Mikrofon-Klassiker

Shure SM58: Alles über das legendäre Gesangsmikrofon

Das Shure SM 58 gehört zu den ganz wenigen zeitlosen Klassikern in einer schnelllebigen Zeit: Seit Mitte der 60er-Jahre ist es von den Bühnen dieser Welt nicht mehr wegzudenken.

Ein Faximile der originalen Konstruktionszeichnung des Shure SM 58
Ein Faximile der originalen Konstruktionszeichnung des Shure SM 58 (Bild: Archiv)

Solch ein Produkt wünscht sich jeder Hersteller: Knapp 60 Jahre auf dem Markt und noch immer unangefochten die Nummer eins der Verkaufscharts. Ein Ende ist nicht abzusehen. Im Lauf der Jahrzehnte versuchten andere Hersteller immer wieder, vermeintlich attraktivere Produkte am Markt zu etablieren, doch das einzige Mikrofon, das dem unfassbar erfolgreichen SM 58 über all die Jahre dicht auf den Fersen blieb, war sein ein Jahr älterer Bruder, das Shure SM 57. Dabei war das SM 58 noch nicht einmal als Gesangsmikrofon konzipiert.

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Die Vorsilbe SM stand anno 1966 für „Studio Microphone“. Denn eigentlich sollte das SM 58 als Rednermikrofon Verwendung finden. Als solches wurde und wird es auch tatsächlich eingesetzt: Kaum ein Staatsmann, gleich welcher Couleur oder Nationalität, der nicht wichtige Worte in ein Shure SM 58 oder 57 gesprochen hätte. Von „Perestroika“ bis „Urbi et orbi“ – ein Shure SM 58 war selten weit. Und wenn es kein 58er war, dann eben ein SM 57, wie die des Pärchens, das im Weißen Haus seit Jahrzehnten jede Verlautbarung des jeweils aktuellen amerikanischen Präsidenten überträgt.

Es hält was aus.

Besondere Aufmerksamkeit wurde bei der Entwicklung dem Aspekt Robustheit gezollt. Shure-Mikrofone hatten schon in grauer Vorzeit einen Ruf als Arbeitstiere, aber das SM 58 sollte selbst die strengen Anforderungen des Militärs mit einem kühlen Lächeln wegstecken. Unter Leitung des – deutschstämmigen – Projektleiters Ernie Seeler wurden Prototypen gebadet, gekocht, gesteinigt, geteert und gefedert, überfahren und nach allen Regeln der Kunst malträtiert, um zu sehen, was ein Mikro im Extremfall überleben kann.

Eine amerikanische Ikone: das Shure SM 58 unter seinesgleichen
Eine amerikanische Ikone: das Shure SM 58 unter seinesgleichen

Fast schon harmlos wirkt da die Shure-Standardprozedur, die vorsah, das Mikrofon zehnmal hintereinander aus 1,80 m auf den Boden klatschen zu lassen. Danach musste das Mikro unverändert funktionieren. So kam das SM 58 wohl auch zu jenem kräftigen Mikrofonkorb, der es von seinen unmittelbaren Vorgängermodellen, den Unidyne- und Unisphere-Mikros, unterscheidet.

Es rockt.

Den wahren Test hatten die Mikros aber noch vor sich: die Bühne. Roger Daltrey von The Who gehörte in den Sechzigern zu den ersten Rocksängern, die dieses vermeintliche Rednermikrofon SM 58 für sich und den Rock’n’Roll entdeckten. Kaum eine Band hatte damals eine wildere Bühnenshow zu bieten. Während Pete Townsend Gitarren schredderte, wirbelte Daltrey sein Mikrofon am Kabel durch die Luft, schleuderte es zu Boden oder drosch auf Keith Moons Cymbals ein. Das SM 58 machte das mit.

Es brennt schlecht.

In der zweibändigen Firmengeschichte von 2001 ist den Geschichten des Shure-Supports ein eigenes Kapitel gewidmet. Den Rekord hält ein Mikrofon, das in 800 Fuß aus einem Pilotencockpit auf die Landebahn fiel. Du ahnst es vielleicht: Es funktionierte noch immer. Gleich mehrere Fälle sind bekannt, in denen Shure-Mikrofone, darunter ein älteres SM-58-Derivat aus abgebrannten Gebäuden gerettet wurden. Zum Erstaunen aller hatten sie nicht nur das Feuer, sondern auch die anschließende Tortur des Löschwassers überstanden, ohne größeren Schaden zu nehmen. So ein Shure SM 58 ist kaum tot zu kriegen!

Es klingt gut.

Bei aller Robustheit wäre das SM 58 nie ein so überwältigender Erfolg geworden, würde es nicht auch einen guten Sound produzieren. Die Shure-Philosophie war es schon immer, die Ohren entscheiden zu lassen. Hinweise auf besonders lineare Übertragungseigenschaften oder elegant geschwungenen Widergabekurven sucht man in Shure-Datenblättern vergeblich. Der SM-58-Frequenzplot sieht eher aus wie die Silhouette eines Rocky-Mountains-Panoramas, und im so wichtigen Präsenzbereich liegt Pikes Peak. Aber dieser scheinbare Wahnsinn hat Methode.

Das SM 58 verleiht der Stimme Durchsetzungskraft, ohne sie allzu hart oder dünn erscheinen zu lassen. Faszinierend bleibt nicht zuletzt, für wie viele unterschiedliche Stimmlagen und Stimmcharaktere sich dieses Mikrofon eignet. Das SM 58 ist ein No Brainer: Wer sich nicht entscheiden kann, welches Mikrofon am besten mit seiner/ihrer Stimme harmoniert, nimmt halt ein SM 58. Das passt schon. Nicht wenige Vokalisten weigern sich gar – z. T. seit mehreren Dekaden – überhaupt ein anderes Mikrofon auch nur in Erwägung zu ziehen. Denn …

Es liegt gut in der Hand.

Es ist weder zu groß noch zu klein, nicht zu schwer und nicht zu leicht. Aber nicht nur das. Zu den weniger offensichtlichen Vorzügen des SM 58 gehört sein clever modellierter Nahbesprechungseffekt. Sie kennen das: Je näher man dem Gesangsmikro kommt, desto stärker werden die Bässe betont. Das ist einerseits angenehm, weil die Stimme an Fülle gewinnt, andererseits wird, gerade bei tieferen Stimmen, die Sprachverständlichkeit herabgesetzt.

Es mulmt.

Der Nahbesprechungseffekt ist umso stärker, je ausgeprägter das Richtverhalten ist. Die Shure-Ingenieure haben sich beim SM 58 einen äußerst cleveren Trick einfallen lassen. In den übelsten Mulm-Frequenzen weitet sich die Nierencharakteristik, d. h. in diesen Frequenzbereichen verringert sich der Nahbesprechungseffekt. Die Folge ist, dass das SM 58 in allen typischen Besprechungsabständen prima klingt, egal ob der Sänger das Mikro „vorschriftsmäßig“ hält oder, wie üblich, am Mikrofonkorb nuckelt. Speziell diese Eigenschaft ist es, die viele Stars immer wieder zum SM 58 greifen lässt, obwohl sie sich fraglos ein viel teureres Mikro leisten könnten. Einige, wie z. B. Bono von U2, nehmen es sogar mit ins Studio. Es liegt eben nichts so gut in der Hand wie dieses alt vertraute SM 58.

Jeder kennt es.

Und zwar wirklich jeder! Livesound ist eine Gleichung mit vielen Variablen: Aufstellung der Anlage, Raumakustik, Lautstärkeverhältnisse, Frequenzbereiche der verschiedenen Instrumente und, und, und. Das Shure SM 58 gehört zu den ganz wenigen Konstanten in dieser Gleichung. Seinen Sound hat jeder Livemischer und jeder Toningenieur im Ohr. Jeder weiß, welche Frequenzen einen sanften Boost oder Cut vertragen und wie man damit einen luftigen Liedermacherklang zaubert oder einen drückenden Rocksound schraubt.

Es sieht gut aus.

Über das Aussehen des SM 58 gibt es keine Diskussionen. Es fällt schwer, sich auch nur vorzustellen, wie Livemikros vor Erscheinen des Shure SM 58 aussahen. Wie kein zweites Produkt definiert das Shure SM 58 das Wort Bühnenmikro. Bittet man ein Kind in egal welchem der ca. 150 Länder dieser Erde, ein Mikrofon zu zeichnen, wird man garantiert ein Bild der allseits bekannten SM-58-Eistüte erhalten. Das Shure SM 58 ist eine Ikone.

Es ist günstig.

Bei allem Ruhm ist das SM 58 bescheiden geblieben. Laut einer Anzeige im Fachblatt vom Februar 1984 kostete das Shure SM 58 seinerzeit 449 Mark. Während fast alle anderen dort gelisteten Mikrofone, sofern sie denn überhaupt noch gebaut werden, inzwischen ihre Preise mehr als verdoppelt haben, ist das SM 58 mit einem derzeitigen Ladenpreis von knapp 120 Euro trotz Inflation nunmehr weniger als halb so teuer(!). Offenbar sind diese Shure-Brothers wahre Freunde des gebeutelten Musikers. Sowieso ist das Shure SM 58 die vielleicht günstigste Möglichkeit, in den Besitz eines veritablen Industriestandards zu kommen.

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