Klassische Vorverstärker neu aufgelegt

Chandler TG2 und TG Channel MkII im Test

Dem Newcomer-Status ist der amerikanische Hersteller Chandler Limited mittlerweile entwachsen. Wurde er vor nicht allzu langer Zeit noch als Geheimtipp gehandelt, wächst die Liste der Chandler-User nun stetig.

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(Bild: Hannes Bieger)

Zwar hatte Chandler von Anfang an auch zwei Neve-Clones im Programm, doch der Fokus lag seit jeher auf der Adaption der Technik der legendären TG12345-Mischpultkonsole. Diese wurde nach dem Ende der Röhren-Ära von der EMI für die hauseigenen Studios gebaut – und gelangte nicht zuletzt durch den Einsatz in den Londoner Abbey- Road-Studios zu absolutem Kultstatus. Das Besondere daran ist, dass diese Eigenentwicklungen der EMI (neben dem Mischpult TG12345 gehörte u. a. auch die Mastering- Konsole TG12410 zur Produktfamilie) niemals für den freien Markt gedacht waren – bislang. Denn Chandler erkannte vor einigen Jahren den Bedarf und baute den Kompressor/ Limiter TG1 und den Stereo-Preamp TG2 zunächst auf eigene Faust – und mit unglaublichem Erfolg. Dies sah man auch bei Abbey Road und bot Chandler kurzerhand eine Zusammenarbeit an. Chandler hatte somit direkten Zugang zu Originalgeräten und technischen Unterlagen aus dem Abbey- Road-Archiv und konnte noch authentischere Clones herstellen.

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Chandler TG2

Der zweikanalige Vorverstärker gehört zum Kern der Chandler-TG-Familie. Als Wiederauflage des EMI-TG12428-Preamps wird er von Chandler anhand der originalen Platinen- Layouts hergestellt, was größtmögliche Originaltreue garantieren soll – ein Verfahren, das bereits beim Neve-1073-Clone von Chandler mit guten Ergebnissen angewendet wurde. Wie für einen Spross der ausgehenden 60er-Jahre typisch, handelt es sich auch beim TG2 um eine diskrete Transistorschaltung mit Ein- und Ausgangsübertrager, die 5–75 dB Verstärkung liefern kann. Eingestellt wird der TG2 über einen INPUT-Drehschalter in 5-dB-Schritten sowie ein stufenlos durchstimmbares OUTPUT-Poti, welches nach der Gain- und vor der Ausgangsstufe liegt. Somit ist hier nicht nur eine Fein-Anpassung möglich, es ist auch denkbar, die Eingangsstufe extra heiß zu fahren, ohne nachfolgende Geräte gnadenlos zu übersteuern.

Frontseitig gibt es pro Kanal jeweils eine Klinkenbuchse mit einem hochohmigen D.I.-Eingang sowie Schalter für Phantomspeisung, Phasendrehung und die Anwahl des gewünschten Eingangs (Mikro bzw. D.I.). Mit einem weiteren Schalter kann die Eingangsimpedanz von 1.200 auf 300 Ohm umgestellt werden. Rückseitig bietet ein SUM-Schalter noch die Möglichkeit an, beide Kanäle auf einen zusammen zu mischen – nützlich, wenn man beispielsweise einen Gitarrenverstärker oder eine Snare mit zwei Mikrofonen abnimmt, aber einen Kanal auf dem Aufnahmemedium sparen möchte. Wie alle Chandler-Geräte verfügt der TG2 über keinen Netzschalter. Dieser befindet sich am externen Netzteil, welches mit den Geräten über ein spezielles vierpoliges XLR-Kabel verbunden wird.

Chandler TG Channel MkII

Seit dem Test der ersten Version dieses Kanalzuges hat sich eine Menge getan. Während schon die ursprüngliche Variante begeistern konnte, gehen die technischen Neuerungen weit über den Einsatz der einzigartigen, TG-typischen „Stockli”-Potiknöpfe hinaus. Nicht nur ein DI-Eingang ist hinzugekommen, die größte Neuerung verbirgt sich in der EQ-Schaltung. Bot die erste Generation lediglich eine dreibandige Version mit Bass- und Höhenanhebung sowie Mittenabsenkung, so stehen nun auch ein mehrstufig schaltbarer Lowcut sowie eine Mittenanhebung zur Verfügung. Der TG Channel MkII setzt sich zusammen aus dem Preamp des TG2 (minus die Impedanzwahl) und einer passiven Entzerrerschaltung, die aus der TG12410-Mastering- Konsole stammt. Dabei ist das Besondere an passiven LC-Spulenfiltern, dass sie mit einem Minimum an aktiven, verstärkenden Bauteilen auskommen – die eigentliche Filterschaltung ist komplett passiv, eine aktive Schaltung wird lediglich zum anschließenden Ausgleich des durch das Schaltungsprinzip bedingten Pegelverlustes benötigt. Verglichen mit einer auf OpAmp-ICs basierenden EQ-Schaltung, bei der locker zig Transistoren zusammenkommen können, ist ein passiver EQ eindeutig die audiophilere Lösung, weil der Signalweg insgesamt deutlich einfacher gehalten werden kann und dem kostbaren Klangmaterial deutlich weniger Hürden in den Weg gelegt werden.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt das Layout der Frequenzbänder beim TG Channel MkII ein wenig eigen: Der Entzerrer ist dreibandig ausgelegt, wobei im Mittenband gleichzeitig Anhebungen und Absenkungen durchgeführt werden können – was in einigen Anwendungsfällen also einem vierbandigen Entzerrer gleichkommt. Für die Höhen steht ein Kuhschwanzfilter mit den Ansatzfrequenzen 6.8, 8.1, 12 und 16 kHz zur Verfügung, an denen in 2-dB-Schritten bis zu 18 dB angehoben werden kann. Die Mittenanhebung bietet als Glockenfilter die Ansatzpunkte 1.2, 1.8, 2.2, 3.9, und 5.8 kHz, auch hier wird in 2-dB-Schritten bis zu 18 dB angehoben, ein Kippschalter wählt eine höhere Filtergüte aus. Die Mittenabsenkung greift bei 300, 400, 500, 600, 700, 850 Hz mit Absenkungen von bis zu 20 dB, wieder in 2-dB-Schritten. Die Bassanhebung schließlich lässt sich sowohl in Kuhschwanz- als auch in Glockencharakteristik nutzen. Im ersteren Fall stehen die Ansatzfrequenzen 100 und 200 Hz zur Verfügung, im letzteren die Frequenzen 50, 70, 100 und 200 Hz – wiederum in 2-dB-Schritten bis +20 dB. Zu guter Letzt gibt es noch ein Hochpass mit den Eckfrequenzen 30, 60, 90, 150 und 300 Hz.

Eine „Proportional-Q”-Schaltung garantiert, dass die Filterbänder bei stärkeren Anhebungen immer schmaler werden. Dies alles liest sich aufgrund des unterschiedlichen Zuschnitts der Bänder möglicherweise komplizierter, als es sich in der Praxis darstellt – zumal sämtliche EQ-Bedienelemente als Drehschalter ausgeführt sind und sich jedes Band auch separat aktivieren bzw. deaktivieren lässt. Tatsache ist jedenfalls, dass Chandler selbst diesen Entzerrer als „schönes, musikalisches Instrument” in Abgrenzung zu einem „modernen, chirurgischen Werkzeug” anpreist – und dies trifft den Nagel auf den Kopf. Vielleicht lässt sich nicht jedes Klangproblem restlos beseitigen, aber für das Sweetening adäquat aufgenommener Klangquellen ist der Entzerrer ein tolles Werkzeug, das den Vergleich mit anderen hochwertigen passiven EQs (die Klassiker von Pultec und Lang sowie deren zahlreiche HiEnd-Derivate bilden hier die Referenz) keineswegs scheuen muss.

Im Betrieb

Toll am TG-Preamp ist, dass er in klanglicher Hinsicht zwar die „Größe” hat, die man von einem waschechten britischen Schaltungsdesign der späten 60er-Jahre erwartet, dabei den Sound jedoch nicht übermäßig verbiegen will. Aufnahmen, die mit dem TG-Vorverstärker gemacht wurden, haben eine klare Durchsetzungskraft und auch eine gewisse, dem „Eisen” der Übertrager geschuldete klangliche Schwere, aber sie drängen nicht schrill in den Vordergrund. Mit typisch britischer Kultiviertheit nehmen die Spuren den Platz ein, der ihnen zugedacht ist. Dies liegt sicherlich auch am schön offen klingenden Top-End, das fein zeichnend abgebildet wird, ohne jedoch HiFi-Klang- Assoziationen aufkommen zu lassen. In einem gewissen Rahmen gibt es hier auch Gestaltungsmöglichkeiten durch unterschiedliche Konstellationen der INPUT- bzw. OUTPUT-Regler – etwas Sättigung lässt sich durchaus herausholen.

Es bietet sich natürlich an, versuchsweise einen von David Gilmour inspirierten Gitarren- Sound mit einer Fender und einem Univibe-Pedal aufzunehmen, und siehe da: Die typischen Klang-Assoziationen stellen sich umgehend ein. Auch bei Vocals leistet der Entzerrer hervorragende Dienste. Mit unglaublich sweet klingenden 16 kHz ist es ein Leichtes, die Wolldecke von der Gesangsaufnahme zu ziehen, schön offen und strahlend klingen die Ergebnisse, während die Gitarre von einer direkt, aber ausgeglichen klingenden Mittenpräsenz profitieren kann. In allen Anwendungen kann die „Laufruhe” der Aufnahmen erfreuen: Hier wird nichts über Gebühr stressig, und man muss sich umgekehrt auch keine Sorgen machen, dass der Klang am Ende zu „sumpfig” wird – kurz: Es passt einfach.

Fazit

Man kann Chandler Limited definitiv eine gelungene Modellpflege bescheinigen. Der TG Channel MkII wirkt durch die Neuerungen nun erst recht ausgereift. War man vorher noch notgedrungen bereit, gewisse Abstriche in der Flexibilität zugunsten des schönen Klangs in Kauf zu nehmen, so ist dieser Wermutstropfen nun vor allem dank der Überarbeitung des Entzerrers ausgeräumt.

Zwar stehen TG2 und TG Channel MkII in ihrer Preisklasse keineswegs allein da, aber in gewisser Weise sind sie einzigartig. Kanalzüge mit passiven Entzerrern scheinen ganz allmählich auf dem Vormarsch zu sein, aber allzu viele gibt es noch nicht. Den TG-Sound gibt es allerdings bis auf weiteres nur bei Chandler – und dank der Kooperation mit Abbey Road nun auch in noch authentischerer Form. Ob man nun Wert auf möglichst viele Eingangskanäle legt oder aber in Richtung des Entzerrers schielt – beides ist eine hervorragende Wahl. Ich persönlich oute mich jedoch ein weiteres Mal als Fan passiver EQ-Designs und möchte somit allen an hochwertigem Recording interessierten Lesern dazu raten, vor allem dem TG Channel MkII mal eine Chance in den eigenen vier Studiowänden zu geben.


Profil

Hersteller / Vertrieb:

Chandler Limited / Akzent Audio

Internet: www.chandlerlimited.com

www.akzent-audio.de

UvP TG2: ca. € 2.399, –

UvP TG Channel MkII: ca. € 2.560, –

UvP Netzteil: ca. € 195, –

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