This must be underwater Love

Toriaz Squid: Multitrack-Sequenzer im Test

Toriaz Squid Multitrack-Sequenzer (Bild: Dieter Stork)

»Spiel doch mal live … warum spielst duuu eigentlich nie ein Live-Set?« Stimmt eigentlich … hmm… Fragen über Fragen zum Thema Live-Set. Und es erstaunt mich immer wieder, wie einem das Universum manchmal die Antwort aus dem großen Meer der Lösungen direkt vor die Füße spült — diesmal in Form der Sequenzer-Krake Toriaz Squid.

Seit geraumer Zeit gehe ich mit dem Gedanken schwanger, meine Musik vom Studio auf die Bühne zu transportieren, und zwar in Form einer Live-Performance. Bisher habe ich meine Tracks schlicht als File exportiert, alles auf einen USB-Stick gepackt, um diese dann mithilfe von CD-/USB-Playern in mein Set zu integrieren. Vom DJ-Standpunkt aus betrachtet reicht dieser Workflow absolut aus, um einen konstanten Strom aus Musik zu erzeugen − allerdings wünscht sich der Soundtüftler in mir dann doch recht häufig die Möglichkeit, im Live-Betrieb etwas mehr Zugriff auf die Musik und ihre einzelne Elemente zu haben, da sich ein Stereo-File nur bis zu einem gewissen Grad verbiegen und zerfiltern lässt.

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Ideal wäre es, je nach Lust, Laune und Situation die Möglichkeit zu haben, die Musik spontan in eine andere Richtung zu entwickeln, um etwas Neues zu schaffen – so direkt und flexibel wie die Improvisation auf einem klassischen Instrument, z.B. der Gitarre. Genau hier liegen für mich Charme und Reiz eines Live-Sets. Hinzu kommt, dass im Jahr 2019 als hip gilt, wer ohne Rechner und DAW auskommt… #DAWless #kimchi #instagood #joke #businesstechno #technodust #epic #lol …

Um live irgendwie spielen zu können, muss neben den ganzen Klangerzeugern ein Sequenzer her, der als Zentralgehirn den ganzen Laden zusammen- bzw. am Tanzen hält. Schaut man sich die einmal an, welche Sequenzer aktuell auf dem Markt existieren, findet man eine ganze Reihe von günstigeren und effektiven Step-Sequenzern wie z.B. der Beatstep Reihe von Arturia oder natürlich der Königsklasse á la Sequentix Circlone mit seiner ganzen Pracht und einer noch prächtigeren Lieferzeit von fast einem Jahr.

Damit ich mich persönlich aber überhaupt mit so einem Gerät auf die Bühne traue, muss es einige wichtige Kriterien abdecken. Diese sind: Das Gerät muss robust sein und sollte eine ganze Weile im technikfeindlichen Club/Party/Bühnen-Terrain überleben. Weiter ist eine hohe Konnektivität wichtig, da viele Synthies und Drum-Machines ihre eigene Sprache sprechen, was Sync-Signale betrifft. Der Sequenzer sollte schnell zu programmieren, übersichtlich und auch bei minimalster Beleuchtung lesbar sein. Zu guter Letzt muss das Gerät erschwinglich bzw. nicht zu teuer sein, denn man sollte nicht vergessen, dass im chaotischen Live-/Bühnen-Betrieb alles Mögliche schiefgehen und über das Gerät gekippt werden kann.

Toriaz Squid Multitrack-Sequenzer
Die Schnittstellen ermöglichen mit MIDI-Trio, DIN-Sync, CV und USB den Anschluss
an Hardware von uralt bis nagelneu.
(Bild: Dieter Stork)

Vorhang Auf!

Squid nennt sich das neuste Familienmitglied der Toraiz-Reihe aus dem Hause PioneerDJ: ein 16-Track Sequenzer mit achtfacher Polyfonie pro Spur. Ausgelegt für Bühne und Studio bildet das dritte Toraiz-Kind die Schaltzentrale, von der aus Soft- und Hardware- Instrumente betrieben werden.

Wie bei den anderen Toraiz-Produkten merkt man, dass PioneerDJ natürlich schon einige Produkte auf den Markt gebracht hat, die heute als Standard gelten, wie z. B. die unglaublich erfolgreichen CD/USB-Player-Serie der CDJs. Rein optisch passt der Sequenzer perfekt zwischen all die anderen DJ-Produkte und wirkt trotz seiner vielen Knöpfe, Potis und Pads irgendwie vertraut und übersichtlich.

Vom Aufbau her ist Squid in drei Bereiche unterteilt, mit einer Global-Sektion für die wichtigsten Funktionen, wie den Transport-Tasten, dem zentralen Master-Encoder, zwei Displays und dem ersten Highlight, der Time-Warp-Taste.

Unter dem Global-Bereich befinden sich die beiden Hauptsektionen, wobei sich die linke Sektion der Sequenzer-Steuerung und Manipulation widmet. Hier lässt sich das zweite Highlight in Form des gefederten Crossfaders finden, mit dem man den Sequenzer bzw. die Spur leicht im Tempo anschieben oder abbremsen kann. Die rechte Sektion ist hauptsächlich für die Noteneingabe und das Setzen der Steps verantwortlich.

Zentral zwischen den beiden Sektionen liegen die Hauptfunktionen wie Track, Track Mute, Scale oder Trigger-Modus.

Tentakeln

Auf der Rückseite befinden sich neben einer Zugentlastung für die Stromversorgung und dem On/Off-Switch ein ganzes Sammelsurium an Schnittstellen, beginnend mit einem USB-Port zur Kommunikation mit DAW und/oder Soft-Synths, einer MIDI-Sektion mit MIDI-In/Out/Thru, einer Sektion für CV-Signale (CV1, Gate1, CV2 und Gate2), ClockIn/Out und nicht zuletzt zwei DIN-Sync-Buchsen (Out1, Out2/In) zur Taktung von Roland-Instrumenten wie 808, 909 und Co. PioneerDJ hat also bezüglich der Konnektivität an so ziemlich alles gedacht. Besonders freue ich mich über die Tatsache, dass die DIN-Sync-Schnitstelle mit verbaut wurde. Auf diese Weise lässt sich meine geliebte TR-606 ohne Probleme auf ein Tänzchen mit meinen Software- Instrumenten ein − ohne irgendwelche extra Converter-Kästchen und Taktgeber. Der Name Squid passt also perfekt, denn wie ein Krake streckt der Sequenzer seine Tentakel aus und hat dabei alle Klangerzeuger fest im Griff.

Time-Warp

Wer diese Taste betätigt, wird leider nicht direkt auf die Hauptbühne der Time-Warp-Mannheimer katapultiert, sondern hat die Möglichkeit, bis zu 16 Takte in die Vergangenheit zu springen, um die super Idee aus dem Jam eben á la Doc Brown zurück in die Zukunft zu retten. Das Beste daran ist, dass es dem Sequenzer dabei egal ist, ob irgendwas aufgezeichnet wurde, denn der Sequenzer nimmt immer auf und merkt es sich 16 Takten lang. Ist der Time-Warp-Button gedrückt, kann man mit den Pads taktweise in die Vergangenheit steppen, und hat man den Takt ausfindig gemacht, lässt sich die Idee mit einem Druck auf die Pattern-Taste in ein freies Pattern sichern. In meinen Augen ein absolut grandioses Feature, da man somit den Moment umgeht, in dem bewusst der Record-Knopf betätigt wird − psychologisch sehr befreiend und in der Hardware-Sequenzer-Welt so bisher einzigartig.

Gerade bei den verschiedenen Abspiel-Modi lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Findet man bei üblichen Sequenzern die Standard-Laufrichtungen vorwärts, rückwärts, ping-pong u. Ä., hat es PioneerDJ in diesem Fall auf die Spitze getrieben, denn mit den Tasten der RunningSection lassen sich ganze 64 Arten erzeugen, wie der Abspielkopf die Steps durchläuft. Neben den oben bereits erwähnten Laufrichtungen finden sind hier skurrile Abspiel-Patterns wie z. B. der Snake-Modus.

Ein weiteres Feature, welches erst simpel scheint, jedoch unglaublich mächtig ist, ist die Möglichkeit, unterschiedlich lange Pausen auf einzelne Steps zu setzen. Schon durch ein, zwei gut gesetzte Pausen permutiert das Pattern und wird polyrhythmisch.

Was die Welt der Tonhöhen angeht, ist Squid mit allen möglichen Skalen und Akkorden ausgestattet. Es ist wirklich verblüffend, wie einfach und schnell sich mit Squid dank des Arpeggiators, der Funktionen wie Step-Lock und/ oder der Zufalls/Randomize-Abteilung aus dem Nichts Melodien, Akkord-Verläufe und kleine Rhythmus-Symphonien erstellen lassen.

Toriaz Squid Multitrack-Sequenzer (Bild: Dieter Stork)

Fazit

PioneerDJ ist mit dem Toraiz Squid meiner Meinung nach ein großer Wurf gelungen, denn kaum ein Sequenzer in dieser Preis-Range bringt so viele Funktionen mit sich. Diese sind alle logisch positioniert, und ich konnte mehr oder weniger direkt nach dem Verkabeln loslegen, mit dem Sequenzer Melodien, Riffs und Akkorde zu erzeugen. Ob als Ideengeber im Studio oder als Hauptsequenzer auf der »Stadion Live Act«-Tour, beides traue ich dem Kraken zu.

Es ist erstaunlich, welchen Spagat man mit dem Gerät zwischen ganz simple bis hoch komplex hinbekommt. Die schiere Menge an kleinen schlauen und innovativen Funktionen, wie Step-Lock oder Time-Warp ist unfassbar, und durch Kombination der ganzen kleinen Tricks lassen sich in Sekunden Melodien, Riffs und Sequenzen erzeugen, auf die man sonst nicht kommen würde − definitiv das beste Mittel gegen kreativ Blockaden und der ideale Sequenzer, um den einen oder anderen Club zum Kochen zu bringen.

Wer also aktuell auch gerne DAWless leben möchte und das am liebsten mit einem extrem potenten Hardware-Multitrack-Sequenzer, der sollte sich definitiv den hippen Toraiz Squid etwas genauer anschauen. #Empfehlung.


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super einfache Bedienung
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kompakt und robust
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reichlich Schnittstellen
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Preis/Leistungs-Verhältnis

Hersteller/Vertrieb: PioneerDJ
Preis 599,− Euro

www.pioneerdj.com/de-de

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