Streicher-Phrasen-Library für Kontakt

Native Instruments Action Strings im Test

Herrscht bei großen Hollywood-Blockbustern plötzlich rege Betriebsamkeit auf der Leinwand, ist ziemlich sicher davon auszugehen, dass sich dieser Trubel auch auf die Musik niederschlägt. Hört man dann bei einer Verfolgungsjagd oder der obligatorischen Rettung der Welt genauer hin, stellt man fest, dass sich musikalisch oftmals Stereotypen die Klinke in die Hand geben, die solche Szenen zu dem machen, was sie sein sollen: groß und dramatisch …

Aufmacher Action Strings

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Da den Streichern − neben Blech und Perkussion − bei solchen Szenen eine wichtige Rolle zukommen, haben sich Native Instruments gemeinsam mit Dynamedion der Sache angenommen und eine Library mit entsprechenden Phrasen herausgebracht, die von einem echten Streichorchester eingespielt wurden und oben genannte Stimmungen bedienen. Das für sich genommen wäre jetzt noch nichts Besonderes, gab es doch in der Vergangenheit immer wieder Libraries, die diverse Motive eines kompletten Orchesters oder einzelner Gruppen feilboten. Die Action Strings allerdings haben da einen etwas anderen Ansatz, denn sie füllen mit ihren filmmusikalischen “Wir drehen ein ganz großes Rad”-Motiven eine ganz spezielle Nische sehr gut aus und sind dabei auch noch so flexibel, dass sie sich mittels Temposync und Keyswitches extrem gut in die Produktion einbinden lassen.

Struktur

Die Library nimmt knappe 10 GB auf der Festplatte ein und beherbergt ein einziges Kontakt-Instrument, das, einmal geladen, die ansprechende und intuitiv zu erfassende Oberfläche zur Verfügung stellt, von der aus alle weiteren Bedienschritte erfolgen. Hier ist direkt ein Basis-Set mit Phrasen geladen, und diese erscheinen, mit den entsprechenden Keyswitches vermerkt, als Noten in ihrem jeweils eigenen System. Die fallen hier aber nicht so sehr ins Gewicht, denn, wie NI in der Produktbeschreibung auf der eigenen Website angibt, man erschafft “… im Handumdrehen ausdrucksstarke Passagen, ohne sich mit Musiktheorie und Kompositionslehre herumplagen zu müssen.” Nun ja. Das stimmt zwar einerseits, weil man sprichwörtlich auf Knopfdruck ein überzeugendes Motiv nebst passenden Varianten (“Theme” genannt) geliefert bekommt. Andererseits fördert das Herumplagen garantiert den Umstand, dass die Library möglichst anspruchsvoll in den eigenen musikalischen Kontext eingebunden und flexibel genutzt werden kann − und sicherlich fördert es auch insgesamt ein besseres Komponieren.

Mit der Library zu arbeiten macht wirklich großen Spaß. Die Bedienung ist intuitiv, die Oberfläche ansprechend, die Ladezeiten sehr gering, und man kommt mit den überaus amtlich klingenden Motiven extrem schnell zu überzeugenden Ergebnissen. Die Auswahl an gebotenen Phrasen deckt ein recht ordentliches Spektrum blockbusteresquer Motive ab. Sie ist grob zu unterteilen in rhythmisch und auf einer Tonhöhe (Single Pitch) bzw. melodiös (Melodic). Für viele Vertreter der letztgenannten Art gibt es sogar Dur- und Moll-Varianten, die sich einfach per Velocity triggern lassen. Sehr gut! Dankenswerterweise finden sich Taktarten jenseits der guten, alten Tante 4/4-Takt, wie etwa 5/4, 5/8, 7/8 etc., die in Verfolgungsagden oder Actionszenen gerne zum Einsatz kommen.

Die Oberfläche der Action Strings ist ansprechend gestaltet und absolut intuitiv zu erfassen. Hier findet man alles auf kurzem Weg, und das Handbuch wird fast überflüssig-

Die Action Strings sind immer zum Hosttempo synchron, was z. B. bei Tempowechseln oder Ritardandi ohne unerwünschte Nebengeräusche einwandfrei funktioniert. Alle Motive sind sauber geloopt und lassen sich auch polyfon spielen. Sie liegen meist als »High Ensemble«-Versionen vor, bestehend aus Violinen, Violen und Celli, oder teilweise als “Low Ensemble” mit Violen, Celli und Bässen, die den Umfang in den tiefen Lagen mit schwerem Geschütz erweitern. Teilweise gibt es noch Themes in kleinerer Besetzung, “Small Ensemble” genannt, die sehr transparent klingen und sich gut durchsetzen. Die “High Ensemble”-Phrasen sind über eine Spanne von vier Oktaven spielbar, beim “Low Ensemble” sind es derer fast zwei.

Ich hätte mir gewünscht, dass der Umfang in den hohen Lagen insgesamt größer wäre, denn hier ist bei C3 Schluss. Zwar gehen viele Motive in ihrer jeweiligen Melodie noch höher, aber gerade gegen Ende eines Spannungsaufbaus, wo schneidende Höhen von Vorteil sind, ist oftmals zu früh das Ende der Fahnenstange erreicht, wenn man Linien eine Oktave höher doppeln möchte.

Der absolute Clou aber ist Phrase Sync. Damit sind immer alle geladenen Phrasen synchron, was bedeutet, dass einmal getriggerte Motive auf einer Tonhöhe begonnen und durch Überbinden auf einer anderen fortgesetzt werden können. Das ist bei jeder Position innerhalb des Loops möglich und natürlich, so oft man möchte. Noch mehr Abwechslung kommt auf, wenn die verschiedenen Phrasen-Variationen innerhalb eines Themes mit den Keyswitches umgeschaltet werden. Auch das ist inmitten der Phrasen möglich und klappt tadellos. Keyswitches und Phrase Sync sind für mich die zentralen Elemente, um die natur – gemäße Beschränkung aufgenommener Motive ein gutes Stück weit aufzubrechen und flexibel mit der Library zu arbeiten. Somit kann man auch innerhalb der Phrasen eine enorme Abwechslung erzeugen und gleichzeitig den Wiedererkennungseffekt einiger markanter Vertreter minimieren. Alles in allem finde ich hier das Handling sehr gelungen!

mit heißer Nadel gestrickt, so fällt beim Theme “Desert Storm” auf, dass bei der zweiten Phrase der “Phrase Sync” aus dem Tritt zu bringen ist oder bei “Fires of War Low” die erste Phrase bei einem hohen Velocity-Wert fast unhörbar leise wird. Beim Theme “The Chase” stimmt das Notenbild nicht mit den tatsächlich gespielten Phrasen überein, denn hier spielt die obere Stimme nur Akzente, aber sie ist trotzdem auf jedem Achtel durchnotiert. Auch die One-Shot-Samples innerhalb eines Themes sind bzgl. Sound und Timing oftmals recht unterschiedlich.

Das erste Anspielen der Library zaubert sofort ein Lächeln auf die Lippen, denn die Phrasen klingen direkt nach großem Kino und der Sound ist wirklich sehr mächtig und authentisch. Letzteres ist aber auch nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass hier komplette Passagen eines großen Streichapparats gesampelt wurden. Dadurch ist auch ständig eine willkommene Lebendigkeit innerhalb der bis zu viertaktigen Phrasen vorhanden. Teilweise sind leichte Nebengeräusche zu hören, die aber eher als wünschens – werte Details zur Lebendigkeit beitragen.

Die Libary ist gut “spielbar” und der Sound bleibt über den kompletten Umfang weitestgehend homogen, obwohl die Übergänge durch die Lagen nicht immer optimal gelungen sind. So sind bei benachbarten Tasten teilweise hörbare Unterschiede im Charakter oder Ausschwingverhalten vorhanden. Das ist nicht dramatisch und lässt sich teilweise auch nur schwer vermeiden, wenn z. B. offene Saiten gespielt werden oder die Celli aufgrund der Tonhöhe aussteigen müssen, wird aber auffallen, wenn man immer wieder zwischen solchen Samples abwechselt. Im Playback und bei mehrstimmigem Einsatz der Streicher wird dieser Effekt aber nicht weiter stören.

Auch passen die One-Shot-Samples bei sehr akzentuiert gespielten Themes nicht immer perfekt zum Theme und wirken als Abschlussakzent im Vergleich dann teilweise etwas lasch. In solchen Fällen ist es ratsam, im Phrase-Browser eine “Staccato”-Phrase zu laden anstatt die bereits geladenen “Ending Notes” zu verwenden.

Fazit

Jenseits des simplen Arrangierens fertiger Phrasen sind die Action Strings durch Phrase Sync und Keyswitches um einiges flexibler, als man es sonst von Libraries gesampelter Motive gewohnt ist. Aufgrund der Möglichkeit, die meisten Phrasen flexibel an den eigenen musikalischen Kontext anzupassen, lässt sich die Library vor allem bei den Single-PitchPhrasen als ein sehr gut klingendes, rhythmisches Gerüst nutzen, das − im vorgegebenen Rahmen − zu einem hohen Grad mit eigenen melodischen und harmonischen Inhalten gefüllt werden kann.

Wer sich also öfter in musikalischen Genres bewegt, die den Puls nach oben treiben sollen, der sollte sich die Action Strings definitiv einmal näher anschauen.

Action Strings

Pro und Contra

+++ Gesamtsound und Auswahl der Phrasen

++ Konzept und Handling

+ Preis-/Leistungs-Verhältnis

–– Tonumfang in hohen Lagen zu gering

– kleinere Fehler und Ungenauigkeiten

Produkt- und Herstellerinfos

Action Strings Hersteller/Vertrieb Native Instruments

UvP 299,− Euro

www.native-instruments.com

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