Digitales Stereo-Multitap-Delay

Deltalab DL-2 Acousticomputer (*1978)

(Bild: Matthias Fuchs)

Von einem Computer kann bei diesem Gerät beim besten Willen keine Rede sein. Der offensichtliche Etikettenschwindel ist jedoch schnell verziehen, handelt es sich beim Deltalab Acousticomputer doch zweifellos um eine höchst eigenwillige Effektmaschine mit ebensolchem Sound.

Der DL-2 Acousticomputer ist das Brainchild eines gewissen Richard E. DeFreitas. Dieser entwickelte Mitte der 1970er-Jahre zunächst ein Gerät namens »Audio Pulse Model 1«, ein simples, aber offenbar erfolgreiches Delay für den Hi-Fi-Markt. Es sollte den räumlichen Klangeindruck von Quadrophonie-Anlagen verbessern. Wenig später gründete DeFreitas die Firma Deltalab und entwickelte die Delays DL-1 bis DL-4, den Pitch-Shifter DL-5 sowie die sehr erfolgreiche Effectron-Serie. Alle Deltalab-Geräte zeichneten sich durch eine recht simple Konzeption sowie hohe Audio- und Verarbeitungsqualität bei vergleichsweise günstigen Preisen aus. Einzig beim Acousticomputer handelte es sich um eine ungewöhnliche Konzeption − sicher ein Grund, weshalb dieses Gerät heute den größten Kultfaktor unter DeFreitas Entwicklungen genießt.

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Die Technik – Bitte ein Bit

Die günstigen Preise der Deltalab-Geräte erklären sich u. a. durch den sehr sparsamen Umgang mit RAM und die Verwendung von 1-Bit-Wandlern anstelle von wesentlich aufwendiger konstruierten PCM-Wandlern. Das Prinzip der sogenannten Delta-Modulation wurde zwar schon in den 1940er-Jahren für die Telefontechnik entwickelt, lieferte aber erst viel später eine brauchbare Klangqualität. DeFreitas zählte zu den ersten Nutzern in der Audioindustrie. Die Herkunft des Firmennamen Deltalab dürfte nun offensichtlich sein …

Wie schon eingangs angedeutet, stellt nichts im DL-2 irgendwelche Berechnungen an − anno 1978 dürfte die Bezeichnung »Computer« schlicht den Marktwert des Gerätes gesteigert haben. Tatsächlich handelt es sich um einen komplexen Delay-Prozessor, der mithilfe zweier modulierter Multitap-Delay-Lines Flanging, Vibrato, Chorus, Echo und sogar gewisse Hall-ähnliche Effekte in Stereo erzeugen kann. Funktionsweise und Bedienung sind recht eigenwillig: Ein Stereosignal wird zunächst eingangsseitig eingepegelt. Mit dem Image-Regler lassen sich alsdann linkes und rechtes Signal stufenlos vertauschen. Nach dem Passieren von Filtern und AD-Wandlern werden die Signale den Delay-Lines zugeführt. Der DL-2 enthält zwei unabhängige, digitale Verzögerungsketten. Hiermit ist bei einfacher Verzögerung (x1) ein Delay von 0,5 bis 38 ms im Kanal A und 0,25 bis 22 ms im Kanal B möglich, jeweils separat in acht ungleichmäßig verteilten Stufen schaltbar.

Die Abtastrate des 1-Bit-Wandlers beträgt 1 MHz bei einfacher Verzögerung und wird in Stellung x4 des Reglers »Delay Factor« auf 250 kHz reduziert. Die Einstellung der Verzögerungszeit von x1 bis x4 erfolgt stufenlos und kann zudem mit einem Sinus-LFO moduliert werden (»Time Base Generator«). Zusätzlich lassen sich beide Verzögerungsketten in Reihe schalten, wobei beide Eingänge summiert die Kette A betreiben. Die Ausgänge werden weiterhin separat an den Ketten A und B abgegriffen.

Der Sustain-Schalter loopt den Speicherinhalt. In der Einstellung »Sample” werden mit der Frequenz des LFOs nacheinander immer neue Signalschnipsel geloopt − ein seltenes Feature.


Die Technik des Deltalab Acousticomputers ist weit von einem Computer im eigentlichen Sinne entfernt, dennoch handelt es sich um eine äußerst findige und hochwertig ausgeführte Konstruktion.

Die Schaltung ist sehr trickreich ausgeführt, die verwendeten Bauteile sind vielfach hochwertiger als bei der teureren Konkurrenz (Ringkerntrafo, ordentliches Netzteil, hermetisch dichte PräzisionsPotis, Silber-Glimmer-Kondensatoren usw.). Als Wandler kommen diskrete 1-Bit-Wandler zur Anwendung, und das Gerät arbeitet ohne Rauschunterdrückung.
Der Speicher ist von der Geräteunterseite zugänglich und kann je nach Modelljahr aus Schieberegistern oder dynamischen RAMs aufgebaut sein. Die Speicherkapazität beläuft sich auf winzige 60 kBit (Schieberegister) bzw. 80 kBit (RAM).
Eine externe Speichererweiterung für Verzögerungen bis zu 1 Sek pro Kanal existierte in Form eines weiteren 19"/1HE-Gerätes. Sie wurde in verschwindend kleinen Stückzahlen hergestellt und arbeitete auch zusammen mit dem Deltalab DL-4 Time Line Delay.
Die Rückseite mit ihren Stereo-Ein/Ausgängen sowie Anschlüssen für Bypass- und Sustain-Funktion (»Repeat«) und LFO-Rate; rechts der Anschluss für das externe Speichermodul
Larry Fast hat den DL-2 auf seinen Synergy-Alben eingesetzt − etwa auf Audion von 1981.
Auch David Bowies langjähriger Haus- und Hofproduzent Toni Visconti hat vom DL-2 reichlich Gebrauch gemacht. Auf Bowies 1980erAlbum Scary Monsters wurden zahlreiche Vocal- und Drumsounds mit dem DL-2 bearbeitet.
Peter Gabriel dürfte zu den prominentesten Usern des Acousticomputers zählen: »Wir haben oftmals mehrere Effekte hintereinandergeschaltet − etwa AMS-Delay und Deltalab DL-2 mit dem externen Speichermodul. Und dann weiter in ein Reverb …«
Gabriel hat den DL-2 auf seinen Soloalben 3, 4 und So verwendet und ihn in dieser Phase auch live eingesetzt. Zudem war er zeit - weise Endorser für Deltalab.

Reverb oder Flatterecho?

Zusätzlich zu diesem Stereo-Delay bietet das DL-2 auf beiden Verzögerungsketten zwei weitere Abgriffe mit kürzerer bzw. längerer Verzögerungszeit. Deren Signale werden mittels Feedback-Regler abgezweigt, vom Reverb-Mix-Regler überblendet und gelangen über einen EQ zurück zum Eingang der jeweils anderen (!) Delay-Line − bei Bedarf auch phaseninvertiert. Welche dieser Short- bzw. Long-Delay-Taps in den Reverb-Mix einbezogen werden, entscheidet das Reverb-Poti, welches eine sequenzielle Umschaltung von 16 möglichen Delay-Patterns, eine Pseudo-Zufallsauswahl und ein Anhalten der letzten ausgewählten Tap-Kombination ermöglicht. So werden kurze, modulierte und mehr oder weniger zufällige Delay-Patterns erzeugt, was zumindest in der Theorie einem künstlichen Anhall nahekommt. Schließlich gelangen die Ausgangssignale der Delay-Lines über die DA-Wandler, einen weiteren Image-Regler (s. o.) und einen Wet/ Dry-Regler (»Mix«) zu den Ausgängen.

Wie Klingt’s?

Dreht man den Reverb-Mix-Regler in Mittelstellung, liefert der DL-2 abhängig von den gewählten Delay-Zeiten äußerst saubere und angenehm klingende Kammfilter- und Echo- Effekte. Die Stellung der Image-Regler zueinander variiert leicht die Stereobreite. Mit etwas LFO-Modulation und Feedback erzeugt man sehr schöne Flanger/Chorus-Sounds und Sweeps. Der Klang lässt sich mittels Feedback-EQ und gewählter Verzögerung manipulieren. Dabei fällt auf, wie sauber der DL-2 arbeitet: Das Gerät rauscht nicht! Ebenso wenig beschneidet es hohe Frequenzen.

Bezieht man mittels Reverb-Mix-Regler die übrigen Delay-Taps ein, wird der Klang dichter, das Feedback-Verhalten ausgeprägter. Nutzt man nun die automatische Tap-Auswahl (Reverb-Regler), entstehen abhängig von der eingestellten Verzögerung und dem Tap-Pattern entweder »Kammfiltermelodien«, oder der typisch metallische Charakter reduziert sich ein wenig. Letzteres liefert Effekte, die tatsächlich entfernt an einen kurzen, stark gefärbten Hall erinnern. Überblendet man den Reverb-Mix zu den längeren Taps, vergrößert sich der »Raumeindruck«, und es entstehen schließlich Flatterechos. Der Klang lässt sich weiterhin mittels Verzögerungszeiten und EQ variieren. Mit einem Hall im eigentlichen Sinne hat das alles wenig zu tun, kann aber durchaus reizvoll klingen.

Richtig abgedreht wird es bei der Sample-Funktion: Durch das ständige »Nachladen« und Loopen neuer Audiosegmente und der wechselnden Tap-Kombinationen entstehen sehr witzige und musikalisch interessante Stotter-Sounds. Moduliert zudem der LFO die Samples, liefert der DL-2 Arpeggios und ähnliche, sehr eigen klingende Effekte, die man üblicherweise mit Pitch-Shiftern verbindet. Die Ergebnisse sind dabei oftmals sehr überraschend und schwer reproduzierbar − eine echte Kreativmaschine …

Gut für Überraschungen

Dank seiner eigenwilligen Klangeigenschaften und dem nicht ganz leicht zu durchschauenden Konzept ist der Acousticomputer seit jeher ein Geheimtipp geblieben und konnte sich eher unter experimentierfreudigen Musikern Freunde verschaffen. Interessanterweise wurde das Gerät offenbar auch für Beschallungsanlagen genutzt − so etwa im New Yorker Club Paradise Garage.

Wie viele Acousticomputer in den Handel kamen, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Der Verkaufspreis lag bei 1.750 Dollar. 1982 wurde eine überarbeitete Version namens DL-2A (mit blauer Frontplatte) vorgestellt.

Auch heute kann der DL-2 für Freunde experimentellerer Sounds noch immer interessant sein, zumal die Geräte meist recht günstig gehandelt werden. Allerdings dürfte es schwierig sein, vollständig intakte Exemplare zu finden. Zudem ist der DL-2 schlecht dokumentiert, und einige Ersatzteile sind schwer zu beschaffen (vor allem für die Schieberegister- Version). Eine Reparatur ist deshalb meist kompliziert und kostspielig. Für technische Infos bedanken wir uns herzlich bei Stefan Hübner.

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