Wie auf Wolken

Manley Nu Mu Röhrenkompressor im Test

(Bild: Dr.Andreas Hau)

Um keine falschen Hoffnungen aufkeimen zu lassen: Erschwinglich heißt nicht billig! Mit einem Straßenpreis knapp unter 3.000 Euro ist der Nu Mu kein Impulskauf. Die Verarbeitung ist aber Manley-typisch auf höchstem Niveau. Was den Nu Mu vom − weiterhin erhältlichen−Variable Mu unterscheidet, ist ein weniger puristisches Konzept. Beispielsweise arbeitet der Nu Mu mit einem »neumodischen« Schaltnetzteil, das bedeutend günstiger zu fertigen ist als ein konventionelles lineares Netzteil, weniger Platz beansprucht und nebenbei auch Energie spart.


Konzept

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Eben drum ist der Nu Mu ein überraschend kompaktes Kerlchen für ein Röhrengerät. Das 19-Zoll-Gehäuse mit zwei Höheneinheiten ist nur 18 cm tief und bringt knapp 4 kg auf die Waage. Und das, obwohl das Gehäuse aus solidem Stahlblech gefertigt ist. Die Aluminium Front misst satte 6,5 mm und kommt im Manley-typischen Blau-Grau, das je nach Lichteinwirkung lila schimmert. Gewicht und Maße des Nu Mu führen einem förmlich vor Augen, wie viel an einem konventionellen Röhrengerät das Netzteil ausmacht.

Was den Nu Mu vom Variable Mu unterscheidet, beschränkt sich indes nicht alleine auf die Stromversorgung. Der Nu Mu ist nur eingangsseitig mit Übertragern ausgestattet, die Ausgänge des Stereogeräts sind elektronisch symmetriert, und zwar − Röhrenpuristen müssen jetzt tapfer sein − mit Halbleiterelektronik!

Das muss kein fauler Kompromiss sein, sofern die transistorisierte Ausgangsstufe wirklich sauber arbeitet und den Sound der vorgelagerten Röhrenelektronik unangetastet lässt. Genau das scheint hier der Fall zu sein. Geblieben ist das Kernstück des Variable Mu, die Röhrenkompression. Stammleser werden sich erinnern, dass wir erst vor wenigen Monaten den Manley ELOP+ getestet haben (s. S&R 12/2016), der ja ebenfalls mit Röhrenelektronik arbeitet. Dennoch handelt es sich beim ELOP+ nicht um einen Röhrenkompressor im eigentlichen Sinn, denn die Pegelkontrolle geschieht passiv über einen Optokoppler; die Röhrenelektronik dient lediglich als Aufholverstärker, um den Pegelverlust aus – zugleichen. Ganz anders beim Nu Mu: Hier werden spezielle »Remote Cutoff«-Röhren als Regelelemente eingesetzt, d. h., die Röhre selbst macht die Kompression, indem ihr Verstärkungsfaktor (Mm) manipuliert wird, und zwar abhängig vom Eingangssignal. Damit steht der Nu Mu in der Tradition ganz früher Kompressorkonzepte wie dem legendären Fairchild 670.

Typisch Manley: Die Bedienelemente für beide Kanäle sind spiegelbildlich angeordnet. (Bild: Dr. Andreas Hau)

Von Knien und Hüften

Geregelt wird der Nu Mu über ein relativ konventionelles Reglerset: Threshold bestimmt den Einsatzpunkt der Kompression, die − typisch für das Vari-Mu-Funktionsprinzip − mit einem sehr weichen Knie arbeitet. Das Kompressionsverhältnis beträgt 3:1 bzw. 12:1 im Limiter-Modus. Letzteren sollte man eher als starke Kompression verstehen, denn richtig dichtmachen wie ein Brickwall-Limiter kann ein solcher Röhrenkompressor nicht. Dafür sind die Regelzeiten zu langsam. Der Attack lässt sich stufenlos regeln, die Release (hier »Recovery« genannt) bestimmt ein Drehschalter mit fünf Positionen. Die Regelzeiten sind nicht ohne Weiteres in Zahlen zu fassen, da der Nu Mu auf den ersten Metern recht flott agiert, dann aber immer langsamer wird.

Das Manual gibt daher Werte für 63 % und 90 % Gain-Reduction bzw. Recovery an, die man am einfachsten ignoriert. Es genügt zu wissen, dass selbst die schnellsten Settings noch recht gemütlich sind. Attack und Release sollte man schlicht nach Geschmack einstellen bzw. so, dass die Gain-Reduction-Zeiger im Takt der Musik hüpfen. Den Rest macht das Gerät quasi von alleine, denn wie seine Vintage-Vorfahren arbeitet auch der Nu Mu mit Feedback-Regelung, d.h., der Detektorzweig betrachtet nicht das Eingangssignal, sondern das bereits geregelte Ausgangssignal. Er muss also nur nachregeln. Ganz wichtig ist der Input-Level-Schalter (−3 dB / 0 dB / +3 dB), mit dem sich das Eingangspegel anpassen lässt.

Für den Einsatz auf der Stereosumme wird man meist die −3-dB-Position wählen, während man für Einzelsignale eher +3 dB wählen wird. Außer für Busse und die Stereosumme verwendet man Vari-Mu-Kompressoren nämlich auch gerne als Leveler, insbesondere für Vocals. Wie schon beim zuletzt getesteten ELOP+ sind auch bei diesem Manley-Gerät die Bedienelemente für beide Kanäle spiegelbildlich angeordnet. Leider, denn intuitiv greift man häufig zum falschen Knopf. Das menschliche Gehirn, jedenfalls meines, merkt sich eben leichter rechts/links als innen/außen liegend. Weiter verkompliziert wird die Sache dadurch, dass die drei beleuchteten Druckschalter links und rechts des großen VU-Meters unterschiedlich belegt sind.

Der Nu Mu kann deshalb auch nur bedingt dual mono eingesetzt werden, da alle Settings der Drucktaster für beide Kanäle gemeinsam gelten. Auf der linken Seite liegen die Standards: Compressor/Limiter-Modus, Bypass und Stereoverkoppelung; auf der rechten Seite liegen Zusatzfunktionen: Hip, Meter-Umschaltung von Ausgangspegel auf Gain-Reduction so wie Sidechain-Hochpass. Letztere Funktion dürfte inzwischen bekannt sein: Durch Beschneiden der Bässe im Detektorzweig spricht die Kompression weniger stark auf die energiereichen Bassanteile an, was dem berüchtigten (manch – mal auch gewollten) Kompressor-Pumpen entgegenwirkt.

Unüblich ist dagegen die Hip-Funktion. »Hip« steht hier weder für Babynahrung noch für »neu und cool«, sondern für »Hüfte«, und zwar bezogen auf die Kompressionskurve. Anatomisch durchaus fragwürdig, wird aus dem Kompressions-Knie eine Kompressions Hüfte, d. h. der Nu Mu verdichtet nur die mittleren Signalpegel und lässt höhere Pegel unkomprimiert passieren. Das Ergebnis ist eine sehr musikalisch wirkende Verdichtung, die Transienten und Spieldynamik weitgehend erhält.

Aufbau

Wie angesprochen, arbeiten die Eingänge trafosymmetrisch. Es kommen recht kräftige Line-Übertrager zum Einsatz, die Manley selbst fertigt und zum Schutz vor elektromagnetischen Einstreuungen in Metall kapselt. Die Röhrenbestückung besteht aus einem Paar selektierten 6BA6-Kleinsignal-Pentoden pro Kanal. Die im Testgerät verbauten Röhren sind aus russischer Fertigung und tragen den Manley-Schriftzug. Laut Hersteller halten sie etwa 5.000 bis 6.000 Betriebsstunden; Ersatzröhren sollte man möglichst über Manley beziehen, denn die beiden Röhren bilden einen Differenzverstärker und sollten daher paarweise gematcht sein.

Dank Schaltnetzteil ist der Manley Nu Mu ist ein recht kompaktes Gerät. (Bild: Dr.Andreas Hau)

Die Ausgangsstufe ist, wie angesprochen, in Halbleitertechnik aufgebaut. Manley spricht im Manual von einer diskreten FET-Schaltung. Tatsächlich konnte ich im Innern nur vier einzelne Transistoren ausfindig machen. Zwischen den beiden Kanälen befindet sich außerdem ein IC-Opamp. Dieser dürfte Teil des Signalwegs sein, denn es handelt sich um einen recht teuren Edel-Opamp vom Typ LM4562, den man kaum für niedere Aufgaben verwenden würde. Die Ausgänge sind übrigens impedanzsymmetrisch, d. h., nur Pin 2 der Ausgangsbuchse trägt das Signal, während Pin 3 der XLR-Buchse mit gleicher Impedanz zur Masse kontaktiert ist. Früher nannte man das abschätzig »pseudosymmetrisch«. Tatsächlich verbindet diese Schaltungsart aber die Störunempfindlichkeit eines symmetrischen Ausgangs mit dem angenehmen, K2-lastigen Klirrverhalten einer Single-Ended-Ausgangsstufe.

Ein- und Ausgänge als professionelle XLR-Steckverbinder; ein Insert-Punkt gestattet Zugang zum Sidechain. (Bild: Dr.Andreas Hau)

Praxis

Der Nu Mu ist ein Gerät, das schlichtweg Klasse ausstrahlt. Ich muss zugeben, bislang kein großer Freund von Hybridschaltungen gewesen zu sein, aber der Nu Mu hat einen Charme, dem man sich schwerlich widersetzen kann. Nicht selten hat man bei Hybridgeräten das Gefühl, dass die Röhren nur als Geschmacksverstärker für einen eher leb – losen Grundsound dienen. Beim Erstkontakt können solche Geräte mitunter beeindruckend klingen, doch nach und nach stellt sich Ernüchterung ein: zu viel Blendwerk, zu wenig echte Substanz. Völlig anders beim Nu Mu: Anfangs war ich eher wenig beeindruckt.

Die Gain-Regelung übernimmt pro Kanal ein Paar 6BA6-Pentoden aus russischer Fertigung. (Bild: Dr.Andreas Hau)

Ich schraubte und schraubte, aber irgendwie schien das Ergebnis weder lauter noch druckvoller zu werden. Das ist für dieses Gerät auch die falsche Erwartungshaltung; die Qualitäten liegen anderswo. Der Aha-Moment kam, als ich den Bypass-Schalter drückte: Plötzlich hatte ich den Eindruck, jemand hätte die Luft aus meinem Mix rausgelassen! Schnell wieder anschalten! Der Manley Nu Mu offenbart seine Qualitäten erst allmählich, doch dann macht er geradezu süchtig. Es ist ein subtiles Gerät. Man muss mit den Einstellungen experimentieren, insbesondere mit dem Threshold und dem Eingangspegel. Gerade was den letzteren Punkt angeht, hat der Nu Mu einen relativ engen Sweet Spot. Geht man mit zu viel Pegel rein, agiert das Gerät statisch; man sollte immer schauen, dass die Gain-ReductionMeter gymnastisch in Bewegung bleiben.

Die Eingänge sind trafosymmetriert. Die fetten Line-Übertrager fertigt Manley selbst.

Der Klangformung des Nu Mu sehr zuträglich ist die Hip-Funktion, die den Mix dynamisch zusammenführt, ohne die Transienten zu plätten. Davon profitieren nicht zuletzt audiophil orientierte Produktionen, bei denen es nicht um maximale Lautheit geht, sondern um einen transparenten, dynamischen Sound, der dennoch kohärent wirkt. Richtig eingestellt, hat man den Eindruck, dass der Nu Mu den Signalen Luft zufächelt; das gesamte Klangbild gewinnt an Leichtigkeit und Zusammenhalt. Dazu kommt eine subtile, sehr edle Klangfärbung. Trotz transistorisierter Ausgangsstufe klingt der Nu Mu ohne Frage wie ein echter Manley: elegant und weich, aber gleichzeitig kraftvoll; die Röhren-Klangfärbung wirkt niemals plakativ aufgesetzt, sondern verschmilzt organisch mit dem Gesamtsound. Dabei ist die technische Performance über jeden Zweifel erhaben; man braucht also keine Angst zu haben, den klanglichen Gewinn mit erhöhtem Rauschen oder Einbußen an Brillanz und Druck zu erkaufen.

Fazit

Der Manley Nu Mu ist ein großartiges, sehr hochwertiges Gerät. Man sollte sich aber im Klaren sein, worauf man sich einlässt, denn der Nu Mu ist eher ein Klangformer und -veredler als Kompressor im üblichen Sinn. Lautmachen ist nicht sein Metier; wer den ultimativen In-Your-Face-Pop-Schmiss sucht, ist mit einem SSL Buss Compressor (bzw. dessen Clones) besser bedient. Der Manley Nu Mu ist ein ganz anderer Film: Weiche Transparenz und eine edle Klangfärbung mit subtilem Röhrencharakter stehen hier im Vordergrund. Verdichten kann er durchaus, aber eher im dynamischen Mittelfeld; die Transienten bleiben weitgehend unbeschnitten, was zwar den Lautheitsgewinn begrenzt, dem Klangbild aber eine entspannte Offenheit verleiht. Empfehlenswert erscheint mir der Nu Mu vor allem für akustische Musik: unplugged Sessions, Jazz, Folk, aber auch für vintage orientierten Pop und betont audiophile Aufnahmen. Kurzum, der Nu Mu ist ein Gerät für »the rest of us«, die Klangschönheit wichtiger nehmen als brachiale Lautheit.



+++ transparenter, offener Klang
+++ Hip-Funktion
+++ hochwertige Verarbeitung
– Dual-Mono-Betrieb nur bedingt möglich

Nu Mu Hersteller/Vertrieb Manley Labs/S.E.A Vertrieb
UvP/Straßenpreis 3.450,− Euro / ca. 2.900,− Euro
www.sea-vertrieb.de

 

 

 

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