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Roland R-70 (*1992) Drumcomputer

LTM Roland R-70
Dieter Stork

Wenn es um Electro-Funk geht, kommt niemand an AUX 88 vorbei. Seit den 90ern haben die Detroiter Kultproduzenten Keith Tucker und Tom Hamilton das (Electro-)Genre geprägt wie kaum ein anderer und gezeigt, wie man den Funk im Maschinen-Geist erwecken kann. Technology war der erste Track, den das Duo 1993 herausbrachte; zum Einsatz kam bei der Produktion neben einem Juno-106 u. a. auch Rolands damals neueste Rhythmusmaschine R-70.

Die R-70 gehörte zu den letzten reinen Drumcomputern der japanischen Firma, deren innovative Klopfgeister den Herzschlag der Popmusik-Evolution markierten. Roland konzentrierte sich im Laufe der 90er-Jahre dann eher auf die Gattung der Grooveboxen und überließ der Tochterfirma Boss das Feld der Rhythmusmaschinen. Erst in diesem Jahr stellt Roland wieder ein Gerät dieser Gattung vor, die Aira TR-08.

Die R-70 kam 1992 auf den Markt und löste den 1989 vorgestellten Vorgänger R-8 ab. Sie bietet Features wie Humanising, interne Effekte und das pfiffige Positional-Pad. Ihr Samplespeicher enthält auch Sounds klassischer Roland-Legenden.

User

Die R-70 war nicht so erfolgreich wie ihr Vorgänger; dies liegt u. a. auch daran, dass viele Produzenten im Elektronikbereich in den 90er-Jahren die TR-Serie der vergangenen Dekade favorisierten. Trotzdem gibt es namhafte Acts, die die Maschine verwendeten und ihre Features zu schätzen wussten.

Das Very-Album gehört zu den späten Highlights der Synth-Popper Pet Shop Boys. Der darauf enthaltene Village-People-Song Go West wurde sogar zum Fußballstadion-Evergreen. Bei der Produktion hatte man alles zur Verfügung, was Anfang der 90er State Of The Art war: Akai- und Roland- Sampler, Synth-Boliden wie Roland MKS-80 und SCI Prophet-5 und natürlich auch den Fairlight; als Sequenzer wurde der Atari ST mit Notator genutzt, und bei der Drum-Programmierung spielte der Roland R-70 eine nicht unwesentliche Rolle.

Neben den Pet Shop Boys und Aux 88 verwendeten Leute wie der Detroiter Techno-Miterfinder Juan Atkins, Nine Inch Nails bzw. Trent Reznor und die Industrial-Band Frontline Assembly die R-70.



Einer der letzten klassischen Roland-Drumcomputer: Selbst heute noch kann der R-70 ein inspirierendes Groove-Werkzeug sein, auch wenn man sich in die Bedienungs-Philosophie ein wenig reindenken muss. Dafür fällt das Ergebnis meist etwas anders aus als bei Software-generierten Patterns, da bei Hardware die Ohren und nicht die Augen maßgeblich sind.



Outfit

Das Gerät bietet eine übersichtliche Bedienoberfläche, muss jedoch wie schon die R-8 ohne Lauflichtprogrammierung auskommen. Diese wurde von Roland erst bei Geräten wie der Groovebox MC-303 wiederentdeckt.

Die R-70 ist geschmackvoll designt und bewohnt ein stabiles Kunststoffgehäuse; auffällig sind die großzügig dimensionierten, anschlagdynamischen Schlagflächen. Sie lassen sich gut spielen und sind breit genug, um auch einen Sound mit zwei Händen zu triggern, was besonders beim Einspielen von Hi-Hat- oder Percussion-Spuren hilfreich sein kann. Das Display ist nicht hintergrundbeleuchtet; verzichten muss man auch auf die seit der TR-707 bekannte Grid-Darstellung der Drum-Spuren.

Als besonderes Feature bietet die R-70 ein sogenanntes »Positional Pad«: Mit dieser extrabreiten Schlagfläche lassen sich (abhängig von der Stelle, an der man es anschlägt) Soundvariationen eines Klanges abrufen – sehr innovativ!

Die R-70 arbeitet mit einer digitalen, samplebasierten Klangerzeugung (16 Bit/44,1 kHz) und besitzt eine 14-fache Polyfonie, was in den allermeisten Fällen ausreichend ist. Einige Kernparameter lassen sich verändern; dazu gehört u. a. Lautstärke, Attack, Decay, Pitch, Brilliance, Nuance (eine alternative Samplevariante wird aktiviert), anschlagabhängige Pitch-Hüllkurve, Panorama und FX-Send.

Es lassen sich 100 Patterns zu 20 Songs verketten. Neben der Humanising-Funktion stehen auch Flam- und Roll-Tools zur Verfügung. Die Auflösung des Sequenzers beträgt 96 PPQ (= Pulse Per Quarter). Die Patternund Song-Erstellung wird durch diverse, z. T. automatisierte Funktionen im »Rhythm Expert Mode« erleichtert. So lassen sich z. B. blitzschnell diverse Variationen generieren. Klasse ist die Möglichkeit, pro Step andere Sounds bzw. Parameteränderungen zu platzieren.

Die R-70 zeichnet sich durch einen »großen«, cleanen und sehr druckvollen Klang aus. Das Ausgangssignal ist schön laut, da muss der Gain am Mixer eher mal runter als rauf geregelt werden. Nebengeräusche sind nicht zu vermelden.

Die Soundauswahl bietet (aus der Sicht der frühen 90er) einen gelungenen Rundumschlag, der von Elektronik-Klängen bis hin zu Rock- und Pop-Sounds reicht. Selbstverständlich hat man sich auch aus dem firmeneigenen Archiv bedient: Die R-70 enthält viele Sounds von Roland-Klassikern wie z. B. ein gut klingendes TR-808-Set. AuchTR-909- Sounds sind enthalten, wobei man allerdings auf die berühmte mittige Hi-Hat zum Bedauern vieler User verzichtet hat.

Die Qualität der internen Reverb-Effekte ist nach heutigen Maßstäben zwar nur mittelmäßig, für die meisten Anwendungen aber vollkommen ausreichend. Mit den Effekten kann man auch die z. T. etwas kurze Decay-Zeit der Cymbals kaschieren. Unter den 242 Sounds findet man außerdem noch eine Auswahl von z. T. gut einsetzbaren Bass-, Synth- und Effektklängen.

Das Gerät wurde uns freundlicherweise von Matthias Hasche zur Verfügung gestellt.

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