Vintage FX

Barth Musicoder (*1978) – Vocoder

(Bild: Matthias Fuchs)

Zum Höhepunkt des Vocoder-Booms gegen Ende der 1970er-Jahre schickte der Hamburger Studioausstatter Barth einen höchst interessanten Kandidaten um den schönsten Roboterchor ins Rennen. Leider ist der Musicoder ein Geheimtipp geblieben − aber was für einer!

Geradezu als Pseudonym für den Vocoder gelten die Geräte des britischen Herstellerns EMS. Die Vocoder von Moog, Sennheiser und Synton sind dagegen schon fast Exoten. Weitestgehend unbekannt geblieben ist der Barth Musicoder. Diesen Umstand wollen wir hier und jetzt beenden.

Anzeige

Der Barth Musicoder ist das Brainchild eines gewissen Peter Leunig (s. Kasten) und gleichzeitig direkter Abkömmling des mittlerweile legendären »Kraftwerk-Vocoders« (s. Kasten). Peter Leunig verfolgte dessen vielversprechendes Konzept seinerzeit weiter und führte es in Form einer Neukonstruktion als Musicoder zur Serienreife. Die Produktion und Vermarktung des Gerätes übernahm ab 1978 die Firma Barth. Obschon immerhin dem Prototypenstatus enthoben, war auch dem Musicoder kein kommerzieller Erfolg beschieden: Das rund 6.700 Mark teure Gerät wurde nur etwa 40 Mal verkauft − bedauerlicherweise, denn der Musicoder kann seinen prominenten Kollegen durchaus das Wasser reichen.

Ausstattung

Ebenso wie zahlreiche andere Vocoder nutzt der Musicoder 16 Frequenzbänder zur Analyse und Synthese der Audiosignale. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Musicoder einen Stereoausgang besitzt. Die einzelnen Frequenzbänder werden nach einem bestimmten Schema auf beide Kanäle verteilt und erzeugen so ein breites und, abhängig vom Obertongehalt der Eingangssignale, ständig wechselndes Stereobild. Interessant ist auch das Fehlen von On-Board-Signalquellen bzw. Oszillatoren. Abgesehen von einem Rauschsignal als Carrier (hier: »Program«) müssen dem Musicoder sämtliche Signale extern zugeführt werden. Dazu finden sich Pegelregler mit weiten Bereichen sowie ein Hi-Boost-Schalter zur Höhenanhebung des Modulators (hier: »Control«). Er sorgt − so viel schon vorweggenommen − für einen obertonreicheren Effekt und/oder verbesserte Sprachverständlichkeit.

Mit den Bypass-Reglern lassen sich die jeweils unbearbeiteten Eingangssignale stufenlos den Ausgängen hinzumischen − auch das variiert deutlich die Intensität und den Charakter des Effekts. Das »Lo-Cut«-Filter betont die stimmlosen Anteile (Zischlaute) des Modulator/Control-Signals. Damit zusammen arbeitet der »Autobypass«, bei anderen Geräten auch »Pause-Stuffing« genannt. Er schaltet in Signalpausen das jeweils andere Eingangssignal zum Ausgang durch. Nutzt man etwa als Modulator/Control-Signal einen minimalistischen Drumloop mit viel »Luft«, wird in dessen Pausen das Carrier/Program-Signal (z. B. eine Fläche) mit der gewählten Lautstärke hörbar. Das Ansprechverhalten lässt sich in zwei Stufen wählen (fast/slow).

Die Hiss-Sektion bietet einen Rauschgenerator, der bei stimmlosem Modulator/Control-Signal dem Carrier/Program ein Rauschen zumischt. Dadurch werden Zischlaute betont und die Sprachverständlichkeit erhöht. Mit dem Hiss-Regler lässt sich das Ansprechen der Detektorschaltung bestimmen − von kurzen Akzenten bis hin zu einem kontinuierlichen Dauerrauschen. Hiss-Level bestimmt dessen Lautstärke. Abschließend findet sich noch ein Regler für die Ausgangslautstärke.

Die Technik des Musicoders

… ist maximal platzsparend in einem 1-HE-Streifen untergebracht. Das Gerät nutzt 16 Frequenzbänder und ist sparsam, aber professionell ausgestattet. Ein echtes Ausnahme-Feature ist der Stereoausgang.

Das aufgeräumte Innenleben des Musicoders: Deutlich sichtbar sind die 16 Einsteck-Boards mit den Filtern plus das vorn gelegene Board mit Rauschgenerator und Hiss-Steuerung. Hinter der Frontplatte befinden sich Eingangsverstärker und BypassSteuerung. Vor den Ausgängen sind die Symmetrierer untergebracht. Ganz hinten erkennt man drei Steckerleisten, an denen die Signale der einzelnen Filterbänder abgegriffen und ggf. gepatcht werden könnten. Bei unserem Demogerät wurde das Originalnetzteil gegen ein modernes Schaltnetzteil ersetzt.
Im Gegensatz zu anderen Vocodern nutzt der Musicoder keine Bandpassfilter, sondern eine Reihe von 16 Tiefpässen. Durch deren Verkettung bzw. Kaskadierung entsteht die Bandpasswirkung. Dieses Schaltungskonzept spart erheblichen Bauteilaufwand. Bemerkenswert ist auch die Verwendung von damals sehr hochwertigen und rauscharmen Opamps des Herstellers Harris.
Die Rückseite zeigt die Eingänge für Programm- und Steuersignale sowie Stereound Mono-Ausgänge. Anstelle des Klebebandes ließe sich hier ein Abgriff für die Filterbänder installieren.
Mike Oldfield zählte zu den ganz wenigen wirklich prominenten MusicoderUsern. Er hat das Gerät deutlich hörbar auf seinen Erfolgsalben QE2 (1980) ...
... und Five Miles Out (1982) eingesetzt. In Deutschland arbeitete der Berliner Filmmusikkomponist Rainer Oleak Mitte/Ende der 90er mit dem Musicoder.

Sound

Trotz seiner minimalistischen Ausstattung weiß der Musicoder klanglich voll zu überzeugen. Aufgrund der fehlenden internen Signalquellen − vom Rauschgenerator einmal abgesehen − ist beim Musicoder die Auswahl von geeigneten Klängen natürlich noch wichtiger für ein adäquates Resultat als bei Vocodern mit eingebautem Oszillator oder gar einer Synthesizer-Sektion. Gibt man sich hier die entsprechende Mühe, belohnt der Musicoder mit äußerst ausdruckstarken, obertonreichen und dynamischen Sounds.

Die Sprachverständlichkeit ist besonders unter Zuhilfenahme von Hiss-Funktion und Lo-Cut sehr gut. Mit obertonreichen, breitbandigen Carriern entfaltet der Musicoder einen sehr schön »singenden« und kraftvollen Sound, der dicht an EMS-Qualitäten heran reicht.

Das beliebige Mischen von bearbeitetem Signal und beiden Bypässen erlaubt überraschend vielfältige Klanggestaltungsoptionen. Dank der gutmütigen Einpegelungen ist der Sweet-Spot mit maximaler Dynamik sehr groß.

Wirklich beeindruckend ist die Wirkung des Stereoausgangs: Signale mit deutlich wechselndem Obertongehalt bewegen sich permanent im Stereobild und erzeugen eine erstaunlich räumliche Wirkung.

Wer jetzt Interesse am Musicoder gefunden haben sollte, muss sich leider mit der Tatsache abfinden, dass es eben nur ca. 40 Exemplare gab. Eines davon auf dem Gebrauchtmarkt anzutreffen, ist entsprechend unwahrscheinlich. Der Berliner Instrumentenverleih Echoschall (www.echoschall.de) hat jedoch einen Musicoder im Sortiment.

Für umfassende Infos bedanken wir uns herzlich bei Klaus Fischer.


Der »Kraftwerk-Vocoder«

Weitaus berühmter als der Musicoder selbst ist sein illustrer Vorgänger − der kam nämlich bei den frühen Aufnahmen und Konzerten einer gewissen Düsseldorfer Kraut rock- und späteren Elektronik-Combo zum Einsatz. Er war sogar auf der Autobahn mit dabei. Doch der Reihe nach … Die Hamburger Firma Barth zählte in den 1970er- und frühen 80er-Jahren zu den führenden deutschen Studioausstattern.

Zudem ließ Barth einige eigene Produkte entwickeln, etwa einen EQ namens U311, den Compressor/Limiter Dynaset und den mittlerweile legendären Pitchshifter Audios. Die Entwicklung dieser Geräte übernahmen meist freie Mitarbeiter, zu denen auch Peter Leunig gehörte. Leunig wiederum zählte in den frühen 1970ern zeitweise zu den Bewohnern der legendären Hamburger Wohngemeinschaft »Villa Kunterbund«. Hier wohnten u. a. Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Campino und … Conny Plank. Letzterer arbeitete gerade am dritten Album eben jener Düsseldorfer (Noch-)Krautrocker und wurde von den Bandmitgliedern nach neuen Möglichkeiten zur Soundgestaltung befragt. Der Kreis schließt sich: Mit Conny Plank als Ideengeber startete Peter Leunig zusammen mit seinem ehemaligen Uni-Assistenten Karl Obermeyer die Entwicklung eines Vocoders, welcher später als »Kraftwerk-Vocoder« bekannt wurde. Auf dem Album Ralf und Florian von 1973 ist das Gerät zu sehen und zu hören. Ebenso kam er auf dem Nachfolgealbum Autobahn zum Einsatz. Dennoch waren die Düsseldorfer mit dem Ergebnis wohl nicht so recht zufrieden, zudem überwarf man sich bald mit Conny Plank, und das anscheinend noch nicht ganz ausgereifte Unikat geriet bald in Vergessenheit. Im Jahre 2006 erwarb Mute-Chef Daniel Miller das Gerät. Laut Miller ist es nach wie vor funktionsuntüchtig und wartet auf seine Reparatur.


Peter Leunig

(Bild: Archiv)

Der leider 2010 verstorbene Konstrukteur Peter Leunig zählt zweifellos zu den ganz Großen unter den kreativen Audiotechnikern. Eigentlich Künstler, Komponist und Physiker (!), eignete sich Leunig seine technischen Skills weitgehend im Selbststudium an − um Geräte für den musikalischen Eigenbedarf bauen zu können. Neben seiner Künstlerkarriere arbeitete Leunig in den frühen 1970er-Jahren zunächst als Studioausstatter in Österreich, bevor er als freier Mitarbeiter zur Hamburger Barth KG fand. Neben dem Musicoder entwickelte er dort die außergewöhnliche EQ-Kassette U311, den Compressor/Limiter Dynaset und schließlich den visionären Digital-EQ »Param«, der seiner Zeit allerdings um Jahre voraus war und nie vermarktet wurde. In den 1990ern kehrte Leunig der Audiotechnik überraschend den Rücken und entwickelte bis zu seinem Tod sehr erfolgreich digitales Druckerzubehör.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren