Die neue Freiheit - EQ mit drei Bearbeitungsebenen

Sonible frei:raum im Test

Davon haben sicher schon viele geträumt: ein EQ, mit dem sich nicht nur die Klangbalance verändern lässt, sondern auch die räumliche Tiefe und die Klangstruktur. Ein junges Entwicklerteam aus Österreich hat diesen Traum jetzt wahr gemacht.

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Faszinierend an frei:raum sind zwei Dinge: Bedienfreundlichkeit und Klang. Obwohl unter der Oberfläche komplexe Algorithmen das Audiosignal analysieren und durchkneten, sogar auf drei Ebenen gleichzeitig, denkt man als Anwender ganz entspannt: »Ein EQ – damit kann ich arbeiten!«

 

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Hinter dem Namen Sonible steht ein junges Team aus Österreich, das sowohl Hard- als auch Software entwickelt. Mit ihrem ersten Plug-in haben die Jungs bereits vor dessen Veröffentlichung für mächtig Furore gesorgt, denn die auf diversen Messen vorgestellte Beta-Version demonstrierte bislang ungekannte Bearbeitungsmöglichkeiten unter einer weitgehend vertrauten Oberfläche, einem EQ.

 

AUFBAU des Sonible frei:raum

frei:raum hat drei Bearbeitungsebenen, die sich jeweils als 7-Band-Equalizer präsentieren, mit drei vollparametrischen Mittenbändern und je zwei Außenbändern für Bässe und Höhen, von denen sich eines als Glockenfilter oder Low- bzw. High-Cut betreiben lässt, und ein weiteres mit Bell- oder Shelving-Charakteristik. Soweit nichts wirklich Ungewöhnliches.

Bei näherer Betrachtung ist bereits der »normale« EQ mehr, als er scheint. Die drei Mittenbänder lassen sich wahlweise im Smart-Modus betreiben. Dazu analysiert frei:raum das Audiomaterial und vergleicht die tatsächliche Energieverteilung mit einem theoretischen Ideal. Auf diese Weise erkennt frei:raum Überbetonungen und unterbelichtete Frequenzbereiche. Die drei Mittenbänder agieren nun nicht mehr als einfache Glockenfilter, sondern greifen mittels komplexer Kurven ein.

 

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Der Proximity-EQ kann Klanganteile frequenzselektiv näher heranholen oder räumlicher klingen lassen.

Die zweite Ebene ist mit »Proximity« betitelt. Das User-Interface präsentiert sich unverändert als 7-Band-EQ. Nur dass dieser Proximity-EQ die Energieverteilung nicht auf Frequenzebene beeinflusst, sondern die wahrgenommene Nähe zur Schallquelle. Oder anders ausgedrückt: die Balance von Direkt- und Raumschall. Am einfachsten funktioniert dies über den globalen Proximity-Regler in Zusammenspiel mit dem Strength-Parameter − letzterer bestimmt die Trennung zwischen Direkt- und Diffusschall. Über die EQ-Bänder der Proximity-Abteilung lässt sich das Verhältnis von Direktschall zu Raumschall sogar frequenzabhängig manipulieren. EQ-Anhebungen lassen den jeweiligen Frequenzbereich trockener und näher klingen, während Absenkungen im Proximity-EQ den jeweiligen Frequenzbereich räumlicher, entfernter, diffuser klingen lassen.

Die dritte Ebene heißt »Entropy«. Klingt super, aber was soll man sich darunter vorstellen? Entropie ist ein Begriff aus der Thermodynamik. Vereinfacht gesagt, ist Entropie das unumkehrbare Streben nach einem maximal chaotischen Zustand. Der Begriff wurde seit den 60ern auch metaphorisch gebraucht, in der Literatur z. B. von Thomas Pynchon oder auch von mir als blöde Ausrede, wenn ich mein Zimmer nicht aufgeräumt hatte. »Mutti, das ist Entropie! Ein unumkehrbarer Prozess!!« Und so ähnlich ist auch der Begriff Entropy hier gemeint, nämlich als Maß der Unordnung. Diese Sektion bearbeitet nämlich das Verhältnis von harmonischen Anteilen zu geräuschhaften Klanganteilen. Geräusche bestehen ja aus inharmonischen, d. h. »ungeordneten « Obertonstrukturen.

Eine klare Vorstellung bekommt man, sobald man z. B. eine Akustikgitarre durch den Entropy-EQ jagt. Je weiter man den Entropy-Regler aufdreht, desto stärker wird das Anschlagsgeräusch betont, während der Gitarrenton in den Hintergrund tritt. Das geht natürlich auch umgekehrt, so lassen sich z. B. in Gesangsaufnahmen die tonalen Anteile, d. h. die Vokale verstärken und die geräuschhaften Konsonanten reduzieren. Wie beim Proximity-EQ kann auch beim Entropy-EQ diese Bearbeitung nicht nur global, sondern frequenzselektiv über die EQ-Bänder geschehen.

 

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Der Entropy-EQ regelt das Verhältnis von harmonischen zu inharmonischen, d. h. geräuschhaften Klanganteilen.

 

PRAXIS & MÖGLICHKEITEN mit dem Sonible frei:raum

frei:raum läuft auf Mac und PC in den Plugin-Formaten AU, VST und AAX und ist per Seriennummer/Online-Aktivierung kopier – geschützt. Die Systembeanspruchung ist natürlich etwas höher als bei einem gewöhnlichen Soft-EQ, aber durchaus moderat. Auf meinem Windows-PC mit Intel i7 2700K (4 x 3,5 GHz) lag die CPU-Last einer frei:raum-Instanz inklusive Wavelab unter 10%. Die gelungene Bedienung wäre wenig wert, wenn nicht auch die Klangergebnisse überzeugen würden. frei:raum erzeugt selbst bei drastischen Eingriffen kaum Artefakte, und wenn, lassen sie sich meist mit dem Smoothing-Regler unterdrücken. Generell darf man dem Plug-in eine hohe Klangqualität bescheinigen, gerade auch was den Smart-EQ betrifft.

Bereits seit vielen Jahren gibt es EQs, die das Audiomaterial analysieren, meist aber im Vergleich zu einer vom Anwender gestellten Referenz. Die so errechneten Differenzkurven sollen das eigene Material dann der Referenzaufnahme angleichen, doch das Ergebnis klingt oft sehr unbefriedigend, künstlich und verdreht. Ganz anders beim Smart-EQ von frei:raum. Obwohl, oder gerade weil man ihn nicht mit einer realen Referenz »anlernen« kann, sondern er sich an einem abstrakten Ideal orientiert, klingen Bearbeitungen mit dem Smart-EQ sehr natürlich und unverstellt.

Die Bearbeitungsmöglichkeiten der Proximity-Sektion hängen stark vom Audiomaterial ab. Bei Mono- bzw. Pseudostereo-Aufnahmen aus gepannten Monospuren hat es der Algorithmus schwer, den Direktschall von der Ambience zu unterscheiden. Am besten gelingt dies bei echten Stereoaufnahmen, vorzugsweise in etwas größeren Räumen, wo der zeitliche Abstand zwischen Direktschall und den ersten Reflexionen größer ist als etwa im beengten Proberaum. Sind entsprechende Voraussetzungen gegeben, werden Dinge möglich, die kaum ein anderes Plug-in beherrscht. So lassen sich etwa Raumresonanzen unterdrücken, indem man im entsprechenden Frequenzbereich die Proximity erhöht. Ebenso kann man den Hall-Anteil in Aufnahmen reduzieren oder auch erhöhen − falls nötig, auch frequenzselektiv, um beispielsweise nur den Bassbereich »abzutrocknen«.

Die Entropy-Sektion wird man etwas seltener benötigen, doch für bestimmte Aufgaben ist sie sehr nützlich. Die Anwendungen reichen von der Reparatur überscharfer Sprachkonsonanten bis hin zum Klangdesign. In Extremstellungen lässt sich sogar die Rhythmik von Musikstücken verändern. Legato- Passagen werden zu Stakkatos und − innerhalb gewisser Grenzen − auch umgekehrt. Besonders interessant ist die Bearbeitung von Einzelspuren, etwa Klavier oder Akustikgitarre, denn hier lässt sich der Klangcharakter recht stark verändern, ohne dass dies unnatürlich klingt.

 

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Alle drei EQ-Ebenen können wahlweise im Blindflug-Modus ohne visuelles Feedback durch EQ-Kurven betrieben werden.

 

FAZIT

Sonible frei:raum ist ein hoch interessantes Plug-in mit innovativen, bislang ungekannten Bearbeitungsmöglichkeiten unter einer weitgehend vertrauten Benutzeroberfläche. Trotz seiner komplexen Algorithmen ist frei:raum recht einfach zu bedienen und klingt überraschend natürlich. Mit seinen drei Ebenen Smart-EQ, Proximity-EQ und Entropy-EQ bietet frei:raum weitreichende Möglichkeiten, die von Mastering und Reparatur älterer bzw. suboptimaler Aufnahmen bis hin zum Klangdesign reichen. Ein Fest ist das Plug-in auch für Remixer, denn frei:raum kann bestehende Spuren und Stems großzügig umgestalten bzw. bestimmte Klangelemente aus fertigen Songs isolieren. Da geht einiges! Hut ab, ein überaus gelungener Einstand für Sonible. Man darf jetzt schon gespannt sein, was sich die Österreicher als Nächstes ausdenken!

 

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neue, innovative Bearbeitungsmöglichkeiten

 

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gelungene Bedienung

 

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natürlicher Klang, kaum Artefakte

 

Proximity-EQ abhängig vom Audiomaterial

 

Hersteller/Vertrieb: Sonible / Synthax GmbH

UvP: 399,— Euro

www.synthax.de

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