Studiostandards Manley Limiter Compressor

Manley Stereo Variable Mu Limiter Compressor

Kompressor-Vari-Mu

Manley gehörte zu den ersten Herstellern, die nach der digitalen Dekade der 80er-Jahre eine Rückbesinnung auf klassische Röhrentechnik einläuteten. Der Variable Mu Kompressor ist ein moderner Klassiker, der unter den Bus- und Mastering-Kompressoren als amerikanischer Industriestandard gelten darf. Und das seit mehr als 10 Jahren…

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Mittlerweile gibt es ja eine beinahe unüberschaubar große Anzahl an „Boutique”-Herstellern, die sich mit viel Akribie und mit vielen Speziallösungen der Herstellung von HiEnd-Audio-Equipment widmen. Als Manley die Geschäftstätigkeit aufnahm, sah dies – zumal in dieser Kompromisslosigkeit – noch anders aus. Als Motto hat man sich in Chino, California „Tubes Rule” auf die Fahnen geschrieben, und inzwischen eine ansehnliche Produktpalette im Angebot, die nicht nur Preamps, Kompressoren und Entzerrer, sondern auch Mikrofone umfasst. Neben dem Pro-Audio-Segment ist hochwertiges HiFi-Equipment ein zweites Standbein des Herstellers, der sich rühmt, nach wie vor in Handarbeit zu fertigen – so werden beispielsweise auch die Ein- und Ausgangs-Übertrager im Hause selbst gewickelt. Die ersten Vari-Mu-Kompressoren von Manley waren noch mit der 6386-Röhre ausgestattet, die auch im Fairchild 670 zum Einsatz kam.

Schematische-Darstellung-Trioden-Roehre
Schematische Darstellung einer Triodenröhre: Anode (1), Gitter (2), Kathode (3), Kathodenheizung (4), Glaskolben (5), Sockel (6)

Da diese Röhre mittlerweile zum seltenen und teuren Exoten geworden ist und pro Stück gut und gerne höhere dreistellige Summen kosten kann, verwendet Manley inzwischen die 5670-Doppeltriode. Als echtes Vollröhrengerät kommen im Vari-Mu nicht weniger als acht Röhren zum Einsatz; sogar in der Sidechain werden Röhren verwendet. Dem soliden, edlen und leicht martialisch angehauchten Look des Gerätes entspricht auch der Aufbau des Innenlebens: hochwertige Bauteile, extrem breite Leiterbahnen auf der Platine, superdicke Frontplatte. Obwohl ein Lochblech als Gehäusedeckel zum Einsatz kommt, wird das Gerät ziemlich heiß. Kein Wunder, acht Röhren fordern diesbezüglich ihren Tribut. Beim Rack-Einbau sollte man oberhalb des Gerätes wohl besser eine Höheneinheit frei lassen …

An vielen Stellen ist offensichtlich, dass der Vari-Mu als Bus- und Summenkompressor ausgelegt ist. Die beiden großen VU-Anzeigeinstrumente (die leider ausschließlich die Pegelreduktion abbilden können) sind so skaliert, dass die Hälfte des Nadelweges für die ersten 4 dB Pegelreduktion reserviert sind. Somit ist der fürs Mastering wichtige Bereich besonders fein aufgelöst. Zwar verfügt jeder Kanal über einen vollständigen eigenen Satz an Bedienelementen (ein echter Dual-Mono-Betrieb ist also möglich), jedoch steht für beide Kanäle ebenso ein gemeinsames Dual-Input-Poti zur Verfügung, sodass man die Feineinstellung der Pegelreduktion auch einhändig vornehmen kann. Das Gerät kann als Kompressor (1,5:1) und als Limiter (4:1) arbeiten, wobei für Vari-Mu-Kompressoren typisch ist, dass die Kompressionsrate bei stärkerer Pegelreduktion zunimmt. So kann die Kompressionsrate bei mehr als 12 dB Pegelreduktion bis zu 20:1 betragen. Mit Ansprechzeiten von 25–70 ms und Rückstellzeiten von 0,2–8 s liegt der Vari-Mu im eher gemütlichen Bereich. Absolut knalliges Transienten-Modeling ist somit nicht möglich, aber für die Summenbearbeitung sind diese Regelbereiche absolut sinnvoll gewählt. In der Standardversion verfügt lediglich Release (hier: Recovery) über Drehschalter, gegen Aufpreis ist jedoch eine Mastering- Version erhältlich, die komplett mit Grayhill- Drehschaltern ausgestattet ist. Weitere werksseitig angebotene Modifikation umfassen ein Hochpassfilter für den Sidechain-Weg sowie eine integrierte M/S-Matrix.


Auch Peter Lyman, Produzent von Weezer, Fall Out Boy, Black Rebel Motorcycle Club, Chris Stapleton und einigen anderen Künstlern auf Weltniveau, vertraute bereits auf das Vorgängermodell Variable Mu.


Im Betrieb

„Cremig”, „dick” und „fett” sind die Attribute, die einem ziemlich schnell in den Sinn kommen. Ganz klar gehört der Vari-Mu nicht zu den klanglich transparentesten Vertretern seiner Zunft, aber augenscheinlich will er das auch gar nicht sein. Glänzen kann er in Anwendungen, in denen Audiospuren einen klanglichen Zusammenhalt benötigen; so zaubert der Vari-Mu beispielsweise eine flauschigweiche Fülle auf die Subgruppe mit den R&BBackground-Chören. Übermäßige Schärfe verwandelt sich in etwas sanftere Kontur. Auf der Stereosumme hilft der Vari-Mu, die Attacks von Bass und Bassdrum herauszuarbeiten – ein satter, in sich selbst ruhender Punch ohne übermäßige Aggressivität ist die Folge. Zumindest gilt dies für den Betrieb im Kompressor-Modus, in der Limiter-Einstellung packt der Vari-Mu auch härter zu, dann ist es auch etwas schwieriger, den „Sweet Spot” der besten Einstellung zu finden. Generell kann der Vari-Mu auch sehr elektronisch- frickeliges Klangmaterial gut in Form fassen, richtig zu glänzen scheint er jedoch vor allem auf (überwiegend) mikrofoniertem Klangmaterial mit vielen „echten” Instrumenten. Hier sorgt der Vari-Mu für einen im positiven Sinne kompakten Klang, dem eine gewisse Leichtigkeit dennoch erhalten bleibt.


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Sound&Recording Ausgabe 05/16

Songwriting Special

Diese Ausgabe widmet sich dem Thema Songwriting per App! Wir stellen euch iOS-Tools vor, die eure Kreativität beim Songwriting unterstützen und zeigen euch iOS-Hardware die umfangreiche, mobile Recording-Lösungen anbieten, wie Motive von Shure, die Lurssen Mastering Console und Lightning-Interfaces und –Mikrofone sowie Software. Eine Band die weiß wie man Songs schreibt sind AnnenMayKantereit. Mit ihrem Debüt-Album „Alles nix Konkretes“, das von Moses Schneider produziert wurde, schafften die Kölner-Jungs auf Anhieb den Sprung auf die #1 der deutschen Single Charts. Den Studio-Report findet ihr im Heft. Außerdem waren wir in Chino, USA in der Edel-Maufaktur bei Manley Labs zu Gast. Den dort hergestellten Channelstrip Manley Core haben wir für euch im Test. Für die Mixpraxis spricht Illangelo Montagnese über die Produktion mit The Weeknd und in De/Constructed zerlegt Henning Verlage King Kunta von Kendrick Lamar.

Getestet haben wir das Roli Seaboard Rise 25, das „Volksbändchen“ sE Electronics X1R und in Love The Machines gibt´s den Klassiker Roland JP-8000.

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Fazit

Kompressoren, die nach dem Vari-Mu-Prinzip arbeiten, waren nie ganz billig, und sie werden es nie sein. Obwohl der Signalweg selbst schön einfach gehalten werden kann, ist solch eine Schaltung keine triviale Aufgabe für einen Hersteller. Lässt man einmal die Vintage-Geräte außen vor und konzentriert den Blick auf die aktuell angebotenen Vari-Mu-Geräte (neben Manley haben etwa auch Pendulum Audio oder Thermionic Culture Geräte im Angebot), so steht der Manley- Kompressor preislich ganz gut da. Entscheidender dürfte jedoch die Frage nach dem klanglichen Nutzen sein:Wer nicht nach dem letzten Quäntchen Klangtransparenz strebt, der findet hier ein hervorragend ausgestattetes und hochwertig hergestelltes Sound-Werkzeug, das seine klanglichen Vorzüge in vielen Situationen ausspielen kann.

Hersteller/Vertrieb:
Manley / Audio Import

UvP (Stand Juli 2006):
ca. € 3.800
Mastering-Version ca. € 5.520

www.manley.com
www.audio-import.de


Vari-Mu

Heutzutage werden viele Geräte als „Röhrenkompressor“ bezeichnet, die eigentlich mit transistorisierter VCA-Technologie funktionieren und eine Röhre lediglich als zusätzliches Verstärkungselement in der Ein- oder Ausgangsstufe einsetzen. Ein „echter“ Röhrenkompressor nutzt die Röhrentechnik jedoch im Kompressionsglied selbst.

Zum Einsatz kommt in der Regel eine Trioden-Röhre, bei der der Elektronenfluss zwischen Kathode und Anode durch ein Drahtgeflecht („Gitter“ genannt) reguliert werden kann. Liegt am Gitter eine im Vergleich zur Elektronen emittierenden Kathode negative Spannung an, so wird der Elektronenfluss zur Anode bzw. der Verstärkungsfaktor der Röhre geringer. Der Trick liegt nun darin, dass man die Gitterspannung nicht etwa (wie bei einem gewöhnlichen Verstärker) mit einem manuell bedienbaren Potentiometer verändert, sondern das Audiosignal selbst die Gitterspannung modulieren lässt. Mit folgendem Effekt: Wird das Eingangssignal lauter, so werden am Gitter mehr Elektronen abgefangen, also verringert sich der Verstärkungsfaktor der Röhre – es findet Kompression statt.

Den Verstärkungsfaktor der Röhre nennt man „Mu“, insofern beschreibt der Name „Vari-Mu“ – oder physikalisch korrekt „Delta-Mu“ (der griechische Buchstabe Delta steht für Veränderung) – das Arbeitsprinzip eines solchen Kompressors. Obwohl durch die Hochspannung, die in Röhrenschaltungen notwendig ist, ein gewisser technischer Aufwand getrieben werden muss, haben Vari-Mu-Kompressoren den Vorteil, dass der Signalfluss selbst sehr einfach gehalten werden kann. Der wohl berühmteste Vari-Mu-Kompressor ist der Fairchild 670, andere klassische Vertreter dieser Gattung sind der RCA BA6A

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  1. Pete Lyman mastert mit Manley Variable Mu › SOUND & RECORDING

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