Stereo-Mikrofonvorverstärker in Transistortechnik

Rupert Neve Designs Portico 5012

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(Bild: Dieter Stork)

Neben dem Entzerrer war es vor allem der Vorverstärker, der Rupert Neve zur Ingenieurlegende gemacht hat. Noch immer gehören Schaltungsdesigns, die er vor gut drei Jahrzehnten entworfen hat, zu den beliebtesten Werkzeugen im professionellen Tonstudio. Die Messlatte ist in die Jahre gekommen, aber sie hängt immer noch verdammt hoch …

Sicherlich tut man Mr. Neve Unrecht, wenn man sein Berufsleben auf zwei einzelne technische Aspekte reduziert. Jedoch kann man mit Sicherheit sagen, dass sie elementar mit seiner Designphilosophie verknüpft sind und sich wie ein roter Faden durch sein Ingenieursleben ziehen: Audio-Übertrager und Class-A-Schaltungstechnik.

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In den 50er-Jahren war Rupert Neve zeitweilig Chefingenieur bei einem Übertragerhersteller, und auch als er bereits unter eigenem Namen firmierte, gab er Übertrager nach eigenen Spezifikationen bei anderen Herstellern in Auftrag. Neben ihrer technischen Funktion können sie auch mehr oder weniger subtil in den Klang selbst eingreifen. Der Frequenzgang ändert sich, und vor allem tieffrequente Signale geraten in die Sättigung, sodass im Präsenzbereich neue Obertöne dazu kommen. Diese Effekte können unerwünscht sein, aber sie können auch das gewisse Etwas im Sound ausmachen. Neve selbst schreibt den „sweet and silky sound” seiner klassischen Mischpultkonsolen aus der ersten Hälfte der 70er-Jahre vor allem den Charakteristiken der verwendeten Ein- und Ausgangsübertrager zu.

Mit der Portico-Serie greift Rupert Neve ganz bewusst die Klangphilosophie seiner klassischen Class-A-Technik aus der Zeit um 1970 wieder auf: diesen großen, fetten und doch samtig weichen Sound, der Musikgeschichte geschrieben hat.

Portico 5012

Wie alle Portico-Geräte ist auch der Stereo-Vorverstärker 5012 ein 1-HE-9,35″-Gerät mit externem Netzteil. Er bietet eine maximale Verstärkung von 72 dB: 66 dB in 6-dB-Schritten, gefolgt von einem Poti mit ±6 dB zur Feinabstimmung. Phasendrehung und Phantomspeisung sind obligatorisch, ein Hochpassfilter kann ebenfalls in den Signalweg geschaltet werden. Es lässt sich stufenlos von 20–250 Hz (12 dB/Oktave) durchstimmen. Auch die Portico-typische Bus-Architektur ist vorhanden, mit der man mehrere Module zu einem Mixer-System verkoppeln kann. Per Mute-Schalter lässt sich der Ausgang stumm schalten – praktisch, wenn man auf einem Kanal für Ruhe sorgen möchte, ohne danach neu einpegeln zu müssen.

Der Anzeige des Ausgangspegels dient eine LED-Kette mit acht Segmenten – das ist nicht gerade üppig, aber ausreichend.

Rückseitig liegen die Ein- und Ausgänge in XLR-Form, die symmetrischen Klinken für die Bus-Verkoppelung sowie der Netzschalter. Ein spezieller Instrumenteneingang ist nicht vorhanden, hier muss man also bei Bedarf eine externe DI-Box vorschalten. Die Buchse hätte einfach keinen Platz mehr gefunden. Eine zweikanalige Portico-DI-Box mit 30 dB Verstärkung und einigen zusätzlichen Features ist aber angekündigt.

Der Signalweg des 5012 ist vollständig diskret aufgebaut, die Übertrager wurden von Neve speziell für dieses Gerät designt. Interessanterweise liegt die Gain-Stufe im Signalweg vor dem Eingangsübertrager. Wir haben für unsere Leser nachgefragt – Rupert Neve sagte: „Unser TLA (Transformer like Amplifier) nutzt sehr rauscharme, diskrete Komponenten, die den Übertrager mit konstantem Pegel und konstanter Impedanz ,füttern’. So bekommen wir die Vorteile eines Übertragers ohne dessen Nachteile. Der einzige überhaupt denkbare Nachteil wäre, dass der Eingangsschaltkreis nicht komplett erdfrei sein kann.”

Obwohl Neve ausdrücklich betont, dass die Vintage-Neve-Philosophie Pate bei der Entwicklung der Portico-Serie stand, werden durchaus sehr zeitgemäße technische Werte angegeben: Der Frequenzgang etwa reicht von 10 Hz (–0,2 dB) bis 160 kHz (–3 dB), THD 0,002 %, der maximale Ausgangspegel liegt bei 25 dBu. Doch das ist noch nicht alles: In der Mitte der Frontplatte verbirgt sich der Clou in Form eines unscheinbaren Schalters mit der Bezeichnung „SILK”. Hiermit kann man starken Einfluss auf die Arbeitsweise und somit den Charakter der Vorstufe nehmen. Im SILK-Betrieb wird die Gegenkopplung des Verstärkers reduziert und der Frequenzgang leicht verändert – der durchaus zeitgemäße Portico 5012 verlässt dann das Pflichtprogramm und wird im Verhalten seinen Vintage-Vorfahren ähnlicher. In technischer Hinsicht bedeutet dies z. B. einen signifikanten Anstieg der Verzerrung, für den SILK-Betrieb wird der Anteil der zweiten Harmonischen mit 0,2 % angegeben. Das ist immer noch weit entfernt von einer deutlich hörbaren Verzerrung, aber genug, um gemeinsam mit den anderen Effekten der SILK-Schaltung als durchaus charakterbildende Maßnahme durchzugehen.

Im Betrieb

Vom Neve Portico 5012 verspricht man sich einen Allround-Preamp, der sowohl modernen Ansprüchen zu genügen weiß als auch ein gewisses Quäntchen Vintage-Mojo zu liefern vermag. Im normalen Betrieb (ohne SILK) zeigt der Portico 5012, dass er Stimmen ziemlich natürlich und ausgewogen verstärken kann. Die Höhen werden eine Spur zurückhaltender als die Bässe abgebildet, was auch dazu führt, dass S-Laute nicht übertrieben herausgestellt werden. Wir haben es also mit einem körperlichen, aber sehr angenehmen Signal zu tun, das sich nicht übertrieben in den Vordergrund spielt. Kritiker könnten bemängeln, diese Übertragungseigenschaften seien weder Fisch noch Fleisch, denn im Normalbetrieb ist der 5012 weder von der vollkommen transparenten Sorte, noch sorgt er für besonders auffällig „klingende” Resultate. Ich möchte diese Eigenschaften dennoch auf der positiven Seite verbuchen, denn mir gefällt gut, wie mühelos der Portico 5012 arbeitet. Für mich ist dies eine Qualität an sich – gerade in einem aktuellen Markt, in dem sich viele Gerätedesigns einem „Lauter-schneller-höher-weiter”-Wettbewerb unterwerfen, und im Extremfall einen plärrigen, unausgewogenen, eben angestrengten Klang produzieren.

Erstaunlich deutlich grenzt sich aber der SILK-Modus vom Normalbetrieb ab, ich möchte fast sagen, dass der 5012 unter seiner Haube zwei unterschiedliche Vorverstärker vereint. Im SILK-Modus treten die Mitten stärker in den Vordergrund, im Präsenzbereich sind leicht reibend-raue Effekte zu hören, die dennoch butterweich wirken. Subjektiv wirken Stimmen im SILK-Modus aufgrund dieses Klangcharakters lauter und durchsetzungsfähiger – auch wenn durchaus Klangunterschiede zur Riege der Vorfahren bestehen, fühlt man sich zweifelsfrei und unmittelbar an den Sound klassischer Kanalmodule (1073 etc.) erinnert. Es klingt etwas anders, aber es fühlt sich ähnlich an – keine Frage, spätestens im SILK-Modus enthüllt der Portico 5012: Er ist ein echter Neve!

Fazit

Und damit ist die Katze aus dem Sack: Der Rupert Neve Designs Portico 5012 ist nicht nur ein vollwertiger Stereo-Vorverstärker mit ausgeglichenen, im Normalmodus leicht biederen Klangresultaten. Vielmehr enthüllt er spätestens im SILK-Modus, dass Rupert Neve mit der Ankündigung, die Portico-Reihe beziehe sich auf seine klassische Class-A-Technik, nicht nur Marketing betrieben hat. Von daher bin ich geneigt, den SILK-Modus zum „Normalbetrieb” des 5012 zu erklären, und den Normalmodus zur Zugabe für all die Situationen, in denen eine etwas zurückhaltende, weniger „rockige” Klangübertragung gewünscht wird. Mit dieser Funktionalität und diesen Klangeigenschaften ist der Brückenschlag zwischen „vintage” und „modern” mehr als gelungen.

Gemessen an Ausstattung und Klang muss man den Kaufpreis des 5012 als sehr fair bewerten – durch die SILK-Option bekommt man hier eigentlich vier Preamps, von denen sich zwei gleichzeitig nutzen lassen. Rein preislich gesehen steht der Portico 5012 auch im Kreis all der Neve-Clones recht gut da, und er vermag dank seiner kompakten Abmessungen auch unterwegs gute Dienste zu leisten. Wenn die Portico-Serie auf diesem Niveau weitermacht, gehört sie auf jeden Fall zu den größeren Überraschungen der letzten Jahre.


Profil:

Hersteller/Vertrieb: Rupert Neve Designs/Mega Audio

Internet: www.rupertneve.com, www.megaaudio.de

UvP: € 1.929,08


Studiostandards

Wieso KANN ein sehr günstiges Gerät eine ebenso positive Bewertung einheimsen wie ein sehr teures Gerät? Die Antwort ist einfach: Testurteile werden auch in Relation zum Kaufpreis vergeben. Dennoch gibt es natürlich eine Referenzklasse. Diese Geräte markieren nach oben hin den Standard, an dem sich alle anderen Geräte messen lassen müssen. In dieser Serie stellen wir monatlich Studio-Equipment vor, das auf seine Art und in seinem Metier Maßstäbe setzt. Ob analog oder digital, vintage oder brandneu – das ist an dieser Stelle erst einmal unerheblich. Nicht immer ist „vintage“ tatsächlich besser oder das moderne Gerät zwangsläufig ein Fortschritt. Dabei richten wir das Augenmerk aber nicht ausschließlich auf die Highend-Liga – auch LoFi-Effekte kann man mehr oder weniger gut erzeugen … Fragen, Anregungen und Kommentare bitte an: studiostandards@soundandrecording.de

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