Vintage-FX: It’s Springtime again

Boss RX-100 / Roland RV-100 – Federhall

Nach einem längeren Dornröschenschlaf liegen Federhallgeräte wieder hoch im Kurs — und das nicht ausschließlich bei Gitarristen. Der kompakte Boss RX-100 liefert den dumpf scheppernden Spring-Reverb-Sound für kleines Geld.

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Der Federhall wurde zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den Bell Labs in den USA zunächst für Anwendungen in der Nachrichtentechnik entwickelt und erstmalig um 1940 von Hammond im Musikinstrumentenbereich genutzt. AKG ist mit seiner legendären BX-Serie (s. VFX 7.2014) der einzige Hersteller, der den Federhall jemals auf ein wirklich studiotaugliches Qualitätslevel brachte. Aufwand und Kosten ließen diese erstaunlichen Geräte jedoch recht bald und sprichwörtlich zu Dinosauriern werden. Dennoch blieb der Federhall für einige Jahrzehnte erste Wahl für die kosteneffiziente Hallerzeugung, um schließlich von immer preisgünstigeren Digital-Effekten abgelöst zu werden. Heute erfährt der Federhall dank Vintage-Revival und angesagter Musikstile wie Dubstep erneut hohe Aufmerksamkeit. Dumpf scheppernder Hall-Sound ist in.

Die Gebrüder Boss und Roland 

Der japanische Hersteller Boss wurde in den frühen 70er-Jahren als Roland-Ableger gegründet und übernahm ab 1976 die Gerätesparten Effektpedale und Tuner sowie mehrere Produkte, die Rolands Palette im unteren Preissegment abrundeten. Einige Geräte aus dem Roland-Programm wurden schlicht umbenannt und unter dem Boss-Label weitervertrieben. Dazu zählt auch der RX-100.

Er erschien 1978 zunächst als Roland RV-100, kostete zu diesem Zeitpunkt etwa 450 Mark und bildete zusammen mit dem Eimerketten-Echo DC-10 und dem »Analog Chorus Echo« DC-30 Rolands preisgünstige Alternative zu den damals noch aktuellen Tape-Echos der berühmten RE-Serie − darunter Space- und Chorus-Echo. 1979 wurden die drei Geräte in das Boss-Programm integriert und dort bis in die frühen 80er technisch unverändert weiter geführt.

Klein aber fein

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die 34 cm breite Box zahlreiche Konstruktionsmerkmale der weitaus teureren Roland-Geräte dieser Zeit aufweist. So findet sich ein hochwertiges Metallgehäuse − nur die Front besteht aus Kunststoff −, welches dem RX-100 ein überraschend hohes Gewicht verleiht. Die Verkabelung an den Platinenanschlüssen ist in aufwendiger Wire-Wrapping-Technik ausgeführt. Außerdem besitzt das RX-100 die gleiche Hallspirale, die auch in den legendären Space- und Chorus-Echos verbaut ist − rundum gute Gene sozusagen.

Die Ausstattung ist sehr übersichtlich: Channel A besteht aus einem Monosignalweg mit Klinkenbuchsen auf der Frontseite. Dessen Eingangspegel wird mittels Level-Wahlschalter und »Volume A«-Regler bestimmt. Das Verhältnis aus Eingangspegel und »Reverb Volume« regelt die Ausklingzeit des Halls. Ein Mix aus trockenem und verhalltem Signal direkt im Gerät ist nicht möglich. Gitarristen werden dieses Feature sicher vermisst haben. SOUND & RECORDING 10/14


Das Innenleben des Boss RX-100 zeigt sich solide und überraschend aufwendig konstruiert — ganz im Sinne des großen Bruders Roland. Die Hallspirale entspricht den in den berühmten Space- und Chorus-Echos verwendeten Exemplaren. Laut Aufdruck ist sie »manufactured by beautiful girls in Milton, Wis. under controlled athmospheric conditions« — na dann …


Halldose – der Klang des RX-100 

Klanglich hat das Gerät eine echte Überraschung parat: Es arbeitet absolut nebengeräuschfrei. Vermutlich wurde dem RX-100 eine wirkungsvolle Kompander-Schaltung spendiert. Dem Grundklang fehlen ein wenig die Bassfrequenzen, tiefe Mitten wirken dagegen leicht betont. Der Hall klingt rund, weich und bei niedrigen Dosen angenehm unauffällig. Bei etwas großzügigerer Dosierung wird der Sound authentisch »dubbig«.

Das RX-100 reagiert gegenüber Pegelspitzen weitgehend unempfindlich und scheppert erst bei reichlich übertriebenem Eingangspegel. Im Pseudo-Stereo-Modus erscheint das Hallsignal durch die Phasendrehung breiter und dabei deutlich »hohler« im Klang − eine recht interessante, wenn auch nicht gerade natürlicher klingende Sound-Variante. Die Panoramaregler des angeschlossenen Mixers lassen sich nun als Klangregler verwenden: Je weiter man die beiden Ausgangssignale des RX-100 aufeinander legt, desto deutlicher wird die Auslöschung der hohen Frequenzbereiche. Dieser Effekt ist recht deutlich wahrzunehmen und macht das RX-100 klanglich flexibler, als man es der kleinen Box auf den ersten Blick zutraut. Zudem ist der RX-100 gegenüber Trittschall erstaunlich unempfindlich. Um ihn ordentlich scheppern zu lassen, bedarf es kräftiger und gewollter Handgreiflichkeiten.

Der Tatsache, dass es Boss RX-100 bzw. Roland RV-100 nicht in die Geräteparks prominenter Musiker und Studios geschafft haben und somit jeglichen Kultstatus missen lassen, ist es zu verdanken, dass FederhallFans hier recht günstig auf ihre Kosten kommen können. An sich unspektakulär, überzeugen beide Geräte durch einen sehr brauchbaren und typischen Sound. Dank ihrer hochwertigen Verarbeitung sind sie bei guter Pflege noch lange kein Fall für die Mülltonne.

 

Der RX-100 wurde uns freundlicherweise von Echoschall, dem bundesweiten Verleih für hochwertige Studiotechnik, zur Verfügung gestellt (www.echoschall.de)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo,
    ist das Boss RX-100/Roland RV-100 ein echter Ersatz für das legendäre Spacecho von Roland? Die Dinger sind ja mittlerweile sowas von teuter. Ausserdem weist du niemals, was du von den Japanern geschickt bekommest. Der Knackpunkt ist der Federhall. Was kostet das Teil? Es giebt nämlich keinen besseren natürlichen Hall, als mit der Feder von Roland.
    Rudi

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Die Originale sind echt nicht mehr bezahlbar. Was kostet des Ding. Ich will es haben. Es giebt eben nichts über einen ananlogen Federhhall.
    RUDI

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