Die Rückkehr der Hallplatte

DS Audioservice Plattenhall – Analog Plate Reverb

DS Audioservice Plattenhall 1(Bild: D. SCHÖPF, LILJERYD)

Seit Jahrzehnten versteckt sich das »Plate«-Preset nachhaltig in den digitalen Hallgeräten unserer Zunft. Es klingt meist angenehm warm, lebendig und macht Lust auf mehr − grob hat jeder schon mal von der Hallplatte gehört, dem mechanischen Ungetüm, das Hall noch auf akustische Weise zu erzeugen vermochte. Aber wie funktioniert das eigentlich, Hall auf einer Metallplatte?

In den 1950ern wurde Raumhall im Studio allerdings zunächst vor allem durch spezielle Effekträume akustisch nachträglich erzeugt, durch »Echo Chambers«: kleine, stark reflektierende Räume, die über einen Lautsprecher gefüttert wurden und deren Klang dabei mit einem Mikrofon wieder aufgenommen wurde. Damit ließen sich − je nach Raumkonstruktion − natürliche, kurze Hallräume oder stark überzeichnete »Slap Back«-Sounds generieren. Letztere, wie beispielsweise der typische Elvis-Slap-Back-Gesangs-Effekt, entstanden allerdings auch einfach durch manuelles Tape-Delay: das Aufnehmen des verzögerten Wiedergabekopfes der Bandmaschine auf eine neue Spur. Neben herkömmlichen Raumaufnahmen und »Echo Chambers« waren dies die einzigen Optionen, um damals nachträglich Hall- und Echo-Effekte zu erzeugen.

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Der Klassiker:

EMT 140 EMT brachte 1957 mit der EMT 140 die erste Hallplatte auf den Markt. Die Platte macht sich die Eigenschaft zunutze, dass Metall Schall deutlich schneller überträgt, als das durch Luft in einem Raum vonstattengeht. Dazu kommt, dass der an den Kanten der Hallplatte auftreffende Schall zurückgeworfen wird, sodass die sich mit dem Schallereignis, das sich auf der Platte befindet, überlagernden Wellen zu einem diffusen Gesamtschall führen − der wahrgenommene Hallraum wird »größer«. Das macht den sehr dicht klingenden, intensiven Nachhall aus.

Die EMT 140 war mit einem Gewicht von etwa 200 kg und über zwei Metern Länge so – wie einem Meter Höhe alles andere als praktisch. Zudem erforderte sie einen separaten Raum fernab der Studio-Abhöre, damit sie nicht durch äußeren Raumschall oder Vibrationen zusätzlich angeregt wurde. Dennoch: Verglichen mit den damaligen Alternativen bot die Hallplatte genügend Alleinstellungsmerkmale: Sie klang dichter und »echter« nach Raum als ein Federhall und war deutlich kostengünstiger als eine eigene Echokammer. Die eigene Klangfarbe grub sich zudem ins kollektive Klanggedächtnis, und so bieten digitale Hallgeräte immer noch Plate-Algorithmen mit an, die das Plattenhall-Klangverhalten simulieren.

Der Neupreis einer EMT 140 lag bei Markteinführung 1957 bei 7.500 Mark. In Zeiten, in denen ein VW Käfer neu etwa 3.500 Mark kostete, stellte eine Hallplatte die teuerste Anschaffung im Studio-Inventar dar. In den 70ern lag der Preis für eine EMT 140 um 10.000 Mark, und die Hallplatte blieb nur für sehr große Studios erschwinglich. Einen ausführlichen Artikel über die EMT 140 gab es in der Kultserie »Vintage-FX« in S&R 12.2010.


Die Hallplatte des EMT-140

… besteht aus einem 0,5 mm dicken Metallblech, das in einem Stahlrahmen mit starren Haken freischwebend an jeder Ecke aufgehängt ist.

In der Mitte der Platte ist ein elektrischer Schallgeber aufgehängt; das Konstrukt funktioniert nach dem Prinzip eines Lautsprechers: Der Schallgeber ist eine aufgehängte Magnet - anordnung, auf der Hallplatte ist eine Schwingspule befestigt. Der Schallgeber wird von einer 4-Watt-Endstufe der EMT-Elektronik gespeist.
Je nach Ausführung der Hallplatte − ob mono oder stereo − befinden sich auf der Platte entsprechend ein oder zwei Tonabnehmer, die das Effektsignal der Hallplatte abnehmen. Die ersten EMT-140-Hallplatten waren allesamt mono ausgeführt. 1961 bot EMT dann auch die Stereovariante (EMT 140-ST, später »TS« für die »Transistor Stereo«-Variante) an, auch eine Quadrofonie-Version kam später ins Programm (EMT 140-TQ, »Transistor-Quadrophonie«).
Die Länge des Nachhalls kann mechanisch variiert werden: Zur Dämpfung der Hallzeit besitzt die EMT-140 eine Holzfaserplatte, die über der eigentlichen Hallplatte liegt. Sie wird durch einen Motor per Fernsteuerung reguliert und stellt ein, wie lange die Platte »nachschwingt«, indem die Amplitude der Hallplatte reduziert wird.
Auf der Oberseite befindet sich ein Dämpfungsrad, das bei motorisch betriebener Dämpfung jedoch nur optische Funktion als Anzeige hat. Manuell verstellbar wird die Dämpfungsplatte erst, wenn der Hebelarm des Motors vom Benutzer ausgebaut wird.
Schweres Gepäck: ikonische Transport-Darstellung auf der Hallplatte

Anwendung

Guter Plate-Reverb ist nicht auf eine Klangfarbe beschränkt: Nahezu alles bis Ende der 70er, was nach »normaler« Hallfahne klang, kam von der Hallplatte. Mit einem Equalizer ließ sich der Hall-Sound in die gewünschte Richtung verbiegen. Die typischen Plattenhall-Sounds finden sich etwa auf zahllosen Motown-Platten, den späteren Elvis-Aufnahmen, auf Lou Reeds Berlin-Album oder Communiqué von den Dire Straits. Besonders beliebt − und entsprechend stilprägend eingesetzt − sind die »reich« und teuer klingenden Hallfahnen mit ihren seidigen, leicht metallischen Höhen um 3 kHz bei Drums, um einer Aufnahme räumliche Größe und Tragfähigkeit zu verleihen, und natürlich auf dem Gesang, um Intimität mit Weite zu kombinieren − etwas, das in »plastischer« Ausprägung später eine Domäne des 80er-Jahre-LexiconHalls werden sollte.

Nach dem Auslaufen des ursprünglichen Patents (bis 1977) kamen einige EMT-Alternativen auf: Eine der beliebtesten Varianten war die »Ecoplate« der Firma JCC & Associates des Toningenieurs Jim Cunningham, die mit Edelstahl gefertigt war und eine optimierte Höhenwiedergabe bot.

Ebenfalls mit Edelstahl experimentierte der schwedische Unternehmer Lars Liljeryd, der mit seiner Firma Stocktronics die Hallplatte RX-4000 ersann und durch die Härte des Edelstahls ebenfalls ein erweitertes Höhenspektrum gegenüber der EMT 140 erzielte. Die Firma verkaufte über 250 Exemplare.

DS Audioservice Plattenhall 1

Simulation vs. Original

In den letzten Jahren in Form von Plug-ins reichlich emuliert − etwa auf der UAD-Karte − fand die hell schimmernde Klangfarbe wieder Anklang als exotische Alternative. »Echter« Plattenhall hingegen ist zu einem Relikt der Vergangenheit verkommen, das höchstens noch Vintage-Sammler, ungebrochen begeisterte Traditionalisten oder Experimentierfreudige ohne Berührungsängste dazu bewegt, sich dem staubigen Thema zu nähern. Und wie vieles, was vintage ist, kam auch die Hallplatte in den Genuss, als Zeitgeist-Kultobjekt für all das mitverantwortlich gemacht zu werden, was die moderne Technik nicht zu leisten imstande wäre.

Das stimmt zumindest teilweise: Zwar erlauben Impulsantworten im Rechner die Simulation einer Hallplatte, allerdings lassen sie einen der Hauptgründe für den Plattenhall außen vor: Die Interaktion mit dem Originalsignal. Die Platte kann einem mitunter statischen Grundsignal wohlige Lebendigkeit einhauchen − zumindest im Original. Der Sound einer echten Hallplatte mit ihren chaotischen, sich aufschaukelnden Elementen kann einen Mix bereichern, ihm neue Klangfarben hinzufügen im Vergleich zum statischen Impuls-»Snapshot«. Das ist auch einer der Gründe, warum in großen Studios gerne noch eine alte EMT dort eingesetzt wird, wo die Ressourcen für ein großes Original vorhanden sind.


Die komplett passiv aufgebaute Hallplatte von DS Audioservice ist auf Wunsch auch in »Vintage«-Ausführung erhältlich, bei der das Klangbild mehr dem typischen EMT-140-Wiedergabeverhalten entspricht, ohne ausgeprägtes Obertonspektrum. Sie ist im Moment das einzige Plate-Modell auf dem Markt und kostet in beiden Ausführungen − »Vintage« oder als obertonreiche »Rich Plate« − je 1.904 Euro.

Optimierte Neuauflage: Der Plattenhall von DS Audioservice ist mit 26 kg und 120 x 75 x 15 cm deutlich »handlicher« als die originalen Geräte aus den 60ern und 70ern.
Mechanische Hebel zum Einstellen der Dämpfung und zum Arretieren der Hallplatte beim Transport. Die Dämpfung lässt sich über einen mechanischen Hebel regulieren. Ein zweiter Hebel ändert die Klangfarbe, das Ergebnis wirkt sich auf das Obertonverhalten des Hallsignals aus.
Dieter Schöpf (DS Audioservice) ist für seine hochwertigen Großmembran-Kondensatormikrofone vielen Studioinhabern ein Begriff.

Plattenhall von DS Audioservice

In der Vergangenheit machte Dieter Schöpf mit seiner Firma DS Audioservice durch seine Großmembran-Mikrofonentwicklungen auf sich aufmerksam, die unter anderem Sarah Brightman, Blind Guardian und Studiogitarrist Peter Weihe nutzen.

Die Idee einer eigenen Hallplatte schwebte Schöpf schon länger vor. Konkret begann für ihn das Beschäftigen mit dem Thema analoger Nachhall mit einem alten Telefunken-Federhall, den er überholte, anschloss … und der ihn begeisterte: »Das klang für mich besser und natürlicher als das, was die digitalen Hallgeräte in meinem Setup lieferten.« Seine Lieblings-Hall-Effekte stammten ohnehin von deren Hallplatten-Algorithmen, die logische Konsequenz war eine analoge Hallplatte.

Schöpf war neugierig, wie sich wohl die »Unregelmäßigkeiten« einer analogen Platte auf das Signal auswirken würden. Als Audio-»Historiker« (Schöpf hat u. a. eine umfangreiche Sammlung klassischer Mikrofone) standen ihm die originalen EMT-Patente zur Verfügung.

Der studierte Physiker ging die Pläne durch, entdeckte Ideen, die damals nicht verwirklicht wurden, und hatte eigene Ansatze, wie er den Plate-Klang bei kleineren Abmessungen umsetzen und die Höhenwiedergabe optimieren konnte. Schöpf experimentierte mit verschiedenen Plattenmaterialien und -stärken. Er sieht das ideale Einsatzgebiet seiner Plate − neben den »üblichen« Plate-Hallfahnen auf Gesang oder Schlagzeug − vor allem in der Möglichkeit, trocken geratenen Spuren, etwa Piano oder Streicher, einen Hauch Leben einzuverleiben, der nicht aufgesetzt klingt.

Sein Modell ist mit etwa 26 kg und 120 x 75 x 15 cm deutlich leichter und kleiner als die alten EMT-Trümmer und kann zur Not von einer Person transportiert werden; ein normales Auto reicht ebenfalls. Schöpf zielt damit vor allem auf Plate-Liebhaber ab, die die Klangfarbe im Höhenspektrum gerne noch intensiviert haben möchten, und an kleinere Studio-Umgebungen, die schlicht keinen Platz für eine 2 Meter lange Hallplatte erübrigen können. Auch verzichtet er auf Remote-Einheiten oder Motor-Steuerungen.

www.emt-studiotechnik.de

www.ds-audioservice.de

www.plattenhall.de

www.platereverb.com

www.martinsound.com

www.stockis.net

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich vermisse einen Vermerk zur EMT 240

    Gruß
    Musikberg

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