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Die Supersäge – Roland JP-8000 Synthesizer

Roland-JP8000
(Bild: Dieter Stork)

Er gehört zu den ersten Synths mit virtuell-analoger Klangerzeugung und sieht immer noch blendend aus: der Roland JP-8000. Der moderne Klassiker mit der gelungenen Bedienoberfläche brachte uns die Supersaw und versah seinen Dienst bei vielen namhaften Acts wie z. B. Prodigy, Garbage oder Depeche Mode.

Roland war mit dem Release des JP-8000 1996 wieder mal ganz vorne dabei. Der Synth gehört zusammen mit dem Nord Lead, dem Access Virus, dem Yamaha AN 1x und dem Korg Prophecy zu den ersten Synthesizern mit der neuartigen, virtuell-analogen Klang erzeugung. Der sechsstimmige Synth bot damals ungewöhnliche Möglichkeiten wie Parameter-Automatisierung und einen RealtimePhrase-Sequenzer. Eine der wichtigsten Neuerungen des achtstimmigen JP-8000 war aber die ominöse Supersaw-Wellenform, die ab den 90er-Jahren bevorzugtes Stilmittel unzähliger Trance- und Hardtrance-Acts wurde. In den letzten Jahren erleben die typischen, leicht prolligen Sägezahn-Trance-Synth-Sounds ja ein Revival im Grime-, Dubstep- oder R&B-Kontext.

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Auch der Soundkosmos des Londoner PC-Music-Label des pfiffigen, Berry-Gordy-artigen Producers A. G. Cook, der ab 2014 durch bloße Soundcloud-Präsenz (soundcloud.com/pcmus, 50.000 Follower) ein paralleles Manga-Popuniversum mit hochgepitchten Vocals und aktuellen Grooves erschaffen hat, ist häufig durch Trance-Sounds geprägt (bekanntester PC-Music-Act: Hannah Diamond).

Out of the Blue

Beim Design des blauen Boliden haben die Roland-Entwickler alles richtig gemacht. Der JP-8000 sieht aus, wie ein richtiger Synthe – sizer aussehen muss: Ein großzügiges Bedienpanel erlaubt Direktzugriff auf fast alle Parameter, alles ist logisch und übersichtlich angeordnet, sodass man sich sofort zurechtfindet. Leider ist das Gehäuse aus Plastik, sodass es sich nicht ganz so gut anfühlt, wie es aussieht. Dafür ist der Synth aber auch ein Leichtgewicht und gut zu transportieren. Die fünfoktavige Tastatur bietet Aftertouch, vermittelt aber nur ein mittelmäßiges Spielgefühl.

Supersaw

Die Supersaw-Wellenform ist eine Emulation von sieben gegeneinander verstimmten und modulierten Sägezahnwellen. Sie eignet sich gut für die Programmierung fetter, strahlender Lead- und Pad-Sounds und gilt mittlerweile als Klassiker. Auch Konkurrenten wie z. B. Korgs microKorg XL oder der Virus TI haben die Wellenform an Bord. Softwaresynths von Vengeance oder Sylenth von Lennar Digital, die für EDM-Produzenten zum alltäglichen Handwerkszeug gehören, sind ohne Supersaw undenkbar. Roland hat die Supersäge, mit der schon auf Oszillatorebene kalorienreiche Kost erstellt werden kann, auch in seinen Folgeprodukten implementiert (SH-201, Gaia, V-Synth).

Klangerzeugung

Neben der Supersaw liefern die beiden Oszillatoren der Analog-Modelling-Engine des JP-8000 die üblichen Standardwellenformen (inkl. Sägezahn, Dreieck und modulierbarer Pulswelle) sowie eine weitere ungewöhnliche, »Feedback« genannte Wellenform, die sich auch für etwas bösere Sounds eignet. Die Oszillatoren lassen sich mit Oszillator-Sync, Ring- und Crossmodulation vielfältig verschalten. Ein etwas grob gerastertes Multimodefilter (Hoch-, Band- und Tiefpass-Modus) mit Resonanz arbeitet wahlweise mit 12 oder 24 dB Absenkung pro Oktave, außerdem stehen zwei LFOs und zwei ADSR-Hüllkurven zur Klangformung zur Verfügung. Abgerundet wird das Ganze durch zwei Effektblöcke mit Delay-, Flanger- und Chorus-Effekten. Jeweils zwei Sounds lassen sich im Performance-Mode übereinander- und auf die splitbare Tastatur legen.

Bewegungskontrolle

Ein Klasse-Feature des Synths ist die Motion-Control, mit der sich viele Kernparameter automatisieren lassen. Sie ermöglicht das intuitive Erstellen ungewöhnlicher Klangverläufe. Als nützliches Inspirationswerkzeug kann außerdem der RPS-Sequenzer fungieren, mit dem sich kurze Phrasen auf die Tastatur legen lassen. Ein klassischer Arpeggiator ist natürlich auch an Bord. JP-8080 1998 brachte Roland eine Expanderversion des JP-8000 heraus. Sie ist auf dem Gebrauchtmarkt noch begehrter als die Tastaturversion, denn sie verfügt über einen Eingang für externes Audiomaterial, das als Oszillator fungieren kann, sowie einen Vocoder, einen zusätzlichen Noise-Generator im zweiten Oszillator und einen Distortion-Effekt. Sounds lassen sich zudem auch auf einer Smart-Card ablegen. Das 19″-Gehäuse braucht fünf Höheneinheiten im Rack und ist mit einem Bedienpanel aus Metall ausgestattet. SOUND Mit dem JP-8000 haben die Roland-Entwickler versucht, den Sound von Roland Klassikern wie etwa des Jupiter-6 digital nachzuformen. Tatsächlich besitzt der JP-8000 einen Klang, der der typischen Roland-Ästhetik aus den 80er-Jahren ziemlich nahekommt: Geschmeidige Flächen, schöne Pads sowie runde Lead-, Sequenzer- und Arpeggio-Sounds gehören zu seinen Stärken und lassen sich auch mithilfe der Effektsektion leicht programmieren.

Allerdings klingt es oft nicht ganz so warm und druckvoll wie bei den analogen Originalen, was auch an dem etwas braven Digital-Filter liegt. Dafür kann der virtuell-analoge Synth mit Features wie der breiten Supersaw-Wellenform punkten. Im Bassbereich wirkt er wie auch sein Verwandter, der Gaia SH-01, manchmal etwas unkonturiert. Wenn man experimentellere Sounds schätzt, sollte man die Expanderversion JP-8080 erwerben, da man hier dank des externen Audioeingangs mehr klangliche Möglichkeiten hat. Das Gerät wurde uns freundlicherweise von Cemil Akdemir zur Verfügung gestellt.

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. “Die fünfoktavige Tastatur bietet Aftertouch”: Beides Quatsch.

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