Mikrofon-Repertoire

Røde Großmembran-Kondensatormikrofone

 

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Nicht jedes Mikrofon ist für jeden Zweck geeignet. Das zeigt insbesondere der Blick in die aktuelle Produktreihe eines Herstellers. Gerade hier kommen im Vergleich von einem Mikro zum anderen Unterschiede zutage, die man in einem Einzeltest nicht unbedingt berücksichtigen kann. Mit dieser neuen Testserie möchten wir Ihnen jeweils eine interessante Auswahl der Mikrofone vorstellen. Den Anfang macht Røde.

Seit gut einem Jahrzehnt gehören Røde-Mikrofone zur ersten Wahl im bezahlbaren Preissegment. Praktisch jeder Händler hat sie vorrätig. Und dennoch weiß man relativ wenig über den Hersteller selber. Das fängt schon mit dem Namen an – wie spricht man den überhaupt aus? Viele Händler haben sich auf „Röde” eingeschossen, das geht dem Teutonen locker über die Lippen. Die offizielle Aussprache lautet aber wie das Englische Wort „road”. Zusammen mit dem „NT”-Präfix der meisten Produktbezeichnungen ergibt sich das versteckte Wortspiel „rodent”, zu Deutsch „Nagetier”. Fragt sich noch, wo die Nager denn herkommen. Ob der Preise glaubt mancher, Røde sei ein chinesischer Hersteller, andere vermuten, ob des Ø ein skandinavisches Ursprungsland. Beides falsch. Und doch, ein Körnchen Wahrheit steckt in beiden Vermutungen …

Røde-Mikros werden in Australien gefertigt, und zwar in Sweetwater, einem Vorort von Sydney. Gegründet wurde Røde in den frühen 90ern von Peter Freedman, der nach wie vor die Geschäfte leitet. Schon sein Vater war in der Audiobranche tätig; anfangs noch in Schweden – wo es übrigens kein Ø im Alphabet gibt, das gibt’s nur in Norwegen und Dänemark – bis er 1966 mitsamt der Familie ins sonnige Australien auswanderte. In den 80ern fiel Peter Freedman ein chinesisches Großmembranmikrofon in die Hände. Das interessierte ihn anfangs wenig, weil es nicht besonders gut klang, doch ein paar Jahre später kramte er es wieder hervor. Denn Anfang der 90er zeichnete sich ein Wandel im Projektstudiobereich ab. Alesis hatte mit dem ADAT einen enormen Verkaufshit gelandet. Plötzlich war es möglich geworden, mit überschaubarem finanziellem Aufwand professionell klingende Aufnahmen zu machen. Aber natürlich brauchte man dazu auch die passenden Mikrofone. Und da gab es bis dahin keine preisgünstigen Alternativen zu den großen Nobelmarken.

Freedman überlegte, ob man nicht jenes China-Mikro mittels einer Austauschelektronik zu ansprechenderem Klang überreden konnte. Eine eigentlich simple Idee, die aber den Nerv der Zeit traf und bis heute unzählige Nachahmer gefunden hat. Der Prototyp wurde Freedman förmlich aus den Händen gerissen; ein erschwingliches Großmembranmikro war exakt, was der aufstrebende Studiobesitzer brauchte. Die Mikrofone NT1 und NT2 wurden zu enormen Verkaufserfolgen.


 

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Sound&Recording 02/16 – Brass Recording Special 

In der Sound&Recording-Ausgabe 02/16 steht die Mikrofonierung von Blasinstrumenten im Fokus. Wir haben mit jeweiles über 25 Mikrofonen an Trompete, Posaune und Saxofon Audiobeispiele erstellt, die ihr hier auf der Website über SoundCloud auch anhören könnt. In unserem Brass Recording Special im Heft geben wir euch einen Einblick hinter die Kulissen der Recordings mit dem Bläsersatz aus “Sing mein Song – Das Tauschkonzert”. In unseren Tests findet ihr das Kleinmembranmikrofon-Stereoset Telefunken M60 FET. Für alle Homerecorder zeigt S&R-Leser Felix Krawcyk, wie er sein Homestudio aufgepimpt hat. Im zweiten Teil unserer DAW History Reihe geht es um den Game-Changer Ableton Live. Alle Love The Machines Fans können sich auf den Yamaha DX200 (*2001) freuen.

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Seitdem hat man sich bei Røde nicht auf den Lorbeeren ausgeruht. Ganz im Gegenteil. Als immer mehr Trittbrettfahrer auf den Orientexpress aufsprangen, trat Freedman schon wieder die Heimreise an. Die aktuellen Røde-Mikrofone werden komplett in Australien gefertigt. Nur so ist umfassende Qualitätskontrolle möglich, und nur so kann sich Røde von den Mitbewerbern abheben, die größtenteils von chinesischer Kapselfertigung abhängig sind. Die Entwicklung der in den meisten aktuellen Røde-Mikrofonen verwendeten HF1-Großmembrankapsel ließ sich Freedman eine ganze Stange Geld kosten – was er taktisch klug gleich für eine Werbekampagne ausschlachtete. Doch Werbung hin oder her: Wer so viel Geld ausgibt, muss es ernst meinen. Außerdem investierte er in modernste, größtenteils automatisierte Fertigungstechnik, denn nur durch enorme Stückzahlen ist es möglich, in Australien Mikrofone zu fernöstlichen Preisen zu fertigen.

NT1-A

Beginnen wir mit dem kleinsten Großmembranmikro, dem NT1-A. In Sachen Ausstattung ist es etwas einfacher gehalten als die teureren Rødes. Geliefert wird es in einem Pappkarton, in dem neben dem Mikro ein Etui und eine elastische Aufhängung liegen. Die Mikrofonspinne wirkt etwas klappriger als die der größeren Modelle, macht ihren Job aber anständig. Das Mikrofon sitzt trotz Klemmbefestigung sicher, selbst bei hängender Montage. Das liegt auch daran, dass das Mikro sehr leicht ist. Das Gehäuseblech wirkt relativ dünn, macht aber dennoch einen stabilen Eindruck. Die Verarbeitung ist präzise, es gibt keine überstehenden Kanten; der Mikrofonkorb ist robust. Am Gehäuseboden findet sich eine große Rändelschraube, die es erlaubt, das Mikro auch in den SM-2- Spinnen der größeren Modelle zu befestigen.

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Wie Sie als treuer Leser wissen, schaue ich Mikrofonen gern unter die Haube. Die Elektronik des NT1-A ist sehr modern. Røde setzt seit Längerem auf SMD-Technik. SMD steht für „surface mount device”, d. h. die Bauteile sitzen auf der Lötseite der Platine und werden allein vom Lötzinn gehalten; manchmal sind die Bauteile zusätzlich verklebt. Viele Techniker mögen SMD-Technik nicht, weil sie Reparaturen erschwert – andererseits werden Defekte unwahrscheinlicher, weil sich die mechanische Belastung verringert. SMD-Bauteile sind in aller Regel winzig klein. Das ruft auch die selbsternannten Audiopäpste auf den Plan, die der SMD-Technik schlechteren Klang bescheinigen, eben wegen der Miniaturisierung, die unterdimensionierte oder qualitativ schlechtere Bauteile nahelegt.

Tatsächlich ist das bei vielen SMD-Produkten auch der Fall. Bei Røde aber nicht: Schaut man genauer hin, fällt u. a. auf, dass an den für die Audioperformance wichtigen Stellen hochwertige Folienkondensatoren verwendet werden. Die Schaltung des NT1-A ist ungewöhnlich komplex für ein Mikrofon dieser Preisklasse und mitverantwortlich für das extrem gute Nebengeräuschverhalten.

Mindestens so wichtig wie die Elektronik ist natürlich die Kapsel. Ihr Membrandurchmesser misst stolze 28 mm und damit drei Millimeter mehr, als das Manual verspricht. Über die klanglichen Vorzüge bzw. Nachteile von Großmembrankapseln kann man sich lange und angeregt unterhalten. Unstrittig sind dagegen die Vorteile beim Rauschverhalten.

 

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Alle getesteten Røde-Mikrofone verwenden Kapseln mit satten 28 mm Membrandurchmesser – drei mehr als vom Hersteller angegeben.

Viel Membranfläche bedeutet ein starkes Signal. Und Membranfläche hat die Røde-Kapsel jede Menge. Mit ihren 28 mm Durchmesser besitzt die Røde-Kapsel satte 25% mehr Fläche als eine übliche 25-mm-Membran. Dazu kommt, dass die Røde-Kapsel randpolarisiert ist. D. h. es gibt keine Elektrode in der Mitte der Membran; ihre gesamte Fläche kann frei schwingen und ist elektrisch aktiv. Laut Hersteller beträgt das Eigenrauschen des NT1-A sensationell niedrige 5 dB-A. Damit wäre es noch einen Tick rauschärmer als das als super-rauscharm bekannte Neumann TLM 103 mit seinen 7 dB-A. Ob das wirklich der Fall ist, kann ich Ihnen nicht final beantworten und braucht sie eigentlich auch gar nicht zu interessieren, denn jeder noch so leise Aufnahmeraum hat selbst nachts um drei, wenn alle Welt schläft, ein höheres Grundgeräusch als diese beiden Mikros. Definitiv sagen lässt sich aber, dass das Røde NT1-A das – mit einigem Abstand – rauschärmste Mikrofon seiner Preisklasse ist.

NT2-A und NT2000

Ähnliches lässt sich über die nächst höheren Modelle sagen. Schaltungstechnisch sind sie mit dem NT1-A eng verwandt. Wieder haben wir es mit einer modernen, übertragerlosen und äußerst rauscharmen Schaltung zu tun.

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Beim NT2-A und NT2000 bedient sie jedoch eine Doppelmembran-Kapsel, die variable Richtcharakteristiken ermöglicht. Der Unterschied zwischen NT2-A und NT2000 besteht in der Art der Umschaltung. Während das NT2-A „nur” die drei Grundpositionen Kugel, Niere und Acht kennt, ist die Patternumschaltung beim NT-2000 stufenlos, ermöglicht also auch Zwischenstellungen wie Breitniere oder Hyperniere. Ähnlich verhält es sich bei der Tiefenabsenkung und der Pegeldämpfung (Pad). Das NT2-A bietet jeweils drei Stufen (Low-Cut: flat, 40 Hz, 80 Hz; Pad: 0, –5 und –10 dB), das NT2000 ist stufenlos regelbar (LowCut: 20–150 Hz, Pad: 0–10 dB).


 

Zwei Soundbeispiele zum Rode NT2 findest du auch hier:

 


 

Einen echten Mehrwert bietet die stufenlose Variante des NT2000 vor allem bei den Richtcharakteristiken. Auch wenn man mit den dreien des NT2-A gut hinkommt, gibt es Situationen, in denen die Zwischenstufen wertvolle Dienste leisten, sei es, um einen hyperaktiven Sänger mit einer breiteren Niere besser einfangen zu können oder um mit einer gezielteren Richtwirkung unerwünschte Schallquellen zu unterdrücken.

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Eine stufenlose Bassabsenkung kann gelegentlich auch ganz nützlich sein, obwohl die beiden Stellungen des NT2-A in der Praxis kaum Wünsche offen lassen. Eher Spielerei ist die stufenlose Pegelabsenkung. Die zwei Stufen des NT2-A sind eigentlich schon eine mehr, als man braucht. Ob des üppigen Grenzschalldruckpegels von 147 dB SPL verlangen die Mikros selber sowieso nur in extrem seltenen Fällen nach einem Pad. Nötig wird die Pegelabsenkung eher, um nicht so übersteuerungsfeste Preamps bei Laune zu halten. Im Gegensatz zum NT1-A sind die Gehäuse der teureren Modelle auffallend massiv und robust. Neben diesen antipodischen Steckrüben wirken manche Mitbewerber-Mikros wie Salatgürkchen. Ich bin mir sicher, dass man mit diesen Teilen notfalls Nägel in die Wand klopfen oder nonchalant Australiens artenreiche Fauna dezimieren könnte.

Aus tontechnischer Sicht haben die granatenstarken Gehäuse den Vorteil, sehr resonanzarm zu sein. Klopft man dagegen, hört man ein knappes „Pling”, bei vielen Mitbewerbern wummert dagegen ein lang ausklingendes „Plonnng” – und solche Resonanzen verfärben eben die Wiedergabe. Damit kein Trittschall zur Membran vordringt, legt Røde eine monströse elastische Aufhängung bei. Diese Mörderspinne ist, wenn Sie mich fragen, wirklich hässlich. Aber effektiv: Das Kunststoffmaterial ist praktisch unkaputtbar und sehr resonanzarm. Ein kleiner Hebel macht das Verstellen des Neigungswinkels sehr leicht und sicher. Gehalten werden die Mikros über eine riesige, sehr gleichmäßig laufende Rändelschraube am Gehäuseboden. Die Fertigungsqualität der Røde-Mikros ist ausgezeichnet und kann sich durchaus mit der teureren Markenkonkurrenz messen.

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Røde setzt auf moderne SMD-Elektronik. Die weißgrauen Rechtecke neben den drei Reglern sind hochwertige Folienkondensatoren.

K2

Optisch etwas gefälliger wirkt das röhrenbetriebene K2. Das zylindrische Gehäuse ist von schlichter Eleganz, denn es kommt ganz ohne Bedienelemente aus. Die – stufenlose – Patternwahl erfolgt am mitgelieferten Netzteil. Denn wie bei fast allen Röhrenmikros reicht die P48-Phantomspeisung nicht aus, um den erhöhten Durst einer Röhrenschaltung zu stillen. Genau genommen ist das K2 kein reines Röhrenmikro, denn es arbeitet mit einer übertragerlosen Ausgangsschaltung in Transistortechnik.

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In einem Konkurrenzblatt stand neulich geschrieben, übertragerlose Röhrenmikrofone seien eine „Themaverfehlung”. Dem würde nicht nur ich entschieden widersprechen, denn es gibt zahlreiche übertragerlose Röhrenmikros, die ganz ausgezeichnet klingen. Nicht zuletzt das anerkannt schmackhafte Neumann M 149, aber auch im niedrigeren Preissektor das MXL V69M. Überhaupt ist der klanglich entscheidendere Teil der Mikrofonelektronik das Interface zur Kapsel, also die röhrenbetriebene Eingangsstufe.

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Die Platine des K2: Röhren-Eingangsstufe und transistorisierte Ausgangsstufe in friedlicher Koexistenz.

Classic II

Wie viel die Ausgangsstufe zum Klangverhalten beiträgt, wird sich später im Praxisteil herausstellen, denn mit dem Classic II ist ein weiteres Röhrenmikro im Rennen, das anders als das K2 klassisch trafosymmetriert arbeitet und ohne Halbleiter im Signalweg auskommt. Der Ausgangsübertrager wird eigens für Røde gewickelt, und zwar von keinem Geringeren als dem amerikanischen Nobelhersteller Jensen – für viele die allererste Adresse in Sachen Übertrager.

Das Gehäuse des Classic II gehört zu den größten und schwersten, die ich je bewundern durfte. Ein gerades und möglichst schweres Mikrofonstativ ist unbedingt empfohlen. Insofern weiß man auch gleich, wofür dieses Mikro entwickelt wurde: Vocals. Für vieles andere würde es sicher auch taugen, aber durch sein enormes Gewicht lässt es sich nicht in jeder Position positionieren, ohne dass das Stativ umfällt oder einknickt. Toningenieure der klassischen Schule werden vermutlich den Kopf schütteln, aber das ist eben Rock’n’Roll. Das Classic II will optisch beeindrucken, und viele Sänger bzw. Rapper sind extrem empfänglich für diesen kraftvollen, urigen Vibe.

Ein optisches Highlight ist auch das Kabel. Die meisten Röhrenmikros (einschließlich des Røde K2) verwenden fünf- bis siebenpolige XLR-Strippen, die meist nicht viel dicker sind als normale dreiadrige Mikrofonkabel. Das Classic II verwendet ein knüppeldickes Kabel mit wuchtigen 12-poligen Steckverbindern, die vermutlich für militärische Zwecke entworfen wurden und jeden Anschein erwecken, auch nach einem atomaren Inferno noch tadellos zu funktionieren.

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Völlig übertrieben ist der Aufwand nicht, denn die sonst für Röhrenmikros verwendeten Multipin-XLR-Stecker sind in der Tat ein wenig filigran, und so hört man gelegentlich von Fehlfunktionen durch verbogene Pins. Die Steckverbinder des Classic II dürften selbst gezieltem Vandalismus standhalten. Eine solche Materialschlacht hat natürlich ihren Preis. Das Classic II kostet rund 1.700 Euro und damit mehr als die erstgenannten NT1- A, NT2-A, NT2000 und K2 zusammen. Wie das K2 ist das Classic II frei von Bedienelementen. Die Patternanwahl erfolgt auch hier am Netzteil, allerdings nicht über ein stufenloses Poti, sondern über einen Stufenschalter, der neben den drei Hauptcharakteristiken Kugel, Niere, Acht auch sechs Zwischenstufen zielsicher ansteuern lässt. Außerdem sind am Netzteil zwei weitere Drehschalter für einen zweistufigen Low-Cut und Pegelabsenkung um 0, –10 oder –20 dB.

Praxis

Um es vorweg zu sagen: Überzeugen konnten die Røde-Mikros allesamt. Schon das kleine NT1-A bietet erstaunlich erwachsenen Sound fürs Geld. Als Blaupause scheint das Neuman TLM 103 gedient zu haben, das ohne Frage einen modernen Standard gesetzt hat, an dem sich viele Konkurrenten, aber auch die Kunden orientieren. Der Grundsound ist durchaus ähnlich; auch das NT1-A wartet mit einem hellen, präsenten und durchsetzungsfähigen Klang auf. Auch die sehr tief hinabreichenden, druckvollen Bässe erinnern an das TLM 103. Es ist ein sehr direkter Sound, der nicht jeder Stimme schmeichelt, aber da, wo er passt, erhält man ausgezeichnete Ergebnisse. Außerdem ist das Mikro keineswegs nur für Vocals tauglich. Mit seinen frischen Höhen eignet es sich auch gut für Akustikgitarre, wobei man die Bässe am Preamp etwas beschneiden sollte, sonst wummert’s. Andererseits profitieren natürlich bassstarke Instrumente von den ungewöhnlich satten Tiefen. Anders als bei vielen chinesischen Fabrikaten sind die Mitten nicht unterbelichtet und auch die Höhen weniger problematisch. Je nach Stimme ist eine leichte Tendenz zu spitzen Konsonanten auszumachen, aber das Mikro ist längst nicht so zischelanfällig wie viele direkte Mitbewerber.

NT2-A und NT2000 klingen weitgehend identisch. Beide sind in den Präsenzen ein wenig geschmeidiger als das Einstiegsmodell. Der Grundsound ist relativ neutral, ohne bewusste Klangfärbung. Über die Jahre hatte ich diese Røde-Modelle immer mal wieder unterm Messer und habe den Eindruck gewonnen, dass sie jedes Mal besser klingen. Das erste NT2000, das ich anno 2003 testete, schien mir ein wenig grobkörnig und verhalten. Die aktuellen Modelle wirken auf mich direkter und feiner auflösend. Mir scheint, dass Røde die Mikros, insbesondere die HF1-Kapsel über die Jahre still und leise weiterentwickelt und verbessert hat. Die Richtcharakteristiken sind vollwertig zu verwenden, einschließlich der Kugel, die bei Großmembranmikros immer das Stiefkind bleibt. On-Axis ändert sich der Klang nur in dem Ausmaß, wie es zum Fine-Tuning durchaus erwünscht sein kann. Die Kugelcharakteristik ist wie immer etwas heller und luftiger, natürlich auch, weil es in der Kugelstellung keinen Nahbesprechungseffekt gibt. Die Acht klingt ein wenig schokoladiger als die Niere und verhilft dünnen Stimmchen zu mehr Volumen. Der starke Nahbesprechungseffekt der Achtercharakteristik tut da oft Wunder. NT2000-Besitzer dürfen sich zudem an den Zwischenstellungen erfreuen.

Der Bereich zwischen Kugel und Niere eignet sich bestens für Saiteninstrumente, insbesondere Akustikgitarre; und zwischen Niere und Acht gibt es feine Abstufungen, die sich sehr gut für Vocals eignen, eben weil dort mit dem Anteil des Raumschalls gleichzeitig auch die Stärke des Nahbesprechungseffekts variiert. Das röhrenbestückte K2 fällt zunächst einmal durch ein ausgezeichnetes Nebengeräuschverhalten auf. Mit 10 dB-A ist das Eigenrauschen nicht nur für ein Röhrenmikro äußerst niedrig und gerade einmal 3 dB höher als das seiner transistorisierten Brüder NT2-A und NT2000.

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Multipattern-Mikros liegen übrigens immer ein paar dB über den vergleichbaren Einzelmembran-Mikros (hier das NT1-A), weil die hintere Membran der Doppelmembran-Kapsel eben zusätzliches Rauschen ins Spiel bringt. Das bleibt im Fall der Rødes aber graue Theorie, da diese Mikros in der Praxis allesamt so rauscharm sind, dass man kaum eine so extrem leise Umgebung finden wird, in der man das Mikrofonrauschen überhaupt heraushören könnte.

Gegenüber den transistorisierten Modellen wirkt das K2 etwas weniger präsent und sanfter in den Höhen. Der röhrige Charakter ist erst im direkten Vergleich zu den Transistormodellen offensichtlich. Transienten, auch und gerade spitze Sprachkonsonanten, werden sanft verrundet. In der Achterstellung gewinnt man fast den Eindruck, es wäre ein De-Esser im Signalweg.

Sehr schön und ungewöhnlich gut zu verwenden für ein Großmembranmikro ist die Kugelstellung, sie eignet sich prima für Saiteninstrumente und Background-Vocals. Auch das Classic II wirkt nicht plakativ röhrig im Sinne von erhöhtem Klirrgrad. Also ganz die alte Schule, denn sämtliche Röhrenklassiker waren ja primär für den Rundfunk entwickelt, wo man mit Rock’n’Roll wenig am Hut hatte. Vielmehr macht sich die Röhre in Form von harmonisch stimmiger, subjektiv unverfälschter Wiedergabe bemerkbar. Es ist also weniger ein gefärbter oder verzerrter Möchtegern-Röhrensound als vielmehr die Abwesenheit von dem, was man im Umkehrschluss als Transistorsound bezeichnen könnte.

Das Classic II wirkt etwas präsenter als das K2. Und zwar im doppelten Wortsinn: Die Hochmitten sind etwas stärker vertreten und das Signal wirkt tatsächlich greifbarer, direkter, anwesender als beim K2. Das ist insofern ein wenig verwunderlich, als dass übertragerlose Ausgangsstufen wie beim K2 normalerweise zu einem frechen In-YourFace-Sound tendieren. Im vorliegenden Fall ist aber das trafosymmetrierte Classic II eindeutig der knackigere Kandidat. Wobei der Jensen-Übertrager dem an sich sehr direkten Klang ein edles, fein zeichnendes Glanzlicht aufsetzt. Die Jensen-Signatur, die mir von meinem ebenfalls Jensen-bestückten A-Designs MP-2-Preamp vertraut ist, ist deutlich herauszuhören.

Weniger erfreulich ist das gegenüber dem K2 deutlich höhere Eigenrauschen des Classic II, das mit satten 22 dB-A spezifiziert ist. Auch wenn mein Testmodell etwas weniger rauscht als angegeben und der Wert für den angestrebten Anwendungsbereich Vocals durchaus ausreichend ist, scheint mir, dass ein so versierter Hersteller wie Røde das gerade beim Spitzenmodell etwas besser hinbekommen sollte. Der Grund für das erhöhte Eigenrauschen ist in der Röhrenwahl zu vermuten. Das Classic II ist mit einer NOS (= new old stock) General-Electric-Röhre bestückt. Solche als besonders wohlklingend bekannten Markenröhren sind heute nur noch in kleinen Mengen verfügbar, und so lässt sich die Selektion besonders rauscharmer Exemplare nur noch in begrenztem Maß durchführen.

Letztlich ist die Wahl der eigentlich schon ausgestorbenen GE-Röhre – gegenüber einer billigeren, dafür selektierbaren chinesischen oder russischen Röhre aus laufender Fertigung – eine Entscheidung für den Sound unter Inkaufnahme etwas erhöhten Grundgeräuschs. Seine besten Sounds liefert das Classic II im Pattern-Bereich von Niere bis Acht. Hier klingt es durchsetzungsfähig und dennoch geschmeidig und ohne Härte. Besonders wuchtig klingt wieder einmal die Acht – überhaupt eine zu unrecht vernachlässigte Richtcharakteristik, die in Sachen Praxiswert der Niere in nichts nachsteht. Je mehr man sich von der Niere zur Kugelcharakteristik bewegt, desto stärker treten Präsenzen und Höhen in den Vordergrund. Die Kugelcharakteristik klingt sehr hauchig und eignet sich ausgezeichnet für Background-Chöre aus Ahhs, Ohhs und Uhhs. Sobald scharfe Konsonanten wie S und T hinzukommen, darf man zum De-Esser greifen, denn die Kugelcharakteristik des Classic II neigt zum Zischeln.

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Das Classic II in Unterhosen: links die GE-Röhre, rechts in der runden Blechdose ein leckerer Jensen-Übertrager.

Nicht ganz so klassisch wie sein Klangverhalten ist die mitgelieferte Mikrofonspinne des Classic II. Es handelt sich nämlich um denselben SM-2-Kunststoff-Shockmount, der auch den günstigeren Modellen beiliegt. Die Funktion ist auch hier tadellos, aber die schwarze Gartenzubehör-Plaste passt einfach nicht zur hochwertigen Massivmetalloptik des Classic II. Angesichts des Preisniveaus sollte der Hersteller sich überlegen, eine schickere Metallspinne beizulegen, die den optischen Appeal dieses Edelboliden unterstützt. Denn zweifellos handelt es sich beim Classic II um ein sehr leckeres, lebendig klingendes Kraftpaket, das den Vergleich zu anderen Mikros dieser Preisklasse nicht zu scheuen braucht.

Fazit

In Sachen Preis/Leistungs-Verhältnis setzt Røde Maßstäbe. Das NT1-A gehört zweifelsohne zu den professionellsten Großmembranmikrofonen der Einstiegsklasse. Es klingt gut und ist in Sachen Rauschverhalten der Konkurrenz meilenweit voraus. Es ist prima als Allroundmikro für Einsteiger. Aber nicht nur. Es macht sich z. B. auch sehr gut als Sprechermikro für kleinere Radiostationen oder Audiobook-Produktionen. Ähnliches gilt für die Multipattern-Mikros.

Das NT2-A ist in seinem Preisbereich nahezu konkurrenzlos, das NT2000 lohnt sich vor allem für Einzelkämpfer, denen die komplexen Einstellmöglichkeiten direkt am Mikro einen Handhabungsvorteil verschaffen. Einer seiner schärfsten Konkurrenten kommt aus dem eigenen Haus: Das K2 ist nicht viel teurer als das NT2000, und wenn man auf Pad und LowCut verzichten kann, bietet die Röhrenelektronik des K2 einen etwas weicheren, runderen, dennoch transparenten und universell verwendungsfähigen Klangcharakter.

Besonders hervorzuheben sind das ausgezeichnete Rauschverhalten und die übrigen technischen Werte der günstigen Rødes, die sich durchaus auf dem Niveau der Nobelmarken befinden. Das Classic II fällt etwas aus der Reihe, nicht zuletzt preislich, beweist aber, dass Røde durchaus das Know-how besitzt, auch im oberen Preisbereich ein adäquates Mikrofon anzubieten. Ein echtes Schnäppchen ist es mit einem Verkaufspreis von 1.700 Euro zwar nicht, andererseits hat der Hersteller aber fertigungstechnisch richtig geklotzt. Zudem erspart der tägliche Umgang mit dieser tonnenschweren Wuchtbrumme den Besuch der Muckibude. Bedenkt man die lange Lebensdauer eines guten Mikrofons, kann sich das glatt rechnen. Apropos Lebensdauer: Røde bzw. der deutsche Vertrieb Hyperactive gewähren 10 (!) Jahre Garantie. Sympathischer kann man sein Selbstvertrauen kaum zur Schau stellen.


Text: Andreas Hau, Fotos: Dieter Stork u. Andreas Hau

 

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