Röhren-Channelstrip mit Vollausstattung

Spezialist für Vocals: Manley Voxbox

Manley-Voxbox
(Bild: Hannes Bieger)

Der Name ist Programm. Mit der Voxbox hat Manley einen modernen Klassiker geschaffen, der ein Hauptziel verfolgt: Gesangsstimmen hochwertig aufnehmen und adäquat bearbeiten. Klar, dass der kalifornische Hersteller auch hier auf Vollröhrentechnik setzt.

Seit mehr als 20 Jahren ist Manley mit hochwertigem Hi-Fi- und Studio-Equipment in Röhrentechnik am Markt präsent. Das bedeutet, dass man in Chino, California, nur einen Steinwurf von Los Angeles entfernt, schon zu einer Zeit auf Vintage-Schaltungstopologien setzte, als der Rest der Welt noch in Excitern, Wölkchenhall und IC-Mischpultkonsolen schwelgte. Als Vorreiter im Segment der High-End- und Boutique-Hersteller orientieren sich Manleys Audioschaltungen an ehrwürdigen Vintage-Kolossen wie dem Fairchild 670, dem Pultec EQP-1A und dem Teletronix LA-2A.

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Vox1
(Bild: Hannes Bieger)

Einige von Manleys Geräten sind aber nun lange genug am Markt, um selbst als Klassiker durchzugehen. Die Voxbox hat dabei das Bild, das wir heute von einem ausgewachsenen (Vocal-)Channelstrip haben, entscheidend mitgeprägt. Und doch steckt der Teufel hier im Detail: Das Gerät ist weit mehr als die Summe seiner Teile (Preamp, Kompressor, EQ, De-Esser/Limiter). Und zwar deswegen, weil hier nicht einfach sämtliche Baugruppen linear hintereinander gepackt wurden, sondern der Signalfluss im Gerät einem ausgesprochen ausgefuchsten Konzept folgt. In der Voxbox wird das Signal nicht einfach von A nach B geschoben, vielmehr gibt es ausgesprochen trickreiche Routing-Möglichkeiten, und zudem folgt der gesamte Aufbau einer ganz bestimmten audiophilen Prämisse: so viel Headroom/Übersteuerungsfestigkeit wie möglich, kurze Signalwege, so wenig aktive, das Signal verstärkende Stufen wie gerade eben nötig. Das Konzept, das daraus resultiert, kommt zu eigenständigen und teilweise einzigartigen Lösungen – die bisweilen gewöhnungs-, zumindest aber erklärungsbedürftig sind.

Voxbox

Um die Besonderheiten des Gerätes zu verstehen, wirft man am besten einen Blick auf den Signalfluss im Gerät. Direkt hinter den Eingangsübertragern für Mikrofon- und Line-Signale liegen die Phasendrehung sowie ein Hochpassfilter mit Eckfrequenzen bei 80 und 120 Hz. Danach läuft das Signal über das Input-Poti (übrigens, wie immer bei Manley, ein Leitplastik-Potenziometer von Bournes) und dann sofort durch des OptoElement des Kompressors, welches dasselbe ist, das auch im ElOp-Kompressor aus gleichem Hause zum Einsatz kommt. Erst danach folgt die eigentliche Mikrofonvorverstärkung. Das bedeutet, dass bis zum Preamp ausschließlich passive Komponenten im Signalweg liegen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Clipping, Sättigung, Rauschen sind hier Fremdworte, und als Nebeneffekt bietet der Eingang eine sagenhafte Übersteuerungsfestigkeit von +31 dBv, ein Spitzenwert. Und ganz nebenbei kann der Kompressor Pegelspitzen abfangen, bevor das Signal überhaupt die erste Röhre erreicht – hier liegt weiteres Potenzial zur Minimierung von Übersteuerungen.

Dieser Schaltungskniff, dass der Kompressor vor dem eigentlichen Preamp liegt, ist ungewöhnlich und absolut einzigartig – und doch liegen die theoretischen und praktischen Vorteile auf der Hand. Der Kompressor arbeitet mit einer festen Rate von 3:1, und er ermöglicht eine maximale Pegelreduktion von 16 dB. Attack und Release lassen sich jeweils in fünf Stufen zwischen 4 und 70 ms respektive 0,3 und 2,5 s einstellen. Mit der Veränderung dieser Werte werden aber auch die Kennlinien angepasst, unter anderem mit Reminiszenzen an den superschnellen LA-2A sowie den etwas „langsameren”, punchy LA- 3A. Damit bietet der Kompressor unter der Haube verschiedene Charakteristiken, die ihn flexibler machen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die nachfolgende Preamp-Schaltung ist dem 40-dB-Micpreamp von Manley entliehen. Zentrales Element ist hier der Gain-Drehschalter, der fünf Positionen zwischen 40 und 60 dB bietet.

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Der De-Esser kann alternativ auch als Fullrange-Limiter eingesetzt werden. (Bild: Hannes Bieger)

Er kontrolliert aber nicht nur die effektive Vorverstärkung, sondern er erreicht dies, indem er die Stärke der Gegenkopplung beeinflusst. Das bedeutet, dass sich hier nicht nur der Pegel ändert, sondern auch der Klang. Niedrigere Settings klingen sehr sauber, bei höheren Settings findet praktisch keine Gegenkopplung mehr statt, was in einem hei- ßeren, dichteren Sound mit mehr „RöhrenEffekten” resultiert. Die Verstärkung wird besorgt von einer 12AX7-Doppeltriode sowie einer 6414 (ebenfalls eine Doppeltriode) als Line-Driver.

Die nächste Baugruppe ist ein 3-Band-EQ auf Basis von passiven LC-Filtern, der im Prinzip einen aufgebohrten Midrange-Pultec MEQ-5 darstellt. Das bedeutet, dass in jedem Band nur eine Spule, ein Kondensator, ein Grayhill-Drehschalter sowie ein LeitplastikPoti im Signalweg liegen – und dieser also konkurrenzlos kurz gestaltet werden kann.

Die Bänder bieten jeweils eine maximale Amplitude von 10 dB, wobei die äußeren Bänder nur einen Boost, das mittlere Band ausschließlich eine Absenkung erlaubt. Da sich die Bänder mit jeweils elf Eckfrequenzen weit überlappen, stellt dies keine wirk – liche Einschränkung dar, zumal das EQ-Layout genau die Funktionalität bietet, die bei ordentlich mikrofonierten Signalen normalerweise nötig werden könnte. Die Eckfrequenzen des Bass-Bandes reichen von 20 Hz bis 1 kHz, die des mittleren Bandes von 200 Hz bis 7 kHz, die des Höhen-Bandes schließlich von 1,5 bis 20 kHz.

Die nächste Baugruppe im Signalweg ist der De-Esser, der wiederum mit dem Manleytypischen Opto-Element arbeitet, in dessen Sidechain ein weiteres passives Spulenfilter seinen Dienst verrichtet. Die Baugruppe kann an den Eckfrequenzen 3, 6, 9 und 12 kHz eingreifen und alternativ auch als FullrangeLimiter arbeiten, dann mit einer Rate von 10:1 und der Kompressionscharakteristik des Teletronix LA-2A. Erst hinter dieser Baugruppe folgt die zweite Röhrenstufe zur Aufholverstärkung, die wiederum aus jeweils einer 12AX7- und 6414-Röhre besteht. Danach folgt nur noch der 1:1-Ausgangs- übertrager, wie alle „Trannys” bei Manley im eigenen Haus von Hand gewickelt.

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Umfangreich bestücktes Audioanschlussfeld auf der Gehäuserückseite (Bild: Hannes Bieger)

Ein Blick auf das Blockdiagramm sowie unter die Haube des Gerätes verrät die umfang reichen Routing-Möglichkeiten. Das Signal kann hinter dem Preamp abgegriffen werden (siehe Abbildung), und direkt danach, also vor dem EQ, folgt ein Insert-Input. Alle Anschlüsse liegen wahlweise als übertragersymmetierte XLR- sowie als unsymmetrische TRS-Buchse vor. Somit kommt man mit den beiden Eingangs- und dem Ausgangsübertragern auf satte fünf Wicklungsboliden im 3- HE-Gehäuse; das ist natürlich nicht zum Nulltarif zu haben.

Die Ausgangsstufe mit EQ, De-Esser und Aufholverstärkung kann wahlweise mit drei Signalen gefüttert werden: mit dem Kompressor/Preamp-Signal, mit dem Line-Input, der an beiden letzteren Baugruppen vorbei direkt auf den EQ geführt wird, sowie mit dem Signal der Insert-Buchse. Damit erlaubt dieser dreistufige Schalter bei Line-Quellen auch den direkten Vergleich zwischen komprimiertem und unkomprimiertem Signal. Zudem lassen sich die beiden Funktions – blöcke Kompressor/Preamp sowie EQ/De-Esser separat nutzen, woraus sich Flexibilität bei Aufnahme und Mixdown ergibt. So kann man beispielsweise ein pures Signal aufzeichnen und nur das Monitorsignal mit EQ und DeEsser bearbeiten.

Typisch für Manley bewegt sich die Bauund Verarbeitungsqualität auf allerhöchstem Niveau. Auch die Voxbox ist robust gebaut wie der sprichwörtliche Panzer, wobei weder bei der Qualität des Gehäuses noch der darin befindlichen Bauteile gespart wurde. Die mechanische Ausführung ist ebenso imposant wie praxistauglich und servicefreundlich: Boden und Deckel bestehen aus ventilationsfreudigen Lochblechen, wobei der Deckel nach dem Entfernen nur einer einzigen Schraube leicht geöffnet werden kann. Damit ist die Voxbox fit für den alltäglichen „Nahkampf” in den Tonregien dieser Welt, wobei kleine nette Details den smoothen Ablauf einer Session fördern: Die Bypass-Schalter der verschiedenen Baugruppen arbeiten frei von Nebengeräuschen, und ein Relais schaltet den Ausgang erst etwa 20 Sekunden nach dem Anschalten des Gerätes frei. Knack- oder sonstige Störgeräusche werden hier also nie zu hören sein. Auf der Rückseite stehen zwei Cinchbuchsen für die Stereoverkopplung von Kompressor und De-Esser bereit. Über die Cinchbuchse des De-Essers kann man auch das Sidechain-Signal zum externen Monitoring abgreifen – praktisch!


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Sound&Recording Ausgabe 05/16

Songwriting Special

Diese Ausgabe widmet sich dem Thema Songwriting per App! Wir stellen euch iOS-Tools vor, die eure Kreativität beim Songwriting unterstützen und zeigen euch iOS-Hardware die umfangreiche, mobile Recording-Lösungen anbieten, wie Motive von Shure, die Lurssen Mastering Console und Lightning-Interfaces und –Mikrofone sowie Software. Eine Band die weiß wie man Songs schreibt sind AnnenMayKantereit. Mit ihrem Debüt-Album „Alles nix Konkretes“, das von Moses Schneider produziert wurde, schafften die Kölner-Jungs auf Anhieb den Sprung auf die #1 der deutschen Single Charts. Den Studio-Report findet ihr im Heft. Außerdem waren wir in Chino, USA in der Edel-Maufaktur bei Manley Labs zu Gast. Den dort hergestellten Channelstrip Manley Core haben wir für euch im Test. Für die Mixpraxis spricht Illangelo Montagnese über die Produktion mit The Weeknd und in De/Constructed zerlegt Henning Verlage King Kunta von Kendrick Lamar.

Getestet haben wir das Roli Seaboard Rise 25, das „Volksbändchen“ sE Electronics X1R und in Love The Machines gibt´s den Klassiker Roland JP-8000.

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Optisch beherrschendes Element auf der Frontplatte ist aber vor allem im Dunkeln das hintergrundbeleuchtete große SifamVU-Meter. Dieses kann fünf Werte anzeigen: Line-Input, Preamp-Ausgang, EQ- (und damit Master-)Ausgang sowie die Pegelreduktion von Kompressor und De-Esser.

Im Betrieb

Wenn man sich einen Überblick über all die Funktionen des Kanalzugs gemacht hat, dann bleibt eine Eigenschaft besonders hängen: Das Gerät hat keinen Output-Regler! Der Grund dafür liegt darin, dass Manley eben darauf geachtet hat, die Signalwege so kurz wie möglich zu halten, im Sinne einer größtmöglichen Klangtreue. Auf die Bedienung hat dies folgenden Effekt: Da die Input- und Gain-Bedienelemente vor dem Threshold-Poti des Kompressors liegen, muss man diesen Parameter nachjustieren, wenn man am Eingang mehr Gas gibt oder den Pegel zurücknimmt. Dies mag umständlich erscheinen, es gibt aber schaltungstechnisch einen ganz konkreten Grund dafür – und nebenbei ist dies eine Eigenschaft, die beim Einpegeln Disziplin gebietet, und das kann nie schaden.

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(Bild: Hannes Bieger)

Ansonsten fällt auf, wie butterweich sich die Voxbox bedienen lässt; Knacksen, Krachen, jegliche denkbare Nebengeräusche beim Betätigen der Bedienelemente sind schlichtweg nicht vorhanden. Man kann also einzelne Baugruppen auch in medias res zuschalten, ohne den Take durch einen Knackser zu ruinieren.

Stets wird deutlich, wie geschmeidig das Gerät Audiosignale verarbeitet. Es klingt sauber, aber nicht hart, seidig aber nicht zu weich. Man kann diesen Klang nicht als vollkommen neutral bezeichnen, aber das ist auch gut so. Manley-Geräte fügen den Signalen einen gewissen „teuren” Touch hinzu, der edel klingt, ohne dass man an eine schnöde Hi-Fi-Seligkeit denken muss.

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Insgesamt vier Übertrager sind an der Gehäuserückwand montiert. (Bild: Hannes Bieger)

Der Kompressor macht sehr deutlich, dass er aus der LA-2A/LA-3A-Familie kommt. Er regelt smooth und bei Bedarf sehr „unhörbar”, eignet sich dabei auf Vocal-Spuren sehr schön als Laut- und Dickmacher. Signale werden subjektiv fetter und können sich auch objektiv mit einem höheren RMS-Pegel durchsetzen. Durch die verschiedenen Optionen bei den Zeitkonstanten reicht die Bandbreite der möglichen Einsätze ziemlich weit. Sogar Drum-Räume können heftig gestaucht werden, allerdings wird der Ton hier nie aggressiv oder gar giftig.

Eine ähnlich zurückhaltende Effektivität bietet auch der EQ. Ein 10-dB-Boost in den Höhen klingt nach einer geringeren Anhebung, kann aber ausgesprochen konsequent Glanz und Luftigkeit herbeizaubern. Auch hier von Härte keine Spur, man darf heftig hinlangen, die Integrität des Signals bleibt stets gewahrt, ganz so, wie sich das für eine guten passiven EQ gehört.

Ein heimlicher Hit ist der De-Esser, der unglaublich weiche, seidige Ergebnisse bringen kann. Schade, dass – wie auch beim gro- ßen Konkurrenten, dem Pendulum Quartet – diese Baugruppe nicht separat angeboten wird. Allein dies könnte ein schlagendes Kauf – argument für die Voxbox darstellen.

Fazit

Diese Funktions- und Routing-Vielfalt, gepaart mit den seidig-weichen, doch stets prä- senten Klangresultaten, macht aus der Voxbox einen großen Wurf. Addiert man dann noch die Bauqualität und die vielen kleinen Extras hinzu, dann geht die Rechnung bei diesem All-in-one-Gerät nicht bloß auf, der Manley-Channel bietet mehr als die Summe seiner Einzelteile. Wer ähnliche Funktionalität, aber einen noch klareren Klang sucht, der findet im bereits erwähnten Pendulum Quartet eine auch preislich ähnlich gelagerte Alternative; ansonsten gibt es im Feld der Vollröhren-Channelstrips mit derartig kompletter Vollausstattung nicht viele weitere Optionen. Vor allem dank der flexiblen Anschlüsse und Routing-Optionen ist die Voxbox weit mehr als „nur” ein hochwertiger Vocal-Kanalzug, und das hilft auch, den Kaufpreis zu relativieren. Das Teil ist nicht billig, aber jeden Cent wert.

Hersteller / Vertrieb:
Manley Labs / Audio Import

UVP / Straßenpreis:
€ 3.793,72 / ca. € 3.490,–

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Toller Bericht -danke! Nur bei der Preisangabe stimmt was nicht. Thomann hat noch nie ein Teil über den UVP angeboten und dort kostet dieses Edelgerät am 16.5.16 stolze 4498,- €!

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Pingbacks

  1. vox programm mai | bruinrow

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