Pro Tools HD-Interface mal anders

Antelope Audio Orion32 HD Audio-Interface

Antelope Audio Orion32 HD Audio-Interface
(Bild: Stephan Lembke)

Avid Pro-Tools-HD-Systeme ausschließlich mit Audio-Interfaces von Drittanbietern zu betreiben, das war bis vor einem Jahr noch undenkbar. Seit Pro Tools 12.6 stellt Avid die DigiLink-Schnittstelle allerdings auch für andere Hersteller zur Verfügung und öffnet damit einen Markt vieler neuer Interface-Optionen. Antelope Audio hat mit dem Orion32 HD ein solches Interface auf der letzten NAMM-Show präsentiert. Welche Features es dabei neben der Avid DigiLink Schnittstellte beim neusten Mitglied der Orion-Familie gibt und wie es sich in der Praxis schlägt, zeigt euch dieser Testbericht.

Dass aus dem im Jahr 2013 vorgestellten Audio-Interface Orion 32 von Antelope Audio eines Tages mal eine ganze Produktserie entstehen würde, war damals noch nicht absehbar. Mit dem Einzug in verschiedene Studioumgebungen wurde allerdings deutlich, dass eine Anpassung der Features des Orion 32 je nach Anwendungsbereich durchaus sinnvoll ist. So konnte das Orion-Interface zwar auch bisher mit einem Pro Tools HD-Rig verwendet werden, allerdings musste ein zusätzliches Avid HD MADI-Interface für über 4.500,− Euro vorgeschaltet werden, um die digitale Verbindung zur HDX- oder HD-Native-Karte zu gewährleisten.

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Mit dem Orion32 HD hat Antelope Audio nun eine neue Orion-Version im Programm, die neben einer USB-3.0-Verbindung auch eine direkte Anschlussmöglichkeit für Avid Pro-Tools-HD-Systeme bietet.

Überblick

Das Orion32 HD bietet 64 Ein- und Ausgangskanäle, die entweder über zwei Avid Mini-DigiPorts oder eine USB-3.0-Verbindung übertragen werden. Dabei ist eine maximale Auflösung von 24 Bit und 192 kHz pro Kanal möglich. Die Kanalanzahl unterteilt sich gleichermaßen in analoge und digitale Wege. Die analogen Wege werden rückseitig via D-Sub25-Stecker in Tascam-Belegung ein- und ausgegeben. Zusätzlich sind zwei symmetrische Klinkenausgänge vorhanden, die als Verbindung zur Abhöre gedacht sind und von Antelope als »Mastering Grade« angepriesen werden. Als Schnittstelle für die Übertragung digitaler Kanäle stehen jeweils ein- und ausgangsseitig eine MADI-Verbindung, zwei ADATs und ein S/PDIF zur Verfügung.

Im Orion32 HD ist eine 64-Bit AFC-Clock (»Acoustically Focused Clocking«) von Antelope integriert, die über zwei WordClock-Ausgänge weitergegeben werden kann. Darüber hinaus ist auch ein normaler WordClock-Eingang für externes Clocking vorhanden sowie ein weiterer BNC-Anschluss, der für die Antelope Audio 10MX Masterclock vorgesehen ist.

Der Power-Button auf der Frontseite schaltet das Gerät vom Standby-Modus in den aktiven Betrieb, was zudem auch über die Kontroll-Software geschehen kann; komplett abschalten kann man das Interface nicht. Drei LEDs geben Auskunft über die Clock-Anwahl, und das Display zeigt die angewählte Samplefrequenz und eine Miniatur-Meterbridge für 32 Ein- und Ausgänge. Die gewünschte Samplerate kann über zwei Taster an der Gerätefront angewählt werden. Der Antelope-Funktions-Button führt durch das Menü des Interfaces, das unter anderem Einstellungen für die Clock und den Trim der Ein- und Ausgänge bereithält. Auf der Frontseite befinden sich noch fünf Preset-Taster, mit denen eigene Einstellungen abgespeichert und mit Direktzugriff aufgerufen werden können.

Das Orion32 HD macht in puncto Verarbeitung einen sehr guten Eindruck. Die schwarze Frontplatte ist edel gestaltet, das Display gut lesbar, und die Taster wirken hochwertig.

Zur Befestigung im Rack werden, wie bei den anderen Orions üblich, nur zwei Rackschrauben benötigt. Aufgrund des Gewichts von 3,6 kg sitzt das Orion32 HD damit fest im Rack. Hervorzuheben ist auch der lüfterlose Aufbau des Audio-Interfaces, was einen lautlosen Betrieb ermöglicht.

Zwei Interfaces in einem

Pro-Tools-User kennen das Problem: Während Pro Tools läuft, soll kurz ein Referenztitel in iTunes angespielt und über die Abhöre ausgegeben werden. Prinzipiell ist dies zwar möglich, allerdings nicht mit demselben Audio-Interface. Daher sind an vielen ProTools-Rechnern weitere Audio-Interfaces eingerichtet, die einen zusätzlichen Audioausgang zur Verfügung stellen. Hier schafft das Orion32 HD Abhilfe, indem die USB-3.0- Schnittstelle parallel zur DigiLink-Verbindung genutzt werden kann. Die verwendeten Kanäle müssen lediglich in der Kontroll-Software auf die entsprechenden Ausgänge geroutet werden, und dann können zwei Audio-Applikationen jeweils einen eigenen Bereich des Orion32 HD in Anspruch nehmen.

Dieses Feature steht darüber hinaus nicht nur ausgangsseitig zur Verfügung. So ist es beispielsweise möglich, zwei synchronisierte Computer über ein Orion32 HD zu betreiben und den Ausgang des einen Computers in den Eingang des anderen zu routen, um diesen aufzunehmen. Jedes erdenkliche Routing, das mit zwei separaten Interfaces möglich ist, lässt sich mit einem einzigen Orion32 HD reproduzieren.

Software-Update

Zur Bedienung des Orion32 HD kommt die Software zum Einsatz, die auch die anderen Geräte von Antelope Audio nutzen. Eine ausführlichere Betrachtung dieser findet sich im Testbericht des Zen Tour. Die aktuelle Version des Orion – 32 HD bietet einige Erweiterungen wie eine Speicherfunktion der Effekte, ein Trim der analogen I/Os oder die Kontrolle der Latenz für HD-Systeme.

Mit der Veröffentlichung des Orion32 HD sind zudem einige neue Effekt-Plug-ins hinzugekommen, und das Effektpaket wächst laut Antelope auch stetig weiter, ohne zusätzliche Kosten für bestehende User zu verursachen. Allerdings fehlen in der Orion-Serie die gut klingenden Verstärkersimulationen, die in der Zen-Serie mitgeliefert werden − auch wenn das Orion32 HD keinen Instrumenteneingang aufweist, wäre diese Erweiterung dennoch zu begrüßen.

Praxis

Zur Inbetriebnahme des Interfaces müssen zunächst der Treiber und die Kontroll-Software »Orion 32 HD Launcher« heruntergeladen und installiert werden. Während des Downloads kann man sich zur Überbrückung der Wartezeit ein Tutorial-Video zu den weiteren Installationsschritten ansehen.

Die anschließende Einrichtung des Audio-Interfaces erfolgt via USB 3.0, auch wenn es später via DigiLink betrieben werden soll. Über die USB-Verbindung wurde auch direkt die aktuelle Firmware heruntergeladen und aktualisiert.

Antelope Audio Orion32 HD Audio-Interface
Das schicke schwarze Gehäuse macht einen schlichten Eindruck und verrät nicht direkt, wie viel Technik im Orion32 HD steckt (Bild: Stephan Lembke)

Mit dem Testrechner verlief die Inbetriebnahme reibungslos und dauerte keine 10 Minuten. Bei dem Testrechner handelte es sich um einen Mac Pro (Modell »Käsereibe«) mit 3,2-GHz-Quad-Core-Prozessor und 24 GB RAM unter OS X 10.9.5. Das Orion32 HD tauchte direkt als USB-Interface im System auf und konnte in Cubase einem ersten Testlauf unterzogen werden.

Um laut Antelope Audio die höchste Klangqualität zu erzielen, wurde die »Oven«- Clock als Quelle zur Taktung der Session gewählt. Hierbei fiel im Workflow etwas unangenehm auf, dass die Samplerate-Einstellung des Orion32 HD nicht der Samplerate des DAW-Projektes folgt. Das beeinträchtigt meinen persönlichen Workflow recht erheblich, da ich je nach Projekt mit verschiedenen Samplerates arbeite und die manuelle Umstellung sicher mal vergessen werde. Diese kann zwar dadurch umgangen werden, dass die Cubase-interne Clock via USB genutzt wird, doch wer eine Clock von Antelope hat, wird wohl kaum auf die Standard-Lösung des Rechners zurückgreifen wollen.

Nun aber zum eigentlich Herzstück des Tests, dem Betrieb mit Pro Tools HDX und HD Native. Hierfür muss das Orion32 HD über den Antelope-Funktions-Button so eingestellt werden, dass es ein Avid HD-Interface simuliert. Zur Auswahl stehen sowohl die beiden analogen Interfaces HD 8×8 und HD 16×16 als auch das digitale HD MADI. Beide Systeme erkannten das Orion32 HD ohne Probleme direkt in jeder gewählten Konfiguration. Für den Test in meinem Setup nutzte ich das HD 8×8 als Standard, weshalb keine weitere Anpassung meines ursprünglichen Setups vorgenommen werden musste. Lediglich der speziell vorgesehene HDX-Latenzausgleich musste in der Kontroll-Software auf »Auto« gestellt werden, um die analogen Ein- und Ausgänge zu kompensieren.

Antelope Audio Orion32 HD Audio-Interface
Mehr Anschlussmöglichkeiten als bei jedem anderen Audio-Interface auf 1 HE: Links WordClock und die digitalen Schnittstellen S/PDIF, ADAT und MADI, während die analogen Ein- und Ausgänge über acht Sub-D-Buchsen rechts zu finden sind. (Bild: Stephan Lembke)

Im Betrieb war kein merklicher Unterschied zu meinem Ursprungs-Setup von Avid erkennbar, bis auf die Tatsache, dass es in meiner Regie aufgrund des lautlosen Betriebs des Orion32 HD deutlich leiser war. Dadurch konnte ich einige kleine Soundeffekte direkt in meiner Regie aufnehmen, was bisher aufgrund des »Meeresrauschens« des Lüfters meines HD-Interfaces nicht machbar war.

Die Abhöre wurde analog mit dem Stereo-Ausgang des Orion32 HD verbunden, der laut Antelope auf den Wandlern des Pure2 Mastering-Interfaces basiert. Auch wenn ich eigentlich einen Crane Song Avocet-Abhör-Controller für die Stereosumme verwende, konnte ich keinen merklichen Klangqualitätsunterschied zum Orion32 HD feststellen.

Fazit

Das Orion32 HD von Antelope Audio hat sich eine ganz bestimmte Nische im Markt der Audio-Interfaces gesucht. Während man ein kleines Vermögen für ein analoges 32 I/O HD-System von Avid aufbringen muss, so ist die Alternative von Antelope deutlich günstiger in der Anschaffung und bietet darüber hinaus weitere Features. Klanglich werden dennoch keine Abstriche gemacht, und das Orion32 HD weist hervorragende Klangeigenschaften auf. Durch die Vielzahl der digitalen Schnittstellen und die damit verbundenen weiteren 32 digitalen Ein- und Ausgänge lässt sich das Orion32 HD recht kostengünstig erweitern.

Der Simultanbetrieb der DigiLink- und USB-3.0-Schnittstellen bietet einen großen Vorteil und erspart dem Pro-Tools-HD-User ein weiteres Audio-Interface oder die Verwendung der rechnerinternen Soundkarte. Und wenn man eines Tages auf eine native DAW umsteigen möchte, steht die USB-3.0-Schnittstelle immer noch als Alternative zur Verfügung.

Das Orion32 HD stellt eine optimale Lösung für so ziemlich jedes Pro-Tools-HD-Rig dar. Ob viele Ein- und Ausgänge für ein großes Mischpult bedient werden müssen oder ob ein Mixplatz mit analoger Summierung und diversem Outboard im Workflow verbunden werden soll, die Features des Orion32 HD sind bei dem angesetzten Preis unschlagbar. Auch für mich scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann mein Avid HD-8×8-Interface einem Orion32 HD weichen wird.


+++
Klangqualität der Wandler
+
simultane Nutzung von USB 3.0 und DigiLink
+
leiser, lüfterloser Betrieb
+
Preis/Leistungs-Verhältnis

dauerhafter Standby-Betrieb

Hersteller/Vertrieb: Antelope Audio
UvP/Straßenpreis: 3.595,− Euro / 3.500,− Euro

www.antelopeaudio.com

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