DAW goes Tablet

Bitwig Studio auf dem Microsoft Surface Pro 4

Tablets sind reizvolle Devices, die sich auf flexible Weise für Musikanwendungen nutzen lassen — verbreitet sind hier zwei unterschiedliche Ansätze: Entweder übernimmt eine Remote-App die Steuerung der DAW und erweitert das Studiosetup als smarte Bedienoberfläche, oder man nimmt Apps wie Apple GarageBand, Steinberg Cubasis oder Native Instruments iMaschine. In allen Fällen handelt es sich um auf das iOS angepasste DownsizeVersionen der Desktop-Programme. Die junge Berliner Softwarefirma Bitwig geht nun einen anderen Weg …

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(Bild: Dieter Stork)

Kein Zweifel: Apple GarageBand und nicht zuletzt Steinberg Cubasis zeigen, wie gut man heute schon auf Tablets Musik machen und mobiles Recording betreiben kann. Allerdings handelt es sich hier um spezielle Varianten der jeweils größeren DAWs Apple Logic Pro und Steinberg Cubase, die speziell für die Arbeit mit dem Tablet angepasst wurden. Ganz ähnlich hat Bitwig auch die Bedienoberfläche den Gegebenheiten eines Tablets angepasst, dennoch haben wir es hier mit der vollwertigen DAW zu tun, wie man sie auch auf Desktop- und Laptop-Computern installieren kann. Also keine Einschränkungen oder Vereinfachungen der grundsätzlichen Funktionalität. Lässt sich das überhaupt sinnvoll bedienen? Und macht die Investition in den Surface Pro 4 Sinn?

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Mehr als ein Tablet

Bitwig Studio ist zunächst nur auf dem Microsoft Surface Pro 4 lauffähig, da dieses − ohne tiefer ins Detail zu gehen − bestimmte Multitouch-Funktionen bietet, die man derzeit noch nicht bei Apple-Tablets bekommt. Werfen wir doch zuerst einen Blick auf die Hardware, dessen großes Touch-Display mir spontan gefällt. Fast so groß wie ein iPad Pro, sind hier die Möglichkeiten der Darstellung schon mal anders als bei einem normalen iPad. Die Anzeige ist knackig scharf, allerdings auch ganz schön piddelig klein, solange man das installierte Betriebssystem Windows 10 betrachtet. Der Surface Pro 4 macht hier den Unterschied, dass − anders als bei iOS- oder Android-Geräten − kein spezielles Betriebssystem zur Anwendung kommt, sondern im Prinzip ein vollständiges WindowsSystem. In der Bedienung bringt das ein paar Hürden mit sich − kleines Beispiel: Will man einen neuen Ordner benennen, wird die Dialogbox von der Bildschirmtastatur verdeckt, sodass man nicht mehr sieht, was man gerade da so tippt − nun ja … Aber das Ganze bringt ansonsten den Vorteil, dass man nicht auf spezielle Software zurückgreifen muss und 1:1 mit der gewohnten Software arbeiten kann.

Bitwig Studio erscheint glücklicherweise mit einer optimierten Oberfläche, die sich in den meisten Situationen sogar überraschend gut bedienen lässt. Aber auch hier möchte man in manchen Untermenüs den mitgelieferten Surface-Stift zuhilfe nehmen, was okay ist, wenn man z. B. einen Controller oder ein Interface einrichtet − die Bedienung der für das Musikmachen relevanten Funktionen in Arrangement- und Edit-Darstellungen ist mit den bloßen Fingern durchaus zu bewältigen. Tatsächlich praktisch dabei sind die Multi touch-Menüs, die sich öffnen, sobald man z. B. ins Dock oder auf die Track-Funktionen tippt. Im Bildschirm erscheint ein kreisrundes Bedienelement, das verschiedene Optionen anbietet: eine Spur scharf schalten, muten, auf solo schalten oder Automationsspuren öffnen etc. − all das ist in einem Bedienelement vereint. Auch die Arbeit mit dem Browser gestaltet sich sehr komfortabel.

Was mir gefällt, ist das PLAY-Window: eine Tastatur, die mit vier Layouts arbeiten kann und polyfones Spielen und PitchbendEffekte erlaubt. Als Keyboard-Layouts gibt es eine »normale« chromatische Tastatur, die sogar Anschlagdynamik simulieren kann, und auch eine, die in Oktavlagen gestaffelt ist. Mir gefällt das dritte Layout am besten, das dem Hardware-Controller LinnStrument nachempfunden zu sein scheint. Sehr interessant auch, dass man Note-On-Pitch auch unquantisiert nutzen kann, sodass man nicht an die 12-Ton-Chromatik gebunden ist und frei intonieren kann. Als »Controller« betrachtet hat Bitwig also schon mal einige clevere Sachen zu bieten.

Neben dem Surface-Stift lässt sich als weitere »Bedienhilfe« auch das Type-Cover einsetzen − es schützt beim Transportieren das Display und ist aufgeklappt eine Tastatur, sodass sich der Surface Pro 4 dann wie ein normaler Laptop bedienen lässt, inklusive Multitouch-Screen selbstverständlich. Das Type Cover ist optional erhältlich für ca. 120 Euro, ebenso das Dock, das notwendig wird, wenn man mehr als ein USB-Gerät und auch z. B. noch einen externen Monitor anstöpseln möchte. Wer das Surface Pro 4 als Hauptrechner verwenden will, wird auch über die Leistungsmerkmale seiner Hardware nachdenken, denn das Gerät ist für knapp 1.000,− Euro mit einem m3-Prozessor erhältlich. Wer mehr Leistung will, greift zu den Geräten mit i5- oder i7-Prozessoren, die auch 8 bzw. 16 GB RAM im Angebot haben − das geht ins Geld: das i5-Gerät kostet dann knapp 1.500,− Euro, während das Surface Pro 4 mit i7-Prozessor mit 1.990,− Euro (mit 512 GB Speicher / 16 GB RAM 2.449,−) zu Buche schlägt.


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DAW Controller Special

In einem Download haben wir verschiedene DAW Controller Tests für euch zusammengefasst. Die Sammlung umfasst insgesamt 10 Testberichten – größtenteils stammen sie alle aus jüngerer Zeit (2012 – 2016), aber mit dem Octopus ist auch ein Controller mit Kultpotenzial aus dem Jahr 2006 mit dabei, und so zeigt die Sammlung ebenfalls den elektronischen- und Bedienungs-Wandel der Geräte.

Die Sammlung umfasst: Komplete Kontrol S, iOS Devices als DAW, Surface Bitwig Studio, Avid S3, Slate Raven, Ableton Push 2, NI Maschine 1.8, NI Maschine Studio, Focusrite Control 2802 und den Octopus.

>> Hier geht’s zum DAW-Controller Special Download <<

 


Smart & Mobil bei Arbeit, Sport und Spiel

Man muss ja nicht gleich zur teuersten Lösung greifen, um mit Bitwig Studio zu arbeiten − zum Testen stand uns ein i5-Gerät (2,4 GHz) mit 256 GB Speicher zur Verfügung. Damit ließen sich durchaus auch umfangreichere Projekte abspielen, solange man von anspruchsvollen Synthis wie u-he Diva die Finger lässt. Der Analog-Modeling-Synth ist nicht ohne Grund für seinen fantastischen Sound bekannt, aber er ist auch der leistungshungrigste Software-Synthesizer überhaupt. Trotzdem wird hier noch einmal der Unterschied zu iOS und Android-Tablets klar: Auf dem Surface Pro 4 lassen sich grundsätzlich alle VST-Plug-ins installieren, wie man sie in der DAW auf Desktop und Laptop nutzen kann.

Bitwig Studio auf dem Surface Pro ist daher für alle interessant, die ein smartes, mobiles Rechnersystem haben wollen, das hinsichtlich des Betriebssystems keine Sonderlösung ist. Praktisch ist es allerdings auch, wenn man ein großes Desktop-basiertes Studiosetup hat, unterwegs aber mit einer mobilen Lösung arbeiten will, die weitgehend identisch mit dem Studiosetup ist − beim Übertragen von Projekten sollte man allerdings die Leistungsmerkmale seines Surface Pro 4 im Auge behalten. Was die Touch-Bedienung angeht, muss man den Berliner Softwarehersteller ein gro- ßes Lob aussprechen, denn Bitwig Studio lässt sich deutlich besser und cleverer handhaben als das Betriebssystem des Surface Pro 4. Grundsätzlich aber bleibt unterm Strich: Eine tolle mobile Lösung.

Hersteller/Vertrieb Bitwig

UvP/Straßenpreis 299,− Euro / ca. 280,− Euro

www.bitwig.com

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