Gimme the Keys!

Spectrasonics Keyscape − Software Instrument im Test

Da sind sie also. Einfach so, in einem virtuellen Instrument zusammengefasst, befinden sie sich nur einen Mausklick voneinander entfernt, während diese Sammlung in der realen Welt in dieser Form kaum vorstellbar wäre: 36 teilweise seltene Keyboards, mal akustisch, mal elektrisch oder digital, aber immer eines: besonders — und vor allem besonders gut klingend.

Es scheint ein Projekt gewesen zu sein, in das viel Herzblut und vor allem viel Zeit geflossen sind. Zehn Jahre lang hat die Arbeit an Keyscape laut Aussage von Spectrasonics bis zur Veröffentlichung der Sammlung gedauert.

In dieser Zeit wurden einige der alten Schätzchen wieder aufgemöbelt, alles wurde akribisch gesampelt und am Ende in gewohnter Spectrasonics-Manier mit vielen, oftmals instrumentenspezifischen Möglichkeiten versehen, um den Sound zu beeinflussen oder auch gehörig zu verbiegen, wenn es sein muss.

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Konzept

Herausgekommen ist dabei eine Library, die neben den üblichen Verdächtigen wie z. B. Flügel, Pianos, E-Pianos, Clavinets, Celeste, usw. auch viele Exoten beinhaltet, beispielsweise Harmochord, Dolceola, Chimeatron, Toy- und Mini-Pianos und vieles mehr. Wer jetzt denkt, Keyscape sei erneut ein lauwarmer Aufguss von bereits zuhauf auf dem Markt existierenden Piano- und E-Piano-Libraries, der irrt gewaltig.

Klar, dass auch bei dieser Library ein Rhodes nach einem Rhodes klingt, aber hier wurde sehr viel Wert darauf gelegt, besondere Modelle zu sampeln, wie die Unterzeile »Collector Keyboards« im Namen der Library unterstreicht. So finden sich in Keyscape z. B. ein modifizierter Yamaha C7-Flügel, mit besonderen Hämmern und speziellem Filz, oder ein äußerst seltenes, ebenfalls modifiziertes 74er Suitcase Rhodes, das wegen seines besonders fetten, aber trotzdem ausgewogenen Sounds unter dem inoffiziellen Namen »Model E« zur Legende wurde.

Fast jedes Instrument scheint hier seine eigene Geschichte zu erzählen und wurde bewusst mit typischen Nebengeräuschen akribisch gesampelt, um möglichst viel vom originalen Vibe zu transportieren. Darüber hinaus soll so auch die größtmögliche Flexibilität in der Soundgestaltung erreicht werden, indem Parameter wie Release- oder Pedalgeräusche, Mikrofonpositionen, Pickups usw. getrennt voneinander geregelt werden können. Die Sounds durchlaufen je nach Instrument dann noch verschiedene, passende Effekte oder gemodelte Amps bzw. Speaker-Cabinets, um den Sound weiter zu veredeln.

Sound

Nachdem Spectrasonics das Geheimnis um das nächste Release lüftete, wurde in einschlägigen Foren teilweise Enttäuschung laut, dass mit Keyscape »ja nur« altbekannte Tasteninstrumente veröffentlicht werden, die schon massenhaft gesampelt wurden und die die Welt nicht brauche. Spielt man allerdings die Instrumente und hört den Sound, wird sehr schnell klar, dass die Welt diese Library absolut braucht. Ich muss sagen, dass ich schon viele Vertreter dieser Art unter meinen Fingern hatte, aber was hier bei vielen Instrumenten von Keyscape an die Ohren dringt, ist oftmals eine Klasse für sich. Hier wurde scheinbar auf vielen Ebenen vieles richtig gemacht.

Die Instrumente sind jeweils sehr charakterstark, und man hat den Eindruck, dass sich bei jedem Instrument eine eigene, kleine Klangwelt öffnet. Es macht unglaublich viel Spaß, die Instrumente zu spielen und darin abzutauchen. Dabei entsteht oft der gleiche Effekt, wie bei einem echten Instrument, das man gerade zum ersten Mal spielt: Man hört genau hin, spielt in verschiedenen Lagen, spielt dynamisch, langsam, schnell und hat dabei den Eindruck, immer etwas Neues zu entdecken, sodass man gar nicht mehr aufhören möchte zu spielen. Das liegt sicherlich auch an den detaillierten Nebengeräuschen, die teilweise, z. B. bei Dolceola, Dulcitone oder den Toy-Pianos sehr prominent sind und dazu beitragen, das Gefühl entstehen zu lassen, genau an diesem Instrument zu sitzen, das gerade den Sound erzeugt.

Die meisten Instrumente klingen sehr differenziert und lassen sich oftmals hervorragend hervorragend dynamisch spielen. Langeweile ist hier definitiv nicht angesagt. Die Pianos beispielsweise klingen sehr lebendig, mit einer schönen Patina und einem sehr speziellen, eigenen Sound, das Model E ist einfach nur großartig, das Vintage-Vibe-E-Piano ein echter Überraschungshit, die Celeste ist scheinbar direkt vom Himmel gefallen − und so könnte es die ganze Zeit weitergehen.

Der Yamaha-Flügel ist ebenfalls sehr gut gelungen, und auch hier, wie bei den meisten anderen Instrumenten, ist eine große Auswahl an Presets vorhanden, die für unterschiedliche Anwendungsbereiche oder Stimmungen maßgeschneidert wurden. Ich persönlich finde den Sound des Yamahas sehr schön, aber auch recht sachlich und hätte gerne noch einen zweiten Flügel zur Auswahl gehabt, der schon beim Grundsound so richtig viel Farbe mitbringt und eher nicht so korrekt daherkommt. Das hätte als Gegenstück sicherlich sehr gut gepasst, gerade wenn es z. B. in den Filmbereich geht und ganz zarte, emotionale, stark schwebende Sounds mit viel Patina entlockt werden sollen.

Die Preset-Auswahl ist insgesamt sehr ordentlich. Der ganzen Library mit ihren 36 Instrumenten stehen 450 Patches zur Verfügung, und es ist wirklich erstaunlich, wie viele unterschiedliche Sounds oft aus denselben Instrumenten herausgeholt werden.

Detailtreue und ein großartiger Sound ziehen sich bei Keyscape durch die komplette Library. Verantwortlich dafür ist einerseits das aufwendige Sampling, das auch möglichst die Nebengeräusche der Instrumente mit einbezieht. Darüber hinaus sorgen andererseits viele instrumentenspezifische Parameter und die zugeschnittenen Effekte dafür, dass die Sounds der jeweiligen Instrumentengruppe flexibel an die eigenen Vorstellungen angepasst werden können.

Im Einsatz

Keyscape ist mit 77 GB Installationsgröße ein ziemliches Schwergewicht, was sich beim Ladevorgang vor allem dann bemerkbar macht, wenn keine SSDs vorhanden sind. Beim Flügel Flügel werden nämlich gerne mal mehr als 2 GB in den RAM geladen. Wählt man ein Patch aus, können die Instrumente glücklicherweise recht schnell in einem Preview-Mode angespielt werden, während im Hintergrund die restlichen Samples nachgeladen werden. So ist ein erstes Antesten rasch möglich, und der Workflow wird nicht unnötig ausgebremst.

Keyscape fühlt sich von Hause aus leider nur in 64-Bit-Sequenzern wohl, eine 32-Bit-Version wird nicht angeboten. Das sollte zwar heutzutage kein Problem mehr sein, allerdings ist z. B. Pro Tools 10 noch immer recht beliebt und ein 32-Bit-Host. Entweder schaut man sich hier nach zusätzlicher Software um oder jubelt über eine evtl. vorhandene Omnisphere-2-Version, denn Keyscape kann innerhalb von Omnispheres 32-Bit-Version geladen werden.
Die Integration ist dabei vorbildlich gelöst. Die Keyscape-Presets tauchen in Omnispheres Preset-Browser auf, und es lässt sich einfach zwischen der gewohnten Keyscapeund der Omnisphere-Oberfläche umschalten. Die Sounds verhalten sich dann so, als wären sie ganz normale Omnisphere-Patches, mit allen gewohnten Möglichkeiten.

Überhaupt ist es nicht die schlechteste Option, Keyscape innerhalb von Omnisphere zu laden, denn dann kann man nämlich auf dessen Effekte, den Arpeggiator und vor allem die mächtigen Synthesemöglichkeiten zurückzugreifen, was die Möglichkeiten zur Soundgestaltung geradezu explodieren lässt. Außerdem lässt sich Keyscape so auch multitimbral betreiben, und man kann daher auch z. B. eigene Duo-Sounds oder Stacks erstellen.

Fazit

Spectrasonics ist mit Keyscape ein großer Wurf gelungen, und ich nehme an, dass viele Instrumente daraus sehr bald in unzähligen Produktionen zu hören sein werden, denn solch charakterstarke, authentisch klingende, und vor allem ausdrucksstark spielbare Instrumente findet man selten. Wer allerdings schon sehr gute Emulationen von Klassikern dieser Library hat, sollte genau prüfen, ob er für ähnliche Sounds nochmals Geld investieren will. Ich finde, es lohnt sich schon des wegen, weil die Instrumente in Keyscape nicht unbedingt alltäglich sind und − ich kann mich nur wiederholen − weil der detailreiche Sound einfach zum Niederknien ist.

Alle anderen, die hier Bedarf haben, sollten direkt zuschlagen. Sie bekommen für knapp 350 Euro einen Rundumschlag teils außergewöhnlicher Instrumente und sind in dieser Instrumentenkategorie vorerst sehr gut ausgestattet. Nur eine prominente Gruppe der Tasteninstrumente habe ich vermisst: Orgeln. Hätte das den Rahmen gesprengt? Wahrscheinlich. Aber vielleicht nimmt man sich derer bei Spectrasonics ja noch in gleicher Manier an? Oh bitte!


+++ Sound

+++ Authentizität/Spielbarkeit

Preis/Leistungs-Verhältnis

– keine 32-Bit-Version

Hersteller/Vertrieb: Spectrasonics / best Service

UvP: 349,− Euro

www.spectrasonics.net

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