M930, M1030, UM92.1S
Lewitt: LCT440, LCT540, LCT550, LCT940
Manley Labs: Reference Silver, Reference Cardioid
Miktek: CV4, MK300
Mojave Audio: M200, M-201FET, MA-1000, MA-50
Neumann: U47 (M7), U47 (K47), U87, U87A, U67, U67 (Reissue),
U47fet (Reissue), M49, M147, M149, TLM49, TLM67, TLM102,
TLM103,
Rode: NT-1, NT-1A, NT-2A, NT-1000, NTK
SE Electronics: Gemini II, RNT, SE2200
Shure: SM27, KSM32, KSM42
Sontronics: Aria, Orpheus, Mercury
Sony: C100, C800G
Soyuz: SU-17, SU-23
Telefunken Elektroakustik: AK47 MKII, AR51, CU29, C12
Townsend Labs: Sphere L22
Warm Audio: WA-47, WA-47jr., WA-14

Alle Sound-Files findet ihr auch im Wave-Format in unserem Heftarchiv zum Download. 

Klangvergleich mit Frauengesang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klangvergleich mit Männergesang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo,
    ein interessanter Vergleich bei dem es leider nicht möglich ist, den Gesang im Kontext der Musik zu hören, denn das ist ja auch eine wichtige Komponente, welches Mikro da passt.
    Auch wäre es toll, wenn man die Aufnahmen in 24Bit/44,1Khz downloaden könnten.
    Soundclouds Komprimierungsverfahren sind bei vielen Mikros von hoher Qualität ein Graus.
    Gibt es da noch die MÖglichkeit eines Downloads?

    Viele Grüße

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Hallo

      Auf den Kontext zur Musik haben wir uns bewusst dagegen entschlossen. Denn welches Genre hätte man dann wählen sollen? Pop, Rock, Metal, Jazz, HipHop… ? Zudem klingt auch jede Stimme immer wieder etwas anders, und jeder Kompressor, Vorverstärker etc. pp. Man kann das Thema also zweifelsohne ins uferlose ausarten lassen. Trotzdem denken wir, dass man mit den verschiedenen Soundfiles einen ganz guten Eindruck gewinnt wie verschiedene Mikrofone klingen.
      Im Download sind nun auch die einzelnen Dateien als Wave enthalten. Link ist im Text enthalten.
      Lieben Gruß

      Auf diesen Kommentar antworten
    2. Danke jedenfalls für die ENORME Arbeit, woow….
      Sehr hilfreich!

      Nach meinen eigenen Erfahrungswerten muss ich obigem Einwand allerdings auch zustimmen.
      Ich habe den Unterschied zwischen meinen Beiden VocalMics Rode Nt1a und Neumann TLM 102 auch erst im Mix wirklich realisiert. Während ersteres im Mix eher mit dem EQ an eine mehr fixe Stelle gezwungen werden muss, klebt sich das Neumann quasi zwischen die Frequenzbereiche des Mixes wie Kleber, bedarf deutlich weniger EQing, da jede einzelne Silbe in ihrem eigenen Frequenzen wesentlich herausstechender und klarer betont wird als beim Rode. Was mir in allen Acapella-Vergleichen im Netz schon ganz gut auffiel, war letztendlich im Studio direkt am Mix eine wahre Offenbarung!

      Verstehe aber auch, dass Genrewahl und Arbeitsaufwand jede Kapazität eines solch Umfangreichen Testes weit überschreitet.

      definitiv Danke dafür!

      Auf diesen Kommentar antworten

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