Audio-Editing-Tool

Steinberg Wavelab 6 im Test

Wenn mich ein Kollege aus dem Hörfunk fragt, mit welchem Programm ich meine Beiträge schneide, winke ich meistens ab: Für den Radioalltag gibt es bessere. Wenn er mich fragt, womit ich meine Jingles und Features, also die längeren, aufwändigeren Sendungen produziere, sage ich gern: mit Wavelab!

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Das Programm selbst nennt sich „Audio Editing And Mastering Suite”, wo schon klar wird, dass es hier weniger ums schnöde Schneiden von Tonmaterial, als um die qualitativ hochwertige Behandlung von schon fertigen Audiodateien geht, bevor sie z. B. auf eine CD gebrannt werden. Dennoch kann man natürlich mit Wavelab auch schneiden, allemal besser als mit Sequenzer-Software wie Cubase oder Logic. Apropos Apples Vereinnahmung von Logic: Wavelab läuft nur auf Windows-PCs. Schade, denn es gibt für den Mac kein vergleichbar umfangreiches Tonbearbeitungsprogramm. In der neuen Version 6 bietet Wavelab etwa zwei Dutzend neue Werkzeuge und Optionen, ein frischeres Aussehen und einen härteren Kopierschutz. Anwender, die mit früheren Versionen vertraut sind, finden sich sofort zurecht. Dazu gehört auch die dem Programm eigene „Gummihaftigkeit”: An vielen Stellen des Bildschirms kann man – mit oder ohne gedrückter Maustaste – herumziehen, und Wavelab passt flexibel die Darstellung der Wellenform an. Für den robusten Einsatz im Hörfunkalltag, wo es ums schnelle Schneiden von O-Tönen und Produzieren von Kurzbeiträgen geht, ist dieses Verhalten etwas zu nervös, man verklickt sich zu leicht und verliert dann den Überblick.

Steckkunst

Wavelab gehört zur Produktpalette der Steinberg Media Technologies, was sich bei Version 6 u. a. in Form eines blauen USB-Steckers bemerkbar macht, den Steinberg „Key” nennt. Früher hießen diese kleinen Behinderungen „Dongles”. Bis zu Version 4 benötigte Wavelab keinen Key, sondern es genügte die Original-CD und eine Seriennummer. Wavelab 6 fährt ohne den Key gar nicht erst hoch. Auf einem Key können auch diverse andere Steinberg-Produkte via Internet lizenziert werden.

Die Installation von Wavelab erfordert ein genaues Lesen der in Englisch gehaltenen Meidungsfenster. Wer den Key zu früh in den USB-Port einsteckt, bekommt Schwierigkeiten. Und wer – wie ich – noch Überreste alter Dongle-Software in seiner Windows-Registry hat, ohne es zu wissen, muss sich vom Support Befehle in die Windows-Command- Shell diktieren lassen. Wenn sich Schlüssel und Wavelab erst einmal gefunden haben, ist von dem Kopierschutz nichts mehr zu spüren.

Guten Tag, Wavelab 6!

Wavelab 6 weist ein moderneres Icon, ein freundlicher gestaltetes Begrüßungsfenster, aber ansonsten nur versteckte grafische Änderungen auf. Lädt man Sounds erstmals ins Fenster, baut Wavelab die Soundwellen nun optisch ansprechend auf, während man früher einfach nur warten musste, bis die Darstellung komplett berechnet war. Die Kontextmenüs und einige über Icons erreichbaren Menüs weisen eine vertikale Schrift auf, die der Orientierung dient. Wenn die Menüs zu kurz sind wie im abgebildeten Beispiel, kann man nur ahnen, was hier gemeint sein soll (s. Abbildung 1).

Abb.1: Neue Menüs, wie hier „Überspringen“, sind problematisch zu lesen.

Diese Menüs zeigen aber auch die Schwäche der Icons, denn wären diese aussagekräftig genug gestaltet, bräuchte man auch keine erklärenden Menüs. Früher wies Wavelab viele solcher Ungereimtheiten auf, die schlicht darauf zurückzuführen sind, dass das Programm das Werk des begnadeten, aber isoliert arbeitenden Franzosen Philippe Goutier war. Inzwischen mischen hier die Corporate- Design-Richtlinien von Steinberg mit, und das tut der Software grundsätzlich gut. Eine etwas versteckte, jedoch bedeutende Neuerung des Interfaces ist eine alternative, nämlich präzisere Darstellung der Klangwellen in Form von Kurven, die die Lautstärke brutto und in verschiedenen Frequenzbändern anzeigen. Abbildung 2 zeigt einen kurzen Ausschnitt aus einer Symphonie mit großem Orchester. An der dicken schwarzen Linie (mittlere Lautstärke) ist zu erkennen, dass die Passage insgesamt sehr leise ist. Die blaue Linie ist für die hohen Frequenzen zuständig. Ihre tiefe Position zeigt, dass hier hohe Frequenzen im Mittel sehr schwach vertreten sind. Die rote Linie stellt die durchschnittliche Lautstärke der tiefen Frequenzen dar, die grüne Linie die der mittleren. Möchte man etwa wissen, ob sich im Bereich von 50 Hz noch etwas abspielt, setzt man einfach den Tiefpassfilter von den voreingestellten 220 Hz herunter auf 50 Hz und sieht sich den Verlauf der roten Linie an. Anschließend könnte man eine von Wavelabs Filtermöglichkeiten darauf ansetzen, diese Frequenzen ganz platt zu rechnen.

Abb. 2: Die Lautstärkenhüllkurve eines Ausschnitts aus einem Orchesterwerk. Die farbigen Kurven zeigen die gemittelte Verteilung für bestimmte Frequenzbereiche an, Blau z. B. für hohe Frequenzanteile.

Spektrum Editor

Mit einer dritten Darstellung der Töne über die Zeit betritt Wavelab ein neues Gebiet der Soundbearbeitung. Mit dem Spektrum Editor können Sie unerwünschte Geräusche aus einer bestehenden Aufnahme quasi weich herausmalen. Das Tool ist in der Handhabung einfach, aber in der Darstellung so komplex, dass der Programmierer ihm einen eigenen Modus verpasst hat. Man aktiviert das Werkzeug durch Klick auf das entsprechende Icon, worauf sich das Dialogfenster öffnet und offenbleiben muss, bis man mit der Bearbeitung des spektral angezeigten Soundausschnitts fertig ist. In diesem Modus stehen Funktionen wie etwa Schneiden nicht zur Verfügung. Die Darstellung der Klänge im Spektrum Editor ist etwas gewöhnungsbedürftig, leuchtet aber schnell ein. Nach rechts verläuft, wie immer, die Zeit. Nach oben sind die Frequenzen zu sehen, linear oder logarithmisch. Der Clou jedoch ist die farbliche Information: Je lauter eine Frequenz vertreten ist, desto mehr geht der Farbverlauf ins Rote, während leise Frequenzanteile eher violett sind. Wen die Farbe irritiert oder wer Rechenleistung sparen muss, der kann auch auf eine Schwarzweißdarstellung umschalten, dann sind die lauteren Frequenzen heller als die leisen. Mithilfe dieser Darstellung kann man besondere Klangereignisse erkennen, die ansonsten in der Wave-Darstellung untergingen.

Das erste Klangbeispiel auf der CD ist ein Originalton des Altkanzlers Willy Brandt anlässlich der Attentate bei den Olympischen Spielen in München 1972 zu hören. Weil offenbar ein Mitarbeiter im Fernsehen versehentlich einen falschen Regler aufzog, schlich sich an einer Stelle ein Sinuston ein. Wenig später wurde der Fehler bemerkt, und der Sinus verschwand wieder. Diesen Ton kann man wegen seiner scharf definierten Frequenz mit konventionellen Methoden wegfiltern – Wavelab bot schon in früheren Versionen Analysewerkzeuge, die die Frequenz sofort anzeigten. Aber viel interaktiver und auch weniger invasiv ist es, den Defekt im Spektrum Editor zu reparieren. Er erscheint dort als dünne horizontale Linie, wegen seiner mittleren Lautstärke in einem kräftigen Grün (s. Abbildung 3a). Ein wenig hineingezoomt (s. Abbildung 3b), kann man diesen Balken auswählen und über das Dialogfenster so abdämpfen, bis er optisch und damit auch akustisch verschwindet (s. Abbildung 3c).

Wesentlich anspruchsvoller ist das zweite Beispiel auf der CD, bei dem eine Person mitten in der Aufnahme eines Symphonieorchesters hustet. Das Husten ist nicht laut und damit in der Wellendarstellung nicht zu sehen. Im Spektrum Editor fällt es aber sofort auf, denn es erscheint als eine violette Fahne auf Schwarz (s. Abbildung 4a). Gäbe es ein Werkzeug, mit dem sich eine freie Auswahl erzeugen ließe statt nur Rechtecke, könnte man diese trapezartige Struktur auswählen und dämpfen.

So musste ich viele kleine Rechtecke aufziehen und einzeln dämpfen. Das Zwischenergebnis nach etwa 20 solchen Miniatureingriffen ist auf der CD zu hören und in Abbildung 5 zu sehen. Das Husten ist zwar im Tonmaterial weiterhin vorhanden, fällt aber als Störgeräusch kaum mehr ins Gewicht. Die Musik des Orchesters bleibt dabei fast unberührt. Alternativ könnte man mit dem Spektrum Editor den hustenfreien Spektralbereich kopieren und an dieser Stelle einsetzen. Das Werkzeug bietet zahlreiche Einstellungen u. a. auch für die Weichheit der Übergänge. Auch ein Verwischen (Blur) ist möglich und könnte der Hustenbearbeitung einen endgültigen Schliff geben.

Der Spektrum Editor lässt sich also „chirurgisch” einsetzen oder im Batch-Betrieb als Prozess für eine spätere Stapelverarbeitung. Das Tool läuft noch nicht hundertprozentig stabil und führte u. a. bei mehreren Undo-Schritten im Loop-Betrieb zu Abstürzen. Es stellt durch seine Interaktivität jedoch schon jetzt manches bewährte Werkzeug in den Schatten.

Dirac streckt und stimmt

Neben den Filtern und der Kompression gehört die Veränderung von Zeit und Tonhöhe zu den häufigsten Nachbehandlungen von fertig aufgenommenem Tonmaterial. Das Problem dabei besteht darin, die Tonhöhe und -länge unabhängig voneinander zu manipulieren. Einerseits muss die Software z. B. bei einer in die Länge gestreckten Sounddatei Samples hinzuerfinden, wenn sich die Tonhöhe nicht ändern soll. Andererseits müssen Stimmen und Instrumente auch dann noch verständlich sein, wenn sie bei gleicher Länge höher oder tiefer „gestimmt” werden. Wavelab bietet hier seit Jahren Werkzeuge an, die vor allem im kleinen Prozentbereich annehmbare Ergebnisse bringen.

Spezialist beim Thema der unabhängigen Manipulation von Zeit und Tonhöhe ist jedoch der in Mainz lebende Programmierer Stephan M. Bernsee. Er hat den DIRAC-Algorithmus entwickelt, welcher sich nicht nur durch seinen schonenden Umgang mit dem Tonmaterial auszeichnet, sondern der auch mit den vielfältigsten Anforderungen besser zurechtkommt als alles andere auf dem Markt. Man kann dem Verfahren exzessivere Veränderungen zumuten als den bisher in Wavelab eingebauten Time&Pitch-Verfahren, ohne Artefakte zu hören.

Abb. 5: Mit dem DIRAC-Algorithmus gelingen bei Zeit- und Tonhöhenmanipulationen wesentlich bessere Ergebnisse als bisher, sie benötigen jedoch auch mehr Rechenzeit.

Steinberg hat die DIRAC-Engine für Wavelab 6 lizenziert und direkt über die gewohnten Zeitkorrektur- und Tonhöhenkorrektur- Fenster zur Verfügung gestellt (s. Abbildung 5). Das Verfahren erfordert Rechenzeit: Wenn Sie ein paar Minuten Stereo um 50% dehnen, können Sie getrost zur Kaffeemaschine gehen. Die Wartezeit lohnt sich aber.

Überraschungspakete

Wavelab 6 bietet zahlreiche Neuerungen, die weniger ins Auge und Ohr fallen, aber allesamt gut durchdacht sind. Einige werden Sie vermutlich nur finden, wenn Sie zuvor die Sektion „Neue Funktionen in Wavelab 6.0” in der deutschen PDF-Anleitung oder im englischen Handbuch lesen. Etwa die Möglichkeit, die Spitzenpegeldateien auszulagern (s. Abbildung 6). Das sind kleine, „gpk” genannte Files, die in den Audioordnern von Wavelab bisher für Unordnung sorgten. Andere Funktionen stechen Ihnen ins Auge, wenn Sie durch die Menüs blättern. So finden sich neuerdings im Menü „Ausführen” direkt unter dem gewohnten Befehl zum Normalisieren des Pegels die Einträge „Lautstärke normalisieren” und „Pan normalisieren”.

Abb. 6: Wavelab erzeugt zu jeder Audiodatei kleine Files mit der Erweiterung „gpk“, die zu Unordnung in den Verzeichnissen führen. Mit Wavelab 6 lassen sich gpk-Dateien woanders ablegen.

Mit letzterem berechnet Wavelab die Pegelunterschiede zwischen rechtem und linkem Stereokanal und passt sie an. „Lautstärke normalisieren” passt im Unterschied zum physikalisch korrekten „Pegel normalisieren” die Dynamik der Audiodatei an das menschliche Hörempfinden an. Um Clippings zu vermeiden, steht über die Options-Box ein hochwertiger Limiter zur Verfügung. Der Befehl funktioniert auch im Batch-Betrieb, wobei man automatisch viele Sounddateien auf gleiche Hörlautstärke bringen kann.

Abb. 7: Der Befehl „Lautstärke normalisieren“ erzeugt an das Hörempfinden angepasste Pegelveränderungen. „Pan normalisieren“ gleicht die Pegel von rechtem und linkem Stereokanal aneinander an.

Profis, die häufig Sample-Raten umrechnen müssen, werden den Crystal Resampler zu schätzen wissen. Produzenten von Sampling- CDs können mit dem Befehl „Auto Split” aus einer Sounddatei, die viele Aufnahmen von Einzeltönen eines Instruments enthält, automatisch Einzel-Samples erzeugen. Wavelab trennt sie auf, legt sie in einzelnen Dateien ab und benennt diese nach der ebenfalls in diesem Prozess analysierten Tonhöhe. Man findet anschließend auf der Festplatte fertige Einzel-Samples mit für Sampler verdaulichen Namen, also beispielsweise „Opas- Akkordion(C#2).wav”. Wavelab gibt neuerdings Namensänderungen einzelner Dateien an die gesamte Hierarchie davon anhängiger Dateien einer Audiomontage weiter und ermöglicht das Umbenennen vieler Files im Batch-Modus. Das Umbenennen führte bislang zu Problemen.

Ganz zart schleicht sich nun auch MIDI in Wavelab ein. So kann man z. B. das Pitch- Wheel eines angeschlossenen MIDI-Keyboards dazu nutzen, durch eine geöffnete Sounddatei zu scrubben. Allerdings ist das Programm immer noch weit davon entfernt, den Anwender beim Mastern mit Hilfe von MIDI oder anderen Controllern Lautstärkekurven in Echtzeit ziehen zu lassen.

Abb. 8: Wavelab 6 bietet erste zarte Möglichkeiten der Steuerung von außen – hier das Scrubbing durch eine Audiodatei mittels Pitch-Wheel eines MIDI-Keyboards.

Was Wavelab-Programmierer Philippe Goutier bei aller Liebe zu diesem inzwischen hoch ausgereiften Audiowerkzeug bis heute vergessen hat, ist ein ganz simples Ding: der Pre-Roll – ein Befehl, mit dem man eine markierte Stelle, die man herausschneiden will, etwa einen Atmer, automatisch überspringt, indem man einige Sekunden vorher und einige nachher in den Schnitt hineinhört, bevor man tatsächlich schneidet. Die billigsten Tonprogramme bieten diesen nicht nur beim Schneiden von Hörfunkbeiträgen zentralen Pre-Roll, Wavelab nicht. Wahrscheinlich zu simpel …

Fazit

Wavelab ist im Tonbearbeitungs- und Mastering-Bereich ein Werkzeug der Spitzenklasse und baut mit Version 6 diesen Status weiter aus. Der neue Spektrum Editor öffnet Möglichkeiten zu interaktiven Methoden der Audiorestauration. Mit der Implementierung des DIRAC-Algorithmus sind Zeit- und Tonkorrekturen in bisher nicht gekannter Qualität möglich. Dem Programm mangelt es nach wie vor an MIDI-Kontrollmöglichkeiten und einem straffen, nicht zu sensibel auf „falsche” Klicks reagierenden Interface.

Profil

Konzept: Software zum Digitalisieren, Schneiden, Bearbeiten, Mischen und Mastern von Audiodateien sowie zum Brennen von CDs und DVDs.

Hersteller / Vertrieb: Steinberg

Internet: www.steinberg.de

Systemvoraussetzungen: Windows 2000, Windows XP

UvP: Wavelab 6: € 649,–

Update von Wavelab 5: € 99,–

Update von Wavelab 3 oder 4: € 199,–

+ ausgereiftes Editing- und Masteringprogramm

+ interaktives Restaurieren von Sounds durch den Spektrum Editor

+ anspruchsvolle Zeit- und Tonhöhenmanipulation mit dem DIRAC-Algorithmus

+ viele gelungene kleinere Innovationen

+ exzellentes englisches Handbuch bzw. deutschsprachige Online-Hilfe

– teilweise holpriges Interface

– Instabilitäten beim Spektrum Editor

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