Großmembran-Kondensatormikrofon

Studiomikrofon: Warm Audio WA-87 im Test

Warm Audio hat sich mit preisgünstigen Clones von Klassikern der Studiotechnik einen Namen erarbeitet. Nun wagt sich der texanische Hersteller erstmals aufs Gebiet der Schallwandler: Nichts weniger als den ehrwürdigen Studiostandard Neumann U 87 hat sich Warm Audio vorgeknöpft. Schauen wir mal, wie nahe das WA-87 dem Klassiker kommt.

(Bild: Dr. Andreas Hau)

Kaum ein Mikrofon wurde so oft kopiert wie das Neumann U 87, und doch gilt es bis heute als unerreicht. Keiner der zahlreichen Clones konnte sich dauerhaft als gleichwertig behaupten. Sollte sich das mit dem Warm Audio WA-87 ändern?

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Blickkontakt

Warm Audios erstes Mikrofon kommt in einem schmucklosen Pappkarton mit Schaumstoffeinlage. Das Mikro selbst ist in einer Holzschatulle untergebracht, deren edle Mahagoni-Dunkel-Optik beim Öffnen von einem penetranten Pattex-Aroma konterkariert wird. Zum Lieferumfang gehören eine Mikrofonspinne aus Metall sowie eine einfache Gelenkhalterung, die mit dem unteren Ende des Mikrofons eine feste Schraubverbindung eingehen. Feingeister könnten monieren, dass die schwarze Gelenkhalterung optisch nicht zum silber-matten Mikrofonbody passt.

Die Form des Mikrofons ist eindeutig dem Neumannschen Original nachempfunden: Auf einer leicht konischen Gehäuseröhre sitzt ein nach vorn und hinten abgeschrägter Mikrofonkorb. Die Eleganz des Originaldesigns erreicht das WA-87 indes nicht. Das Korbgeflecht hat eine gröbere Struktur als beim U 87 (bzw. U 67, mit dem dieses Design eingeführt wurde), und seine charakteristische Form ist auch nur so ungefähr getroffen. Der Pattern-Umschalter hat kein »Fensterchen« in dem die gewählte Richtcharakteristik angezeigt wird; stattdessen verwendet Warm Audio handelsübliche Kippschalter für Pattern, Pad und Low-Cut. Das Gehäuse, das augenscheinlich aus Fernost bezogen wird, ist adäquat verarbeitet, wirkt aber nicht so edel wie das des knapp vier Mal so teuren Originals, so ist etwa das Silberfinish des WA-87 nicht das Ergebnis einer Oberflächenveredelung, sondern eine »schnöde« Lackierung.

Die Vorderseite markiert ein rundes WA-Emblem; allerdings trägt die Rückseite den Herstellerschriftzug, was dazu einlädt, Vorderseite und Rückseite zu verwechseln. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Warm Audio, wie schon bei den Outboard-Geräten, an Optik und Haptik ein wenig spart, um auf den Zielpreis zu kommen. Weniger Geiz zeigte Warm Audio bislang beim Innenleben. Schauen wir mal, ob sich diese Haltung beim WA-87 fortsetzt.

Elektroakustik

Warm Audios Vorbild für das WA-87 ist das »alte« Neumann U 87, das von 1967 bis 1986 gefertigt wurde, bis es vom U 87A abgelöst wurde. Die spätere Version erhielt einen Spannungswandler, der die Polarisationsspannung auf 60 Volt erhöhte und es erlaubte, zur K67-Kapsel des Röhrenvorgängers U 67 zurückzukehren. Damit erreicht die spätere Version ein etwas niedrigeres Eigenrauschen und eine etwas höhere Empfindlichkeit. Dabei hält hartnäckig das Gerücht, die ältere Version klänge »wärmer«. Ob dem so ist, sei dahingestellt, aber wenn der Firmenname schon Warm Audio lautet, ist klar, welche Version dem Clone-Bauer erstrebenswerter erscheint.

Im Gegensatz zum Original ist das WA-87 nicht modular aufgebaut, der Kapselkopf lässt sich also nicht abnehmen; auch der für Wartungsarbeiten hilfreiche Messeingang des Originals fehlt. Dass Warm Audio auf das Batteriefach des (alten) U 87 verzichtet, ist dagegen leicht zu verschmerzen, denn die dafür erforderlichen 22,5 Volt Fotobatterien sind sowieso kaum noch aufzutreiben.

Das U 87 (auch die spätere Version) hat im Grunde eine recht einfache Schaltung, deren Signalweg im Wesentlichen nur aus einem FET, einem Ausgangsübertrager und zwei Koppelkondensatoren besteht. Alles andere ist externe Beschaltung, etwa zur Spannungsstabilisation und zur Pattern- Umschaltung.

Schauen wir uns die zentralen Bauteile des Warm-Audio-Clones einmal genauer an. Den originalen Ausgangsübertrager hat Warm Audio natürlich nicht bekommen; stattdessen kommt ein hochwertiges Replacement vom kalifornischen Trafospezialisten Cinemag zum Einsatz. Als FET ist im Testexemplar ein BF245A verbaut, was meines Wissens kein Originaltyp ist (im Laufe der Jahre kamen verschiedene FETs zum Einsatz), aber ein für diese Schaltung geeigneter Typ. Wichtiger als die Typenbezeichnung ist ohnehin eine strenge Selektion und eine manuelle Einmessung, denn FETs lassen sich nicht sonderlich konsistent fertigen. Hier hat Warm Audio gute Arbeit geleistet, denn das Testexemplar arbeitet so rauscharm, wie es die recht einfache Schaltungstechnik zulässt. Der Koppelkondensator zwischen FET und Übertrager entspricht dem Original: Bei den alten U 87 kam hier ein Tantal-Elko zum Einsatz. Diese sind bei Hi-Fi-Freaks heute verpönt, prägen aber, ähnlich wie bei Neve-Modulen jener Zeit, die Klangtextur. Nicht originalgetreu ist der Koppelkondensator zwischen FET und Kapsel. Den von Warm-Audio-Mastermind Bryce Young im Grußwort des Manuals versprochenen Styroflex-Kondensator (engl. »polysterene«), konnte ich im Testexemplar nicht finden. Stattdessen kommt ein moderner Polypropylen-Kondensator zum Einsatz, der sich leichter verarbeiten lässt als die hitzeempfindlichen Styroflex-Typen. Einen riesigen Klangunterschied macht das nicht, aber eben doch einen kleinen: Polypropylen klingt − jedenfalls in meiner Erfahrung − etwas cleaner als Styroflex. Gerade bei so einfachen Schaltungen fallen selbst solche Kleinigkeiten ins Gewicht.

Das mit Abstand wichtigste Bauteil eines jeden Mikrofons ist jedoch seine Kapsel. Die originale Neumann K67 bzw. K87 steht Fremdherstellern natürlich nicht zur Verfügung. Warm Audio suchte daher die Expertise eines australischen Kapselherstellers, der offenbar nicht genannt werden möchte, um eine adäquate Replica zu designen. Das Ergebnis ist die »LK87-B-50V« von »Lens Kondensator«, einer Untermarke von Warm Audio, die diese Kapseln künftig auch DIY-Bastlern zugänglich machen möchte. Ob diese Kapseln in den USA, Australien oder Fernost gefertigt werden, ist nicht ganz klar. Fakt ist, dass die im Testexemplar verbaute K87-Kopie sich in einigen Punkten optisch von den üblichen China-Kopien unterscheidet. Inwieweit sie diesen elektroakustisch überlegen sind und wie nahe das WA-87 dem Original kommt, müssen Messungen und die Recording-Praxis zeigen.

Nachgemessen

In Nierenstellung zeigt das Warm Audio WA-87 einen bemerkenswert linearen Frequenzgang, der zwischen 40 Hz und 12 kHz kaum von der Nulllinie weicht. Lediglich im Bereich der Präsenzen um 3,5 kHz gibt es eine minimale, breitbandige Anhebung von etwa 1,5 dB. Beim Wechsel zur Achtercharakteristik treten wie beim Original die oberen Mitten stärker hervor, während die Höhen leicht zurücktreten. Auch bei der Kugelcharakteristik ist der Frequenzverlauf insgesamt sehr ähnlich; wie beim echten U 87 kommt es zu einer etwas stärkeren Höhenbetonung. In den Mitten weist das WA-87 jedoch eine etwas stärkere Welligkeit auf als das Original. Die gemessenen Frequenzgänge des Testexemplars entsprechen im Wesentlichen den Sollfrequenzgängen von Warm Audio.

Den Grenzschalldruckpegel spezifiziert der Hersteller mit 132 dB (bei aktiviertem Pad). Das Rauschen ist mit »‹ −117 dBu in all patterns« angegeben. Was ehrlich gesagt keinen Sinn ergibt. Bezugspegel für Messungen des Eigenrauschens ist 94 dB SPL (entspricht einem Schalldruck 1 Pa), einen Rauschabstand von 117 dB könnte ein Mikrofon daher nie erreichen. Selbst wenn man in Bezug zum Grenzschalldruckpegel (ohne Pad nur 122 dB SPL) messen würde, was völlig unüblich ist, wäre der Wert unrealistisch.

Das Testexemplar kommt laut meiner eigenen Messungen auf ein Eigenrauschen von ca. 17 dB-A, was einem Rauschabstand von 77 dB entspricht. Absolut gesehen kein Spitzenwert, aber für ein Mikrofon mit simpler 1-FET-Elektronik durchaus beachtlich! Die Empfindlichkeit gibt Warm Audio überhaupt nicht an; laut meiner Messung kommt das WA-87 in Nierenstellung auf ca. 8,5 mV/Pa. Mit diesen technischen Daten entspricht es in etwa dem alten Neumann U 87; dem aktuellen U 87A wäre es jedoch unterlegen, insbesondere beim Rauschen. Für die allermeisten Anwendungen indes ist die technische Performance des WA-87 völlig ausreichend.


Messtechnisch ist das Warm Audio WA-87 recht nahe am Original.

Praxis

Gerade bei Großmembranmikrofonen sollte man sich nicht zu sehr auf Daten fokussieren. Ein Großmembran-Kondensatormikro ist nicht bloß Werkzeug, sondern gleichermaßen ein klangbildendes Instrument. Zu den Besonderheiten des Neumann U 87 gehört, dass es trotz seines weitgehend linearen Frequenzgangs keineswegs neutral klingt, sondern einen markanten Mittenfokus besitzt. Der macht es nicht zuletzt als Sprechermikro extrem beliebt: Was immer man in ein U 87 spricht, klingt wie die in Granit gemeißelte, unumstößliche Wahrheit. Stimmen wirken sehr konkret und satt, ohne dass die Klangveredelung und -verdickung des Mikrofons auffiele.

Ganz dieselbe Textur besitzt das WA-87 nicht. Jener charakteristische »Mitten-Honk« ist weniger ausgeprägt, und die Stimme wirkt bei gleichem Pegel subjektiv minimal leiser und nicht ganz so »konkret«. Die Klangbalance indes stimmt, und die S-Laute werden auf ähnliche Weise angenehm weich verrundet.

Mit seinem sehr ausgeglichenen Frequenzgang lässt sich das WA-87 recht universell einsetzen, nicht nur für Gesang und Sprache, sondern auch für eine Vielzahl von Instrumenten, zumal es recht gutmütig auf EQ-Bearbeitung anspricht. Zwar hat es nicht ganz den »reach« wie ein echtes Neumann, d. h., bei weiten Mikrofonabständen verliert es eher den Fokus, doch im Home- oder Projektstudio tendiert man ja ohnehin zur Nahmikrofonierung − hier kann das WA-87 überzeugen.

Innerhalb seiner eigenen Preisklasse macht das WA-87 eine exzellente Figur. Im Vergleich zu den allermeisten Mikrofonen aus chinesischer Fertigung wirkt es in den Mitten weitaus fester und in den Höhen kultivierter. Konkurrenz droht ihm eher aus Europa in Form der preisgünstigeren Modelle der großen Hersteller. Das Neumann TLM 102 klingt moderner und eher Pop-orientiert, wäre aber ein echtes Neumann mit ebensolchen Qualitäten. Preislich und klanglich mit dem WA-87 vergleichbar wäre das Sennheiser MK 8, das sogar fünf Richtcharakteristiken bietet, allerdings übertragerlos arbeitet und optisch völlig unklassisch daher kommt. Da es aktuell sehr günstig angeboten wird, wäre auch das AKG C 414 XLS eine Alternative; sein Klang ist ähnlich ausgewogen, wenngleich natürlich nicht Neumann-esk.

Fazit

Mit dem WA-87 setzt Warm Audio seine Produktphilosophie konsequent fort. Nein, ganz die Anmut und Wertigkeit eines echten Neumann U 87 besitzt es nicht. Wie bei seinen Kompressor- und EQ-Clones hat Warm Audio bei Optik und Haptik etwas gespart, um auf den gewünschten Preis zu kommen. Man könnte einwenden, dass dies bei einem Mikrofon stärker ins Gewicht fällt als etwa bei einem Rack-Prozessor, da es dem Performer (und möglicherweise Studiokunden) physisch wie emotional näher ist und quasi als Instrument wahrgenommen wird.

Nichtsdestotrotz hat Warm Audio die richtigen Prioritäten gesetzt, denn letztlich ist es vor allem der Sound, der zählt. Und der stimmt. Die Grundcharakteristik ist recht gut getroffen, wenngleich das WA-87 nicht ganz diese berühmten, vollmundigen Neumann-Mitten erreicht. Fernab von Vergleichen mit dem Original ist das WA-87 aber schlicht ein richtig gut klingendes Großmembranmikrofon − definitiv eines der besten seiner Preisklasse. Alleine davor muss man den Hut ziehen, denn das WA-87 ist ja das erste Mikrofon überhaupt aus dem Hause Warm Audio. Es wird gewiss nicht das letzte gewesen sein!


+++ ausgewogenes Klangbild

+++ hochwertige Bauteile

++ günstiges Preis/LeistungsVerhältnis

+ ordentliche Verarbeitung

– Case riecht stark nach Lösungsmitteln

Hersteller/Vertrieb: Warm Audio/Mega Audio

UvP/Straßenpreis: 756,84 Euro / ca. 700,− Euro

www.megaaudio.de

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Andreas Hau beschreibt mit seine grosse Fachkenntnis genau was wichtig ist! Hut ab!

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