Durchstarter

sE X1 S – Großmembran-Kondensatormikrofon im Test

Nach der Trennung von ihrem englischen Vertrieb und Finanzpartner ist die chinesische Mikrofonmanufaktur sE Electronics dabei, sich neu aufzustellen und die Modellpalette zu überarbeiten. Erstes Ergebnis dieser Qualitätsoffensive ist das X1 S, welches zum gewohnt günstigen Kurs deutlich gesteigerte Klangleistungen verspricht.

Dr. Andreas Hau

Das neue sE X1 S wird in gleich drei Ausbau- stufen angeboten: Die günstigste Version beinhaltet lediglich das Mikrofon mit einer einfachen Gelenkhalterung, das X1 S Vocal Pack besteht aus dem Mikrofon, einer Spinnenhalterung aus Kunststoff, einem Metall-Poppschirm und einem drei Meter langen Kabel. Zum Test haben wir das X1 S Studio Bundle erhalten, das außerdem noch einen Mikrofonschirm beinhaltet, den Reflexion Filter RF-X. Äußerlich ist das X1 S kaum von seinem Vorgänger X1 zu unterscheiden. Das komplett schwarze Gehäuse hat eine Länge von 169 mm und an der dicksten Stelle einen Durchmesser von 58 mm. Das untere Ende bildet ein Stiel mit integrierter XLR-Buchse, der in die Halte- rung eingeführt wird. Über die Ästhetik der Gehäusegestaltung mag man streiten, die Verarbeitung ist indes tadellos.

En Detail

Der Mikrofonkorb wirkt akustisch offen und ist leicht konisch, um stehende Wellen zu vermeiden. Im Inneren befindet sich eine Kondensatorkapsel mit einem Membrandurchmesser von 1 Zoll (2,54 cm). Die Polarisationsspannung wird der vorderen Membran per Mittenkontakt zugeführt; die hintere Membran arbeitet passiv, denn es handelt sich um eine Kapsel mit fester Nierencharakteristik. Technisch ohne Bewandtnis, aber optisch attraktiv strahlt der Membranring im gleichen Rot wie das sE-Logo auf der Mikrofonfront.

Dr. Andreas Hau
Dank einer verbesserten übertragerlosen Schaltung arbeitet das sE X1 S sehr rausch- und verzerrungsarm.

Unterhalb des Einsprechkorbs befinden sich zwei Schiebeschalter mit je drei Positionen. Der linke ist für die Vordämpfung zuständig (0, −10, −20 dB). Diesen Schalter wird man im Homestudio kaum benötigen, denn der Grenzschalldruckpegel des X1 S liegt bereits ohne Pad bei üppigen 140 dB SPL − das ist um ein Vielfaches lauter, als man in den eigenen vier Wänden musizieren kann, ohne den Groll der Nachbarn auf sich zu ziehen. Der rechte Schalter aktiviert eine Tiefenabsenkung mit den Einsatzfrequenzen 80 und 160 Hz. Nicht ganz optimal ist, dass beide Schalter sehr leichtgängig sind, was zu unabsichtlicher Betätigung führen kann. Positiv ist, dass die Schalter nebengeräuscharm arbeiten.

Die Spinne hat eine elegante, leicht fledermausartige Formgebung, allerdings besteht sie aus einem eher preiswert wirkenden Kunststoff. Der Funktion tut das freilich keinen Abbruch, im Gegenteil, sie entkoppelt das Mikrofon recht gut von Trittschall. Der Popp-Schirm wird vorne am Ring der Mikrofonspinne eingesteckt. Er besteht aus einem einlagigen Metallgeflecht an einem (zu) langen Haltestil. Schaut aus wie eine Fliegenklatsche, funktioniert aber überraschend gut. Ich hätte nicht gedacht, dass ein so offenes Metallgeflecht so gut gegen Popplaute schützen kann!

Praxis

Das sE X1 S punktet mit einem gefälligen, höhenreichen Klang. Dabei ist es kein Sound-Macher, der dem Signal seine eigene Signatur aufdrückt; das Klangbild wirkt recht nüchtern und unverstellt. Wie unsere Messungen belegen, wird der gesamte Mittenbereich weitgehend linear abgebildet. Lediglich in den oberen Präsenzen bei 4,5 kHz gibt es eine leichte, relativ schmalbandige Betonung. Die Höhen sind etwas stärker angehoben, was dem Klangbild etwas Luftiges gibt, ohne aber die Zischlaute allzu harsch klingen zu lassen. Bemerkenswert ist, dass die Höhenwiedergabe bis über 20 kHz reicht. Das ist für ein Großmembranmikrofon höchst ungewöhnlich!

In den unteren Frequenzen klingt das X1 S klar und ohne Mulm. Was ein bisschen fehlt, ist diese wohlige Weichheit in den Bässen, die man sich von einem Großmembran-Kondensatormikrofon verspricht. Andererseits wirkt der Nahbesprechungseffekt milde und unaufdringlich; es kommt zu keiner dramatischen Klangveränderung, wenn der Lippenabstand variiert wird. Auch das Off-Axis-Verhalten ist für ein Großmembranmikrofon recht ordentlich. Bis etwa 30 Grad außerhalb der Aufnahmeachse bleibt das Klangbild stabil, erst darüber hinaus wird die Höhenwiedergabe merklich matter. Generell hat die Nierencharakteristik des sE X1 S eine Tendenz zur Superniere, was für Homestudios mit sub- optimaler Raumakustik gewiss nicht schlecht ist, um einen möglichst fokussierten, trockenen Sound zu erzielen. Dazu kann auch der Low-Cut nützlich sein, um wummernde Bässe zu beschneiden, wie sie in kleinen Räumen häufig auftreten. Zwar arbeitet der Low-Cut in beiden Stellungen (80/160 Hz) mit einer geringen Flankensteilheit von nur 6 dB/Okt, doch anders als bei vielen anderen Einsteigermikrofonen beeinträchtigt er die Klangqualität des Nutzsignals nicht.

Das Rauschverhalten ist sehr gut, nicht nur gemessen am Preis. Dank einer stark verbesserten Schaltung konnte das Eigenrauschen auf 9 dB-A gesenkt werden; das sind 7 Dezibel weniger als beim Vorgängermodell.

Hervorzuheben ist auch die hohe Empfindlichkeit von 30 mV/Pa; somit lassen sich auch in Verbindung mit einfachen Mikrofonvorstufen rauscharme Aufnahmen machen. Achtgeben sollte man, dass der Mikrofoneingang eine normgerechte Phantomspeisung bereitstellt, denn das sE X1 S zieht 6,0 mA. Zwar erlaubt die P48-Spezifikation eine Stromaufnahme von bis zu 10 mA, aber so manches USB-Audio-Interface mit Bus-Powering (d. h. ohne Netzteil) schafft nicht einmal die Hälfte.

Aufgrund seines unverstellten, tendenziell nüchternen Sounds eignet sich das X1 S nicht nur für Vocals, sondern auch für eine Vielzahl von Instrumenten. Akustikgitarren und andere Saiteninstrumente profitieren von der kräftigen, weit ins Air-Band reichen- de Höhenübertragung. Dank seines hohen Grenzschalldruckpegels lässt sich das X1 S auch sehr gut für Drums und Percussion verwenden: Wenn unerwünschte Verzerrungen auftreten, dann bestimmt nicht im Mikrofon!

Fazit

Das sE X1 S ist eine deutliche Verbesserung gegenüber den älteren Einsteigermodellen von sE Electronics und erst recht gegenüber No-Name-Mikrofonen − ohne nennenswert mehr zu kosten! Das sE X1 S arbeitet sehr rausch- und verzerrungsarm; was die technischen Werte betrifft, kann es sich mit viel teureren Mikros messen. Klanglich zeigt sich das X1 S, wie von sE gewohnt, tendenziell höhenlastig; diesen Grundsound liefert es jedoch in hörbar gesteigerter Qualität. Insbesondere ist jene Schärfe im Bereich der S-Laute gewichen, die ältere Modelle von sE bisweilen plagte. Nicht erwarten sollte man die Klangschmeichelei teurer Großmembranmikrofone; das

sE X1 S klingt eher nüchtern. Dafür ist es aber recht vielseitig einsetzbar, sodass praktisch alle Anwendungen im Homestudio kompetent abgedeckt werden. Einsteigern sei insbesondere das sE X1 S Vocal Pack empfohlen, das für einen geringen Aufpreis sinnvolles Zubehör bietet. Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist ausgezeichnet.

++ sehr gute technische Werte

++ gute Verarbeitung

++ gefälliger, höhenreicher Klang

– Schalter sehr leichtgängig

X1 S Hersteller/Vertrieb sE Electronics/Mega Audio UvP/Straßenpreis 172,55 Euro / ca. 145,− Euro, Vocal Pack: 208,25 Euro / ca. 175,− Euro Studio Bundle: 284,41 Euro / ca. 240,− Euro www.megaaudio.de

Ein Kommentar zu “sE X1 S – Großmembran-Kondensatormikrofon im Test”
  1. Danke! Hochinteressantes Teil mit nur 9 dB Eigenrauschen. Da man nie genug Mikros haben kann, ist das bei dem Preis und die akustischen Eigenschaften/Qualität, ein haben muss Teil:-) Zumal es wohl keinen “Sound” macht, sondern eher den Sound VOR der Membrane sauber einfängt.

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