Vom Feinsten

Audio-Technica AT5040 Studiomikrofon im Test

Audio-Technica schätzt man in Studiokreisen für preisgünstige, dennoch hochwertige Produkte. Zum 50-jährigen Jubiläum gönnt sich der japanische Traditionshersteller nun einen Ausflug ins Exklusive: Das AT5040 ist ein Studiomikrofon, das Maßstäbe setzen soll und technisches Neuland beschreitet. Schnöder Luxus oder schöne Zukunft?

AUDIO-TECHNICA-AT5040
(Bild: Dr. Andreas Hau, Archiv)

Die meisten Produkte werden heute unter Kostengesichtspunkten und mit Blick auf die Marktsituation konzipiert. Aus ökonomischer Sicht ist das auch sinnvoll, nur führt dieser Ansatz zu einer Vielzahl gleichförmiger Produkte, die sich in Aussehen und Feature-Set an etablierten Standards orientieren. Umso erfreuter dürfen die Entwickler von Audio-Technica gewesen sein, als der Auftrag lautete: »Entwerft doch mal das beste Mikrofon, das ihr bauen könnt − egal was es kostet.« Carte Blanche!

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Das Ergebnis kam eben an meiner Haustür an: Das AT5040 wird inklusive einer elastischen Halterung in einem stabilen, sehr hochwertigen Kunststoff-Transportcase geliefert. Kostenpunkt: rund 3.000 Euro. Okay, das ist viel Geld, aber wenn’s wirklich das Beste seiner Art ist …

Schauen wir uns das Teil mal an! Die äußere Gestaltung ist eher simpel: Das Mikrofon hat eine zylindrische Form mit 166 mm Länge und einem Durchmesser von 57 mm. Den größten Teil des Gehäuses, nämlich 85 mm, nimmt der Mikrofonkorb ein, der mit rund 53 mm etwas schmaler ist als der untere, mattgraue Teil, der die Elektronik beinhaltet. Wie von Audio-Technica nicht anders gewohnt, ist das Gehäuse perfekt verarbeitet. Schalter gibt’s keine; das AT5040 arbeitet mit fester Nierencharakteristik.

Vier Gewinnt

Die spektakulärste Neuerung lässt sich bei entsprechendem Licht im Innern des Mikrofonkorbs erkennen: Der Schallwandler besteht aus vier Kapselelementen, die noch da – zu rechteckig sind. Rechteckige Kapseln sind traditionell eine Spezialität der schwedischen Firmen Milab und Pearl (s. S&R 7.2012). Anders als runde Kapseln haben sie kein rotationssymmetrisches Richtverhalten; Off-Axis-Verfärbungen werden in der horizontalen Ebene reduziert, während sie in der vertikalen zunehmen − was teilweise aber erwünscht ist, um Reflexionsschall von Decke und Boden sanft »abzudunkeln«. Ein weiterer Vorteil − aber da streiten sich die Gelehrten − ist, dass sich durch die ungleichen Kantenlängen zwei schwächere Resonanzen ergeben statt nur einer Hauptresonanz, was das Erzielen eines geraden Frequenzgangs begünstigen soll.

Beim AT5040 hat die rechteckige Geometrie aber noch einen ganz anderen Hintergrund: Sie ermöglicht das Aneinanderreihen der vier Elemente zu einem lückenlosen Verbund. Die 3.000-Euro-Frage lautet nun: Welche Vorteile ergeben sich, wenn man vier Kapseln verwendet statt nur einer?

Nun, auf der Hand liegt, dass diese Vierfachkapsel von 35 x 60 mm sehr viel Membranfläche bietet − etwa doppelt so viel wie eine übliche 1-Zoll-Großmembran-Kondensatorkapsel. Viel Membranfläche bedeutet ein starkes Signal und damit einen hohen Signal-Rauschabstand. Tatsächlich liegt die elektrische Empfindlichkeit bei 56 mV/Pa (entspricht −25 dB re 1 Pa) − das ist enorm »laut«. Das Eigenrauschen ist mit sensationell niedrigen 5 dB-A spezifiziert. Damit ist das AT5040 noch rund 2 dB rauschärmer als das Neumann TLM 103, das diesbezüglich lange den Rekord hielt. Wobei ich an dieser Stelle anmerken sollte, dass Audio-Technica − wie Neumann − zu den seriösen Firmen gehört: Anders als bei einigen »New Kids on the Block« wird nicht mit einmal erzielten Labor-Specs geprozt, die die tatsächlichen Mikros allenfalls bei günstiger Windrichtung erzielen. Bei AT sind die technischen Daten quasi Mindestwerte, die von den ausgelieferten Exemplaren üblicherweise übertroffen werden.

Noch ein paar interessante Details: Die Kapselelemente sind in Elektret-Technik aufgebaut, d. h., die Polarisationsspannung wird nicht seitens der Mikrofonelektronik zugeführt, sondern ist in der Gegenelektrode qua – si eingefroren. Noch immer haben manche Anwender Vorbehalte gegenüber der Elektret-Technik, wohl weil bei einigen frühen Exemplaren der 70er-Jahre die Kapselladung binnen weniger Jahre entwich. Solche Kinderkrankheiten haben die Hersteller aber längst im Griff. Mein allererstes »richtiges« Mikrofon war ein Electro-Voice BK-1 Elektret − 25 Jahre später funktioniert es noch immer tadellos.

Dass Elektret-Kapseln überdies ganz ausgezeichnet klingen können, hat nicht zuletzt der dänische Edel-Hersteller DPA bewiesen, aber auch Audio-Technica selber, u. a. mit dem AT4033. Insofern ist die Verwendung einer (bzw. vierer) Elektret-Kapseln im Top-of-the-Line-Mikro AT5040 kein Widerspruch. Im Gegenteil: Dass die Entwickler ohne jeden Kostendruck auf Elektret setzen, ist ein klares Statement, wie überzeugt sie von dieser Technik sind.

Praxis

Steht man zum ersten Mal vor dem AT5040, beeindruckt das Mikro bereits, bevor man eine Silbe gesungen oder gesprochen hat, nämlich mit einer ungeheueren Stille. Diese rührt nicht allein von seinem extrem niedrigen Eigenrauschen, sondern auch von den besonderen akustischen Eigenschaften der riesigen Kapsel. Von Decke und Boden kommender Schall wird in den oberen Frequenzen weich ausgeblendet wie mit einem breiten Shelving-Filter. In dieser Hinsicht ähnelt das AT5040 einem Bändchenmikrofon oder, noch stärker, den schwedischen Pearl ELM-Mikros. Die Vierfachkapsel verhält sich, was die Frequenzabhängigkeit des Richtverhaltens angeht, also wie eine einzige, sehr große Membran. Anders als bei den Pearl-Mikros, die sehr lange, dafür aber schmale Kapseln verwenden, zeigt das AT5040 auch in der horizontalen Ebene einen recht starken Ausblendungseffekt in den oberen Frequenzen. Mit anderen Worten, das AT5040 ist sehr stark auf seine Hauptaufnahmeachse fokussiert und muss entsprechend genau positioniert werden. Auch Schall aus dem Rückraum wird sehr stark unterdrückt.

Aufgrund des ausgeblendeten Reflexionsschalls wirkt das Klangbild ungemein trocken. Den angesagten In-Your-Face-Sound erreicht das AT5040 auch ohne ultranahe Mikrofonierung und die damit verbundenen Probleme wie fransige, überbetonte Zischlaute. Ohnehin würde ich für das AT5040 einen eher traditionellen Lippebstand von ca. 30 cm empfehlen, um hörbare Off-Axis-Verfärbungen bei Kopfbewegungen des Sängers zu vermeiden. Zudem hat das AT5040 einen Mörder-Output. Ob seines hohen Grenzschalldruckpegels wird ein lauter Vokalist zwar kaum das Mikrofon zum Zerren bringen, möglicherweise aber den nachfolgenden Mikrofonvorverstärker. Also lieber ein bisschen Abstand wahren; der trockene Mikrofonklang lässt das zu.

Apropos, wie klingt’s denn nun? Schaut man sich den weitgehend linearen Frequenzverlauf an, könnte man annehmen, das AT – 5040 klänge neutral, möglicherweise sogar langweilig. Mitnichten! Die klangbestimmenden Mitten wirken überraschend kernig und griffig. Gleichzeitig ist das AT5040 sehr ausgewogen. Der Bass hat eine ungemeine Tiefe, die Höhen wirken fein aufgelöst, aber ganz ohne Effekthascherei. Dieses Mikro braucht keine dicke Höhenanhebung, um Detailreichtum vorzugaukeln − es ist hochauflösend. Hier zahlt sich das Konzept der VierfachMembran aus: Es verbindet die souveräne, weitreichende Höhenwiedergabe und die schnelle Transienten-Erfassung eines guten Kleinmembranmikrofons mit dem weichen, sonoren Bass eines Großmembranmikrofons. Die Zischelneigung ist gering, Sprachkonsonanten werden präzise und ohne Überzeichnung erfasst.

Auch wenn es vornehmlich für Gesang und Sprache konzipiert ist, eignet sich das AT5040 aufgrund seines extrem weiten Übertragungsbereichs auch ausgezeichnet für Instrumente, vorzugsweise aber kleinere Klangkörper wie Akustikgitarre. Für die Abnahme größerer Klangkörper wie Orchester oder Chor scheinen mir die Off-Axis-Verfärbungen doch zu stark. Produktiv genutzt werden kann die starke Fokussierung dagegen bei der Abnahme eines singenden Gitarristen − eine der schwierigeren Übungen im Recording-Alltag. Das AT5040 eignet sich dabei gleichermaßen für die Gitarre und den Gesang, wobei sich aber wohl nur die wenigsten den Luxus zweier AT5040 leisten werden. Im Zweifelsfall würde ich das AT5040 für die Vocals verwenden, denn bei entsprechender Positionierung wird die Gitarre, gerade auch die höhenreichen Anschlaggeräusche, wunderbar aus der Gesangsspur ausgeblendet. Die Separation reicht locker aus, um Gitarre und Gesang getrennt voneinander mit Effekten zu bearbeiten und die Balance der Signale nachzujustieren.

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(Bild: Dr. Andreas Hau, Archiv)

Fazit

Das Audio-Technica AT5040 ist ein wirklich aufregendes Mikrofon. Es ist durch und durch Hi-Tech, ohne dass dieser Anspruch Selbstzweck wäre. Seine innovative Vierfachkapsel verbindet die überlegene Transienten-Abbildung eines Kleinmembranmikrofons mit dem sonoren Schönklang eines Großmembranmikros. Dabei zeigt es sehr überzeugend, dass hohe Linearität nicht langweilig oder farblos sein muss. Fast schon nebenbei ist es das derzeit wohl rauschärmste Mikrofon auf diesem Planeten. Meine Gratulation an die japanischen Entwickler. Ihnen ist etwas gelungen, was heute Seltenheitswert hat: Sie haben ein Original erschaffen.

Hersteller/Vertrieb

Audio-Technica

UvP/Straßenpreis

3.558,10 Euro / ca. 3.000,− Euro

www.audio-technica.de

+++ feinzeichnendes Klangbild

+++ extrem rauscharm

+++ innovative Technik

+++ geniale Spinnenhalterung

– Off-Axis-Verfärbungen

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