Röhren-Großmembranmikrofon

Telefunken R-F-T CU-29 im Test

Totgesagte leben länger. Das trifft wohl auch auf die Firma Telefunken zu, die in den 1980ern in finanzielle Nöte geriet und sich allmählich in ihre Bestandteile auflöste. Seit einigen Jahren versucht ein Unternehmen in South Windsor, Connecticut, USA, den traditionsreichen Namen zumindest auf dem Mikrofonsektor wiederzubeleben. Aber steckt auch Telefunken drin, wo Telefunken draufsteht?

Telefunken-R-F-T-CU-29
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Telefunken, 1903 gegründet, war eigentlich eine Zwangsehe. AEG und Siemens & Halske führten einen erbitterten Patentstreit, und irgendwann wurde es Kaiser Wilhelm II zu bunt: Er drängte die beiden Firmen, sich fortan gemeinsam um die aufkommende (und kriegswichtige) Funktechnologie zu kümmern. Allmählich wurde Telefunken zu einem immer größeren Konzern mit zahl – reichen Geschäftsfeldern. Mikrofone hat die ursprüngliche Firma Telefunken aber nie selbst hergestellt. Wohl aber vermarktet: Telefunken war Vertriebspartner für Neumann, außerdem produzierte Telefunken die sagenumwobene VF-14-Röhre für das U47. Oder »Telly«, wie Frank Sinatra sein Lieblingsmikro nannte, denn in den USA prangte auf allen Neumann-Mikrofonen die Telefunken-Raute. Später ließ man u. a. Schoeps- und AKG-Mikrofone unter dem Telefunken-Label fertigen, nicht zuletzt das legendäre ELA M251, das aufgrund seines unnachahmlichen Sounds und auch, weil es so selten ist, noch deutlich höher gehandelt wird als das U47.

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Die Anfang der 2000er gegründete Firma Telefunken USA, inzwischen umbenannt in Telefunken Elektroakustik (in deutscher Schreibweise!), baut alle diese Mikrofonlegenden nun in seiner Diamond Series nach. Liebend gerne hätte ich ein frisch gezapftes U47 mit meinem eigenen Vintage-Schätzchen verglichen, doch die EU hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der deutsche Vertrieb Klemm Music, der seit der letzen Musikmesse Telefunken sozusagen »nach Hause« holt, muss die amerikanischen Nachschöpfungen erst noch auf RoHS-Konformität (d. h. Bleifreiheit) prüfen lassen. Gute Vertriebsarbeit ist eben weit mehr als Kistenschieberei. Also »U47: Alt gegen Neu« demnächst in diesem Theater. Bis dahin vergnügen wir uns mit einem deutlich erschwinglicheren Schätzchen, dem CU-29 »Copperhead«.

Ausgepackt

Die preisgünstigeren Mikrofone vermarktet Telefunken in der R-F-T Series. Kenner der deutsch-deutschen Geschichte wissen, dass RFT so etwas wie das ostdeutsche Pendant zu Telefunken war. Mit den seinerzeit unter dem RFT-Label vertriebenen Mikrofonen (u. a. von Microtech Gefell gefertigt) haben diese Telefunken R-F-T-Mikros allerdings nichts gemein, es handelt sich vielmehr um Neuschöpfungen.

Das R-F-T CU-29 ist für ein Röhrenmikrofon recht kompakt mit einer Länge von 241 mm und einem Durchmesser von 45 mm. Umso mehr überrascht das recht hohe Gewicht von 765 g. Seinen Beinamen »Copperhead« verdient sich das CU-29 mit seinen kupferfarbenen Applikationen (Mikro – fonkorb, Telefunken-Raute und Endkappe) als Kontrast zum teerschwarzen Body. Damit entspricht es zwar nicht so ganz der nüchternen Ästhetik der originalen TelefunkenGeräte, aber schick ist es allemal.

Wie bei Röhrenmikrofonen üblich, wird das CU-29 über ein mitgeliefertes Netzteil mit Spannung versorgt; ein siebenpoliges XLR-Verbindungskabel liegt bei. Ebenfalls mit von der Partie ist eine solide verarbeitete Spinne, die das Mikrofon per Schraubverbindung auch bei hängendem Aufbau sicher hält. Gespart hat man lediglich beim Koffer; der ist nämlich nicht wie sonst aus Alu oder Kunststoff, sondern aus Pappe. Dafür gibt’s aber für das Mikrofon selber eine schmucke Holzschatulle.

Praxis

Viele Röhrenmikros leiden unter erhöhtem Eigenrauschen − nicht so das CU-29. Das vom Hersteller spezifizierte Eigenrauschen von 15 dB-A entspricht der Realität, und das ist ein recht guter Wert, den auch viele FETMikros nicht signifikant unterbieten. Der Grenzschalldruckpegel ist mit 125 dB SPL spezifiziert (für 1 % THD). Das ist für heutige Verhältnisse relativ wenig, aber Röhrenschaltungen gehen ja recht weich in die Sättigung, insofern gibt es da noch eine nutzbare Grauzone, bis sich die Verzerrungen tatsächlich störend bemerkbar machen. Moderne Halbleiterschaltungen mit hoher Gegenkopplung können zwar sehr viel höhere Schalldrücke verzerrungsfrei bewältigen, gehen aber rasch zu heftigen Verzerrungsprodukten über, wenn der Grenzschalldruckpegel doch überschritten wird. Gerade diese erweiterte Grauzone zwischen sauber und leicht angezerrt ist es, die für viele Anwender den Reiz eines Röhrenmikrofons ausmacht.

Aber da ist noch mehr. Das Telefunken CU-29 zeigt jene Grundfestigkeit, diese klar umrissene Präsenz, die ein gutes Röhrenmikrofon auszeichnet und die mehr denn je gefragt ist, um ein Signal aus dem Mix hervorzuheben. Nicht zuletzt deshalb greift man auch im 21. Jahrhundert noch gerne zum »ollen« Röhrenmikro, wenn’s um Lead-Vocals geht. Ohne dass man am EQ schrauben müsste, setzt sich die Stimme durch.

Im Praxistest war ich zunächst etwas skeptisch bezüglich der Zischlaute. Im Kopfhörer schien mir manches »s« ein wenig spitz. In der entsprechenden Aufnahme war dies weit weniger der Fall. Tatsächlich gefiel mir die spritzige Höhenwiedergabe sogar ausgesprochen gut. Die Stimme wirkte frisch und lebhaft. Der Bassbereich ist gut aus – balanciert. Die Stimme erhält jenes Maß an Sonorität und Volumen, das man von einem Großmembranmikrofon erwartet, wirkt aber nicht künstlich aufgeblasen. Dazwischen liegen angenehm feste Mitten mit wohldosierter, keineswegs übertriebener Röhrenfärbung. Und genau das ist es doch, was wir wollen: glaubhafte Illusion − Stimmen, die groß wirken, aber nicht karikaturenhaft überzeichnet.

Ob der moderaten Klangfärbung kann man das CU-28 auch für andere Aufgaben »missbrauchen« wie Akustikgitarre oder Verstärkerabnahme. Auch hier leistet es gute Dienste, wenn es darum geht, bestimmte Instrumente im Mix zu featuren. Für brave Begleitinstrumente sollte man ein anderes Mikro wählen: Das Copperhead ist kein Chorsänger, sondern eine kleine Diva, die ins Rampenlicht drängt.

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(Bild: Dr. Andreas Hau)

Fazit

Das Telefunken CU-29 ist ein sehr gutes Röhrenmikrofon, das vornehmlich für Gesangsaufnahmen designt ist. Es produziert aus dem Stand einen nahezu fertigen Vocal-Sound, der bis auf ein bisschen Low-Cut keinerlei Korrekturen bedarf und sich prima im Mix durchsetzt. Verwenden kann man das »Copperhead« freilich auch für andere Signale, aber kaufen wird man dieses Mikro einzig wegen seiner tollen Stimmenabbildung.

Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 1.525 Euro ist das Telefunken vielleicht kein Superschnäppchen, und mancher mag sich fragen, ob man da nicht den traditionsreichen Namen mitbezahlt. Klar tut man das, aber er bürgt eben auch für Qualität − nach wie vor.

Hersteller/Vertrieb

Telefunken/Klemm Music

UvP/Straßenpreis

1.525,− Euro / ca. 1.300,− Euro

www.klemm-music.de

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