Mastering-Equalizer in Röhrentechnik

Im Test: Tube-Tech by Lydkraft HLT 2AM

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Für manches braucht man grobes Werkzeug, für andere Aufgaben ein chirurgisches Besteck. Und dann gibt es Situationen, in denen man ganz behutsam globale Veränderungen herbeiführen möchte, ohne das Gesamtbild zu verzerren. Und genau dafür hat der dänische Hersteller Lydkraft nun das geeignete Spezialwerkzeug entwickelt: Den Tube-Tech HLT 2AM Stereo-Röhren-EQ mit »Tilt«-Funktion.

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Beim Auspacken überrascht der Tube-Tech HLT 2AM Equalizer gleich zweimal. Zunächst durch seine kompakten Maße, denn das Gehäuse ist nur rund 12 cm tief (allerdings ragt der dicke Netztrafo gut 4 cm aus der Rückseite). Hebt man das Gerät dann aus dem Karton, erstaunt das satte Gewicht von 4,5 kg. Der nordische Kraftbolzen kommt natürlich im bewährten Tube-Tech-Design: blaue Frontplatte mit weißer Beschriftung. Die schwarzen Vintage-Knöpfe und die rote Pilot-Lamp sind schon die einzige optische »Extravaganz«; ansonsten gibt sich das Gerät völlig schnörkellos. Dänisches Understatement.

Viel drin 

Auch in technischer Hinsicht ist der Tube-Tech HLT 2AM ein typisches Tube-Tech-Gerät. Der Signalweg arbeitet vollständig röhrenbasiert; Halbleitertechnik kommt lediglich im Netzteil zum Einsatz. Diese Design-Philosophie verfolgt John G. Petersen, der die Firma bis heute leitet, konsequent, seit er Mitte der Achtziger die ersten Tube-Tech-Geräte entwickelte. Damit gehört er zu den Pionieren des Röhren-Revivals.

Zurück in die Gegenwart: Der HLT 2AM hat zwar nur ein Set Bedienelemente, ist aber ein Stereogerät. Umso erstaunlicher ist, wie aufgeräumt das Innenleben wirkt, obwohl eine ganze Menge Bauelemente in diesem Kompaktgehäuse untergebracht sind, u. a. zwei Eingangsübertrager vom schwedischen Hersteller Lundahl und zwei dicke Ausgangsübertrager, die Tube-Tech sich von einem Hersteller aus der Region eigens anfertigen lässt. Die Röhrenelektronik besteht aus je zwei ECC83 und einer ECC82 pro Kanal. Beides sind Doppeltrioden aus aktueller Produktion, die auch in Gitarrenverstärkern Verwendung finden und daher auf absehbare Zeit weiter verfügbar bleiben werden.

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Raumwunder: Im nur 12 cm tiefen Gehäuse befinden sich vier Audioübertrager und sechs Doppeltriodenröhren. Der Netztrafo ist außen angeflanscht.

Was bin ich?

Der HLT 2AM ist kein gewöhnlicher Equalizer. Nicht bloß, weil er in feinster Vollröhrentechnik aufgebaut ist, sondern auch aufgrund seiner einzigartigen Regelmöglichkeiten. Zentrale Bedeutung kommt dem Tilt-Filter zu, das hier − vermutlich aus markenrechtlichen Gründen − als »T-Filter« bezeichnet wird. Das englische Verb »tilt« heißt so viel wie »kippen«. Und genau das tut dieses Filter, es arbeitet wie eine Wippe, mit der sich der Frequenzgang als Ganzes kippen lässt. Um einen wählbaren Mittelpunkt (500 Hz, 1 kHz oder 2 kHz) wird die Energieverteilung verschoben. Bei Rechtsdrehung gewinnen die oberen Frequenzen, während die unteren in (fast) identischem Maße zurückgenommen werden. Bei Linksdrehung werden umgekehrt die tiefen Anteile betont, während die hohen zurückgefahren werden. Zu den Extremstellungen hin »biegt« sich die Wippe zunehmend durch: Einer Absenkung um 7,5 dB steht auf der jeweils anderen Seite des Klangspektrums eine Anhebung um 4 dB gegenüber. Dadurch sollen wohl Überbetonungen vermieden werden.

Zusätzlich stehen sehr weich eingreifende Low- und High-Shelving-Filter zur Verfügung, jeweils mit in weitem Umfang wählbarer Einsatzfrequenz (18, 37, 80, 180, 370 und 800 Hz bzw. 1, 2, 5, 10, 15,22 kHz). Abgerundet − im doppelten Wortsinn − werden die Bearbeitungsmöglichkeiten durch Low-Cutund High-Cut-Filter mit je sechs Schaltstufen (off und 18, 25,40, 60, 85 Hz bzw. 12, 15, 18 20, 25 kHz und off). Das Gerät besitzt sowohl einen globalen Bypass als auch separate Bypass-Schalter für High-Shelf, Low-Shelf und das T-Filter (letzterer deaktiviert auch den High-Cut).

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Die Röhrenelektronik besteht pro Kanal aus zwei ECC83 (= 12AX7) als Gain-Stufen und einer ECC82 (= 12AU7) als Ausgangstreiber. Eingang und Ausgang sind trafosymmetriert.

Bei unserem Testgerät handelt es sich um die Mastering-Version, die im Sinne einer exakten Reproduzierbarkeit und eines hundertprozentigen Stereo-Matchings mit Stufenschaltern statt Potis ausgestattet ist. Das betrifft die drei Regler mit »Chickenhead«- Zeigerknopf für Low-Shelving, High-Shelving und T-Filter. Außerdem wurde der Pegelhub der Shelving-Filter von ±12 dB auf ±7 dB reduziert, um in dem fürs Mastering relevanten Bereich hoch präzise arbeiten zu können. Es kommen hochwertige und sehr teure Drehschalter mit 23 Stufen zum Einsatz. Die Mastering-Version ist daher gut 1.300,− Euro teurer als die »normale« Version HLT 2A (ohne M) für nicht ganz so superkritische Anwendungen.

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Klang und Anwendung

Gerade junge Anwender assoziieren mit Röhrentechnik ein etwas schmutziges Klangbild mit dem gewissen Crunch: Der Big Fat Tube Sound. So hat es uns die Werbung beigebracht. Das ist aber nicht der Tube-Tech-Sound. John G. Petersen orientiert sich am Klangverhalten, das man zur Blüte der Röhrentechnik Ende der 50er- und 60er-Jahre kultivierte. Damals ging es schlicht um bestmögliche Audio-Performance. Eigentlich genau wie in der heutigen Studiotechnik, nur dass die Röhrentechnik gewisse Beschränkungen auferlege, die es den Entwicklern unmöglich machte, allzu weit übers Ziel hinaus zu schießen. Oder umgekehrt, es sich allzu leicht zu machen, weil man darauf baut, dass massive Gegenkopplung irgendwelche Klangartefakte schon glattbügeln wird. Bei Tube-Tech geht es um eine andere, aufwendigere Form von Perfektion. Es geht um den ungebügelten Big Fat Clean Sound, der sich einstellt, wenn ein durchdachtes Schaltungsdesign mit erstklassigen Bauteilen verwirklicht wird.

In Zahlen belegt das der Testreport, der dem HLT 2AM beiliegt. Die Kenndaten, die das Testgerät locker einhält, sind durchaus beachtlich: Die obere Grenzfrequenz (−3 dB) liegt bei über 55 kHz (gemessen: 68 kHz), die harmonischen Verzerrungen sind mit <0,1 % spezifiziert (gemessen: 0,045 % bei 0 dBu und 0,03 % bei 10 dBu). Das sind außerordentlich niedrige Werte für ein Röhrengerät, zumal sie bei 40 Hz gemessen wurden − quasi als Worst-Case-Szenario für ein Gerät mit Übertragern, denn die geraten bei tiefen Frequenzen zuerst in die magnetische Sättigung. Der maximale Ausgangspegel (max. 1 % THD) beträgt satte +27 dBu. Somit bietet der HLT 2AM mehr Headroom als die allermeisten Transistor-Studiogeräte! Auch Rauschen ist kein Thema.

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Sein Feature-Set mit breitbandigen Shelving-Filtern und T(ilt)-Filter, feinfühlig regelbar über 23-stufige Schalter, prädestiniert den HLT 2AM für Mastering-Anwendungen.

Entsprechend sauber fügt sich der HLT 2AM in die Signalkette ein. Selbst mit sehr pegelstarken DA-Wandlern braucht man keine Angst zu haben, den Tube-Tech-EQ zu »überfahren«. Besonders glücklich bin ich, dass wir das Gerät in der Mastering-Version testen durften, denn das ist der Anwendungsbereich, in dem es besonders glänzen kann. Für bewusste Klangverbiegungen greifen die Filter etwas weich. Was der HLT 2AM macht, beschreibt das deutsche Wort für Equalizer am besten: Er ist ein Entzerrer.

So mancher Mix hat − oft aufgrund mangelhafter Abhörbedingungen − eine insgesamt zu bass- oder höhenlastige Energieverteilung. Mit dem HLT 2AM lässt sich das buchstäblich im Handumdrehen korrigieren. Daher ist es gar keine schlechte Idee, den Tube-Tech TiltEQ ganz vorne in der Mastering-Kette einzusetzen. Denn so manches Herumdoktern er- übrigt sich, nachdem man die Energieverteilung insgesamt optimiert hat. Außer zur Fehlerkorrektur eignet sich die Tilt-Funktion auch bestens, um alte Aufnahmen von ihrer Patina zu befreien bzw. den jeweiligen Zeitgeschmack etwas auszugleichen.

Viele Aufnahmen aus den 70ern empfindet man heute als stumpf und topfig. Es war halt die Zeit der akustisch »toten« Aufnahmeräume. Mit einer beherzten Rechtsdrehung des Tilt-Stufenschalters lässt sich ein natürlicheres Klangbild erreichen, das den heutigen Klangvorstellungen näher kommt. Umgekehrt verhält es sich bei vielen Aufnahmen aus der zweiten Hälfte der 1980er. Schon damals versuchte man, höhere Lautheit zu erreichen. Da damals das Radio das entscheidende Schlachtfeld darstellte, wurden die oberen Frequenzen über Gebühr betont, um mit einem möglichst knalligen »lauten« Sound aufzufallen. Für heutige Ohren klingt das unangenehm schrill und flach. Diesmal also eine Linksdrehung des Tilt-Knopfes, und schon klingt das Ganze viel angenehmer. Naja, bis auf den übertriebenen 80er-Jahre-Hall.

Die Shelving-Filter leisten sehr gute Dienste, um die Gesamtbalance noch ein wenig zu verfeinern. Der Low-Shelf hilft, älteren Aufnahmen ein zeitgemäßes Low-End zu verpassen oder auch aktuelle Produktionen ein wenig zu zügeln, wenn der Bass mal wieder den Sänger erschlägt. Im Kernbereich arbeiten die Shelving-Filter mit halben Dezibelschritten; das sollte selbst für kritische Anwendungen genügen. Der High-Shelf klingt wunderbar weich und macht sehr schön »Luft« obenrum. Besonders gefällt mir die 22-kHz-Stellung, die das Klangbild auf edle Weise öffnet.

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No frills: Ein- und Ausgänge als Neutrik-XLR-Steckverbinder. Sonst nichts.

Den High-Cut wird man seltener benötigen, außer vielleicht zum Gegensteuern, wenn man den Tilt-Regler sehr weit aufdreht. Der Low-Cut leistet gute Dienste, um den Bassbereich dezent zu entschlacken. Bemerkenswert ist, wie artefaktarm der Low-Cut arbeitet. Überhaupt klingt der Tube-Tech-EQ sehr transparent. Man merkt dem Audiosignal überhaupt nicht an, dass es bearbeitet wurde. Es klingt nie nach EQ, und man hat auch nie das Gefühl, einen Kompromiss ein gehen zu müssen. Insofern war der Bypass nie lange aktiviert, denn das bearbeitete Signal klang stets besser als das Ausgangsmaterial.

Fazit

Der Tube-Tech HLT 2AM ist ein Mastering-Equalizer auf höchstem Niveau. Dass er vollständig in Röhrentechnik gefertigt ist, gerät fast zur Nebensache. Denn bei Tube-Tech geht es nicht um Distortion-Artefakte oder Lo-Fi, sondern um einen geschmackvollen, transparenten, hochklassigen Sound. Dieses Klangideal prädestiniert diesen EQ für den Mastering-Einsatz. Natürlich aber auch seine besondere Ausstattung: Das Tilt-Filter ermöglicht es, die Gesamtbalance nachzujustieren − bei Bedarf sogar in dramatischem Umfang −, ohne dass das Ergebnis »bearbeitet« klingt. Die Pegelverhältnisse bleiben intakt; es wird lediglich die Energieverteilung insgesamt korrigiert. Die zusätzlichen Shelving-Filter eignen sich ausgezeichnet für ein weitergehendes Sweetening, denn sie arbeiten butterweich und behutsam. Die Cut-Filter greifen für chirurgische Eingriffe etwas zu weich; für sanftes Gegensteuern eignen sie sich jedoch gut, da sie den Klang im Passband nicht hörbar beeinträchtigen.

Ein so exquisites, noch dazu recht exotisches Studiogerät kann natürlich nicht ganz billig sein. Gemessen an der hohen Klangund Verarbeitungsqualität ist der Preis von 5.177,− Euro (UvP) für die Mastering-Version jedoch gerechtfertigt. Die »normale« Version ohne angehängtes »M« im Namen ist für 3.749,− Euro erhältlich.


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+++ hohe Klangtransparenz

+++ ausgezeichnete Verarbeitung

+++ sehr gute technische Werte (inkl. Messprotokoll)

++ Regelmöglichkeiten

++ eigenständiges Konzept

Tube-Tech HLT 2AM

Hersteller/Vertrieb: Lydkraft/Audiowerk

UvP/Straßenpreis: 5.177,— Euro/ca. 4.800,— Euro

http://www.audiowerk.eu/home

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