Außen digital, innen analog

Focusrite Control 2802 Dual-Layer-Mischpult mit integriertem DAW-Controller im Test

Wirft man einen Blick auf vergangene Produktankündigungen im Segment der Hybrid-Mixer, ist die Ähnlichkeit des Focusrite Control 2802 zum ASP 2802 von Audient nicht zu übersehen. Dieser Verdacht wird auch ganz offiziell auf der Firmenwebsite durch die Bekanntgabe einer Zusammenarbeit bestätigt − im Grunde also das gleiche Produkt; nichtsdestotrotz höchstinteressant.

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(Bild: Dieter Stork, Archiv)

Was aber genau bedeutet nun Hybrid-Mixer? Im Falle des Testgerätes handelt es sich auf der einen Seite um ein traditionelles Mischpult mit analogen Ein- und Ausgängen sowie Monitor- und Talkback-Sektion, auf der anderen Seite dienen zahlreiche Bedienelemente durch die Dual-Layer-Technologie zur Steuerung und Signalrückführung der DAW. Zwischen beiden Ebenen kann man jederzeit wechseln. Das klingt doch vielversprechend, gerade in Zeiten, in denen Produktionen vermehrt »In-The-Box« mit nur ein paar Outboard-Spezialisten realisiert werden. Genau für diesen Fall ist das Control 2802 konzipiert.

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Für die angesprochene Signalrückführung ist, um Missverständnissen klar vorzubeugen, allerdings ein eigenständiges Audiointerface nötig, denn im Gegensatz zu einigen anderen Mischlingen nennt das Control 2802 keine AD/DA-Wandler sein Eigen.

Nun liegt es auf der Hand, sich aufgrund der Firmenkollaboration insbesondere das »Zen« von Audient ins Gedächtnis zu rufen. Grob betrachtet besitzt das Control 2802 weniger Eingangskanäle, nur zwei statt vier Aux-Sends und keine Subgruppen − der »kleine Bruder« des Zen sozusagen. Mit Maßen von 17 x 55 x 45 cm (H x T x B) ist es möglich, das Gerät mit optional erhältlichen Rackohren in einer 19-Zoll-Umgebung zu integrieren. Bei einem stationären Einbau ist jedoch darauf zu achten, dass die drei Lüftungsschlitze an der Vorderfront, der linken Seite sowie am oberen Geräteende nicht verdeckt werden.

Bis auf eine Miniklinkenbuchse, hier »I-Jack« genannt, befinden sich alle Anschlüsse rückseitig. Dort liegen acht diskret aufgebaute Class-A-Mikrofonvorverstärker, begleitet von ebenso vielen symmetrischen Line-Eingängen und Send/Return-Buchsen zum Einschleifen von Insert-Effekten. DAW-Mix, DAW-Foldback und External-Input sind als weitere XLR-Pärchen vorhanden.

Acht Mal Mic/Line, acht DAW-Inputs (per D-Sub) und acht Summing-Inputs … macht unter dem Strich 24 im Mix zu nutzende Kanäle. Woher kommt dann die »28«? Na klar, die beiden Stereo-FX-Returns sollte man nicht vergessen! Die Buchsen für Kopfhörer und externes Talkback-Mikrofon wären vielleicht schöner auf der Oberfläche platziert gewesen, zumal für letzteren Anschluss auch die Phantomspeisung nur sehr umständlich auf der Rückseite durch einen kleinen Schraubendreher zu aktivieren ist. Na gut, immerhin sind diese Features nicht dem Rotstift zum Opfer gefallen.


 

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Mixing-Sektion

Die Oberfläche teilt sich schon durch die unterschiedliche Material- und Farbgebung übersichtlich in den rein analogen Teil oben und den hybriden Teil unten ein.

In jedem der acht Kanalzüge lassen sich die 48-V-Phantomspeisung, ein Hochpassfilter bei 75 Hz sowie eine Phasenumkehrung hinzuschalten. Für die Mic-Vorverstärker steht je ein Gain-Poti mit einem Regelbereich von +6 bis +60 dB bereit.

Ein recht umfangreiches Routing-Feld für die Direct-Outputs ist ebenso vorhanden. Zwei Schalter ermöglichen vier Konfigurationen: »Post-Fader«, »Pre-Insert/Post-Trim«, »Input/ Pre-Trim« und »Pre-Fader/Post-Insert«.

Egal ob man den Signalpegel während der Aufnahme fahren, mit den Fadern einen schnellen Monitor-Mix erstellen oder einen »Clean Feed« erhalten möchte − mit diesem Pult bleiben kaum Wünsche offen. Auch ein »Pseudo Inline«-Betrieb, wie es der Hersteller so schön nennt, ist somit möglich. Während Mic- oder Line-Signal hier direkt nach dem Vorverstärker ausgegeben werden, lässt sich das anliegende Signal mithilfe des Schalters »DAW« mit Hinterbandkontrolle auf dem großen Fader abhören.

In direkter Nähe zu dem DAW-Schalter befinden sich auch ein Schalter zum Einschleifen des Insert-Weges sowie ein mittengerastertes Trim-Poti, das hinter dem Eingangswahlschalter für Pegelanpassungen von ±15 dB sorgen kann.

Die Cue-Sektion darunter setzt sich aus einem Lautstärke- und einem Panorama-Poti zusammen. Der Abgriff lässt sich Pre- oder Post-Fader vornehmen, und der Schalter »Alt I/P« kann auch das vom DAW-Input stammende Signal dem Cue-Bus zuführen. Natürlich dürfen auch zwei Aux-Sends nicht fehlen, die aber leider nur global Pre-/Post- Fader zu schalten sind. Abgeschlossen wird die obere Hälfte des Kanalzuges mit dem Panoramaregler sowie dem »Mix«-Schalter, der den Kanal auf die Stereosumme schickt.

Die Mixing-Sektion bietet neun motorisierte 100-mm-ALPS-Fader, von denen einer die Stereosumme führt. Über jedem der Kanal – fader befinden sich hintergrundbeleuchtete Taster für Select, Cut und Solo. Das Metering wird von LED-Ketten mit zehn Segmenten übernommen, die global die Pegel der Eingangskanäle bzw. der Direktausgänge anzeigen.

Sehen wir uns überleitend zur Monitoring-Funktion die Bedienelemente rechts oben genauer an. Das Mischungsverhältnis des bereits angesprochenen »Summing Inputs« muss bereits extern festgelegt sein, da nur je ein Lautstärke- und Panorama-Poti für alle dort anliegenden Signale gemeinsam bereitsteht. Kein Grund zur Beanstandung, ist doch allein die Möglichkeit, vier weitere Stereo-Kanäle einzubetten, sehr begrüßenswert. Des Weiteren können diese Signale zu mono summiert und nicht nur auf den MixBus, sondern auch auf den Cue-Bus geschickt werden. Diese Taster und Potis sind identisch auch für die FX Returns 1 und 2 vorhanden − sehr simpel und übersichtlich!

Master / Monitoring

Direkt unter den FX-Returns geht es voll zur Sache. Denn neben dem Stereo-Bus kann man auch die Monitorquellen wie DAW-Mix, DAW-F/B, External, Aux 1 und 2 sowie I-Jack einzeln oder in beliebiger Kombination auf die Hauptabhöre oder auf die »Alternative Speaker«, für die ein dediziertes, mittengerastertes Lautstärke-Poti vorhanden ist, legen. Unter dem großen Volume-Regler sind ein Cut- und ein Dim-Schalter eingelassen. Die Pegelabsenkung für Letzteren ist frei zwischen 0 und 20 dB einzustellen. In unmittelbarer Nähe zum traditionellen Mono-Schalter macht besonders die optionale Phaseninvertierung des linken Lautsprechers eine gute Figur. Dadurch ist es ein Leichtes, etwa die Auswirkung von falsch verdrahteten Abhören oder bei zusätzlich aktiviertem Mono-Schalter das Differenzsignal zu überprüfen. Die Monokompatibilität ist auch durch die Schalter »Cut L« und »Cut R« bestens zu beurteilen, da diese nicht nur einen Kanal stummschalten, sondern einen summierten Mono-Mix auf dem Gegenüber wiedergeben und somit die akustische Interaktion zweier Lautsprecher umgehen. In dieser Monitoring-Sektion vermisst man nichts.

Überzeugend sind auch die Solo-Funktionen, denn neben AFL/PFL-Schaltung und Solo-in-Place befähigt der Drehregler »SoloIn-Front«, einzeln abgehörte Signale im Kontext zu den restlichen Elementen mit frei wählbarem Mischungsverhältnis zu beurteilen. Über »Solo Level« kann der Solo-Bus um ±10 dB angepasst werden.

Nicht nur die Farbgebung der Potis, sondern auch die Parametrisierung des StereoBus-Kompressors erinnert sehr an Klassiker von SSL. Während die Attack-Zeiten die für die G-Serie typischen Werte zwischen 1 und 30 ms aufweisen, wurde dem Release-Regler noch ein zusätzlicher Wert von 2,4 Sekunden spendiert. Volle sechs Abstufungen zwischen 1:1,2 und 20:1 hingegen bietet der Ratio-Drehknopf. Ein gern gesehenes Feature ist der Dry/Wet-Regler, der auch Parallelkompression komfortabel ermöglicht. Zudem kann der Kompressor durch den Schalter »Ext« vom Master-Bus befreit und mithilfe eines Stereo-Klinkenpaares frei gepatcht werden. Eine praktische Sache!

DAW-Controller

Für die DAW-Steuerung wird die Rückseite nicht etwa von einer MIDI-Schnittstelle, sondern von einer Cat-5e-Ethernet-Buchse geziert. Das bedeutet, dass man sich zwangsläufig mit den Netzwerkeinstellungen im Rechner auseinandersetzen muss. Die werksseitig eingestellte IP-Adresse führte im Test zwar zu Konflikten, jedoch lässt sich diese problemlos am Gerät konfigurieren. Focusrite bietet spezielle Installationshinweise für Logic, Pro Tools und Cubase als PDF zum Download an. In der jeweiligen DAW wird je eine Instanz zur Automation und als Control-Surface angezeigt, und sobald das Mackie HUI-Protokoll aktiviert ist, kann es auch schon losgehen. Nun kommt auch die Berührungsempfindlichkeit der Fader zum Tragen, und zusammen mit Bank- und Nudge-Tastern hat man auch große Mixing-Projekte gut im Griff.

Die Blicke rüber zum Computerbildschirm nehmen deutlich ab, denn das OLE-Display zeigt die Spurnamen und weitere Informationen gut lesbar an. Die vier Encoder darunter können je nach Modus die Steuerung von Panorama, Aux-Sends, Inserts oder Routing übernehmen. Wichtige Aktionen, wie beispielsweise vertikaler und horizontaler Zoom, Auswahl von Spur oder Region, sind ebenfalls komfortabel auszuführen.

Das einzige Manko in der Transportsektion ist das nicht fest verankerte Jog-Wheel, welches beim Auspacken von der Achse fiel, während des Betriebs aber sicher seine Arbeit verrichtet.

Die Fader-Automation klappt durch die Dual-Layer-Technologie tadellos, und der Wechsel zwischen analogem und digitalem Status verläuft reibungslos mit nur einem Knopfdruck. Sogar die MeterAnzeige kann die Pegel der DAW-Spuren übernehmen.

Analoger Mix im modernen DAW-Workflow. Als Controller, Mix- und Schaltzentrale ist das Control 2802 vor allem auf Anwendungen in Projektstudios zugeschnitten und ermöglicht das komfortable Steuern der Mix-Funktionen innerhalb der DAW. Gleichermaßen können die mit Motorfadern ausgestatteten analogen Kanalzüge per Automation in den DAW-Mix-integriert werden − das Beste aus analoger und digitaler Welt in einem Pult.

Fazit

Wirklich erstaunlich, wie viele Signalwege der Hersteller in so einem kompakten Gerät organisieren konnte, ohne sich dabei in Un- übersichtlichkeit zu verstricken. Mit Ausnahme des Jog-Wheels, das beim Transport schon mal von der Achse rutscht, liegt im Allgemeinen eine sehr gute Verarbeitung vor. Potis, Knöpfe und Fader besitzen eine hervorragende Haptik.

Die zahlreichen Analogeingänge, das flexible Monitoring und die Kontrolloptionen für die DAW machen das 2802 zu einem zeitgemäß gestalteten Allrounder: In Sachen Recording, Mixing und Monitoring stellt das Pult eine hervorragende Komplettlösung für Projektstudios dar.

Der Preis von etwa 3.500 Euro ist angesichts der ausgereiften Routing-Optionen und hochwertigen Qualität als sehr fair zu bewerten.

+++ zeitgemäßes Hybrid-Konzept

+++ frei zuweisbarer Bus-Kompressor

+++ sehr flexible Routing-Optionen

+++ umfangreiche DAW-Steuerung

−−− Jog-Wheel nicht fest verankert


 

Control 2802

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(Bild: Dieter Stork, Archiv)

Hersteller/Vertrieb

Focusrite/B4

UvP/Straßenpreis

3.999,− Euro / ca. 3.500,− Euro

www.focusrite.com / www.b4-distribution.com

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