Für alles offen

Beyerdynamic DT 1990 Pro Studiokopfhörer im Test

Beyerdynamic-DT1990-Aufmacher1-Hau
(Bild: Dr. Andres Hau)

Mit dem DT 1770 Pro gelang es Beyerdynamic, einen geschlossenen Studiokopfhörer im Premiumsegment zu etablieren, der sich mit druckvollem Klang und hocheffizienten Tesla-Schallwandlern viele Freunde machte. Nun folgt mit dem DT 1990 Pro ein Pendant in offener Bauweise.

Der erste visuelle Eindruck ist schon mal sehr gelungen: Bügel und Muschelabdeckungen des DT 1990 Pro bestehen aus hochwertigem Leichtmetall mit einer sehr edel wirkenden Oberfläche in seidenmattem Anthrazit. Die Typenbezeichnung in der Mitte der Muscheln ist makellos herausgearbeitet und funkelt mit spiegelndem Glanz. Die länglich-ovalen Schalldurchlässe sind mit feinem, silbern glänzendem Drahtgeflecht hinterlegt. Das Design strahlt gleichermaßen Perfektion und nobles Understatement aus. Die Verarbeitung ist mustergültig. So soll ein Premium-Kopfhörer aussehen!

Anzeige

Geliefert wird der DT 1990 Pro in einem 115 mm tiefen schwarzen Kunststoff-Hardcase (nicht Hartkäse!), das neben dem Kopfhörer Platz für zwei zusätzliche Ohrpolster bietet (dazu später mehr) sowie zwei auswechselbare Kabel, ein 3 Meter langes gerades Kabel und ein elastisches Spiralkabel, das sich auf bis zu fünf Meter dehnen lässt. Befestigt werden die Kabel über einen Mini-XLR-Steckverbinder an der linken Ohrmuschel. Der Lieferumfang entspricht somit ebenso wie die Verarbeitungsqualität dem gehobenen Preisniveau von 599,− Euro.

Technisch Betrachtet

Wie die Modellbezeichnung schon andeutet, fußt der DT 1990 auf dem bewährten DT 990, der seit vielen Jahren sowohl von Hi-Fi-Enthusiasten als auch von Tontechnikern geschätzt wird. Neben einem edleren Äußeren erhielt der DT 1990 aber auch neue Schallwandler mit Beyerdynamics »Tesla«-Technologie. Dabei handelt es sich um dynamische Treiber mit besonders hoher Effizienz, u. a. durch Verwendung von Neodym-Magneten. Das Datenblatt spezifiziert die Empfindlichkeit mit satten 102 dB SPL für 1 mW. Deshalb erzielt der DT 1990 Pro trotz einer leicht erhöhten Impedanz von 250 Ohm auch an schlappen Kopfhörerausgängen bzw. energiesparenden Mobilgeräten eine mehr als ausreichende Lautstärke. Gleichzeitig sorgt die etwas höhere Impedanz für besonders sauberen Klang, da der Kopfhörerverstärker unter geringerer Last arbeitet. Darum hatten viele Studiokopfhörer früher sogar 600-Ohm-Schallwandler; doch so hohe Impedanzen können viele heutige Geräte nicht mehr adäquat antreiben. Insofern ist die 250-Ohm-Impedanz des DT 1990 Pro ein praxisgerechter Kompromiss.

Der Frequenzgang ist mit 5−40.000 Hz angegeben, worauf man aber nicht allzu viel geben sollte, denn Kopfhörerfrequenzgänge lassen sich nicht wirklich objektiv messen. Zu individuell ist die Physiognomie und damit verbunden, wie der Kopfhörer ans Ohr ankoppelt. Genau diesem Umstand hat Beyerdynamic beim DT 1990 Pro Rechnung getragen, indem zwei unterschiedliche Paare Ohrpolster beigelegt werden, die das Klangverhalten nicht unwesentlich beeinflussen, wie wir im Praxistest sehen bzw. hören werden.

Wir können auch Bass

Der DT 1990 Pro arbeitet mit recht großen, ohrumschließenden Muscheln, die etwas tiefer sind als die vieler Konkurrenzmodelle. Der Anpressdruck ist etwas höher als bei vielen offenen Kopfhörern, aber − zumindest in meiner Wahrnehmung − auch nach längerem Tragen nicht unangenehm. Mit 370 g hat der DT 1990 Pro ein ordentliches Gewicht, aber dank des sehr guten Sitzes und des weich gepolsterten Kopfbügels mit softem Kunstlederbezug fällt das leicht erhöhte Gewicht gar nicht auf.

Wie angesprochen, liegen zwei Paar Ohrpolster bei. Beide haben einen hautfreundlichen Veloursüberzug und sind optisch nur von hinten zu unterscheiden, also an dem Teil, das das Polster mit der Muschel verbindet. Das Paar mit dem Klangattribut »balanced« hat einen dunkelgrauen Ring mit einer Vielzahl von Löchern, während die »analytical« Polster einen hellgrauen Ring mit nur vier Löchern haben.

Beyerdynamic-DT1990-Polster-Hau
Zwei paar Ohrpolster: links die bassbetonten »balanced earpads«, rechts die »analytical earpads« für eine trockene Basswiedergabe (Bild: Dr. Andres Hau)

Man sollte nicht glauben, wie groß der Klangunterschied zwischen beiden Polstersorten ist! Die »balanced earpads«, die beim Testexemplar ab Werk installiert waren, sorgen für einen sehr satten Bass, während die »analytical earpads« eine lineare Bassabstimmung bewirken. Insofern ist die Bezeichnung »balanced« für die ab Werk installierten bassbetonten Polster vielleicht nicht ganz glücklich gewählt. In der Bedienungsanleitung ist der Klangunterschied aber korrekt beschrieben.

Man mag sich fragen, wozu ein Studiokopfhörer eine Bassbetonung brauchen soll. Zumal man offene Hörer ja primär für Mix und Mastering verwendet, wo doch eigentlich eine neutrale Beurteilung gewünscht ist. Der tiefere Sinn der bassbetonten »balanced« Pads wird einem schnell klar, wenn man Stücke verschiedener Musikrichtungen hört: Alles, was man unter »Urban Music« subsumiert, macht mit den »balanced« Pads viel mehr Spaß. Der Bass haut ordentlich rein, geht tief, und verliert dennoch nie die Kontur. Da wirkt nichts schwammig − jedenfalls, wenn die Mucke gut produziert und gemischt ist. Und genau das ist es, was den DT 1990 Pro auszeichnet: Der Sound macht Spaß, denn er ist »artgerecht«. Für solche Musik spielt ein satter Bass eben die entscheidende Rolle, und mit dem DT 1990 Pro kann man sehr gut einschätzen, ob der Mix auch auf modebewussten Kopfhörern von Beats & Co funktioniert. Oder auch im Club. Mit den »analytical earpads« würde man in den Bässen wahrscheinlich zu viel Gas geben, und der Track klänge auf einer bassbetonten Anlage bzw. stylischen Beats-Kopfhörern einfach nur dumpf.

Die analytical Pads eignen sich für alle anderen Stilrichtungen von Folk über Pop und Rock bis hin zu Klassik. Sie stellen die Bässe schön trocken, aber keineswegs dünn dar. Die Mitten sind wunderbar klar, ohne störende Resonanzen oder auch nur den Hauch von Nasalität. Der DT 1990 Pro wirkt sehr hochauflösend, wozu auch eine breitbandige Höhenanhebung beiträgt. Wobei auch diese die Klangbeurteilung nicht beeinträchtigt, denn sie wirkt wie ein sehr weicher, breitbandiger Hi-Shelf, der die Details und das Luftige betont − ähnlich wie man es gerne beim Mastering tut. Insofern kann man seine Musik beim Entstehen schon vorgemastert hören. Das macht den Beyerdynamic-Kopfhörer zu einer besonderen Empfehlung für alle Höhen-Junkies, die dazu tendieren, ihre Tracks zu hell abzustimmen. Aber auch Normalanwender kommen mit dem DT 1990 Pro nach kurzem Einhören sehr gut klar.

Besonderes Lob verdient die ungemein präzise Stereomitte, die sehr konkret und körperhaft vor dem geistigen Auge erscheint. Natürlich tendiert auch der DT 1990 Pro zur kopfhörertypischen Im-Kopf-Lokalisation, was hier aber kaum störend wirkt, weil man sich am fein ziselierten Klang berauscht und somit erfreut ist, die Lead Vocals so »nah« zu erleben.

Beyerdynamic-DT1990-case-open-schraeg-Hau
(Bild: Dr. Andres Hau)

Fazit

Der Beyerdynamic DT 1990 Pro ist ein Kopfhörer made in Germany, der sich das Prädikat »Premium« in allen Belangen verdient. Die Verarbeitung ist auf höchstem Niveau, die Ausstattung ist umfangreich, und der Klang ist so transparent und hochauflösend, wie man es in dieser Preisklasse erwarten darf. Dabei gibt sich der DT 1990 Pro variabel: Mit den »balanced« Ohrpolstern ergibt sich die Bassbetonung, die Urban Music von HipHop bis EDM einfach braucht. Und mit den »analytical earpads« zeichnet der DT 1990 Pro einen trockenen, klaren Bass für alle »handgemachten« Musikrichtungen. Schade nur, dass der Wechsel der Ohrpolster sich recht fummelig gestaltet und, zumindest für Ungeübte, einige Zeit in Anspruch nimmt. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau: Andere Modelle haben dieses nützliche Feature erst gar nicht!

+++
hochauflösender, höhenreicher Klang
+++
perfekte Verarbeitung
++
variable Bassabstimmung durch auswechselbare Ohrpolster
++
umfangreiche Ausstattung

Wechsel der Ohrpolster recht fummelig

Hersteller/Vertrieb: Beyerdynamic
UvP: 599,− Euro

www.beyerdynamic.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: