Pattern-basierter Software-Sequenzer

FL Studio 6 XXL Box im Test

FL Studio ist für die Pattern-basierte Musikproduktion eine Komplett-Software, die kaum noch Wünsche offenlässt. Einige Highlights der XXL-Version machen das Programm nun auch für all diejenigen interessanter, die FL Studio bislang eher als Einsteiger-Software belächelt haben.fl-studio-6-xxl-box-titel

Die geballte Funktionsvielfalt des Programms versteckt sich hinter einer sehr einfachen und einsteigerfreundlichen Oberfläche. Ein Beispiel dafür wäre etwa der neue ENVELOPE CONTROLLER. Damit können Sie die Parameter eines Instruments oder Effekts durch komplexe Hüllkurven steuern. Mal eben die Verzerrung eines Sounds per Hüllkurve zu steuern oder zyklische Modulationen auf den Hall-Anteil zu legen ist damit kinderleicht.

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Endlich gibt es mit dem Instrument Direct- Wave einen professionellen Sampler in FL Studio, ebenso wie die Drum-Machine FPC. Ein EQ mit Morphing-Fähigkeiten und ein einfacher Video-Effekt-Generator sind die weiteren Highlights des neuen Updates. Falls Sie schon länger mit FL Studio arbeiten, müssen Sie das neue Update schon alleine aufgrund des überarbeiteten Mixers haben. Jeder Mixerkanal kann endlich individuell als Send konfiguriert werden und auch das Einstellen der Send-Lautstärke ist nun einfacher gelöst.

Installation

Die Installation der Software geht wie gewohnt sehr einfach und verzichtet auf Dongles und immer wieder neuen Challange/ Response-Kopierschutz. Auf einer CD befinden sich das Programm und eine kleine Auswahl an Samples. Zusätzlich gibt es eine DVD mit jeder Menge Samples im WAV-Format, die dort allerdings noch nicht für den Sampler DirectWave oder den integrierten Soundfont-Player aufbereitet sind. Um danach die aktuelle Version oder neue Samples zu installieren sowie die Online- FAQs zu durchforsten, müssen Sie sich auf der Internet-Seite registrieren. Hinweise dazu liefert das englischsprachige Handbuch allerdings nur in spärlicher Form.

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Beinahe jeder Parameter kann über den neuen Envelope-Controller gezielt kontrolliert werden.

DirectWave

Die große Neuerung im Instrumenten-Bereich der XXL-Edition ist der Sampler DirectWave. Er importiert EXS24-,Kontakt-, Battery- und Gigastudio-Programs, Soundfonts, ReCycle- Loops, sowie das Akai-S-5000-Format. Der direkte Import von Akai-S1000/S3000-CDs ist leider nicht möglich, ebenso fehlen dem Sampler einige HighEnd-Features wie etwa einfache Sound-Umschaltungen per MIDI-Note, Echtzeit-Timestretching oder Disk- Streaming bei langen Samples.

Mit zwei Filtern, drei Hüllkurven, vier LFOs, einer Modulationsmatrix mit 16 Slots und einer umfangreichen Effektsektion bekommen Sie ausreichend Möglichkeiten, Multisamples in jede gewünschte Richtung zu verbiegen. Über die Modulationsmatrix sind auch erweiterte Parameter, wie etwa die Verschiebung des Sample-Startpunkts, Effektparameter oder Hüllkurvenzeiten, zugänglich. Jedes importiere Sample kann eigene Parameter besitzen, natürlich können Sie auch die Klangparameter aller Samples auf einmal editieren. Wünschenswert wäre noch die Gruppenbildung für das Editieren einer bestimmten Auswahl der geladenen Samples. Mit den passenden Samples unter der Haube ist DirectWave durch die flexiblen Klangformungsmöglichkeiten auch ein sehr guter Allround-Synthesizer – für den Demo-Song auf der Sound&Recording-CD habe ich den Sampler ausgiebig eingesetzt.

Dennoch gibt es momentan noch einige Macken. So fehlen dem Sampler Tastaturkommandos, Crossfade-Loops und erweiterte Sample-Bearbeitungen im Sample-Editor. Die kleine Darstellung der Tastaturzonen lässt sich nicht vergrößern, und beim Einladen eines Fremdformates müssen Sie unbedingt daran denken, den Sound vor dem Beenden von FL Studio im DirectWave- Format abzuspeichern. Ansonsten findet DirectWave die Samples beim nächsten Öffnen des Songs nicht wieder. Alles in allem sind das kleine Macken, die sich mit einem Update beseitigen lassen sollten. Ansonsten zählt unterm Strich natürlich der Sound, und da gibt’s nix zu meckern. In naher Zukunft soll es den Sampler übrigens auch als VST-Instrument geben.

EQUO

Ein weiteres Highlight der neuen Version ist der neue Grafik-Equalizer EQUO. Zum einen klingt der EQ im Vergleich zu den Mixer-EQs wirklich gut, bietet sogar Oversampling und ist einfach zu bedienen. Und er ist ein Performance- EQ: Mit einem Knopf können Sie beispielsweise die komplette EQ-Kurve im Frequenzspektrum verschieben. Bis zu acht Kurven können Sie zudem speichern und diese dann mit einem MORPH-Knopf sanft durchfahren. Ein weiteres Highlight verbirgt sich hinter den Knöpfen PAN und SEND. Der EQ besitzt einen zusätzlichen Audioausgang, dessen Send-Anteil Sie pro Frequenzband steuern können. Ein praktisches Anwendungsbeispiel dafür wäre etwa die Isolation der Bassdrum aus einem Drumloop. Diese schicken Sie getrennt auf einen Mixerkanal und bearbeiten Sie dort individuell. Auch für die parallele Bearbeitung auf mehreren Bussen ist diese Funktion ein Segen. Mal eben den Bass stärker zu komprimieren und dem Originalsignal wieder zuzumischen klappt hervorragend. Der PAN-Modus erlaubt Ihnen die individuelle Positionierung jedes Frequenzbandes im Stereo-Panorama. Das produziert natürlich Phasenschweinereien, bei dezentem Einsatz können Sie hier aber beispielsweise Synthesizer-Flächen schön verbreitern.

FPC

Ein Manko vergangener FL-Studio-Versionen war die Integration von Drum-Sounds mit Velocity-Splits. Das Handling eines einzelnen Samples ist dank der einfachen Pattern- Programmierung per Maus und den flexiblen Bearbeitungsfunktionen ja für viele Musiker sicher ein Hauptgrund gewesen, ihre Songs mit FL Studio zu arrangieren. Das Problem aber: Nach und nach sammeln sich so im Step-Sequenzer die Spuren, zumindest wenn Sie Wert darauf legen, dass ein einfacher Snare-Roll nicht dem Klang eines Maschinengewehrs ähnelt.

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Der neue Sampler DirectWave bietet flexible Funktionen zur Klangbearbeitung.

FPC ist die elegante Lösung: 32 Pads mit unbegrenzt vielen Splits und Layern lassen das Drummer-Herz höherschlagen. Abgesehen von variablem Sample-Start, Filtern und Effekten pro Pad ist eigentlich alles an Board, was man von einem einfachen Drumcomputer erwartet: Mono- und Stereo- Import, Einzelausgänge, Lautstärke- und Panorama-Einstellungen mit Hüllkurve, Tonhöhen-Parameter und Reverse-Option sind jeweils für jedes Pad vorhanden. Hinzu kommt eine sehr umfangreiche Auswahl an Drum-Patterns. Das ausgewählte Pattern wird dabei automatisch in die Piano- Roll-Ansicht kopiert und ersetzt das dort eingestellte Muster. Die mitgelieferten Patterns sind eine echte Hilfe beim Arrangieren. Schade nur, dass Sie Sounds aus anderen Samplern manuell importieren müssen. Die momentan angebotenen Sound-Sets sind als Dreingabe OK, die mitgelieferten Patterns jedoch so gut, dass eine professionelle Zusatz-Library beispielsweise von Yellow Tools oder Wizoo erst wirklich auslotet, was in dem kleinen Drumcomputer steckt.

Chrome

Die ungewöhnlichste Neuerung hört auf den Namen Chrome und macht nicht einmal Töne. Vielmehr ist dieses Instrument ein Video- Synthesizer, der sich gezielt über die Automation und die Piano-Roll-Ansicht steuern lässt. Sicher, auch der Windows Media Player malt schöne Bildchen. Gezielt editieren lassen sich die Animationen aber nicht. Mit Chrome geht dagegen alles: Drücken Sie eine Note auf Ihrem Masterkeyboard, malt dieses Instrument beispielsweise eine Flamme oder einen Blitz auf Ihren Bildschirm. Drücken Sie mehrere Tasten, erscheinen entsprechend viele Objekte in unterschiedlichen Farben. Texte oder einfachere Grafik-Objekte im 3DS-Format können Sie ebenfalls einbinden. Schade nur, dass die Software das Bild nicht gezielt auf einem bestimmten Monitor ausgeben kann.Trotz einer Dual-Monitor NVidia- Grafikkarte mit TV-Ausgang war es mir nicht möglich, dass Vollbild auf einen anderen Ausgang als auf den des Hauptmonitors zu legen.

Und sonst?

Es gibt im neuen Update viele kleine Detailverbesserungen. Die Probleme der Vorgängerversion beispielsweise mit Waves-Plug-ins und unterschiedlichen Waveshell-Versionen sind nun Geschichte. Die minimalen Latenzzeiten haben sich leicht verbessert. Während die 5er-Version bei sehr kleinen Latenzen auf meinem Setup die Segel strich, klappen nun mit der neuen Version auch umfangreichere Arrangements bei 1,5 ms. Ein neuer Hall namens Reeverb 2 beeindruckt vor allem durch seine geniale Bedienung. Qualitativ ist er zwar besser als der alte Hall, im Vergleich zu kommerziellen Plugins bröselt und scheppert es aber doch arg. Fruity Squeeze ist ein neuer Bitcrusher mit Filter, der sich besonders gut für brachialere Effekte bis hin zur kompletten Demontage eines Sounds eignet.

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FPC: Drum-Patterns und Samples bis zum Abwinken

Der Synthesizer Sytrus 2 wird im XXL-Paket als Vollversion mitgeliefert und ist neben dem DirectWave-Sampler mein Lieblings- Instrument des Pakets. Frequenz- und Ringmodulation mit bis zu sechs Operatoren hört sich zwar kompliziert an, aber spätestens nach dem Durchschalten der Presets und der einfachen Möglichkeit, die Sounds über ein XY-Gitter schnell anzupassen, werden Sie dieses Plug-in lieben. Eine seiner Stärken liegt in typisch analogen Sounds. Einige andere FL-Studio-Instrumente mögen zwar typisch analog aufgebaut sein und sehen auf Anhieb klassischer aus, sie klingen leider jedoch nicht halb so gut wie der Sytrus 2. Aufpolieren können Sie die kleineren Synthesizer übrigens mit einem neuen 3-Band-Multiband- Kompressor mit integriertem Limiter. Während der Kompressor auf einem kompletten Mix eher dezent arbeitet, poliert er harmlose Einzel-Sounds genau an den richtigen Stellen auf.

Fazit

FL Studio 6 XXL ist als Komplettlösung im Bereich der Pattern-basierten Musikproduktion eine echte Wucht. Die neuen Instrumente sind eine sinnvolle Bereicherung, einige kleinere Mängel sind mit den kommenden Updates wahrscheinlich längst Geschichte. Falls Sie momentan mit einem anderen Sequenzer arbeiten, aber auf Granularsynthese, Drum-Computer und Pattern-Sequenzer nicht verzichten möchten, sollten Sie FL Studio ausprobieren. Denn FL Studio arbeitet auch als gewöhnliches VST- und DirectX-Instrument und bietet dann auf 16 Kanälen den gewohnten Komfort mit allen integrierten Klangerzeugern.

Die dynamische Veränderung von Klangparametern ist ein Highlight der gesamten Umgebung und nun mit dem neuen Envelope Controller noch flexibler zu programmieren. Bisherige Anwender von FL Studio kommen um dieses Update nicht herum. Ansonsten ist FL Studio für all diejenigen eine Empfehlung, die ein leistungsfähiges und intuitives Werkzeug für Pattern- und Groove-orientiertes Arbeiten suchen.


Profil

Konzept: Komplette Pattern-basierte Produktionsumgebung mit Instrumenten und Effekten, DirectX + VST, ASIO

Hersteller/Vertrieb:

Image Line / M3C Berlin

Internet: www.flstudio.com

www.m3c.de

Systemvoraussetzungen: Windows 95/98/Millenium/2000/XP, mindestens 30 MB freier Festplattenspeicher, Pentium II oder schneller, mindestens 16 MB RAM, CD-ROM- und DVD-Laufwerk (Boxed-Version)

UvP / Straßenpreis:

€ 339,– / ca. € 277,–


+hochwertige Presets und Klangqualität (Sytrus 2)

+flexibler Software-Mixer mit freier Send-Zuweisung

+volle DirectX- und VST-Unterstützung

+ReWire-Support

+einfache Granularsynthese & Timestretching

+endlose Modulationsmöglichkeiten und -verknüpfungen

+hochwertige Drum-Patterns (FPC 2)

+Pattern-Konzept mit Live-Trigger- Option

– Sample-DVD nicht für DirectWave oder SF2-Player aufbereitet

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