Audiophiles Vermächtnis

Radial Jensen Twin-Servo 500 – Mikrofonvorverstärker für API-500-Plattform im Test

Radial-Jensen-Twin-Servo-Aufmacher-Hau
(Bild: Dr. Andreas Hau)

Der kanadische Hersteller Radial ist vor allem für seine Reamp-Devices, DI-Boxen und andere gitarrenorientierte Produkte bekannt. Seit einigen Jahren widmet sich Radial aber verstärkt auch dem »seriösen« Recording, u. a. in Form von API-500 kompatiblen Geräteracks und entsprechenden Modulen. Zu den letztgenannten gehört ein ganz besonderer Mikrofonvorverstärker, der Jensen Twin-Servo, designt vom viel zu früh verstorbenen Audiogenie Deane Jensen.

Dass die Firma Radial nun eine API-500-kompatible Version des sagenumwobenen Twin-Servo Preamps von Deane Jensen fertigt, kommt nicht von ungefähr. Seit vielen Jahren setzt Radial in seinen Produkten Übertrager des US-Herstellers Jensen ein, die fraglos zu den besten überhaupt gehören. Deane Jensen war eben ein Perfektionist. Vor ein paar Jahren hat Radial schließlich die Firma Jensen übernommen, was primär eine Maßnahme war, um den Fortbestand des wichtigen Geschäftspartners zu sichern. Dem Vernehmen nach wollte Bill Whitlock, der die Firma seit Deane Jensens Tod führte, sich allmählich auf den Ruhestand vorbereiten und für eine geordnete Übergabe sorgen. Aber der Reihe nach!

Anzeige

Das Vermächnis

Der Twin-Servo Preamp war eine der letzten großen Entwicklungen von Deane Jensen. Da – bei hat er ihn nie selbst vermarktet, genauso wenig wie seinen diskreten Operationsverstärker 990, der bis heute als unerreicht gilt. Jensen, Sohn eines Universitätsprofessors aus Princeton, bei dem schon mal Albert Einstein zum Abendessen kam, war ein Idealist. Mehr als finanziellen Gewinn interessierte ihn, den Stand der Audiotechnik zu verbessern, denn davon hätten letztlich alle etwas in Form besserer Aufnahmen. Ein bisschen wollte er wohl auch seinen Vater beeindrucken, der, selbst Elektronikentwickler mit zahlreichen Patenten, seinen Sohn für einen Tunichtgut hielt.

So kann man sich täuschen, denn für alle anderen war schnell klar, dass Deane Jensen hochbegabt war. Nach diversen Jobs in der Audiobranche, u. a. bei Urei, befand Jensen, dass die Qualität der seinerzeit verfügbaren Audioübertrager zu wünschen übrigließ; das Hauptgeschäft vieler Hersteller waren Netztrafos, und Audioübertrager waren nur ein Nebenerwerb, der entsprechend stiefmütterlich behandelt wurde.

1974 gründete Deane Jensen die nach ihm benannte Übertragerfirma. Dabei konzentrierte er sich aufs Design, um diese dann nach präzisen Vorgaben extern fertigen zu lassen, und zwar von Reichenbach Engineering, heute Cinemag. Daneben entwickelte und vermarktete Deane Jensen eine Simulationssoftware, die Herstellern helfen sollte, optimierte Übertrager für ihre Einsatzbereiche zu entwickeln. Ihm ging es nie darum, sein Wissen geheim zu halten, sondern er glaubte daran, dass ein freier Austausch letztlich für alle von Vorteil wäre. Seinen revolutionären 990 Opamp, der bisherigen Designs weit voraus war und bis heute kaum getoppt wurde, schenkte er daher der Welt als Public Domain. Das Design publizierte er Anfang 1980 im AES Journal. Jeder sollte seinen diskreten Opamp lizenzfrei fertigen und in eigenen Produkten verwenden dürfen.

Darauf aufbauend stellte Deane Jensen 1988 den Twin-Servo Preamp vor, ganz lapidar als Application Note für seinen besten Eingangsübertrager. Nichtsdestoweniger bringt der Twin-Servo Jensens Audiophilosophie auf den Punkt. Leider wurde er auch zum krönenden Abschluss seines Schaffens, denn kaum ein Jahr später nahm sich Deane Jensen das Leben. Finanzielle und persönliche Probleme hatten begonnen, ihn zu erdrücken.

Das Konzept

Der Twin-Servo Preamp vermählt beste Komponenten mit innovativen Schaltungskonzepten zu einem makellosen Design mit Referenzcharakter. Beim Twin-Servo Preamp wird die Gesamtverstärkung nach dem »Shared Gain«-Prinzip auf zwei diskrete 990-Opamps verteilt. So werden Rauschen und Verzerrungen in jedem Gain-Setting auf ein Minimum reduziert. Die Impedanzanpassung und Symmetrierung übernehmen zwei ebenso hochklassige Jensen-Übertrager.

Eine Besonderheit ist, dass der gesamte Signalweg frei von Koppelkondensatoren ist, um einen praktisch linearen Phasengang über den gesamten Hörbereich zu gewährleisten. Denn Koppelkondensatoren wirken in Verbindung mit der Lastimpedanz als Hochpass, und jeder Hochpass führt schon weit oberhalb der Grenzfrequenz zu Phasenabweichungen. Je nach Dielektrikum verursachen Kondensatoren zudem mehr oder weniger hörbare Verzerrungen, am stärksten im Bereich der Grenzfrequenz. Die übliche Methode ist deshalb, Koppelkondensatoren überzudimensionieren, insbesondere solche, für die man aufgrund der geforderten Kapazitäten nur audiotechnisch suboptimale Tantal- oder Elektrolytkondensatoren verwenden kann. So versucht man, die Verzerrungen in die weniger hörbaren Subfrequenzen zu verlagern. Noch schöner wäre es natürlich, erst gar keine Koppelkondensatoren verwenden zu müssen; nur leider braucht man sie in konventionellen Schaltungen, um Gleichspannungs-Offsets abzublocken.

Beim Jensen Twin-Servo werden die DC-Offsets der diskreten Opamps stattdessen über die namensgebenden Servo-Schaltungen ausgeglichen. Für jeden der beiden diskreten 990-Opamps gibt es nämlich einen zusätzlichen hochpräzisen IC-Opamp, der keine Verstärkungsaufgaben wahrnimmt, sondern das Spannungs-Offset des 990-Opamps misst und durch eine entgegengesetzte Spannung kompensiert. Das Ergebnis ist ein extrem rausch- und verzerrungsarmer Mikrofonvorverstärker, der von 8 Hz bis 100 kHz vollständig linear agiert und über den gesamten Hörbereich praktisch keine Phasenabweichung aufweist.

Konkret

Dass dieses exquisite Design über all die Jahre nur wenig Verbreitung fand, lag nicht zuletzt daran, dass schon die Bauteile sehr teuer sind. Seit Langem erhältlich ist eine Version von John Hardy, der auch der bekannteste Hersteller von Jensens 990-Opamps ist. Seine Produkte sind in hierzulande jedoch nur als Direktimport zu bekommen. Umso schöner, dass Radial nun eine preiswertere Version für die API-500- Plattform anbietet, die, wie alle Radial-Produkte in Deutschland, von Mega Audio vertrieben wird.

Jensens Designkonzept blieb unverändert, es wurde lediglich an die 500er-Norm angepasst. Statt der ursprünglichen Spannungsversorgung mit ±24 Volt bietet das API-System nur ±16 Volt. Dadurch reduziert sich der Headroom geringfügig um etwa 2 dB auf immer noch sehr gute 22 dBu. Somit konnten auch leicht verkleinerte (aber immer noch kräftige) Ein- und Ausgangsübertrager verwendet werden, die aber immer noch dem originalen Design entsprechen und natürlich von Jensen stammen. Die Originalübertrager hätten aufgrund ihrer Bauhöhe nicht ins Kassettengehäuse gepasst.

Während Radial sonst gern knallige Farben verwendet, ist die Frontplatte des Jensen Twin-Servo 500 in schlichtem Schwarz gehalten. Das Bedienfeld besteht aus einem großen, stufenlosen Gain-Poti und vier Druckschaltern für Phasenumkehr, Low-Cut, Pad und Phantomspeisung. Über eine Status-LED verfügt leider nur der letztgenannte Schalter. Am oberen Rand der Frontplatte sitzt eine Aussteuerungsanzeige aus zehn LEDs. Ganz unten befindet sich eine Combobuchse für Mikrofone (XLR) und Instrumente (Klinke). That’s it! Mehr gibt’s nicht zu sehen. Das Innere des Moduls ist leider nicht einsehbar. Die Abdeckhaube ist mit Schrauben verschlossen, die sich nur mit Spezialwerkzeug lösen lassen. Ein Bild auf der Radial-Website zeigt, dass die diskreten 990-Opamps nicht als austauschbares Modul gefertigt sind, sondern in das Platinenlayout integriert wurden.

Radial-Jensen-Twin-Servo-True-Systems-p2-500-Vergleich-Hau
Im Praxistest musste der Jensen Twin-Servo u. a. gegen den True Systems PT2-500-Precision-Preamp antreten. (Bild: Dr. Andreas Hau)

Praxis

Der Jensen Twin-Servo 500 ist ein Preamp, der Maßstäbe setzt. Er zeichnet sich durch höchste Klangtransparenz aus, hat aber nicht jene klinisch-analytische Trockenheit, die manch anderen Vorverstärker der ultra-cleanen Sorte ausmacht. Als Vergleichskandidaten habe ich primär meinen True Systems PT2-500-Preamp herangezogen, eine API-500-kompatible Monoversion des in S&R 9.2007 getesteten True System P2. Auch bei diesem Vorverstärker handelt es sich um ein sehr hochwertiges Design, das auf maximale Klangtransparenz ausgelegt ist.

Im Vergleich zum True Systems PT2-500 wirkt der Twin-Servo 500 natürlicher und runder; recht deutlich zeigt sich dies in den Zischlauten, die der True-Systems-Preamp ein wenig kantig herausstellt, während sie beim Jensen Twin-Servo völlig natürlich wirken, ohne an Feinzeichnung einzubüßen. Auch in den unteren Frequenzbereichen klingt der Twin-Servo 500 voller und offener, während der True Systems PT2-500 im Direktvergleich etwas flacher wirkt. Woran genau das liegt, darüber lässt sich nur spekulieren. Eine hohe Phasentreue ist gewiss auch beim True-Systems-Preamp gegeben, allerdings arbeitet er, wie die meisten auf Transparenz optimierten Designs, vollständig übertragerlos.

Mit Übertragern assoziiert man heute ja eher eine Vintage-Klangfärbung; die ist beim Jensen Twin-Servo nicht auszumachen, obwohl er wie viele klassische Designs eingangs- wie ausgangsseitig trafosymmetriert arbeitet. Vielleicht hatte Deane Jensen Recht, als er konstatierte, dass die Klangfärbung des seinerzeit erhältlichen Equipments vor allem an mangelbehaftetem Übertragerdesign lag. Wir dürfen nicht vergessen: Ursprünglich war Klangfärbung ja gar nicht erwünscht; bis in die 1980er und 90er ging es eigentlich immer um höchste Klangtransparenz. Erst mit dem Aufkommen von Digital Recording kam der Ruf nach Equipment auf, das die einst verpönte Klangfärbung zurückbrachte. Jensens Twin-Servo Design stammt aber genau aus dieser Umbruchphase: Er markiert somit den Höhepunkt jener Audio-Philosophie, die den idealen Preamp als »Wire with Gain« formulierte: transparente Verstärkung ohne Nebenwirkungen.

Gleichzeitig waren Übertrager noch nicht ein Synonym für Klangfärbung. Und tatsächlich klingt der Jensen Twin-Servo 500 in meinen Ohren unverfärbter und natürlicher als alles, was ich an Preamps bislang gehört habe. Und natürlich braucht man auch im Zeitalter von digitalem Recording weiterhin saubere »Wire with Gain«-Preamps, wenn man ohne künstliche Aromen die natürliche Schönheit von Stimmen und Instrumenten einfangen möchte. Darin ist der Jensen Twin-Servo nahezu unschlagbar.

Bei allem Lob muss man ein paar Abstriche machen. Radials Twin-Servo 500 Preamp ist nicht so rauscharm, wie er sein könnte. Das Eingangsrauschen gibt der Hersteller mit −120 dB an. Das ist recht weit entfernt von den −128,7 dB (ungewichtet!), die John Hardy für seine Version des Twin-Servo angibt und die für Deane Jensens State-of-the-Art-Design durchaus plausibel erscheinen. Möglicher – weise hat Radial an den teuren Eingangstransistoren gespart, die für das Rauschen in hohen Gain-Settings hauptverantwortlich sind. Ganz so schlecht wie das Datenblatt suggeriert, ist die Rausch-Performance des Testgeräts tatsächlich nicht, aber für Bändchenmikros und andere dynamische Mikrofone mit geringem Output wie das Sennheiser MD 441 würde ich definitiv einen anderen Preamp empfehlen, beispielsweise den oben genannten True Systems PT2-500 oder den AEA RPQ 500. Zumal die maximale Verstärkung des Jensen Twin-Servo 500 bei »nur« 60 dB liegt. Aus zwei 990-Opamps ließen sich locker noch 20 dB mehr herausholen, doch das entspräche nicht mehr dem Originaldesign. Deane Jensen war wohl besonders wichtig, dass sein Preamp in allen Gain-Settings gleichermaßen klangliche Höchstleistungen erbringt. Das ist ihm gelungen.

Ein bisschen ärgerlich finde ich, dass nur einer von vier Schaltern mit einer Status-LED versehen ist. Zumal es sich um Druckschalter handelt, deren Stellung ja nicht aus jeder Position gut abzulesen ist. Etwas verwundert hat mich auch der integrierte Instrument-Input − der übrigens nicht zum Originaldesign gehört −, denn seine Eingangsimpedanz beträgt nur 220 Kiloohm. Das Doppelte bis Vierfache wäre besser gewesen, um die Brillanz passiver Gitarren- und Bass-Pickups zu erhalten. Der DI-Input des Jensen Twin-Servo 500 klingt durchaus okay, aber von Radial − immerhin der Hersteller von DI-Boxen − hätte ich einen etwas knackigeren Sound erwartet. Aber letztlich ist der Instrument-Input des Twin-Servo nur ein kleines Extra zu einem absolut großartigen Mikrofonvorverstärker.

Fazit

Mit dem Jensen Twin-Servo 500 bringt Radial ein legendäres Preamp-Design ins API-500-Format, das in Sachen Klangtransparenz und Natürlichkeit nach wie vor Maßstäbe setzt. Während die Konkurrenz wahlweise mit Vintage-Färbung kokettiert oder sich ultraclean gibt, dabei aber meist ins Sterile abdriftet, präsentiert sich der Jensen Twin-Servo mit souveräner Eleganz. Es ist ein überlegenes Design aus den besten Komponenten; man spürt jederzeit, welche Kraft und welche Leistungsreserven in diesem Preamp schlummern.

Gleichwohl ist es kein Vorverstärker für alle Fälle. Mit einer maximalen Verstärkung von nur 60 dB eignet er sich primär für Kondensatormikros. Für Bändchen und andere dynamische Mikros sollte man lieber zu einem Preamp mit mehr Gain greifen, zumal der Radial-Preamp bezüglich des Eingangsrauschens nicht ganz dem Original – design gerecht wird. Das spielt aber für die Verwendung mit Kondensatormikrofonen keine Rolle, da hier das Mikrofon selbst die Rausch-Performance dominiert. Aus praktischer Sicht wünschenswert wären Status-LEDs für alle Schalter. Trotz leichter Abzüge in der B-Note ist der Jensen Twin-Servo 500 von Radial ein höchst exquisiter Preamp. Und so ganz nebenbei ein Stück Audiogeschichte!

 

+++
höchste Klangtransparenz
+++
beste Bauteile
+++
legendäres Design

nicht alle Schalter mit Status-LED

nur bedingt für dynamische Mikros geeignet


Hersteller/Vertrieb: Radial/Mega Audio
Preis UvP: 1.335,18 Euro

www.megaaudio.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: