Augmented Virtuality

Arturia Augmented-Serie – Sample Libraries

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ARTURIA AUGMENTED-SERIE

Arturia kennt man eher als Vertreter elektronischer Klänge, aber seit geraumer Zeit tummeln sich auch Sounds akustischer Instrumente im Portfolio des französischen Hard- und Software-Herstellers. Wer jetzt aber denkt, dass es sich bei den hier feilgebotenen Streicher-, Piano- Vocal- und Brass-Libraries der Augmented-Reihe um gewöhnliche Orchester-Libraries handelt, der kennt die Grenobler allerdings schlecht: Gewöhnlich geht mit diesen Libraries zwar auch, aber darüber hinaus noch einiges mehr.

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Trotzdem scheint der eingeschlagene Weg, nun auch Libraries akustischer Instrumente anzubieten, auf den ersten Blick ungewöhnlich für eine Firma, die für Plug-in-Emulationen analoger Synth-Klassiker und für ihre Hardwaresynthesizer bekannt ist. Aber gerade dieser Umstand macht die ganze Sache interessant, denn die Augmented-Reihe lässt nur auf den ersten Blick vermuten, sie sei eine Butter-und-Brot-Sound-Library. Ihre wahren Qualitäten basieren nämlich sehr wohl auf das in all den Jahren gesammelte Know-how rund um elektronische Musikinstrumente und deren Virtualisierung.

Das Beste aus beiden Welten

Herausgekommen sind dabei Libraries, die beide Seiten bedienen: eine realistische Abbildung akustischer Instrumente, die sich aber derart flexibel im Sound verbiegen lassen, dass auch ein absolut synthetischer Charakter hervortritt, der teilweise noch nicht einmal mehr die Soundherkunft erahnen lässt. Der Name der Reihe ist dabei Programm, denn übersetzt man »augmented« wörtlich, dann heißt das »erweitert«, was man z. B. von der Augmented Reality als erweiterte Realität kennt. Bezogen auf die Sounds der jeweils gesampelten Instrumentengruppe bzw. der Vocals trifft das voll und ganz zu. Ihre typischen, akustischen Klänge können mittels verschiedener Synthesearten, Modulationen und Effekte stark verändert und somit ihre klanglichen Möglichkeiten um ein Vielfaches erweitert werden.

ARTURIA AUGMENTED-SERIE – SAMPLE LIBRARIES
Bei der Modulation-Page stehen neben klassischen LFOs auch editierbare Multisegmenthüllkurven zur Auswahl. Möchte man ein Ziel verknüpfen, wie hier den »Scale«-Parameter, entsteht im unteren Bereich ein Überblick über die aktuellen Zuweisungen, die dort einfach durch Ziehen im entsprechenden Feld verändert werden können.

Unter der Haube.

Grundsätzlich besteht jeder geladene Sound aus zwei Layern. Insgesamt erwarten einen bis zu vier Sound-Engines, die sich in maximal zwei Sample-Engines und zwei Synth-Engines pro Layer gruppieren lassen. Am Beispiel der kürzlich veröffentlichten Augmented-Brass-Library können mit der Sample-Engine so Samples aus dem Pool von Chamber-Brass, Orchestral-Brass, Processed-Brass oder Additional Samples geladen werden. Bei der Synth-Engine wird dann großes Geschütz aufgefahren, denn es kann zwischen Analog (subtraktiver Synthese), Wavetable, Granular, Harmonic (additiver Synthese) und Simpler (!) ausgewählt werden. Letzterer ist ein simpler Sampler, dessen reduzierte Funktionalität wohl für die Namensgebung verantwortlich war.

ARTURIA AUGMENTED-SERIE – SAMPLE LIBRARIES
Unter der Haube offenbart sich das Potenzial, das in der Augmented-Reihe steckt. In der Layer-Ansicht erhält man den Überblick über die eingesetzten Synthesearten und die wichtigsten Parameter.

Doch damit haben wir nur an der Oberfläche gekratzt, denn im klassischen Synthesizer-Aufbau sind hiermit erstmal nur die Oszillatoren abgedeckt. Was danach folgt ist maßgeblich für die Klangformung verantwortlich und äußerst umfangreich. Neben LFOs oder einer ADSR-Amplitude-Hüllkurve pro Engine stehen verschiedene Filtertypen nebst deren Hüllkurven zur Auswahl, zudem eine mächtige Multisegment-Hüllkurve und ein Randomizer, die jedem statischen Sound ordentlich Leben einhauchen können.

Danach geht es direkt in die FX-Abteilung. Für jeden Layer steht hier eine separate Auswahl aus 14 verschiedenen Effekten zur Verfügung, von denen pro Layer allerdings nur zwei gleichzeitig genutzt werden können, was zwar schade, aber in den meisten Fällen auch absolut ausreichend ist. Denn es gibt zusätzlich noch die Master-FX, bei denen aus einem algorithmischen und einem IR-Hall sowie aus drei verschiedenen Delays ausgewählt werden kann, wobei wiederum maximal zwei Master-FX-Slots gleichzeitig bestückt werden können.

Hatte ich erwähnt, dass es ganz nebenbei auch noch einen ausgefuchsten Arpeggiator gibt? Nein? Gibt es.

ARTURIA AUGMENTED-SERIE – SAMPLE LIBRARIES
Ein klassischer Arpeggiator verstärkt das bei der Augmented-Reihe ohnehin schon omnipräsente Synthesizer-Feeling.

Im Einsatz.

Wer bis hierher gelesen hat, könnte der Vermutung anheimfallen, dass die Arbeit mit Arturias Augmented Libraries furchtbar komplex ist. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Nach dem Laden eines Instruments wird man von einem erstaunlich reduzierten Interface überrascht, das aus einem zentralen »Morph«-Poti und sieben weiteren kreisförmig angeordneten, kleineren Potis besteht. Drastische Soundänderungen können dabei über den »Morph«-Poti entstehen, weil dieser bis zu acht Parameter gleichzeitig beeinflussen kann. Je nach Konfiguration kann es aber auch sein, dass damit im einfachsten Fall schlicht die beiden Layer überblendet werden. Auch »Color«, »Time« und »Motion« sind Makro-Potis und können mehrere Parameter gleichzeitig ändern. Zusammen mit den restlichen vier FX-Potis sind dann die wichtigsten Bereiche abgedeckt, wenn es darum geht, schnell Soundänderungen vornehmen zu können, ohne in die Untiefen der Sounderzeugung hinabsteigen zu müssen, was sehr gut funktioniert.

ARTURIA AUGMENTED-SERIE – SAMPLE LIBRARIES
Die Effekte sind sehr gut sortiert, vielfältig einsetzbar und kommen mit Presets daher. Die Distortion wartet gleich mit 16 unterschiedlichen Algorithmen auf.

Wer besagte Untiefen nicht scheut und richtig ins Sounddesign einsteigen möchte, ist mit einem Klick unter der Haube der Library. Dort wird man mit einem sehr detaillierten, aber trotzdem enorm übersichtlichen und ansprechend gestalteten Interface überrascht. Hier wird einmal mehr klar, dass Arturia seine Kernkompetenz bei Synthesizern und speziell deren Abbildung als Plug-ins hat, denn die Parameterflut ist hervorragend strukturiert und präsentiert. Die weitreichenden Möglichkeiten sind immer nur wenige Klicks entfernt, und es macht einfach großen Spaß, die Sounds detailliert in der Tiefe editieren oder komplett neu zu erstellen. Wer öfter mit Synthesizern zu tun hat, wird sich hier nach kurzer Einarbeitungszeit sehr schnell zurechtfinden. Allen anderen, denen das Gebotene eventuell doch zu viel Neuland ist, sei das vorbildliche Handbuch ans Herz gelegt.

ARTURIA AUGMENTED-SERIE – SAMPLE LIBRARIES
Modulation satt: Mit den Makro-Potis können mehrere Ziele gleichzeitig moduliert werden.

Sound.

Nach einigem Anspielen merkt man recht schnell, dass die Augmented-Reihe nicht als Ersatz für klassische Orchester-Libraries konzipiert wurde, denn dafür fehlen schlicht und ergreifend die dazu nötigen Artikulationen, um die wichtigsten Spielweisen authentisch abdecken zu können. Auch wären mir hier die dynamischen Ausdruckmöglichkeiten oftmals nicht ausreichend. Aber schaut man sich das Innenleben der Instrumente an, wird schnell klar, dass der Fokus auf dem größtmöglichen Verändern der klassischen Sounds liegt, um deren Klangspektrum – wie der Name schon sagt – zu erweitern. Und das gelingt hervorragend. Die synthetische Komponente bereichert die Sounds ungemein, und sie lassen sich damit auch im moderneren musikalischen Kontext einsetzen. So lassen sich den Bläsern problemlos loungige Sounds entlocken, die Streicher sind äußerst vielseitig und haben sehr schöne, dunkle Atmos, die Pianos reichen von intim bis glasklar, und bei den Voices kommt gerne ein herrliches Retro-Feeling synthetischer Stimmen auf.

Trotzdem hätte ich mir bei einigen Patches noch Legato-Artikulationen gewünscht, weil so Melodielinien bei manchen natürlicheren Sounds besser funktioniert hätten. Auch wirken auch die natürlichen Sounds in der Dynamik häufig ein wenig flach, was mir gerade bei der Grand-Piano-Library schmerzlich aufgefallen ist. Man hat hier manchmal den Eindruck, dass sich die Klangfarbe zwischen den Dynamikstufen der natürlicheren Sounds nur in Nuancen ändert – und diesen Eindruck bekommt man hier leider sehr oft, teilweise auch bei den klassischeren Sounds der anderen Libraries. Weil die Libraries aber hauptsächlich für das modernere Umfeld konzipiert sind, ist das für mich kein Ausschlusskriterium, Potenzial wird damit allerdings schon verschenkt.

Fazit.

Mit der Augmented-Reihe ist Arturia eine echte Punktlandung geglückt: Sie liegt genau zwischen klassischen Libraries akustischer Instrumente und reinen Synth-Plug-ins. Der moderne Sound und die omnipräsente synthetische Komponente macht sie hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – für modernere Produktionen interessant, die auf organisches Soundmaterial setzen möchten. Das Interessante dabei ist, dass sich die Sounds durch die verschiedenen Synthesearten und unzähligen Modulationsmöglichkeiten dabei äußerst flexibel und bis zur Unkenntlichkeit des Quellmaterials verbiegen lassen. Dass das trotz aller Komplexität alles noch übersichtlich bleibt und das Abtauchen in die Parameter schnell von der Hand geht, verdeutlicht einmal mehr Arturias langjährige Expertise auf dem Gebiet der Synthesizer-Entwicklung.

Einziger Wehrmutstropfen sind die teilweise etwas eindimensional daherkommenden natürlichen Soundvarianten, die zweifelsohne hervorragend aufgenommen sind, denen aber trotzdem manchmal noch ein dynamischerer Ausdruck oder die eine oder andere zusätzliche Artikulation gut zu Gesicht gestanden hätte. Schaut man aber auf den Preis, dann ist das Gebotene definitiv mehr als in Ordnung. Denn mit der Augmented-Reihe wurde ein Konzept in Software gegossen, das hervorragend zu bedienen ist, seinem Namen mehr als gerecht wird und zeitgemäße, oftmals ungewöhnliche Sounds zu Gehör bringt, die extrem vielseitig und flexibel einsetzbar sind.

 

 

Hersteller/Vertrieb: Arturia

Download-Preise: Augmented Brass / -Grand

Piano / -Voices / -Strings: jeweils 99,– Euro

Internet: www.arturia.com

Unsere Meinung:

+++ detaillierte Eingriffsmöglichkeiten
+++ Flexibilität
++ Preis/Leistungs-Verhältnis
– teilweise wenig Dynamik bei natürlichen Sounds

 

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