Eine Neuinterpretation

Sounddesign: 90er-Pizzicato-Sound

Es gibt ja immer mal wieder diese ikonischen Sounds, die in einem bestimmten Song auftauchen. Sofort stürzen sich Musiker und Produzenten auf diesen Klang, verwenden ihn in ihren eigenen Kompositionen, und irgendwann ist das Thema einfach durcherzählt. Dann vergeht einige Zeit und man erinnert sich plötzlich mit wohliger Nostalgie daran zurück. Etwas Ähnliches machen wir auch in dieser Sounddesign-Folge: Wir werfen einen Blick auf den Pizzicato Lead.

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Der große Durchbruch dieses Sounds war eine Clubproduktion, die zum Welthit wurde und die vermutlich nahezu jeder mal gehört haben dürfte: Insomnia von Faithless. Betrachtet man nur den Radio-Edit dieses Songs, hat man es zunächst mit einem groovig nachdenklichen Arrangement zu tun, bis dann nach gut zwei Minuten der Pizzicato-Lead einsetzt und den Energielevel nach oben schraubt.

Interessant an diesem Sound ist, dass es sich dabei um ein Preset aus Rolands JV/XV-Serie handelt, deren Sound-Content unter anderem auch in den hauseigenen Workstations und mittlerweile sogar in Softwareform in der Roland Cloud zu finden ist. Daher stehen die Chancen also gar nicht schlecht, dass man den Sound eventuell schon in irgendeiner Form besitzt oder ihn relativ leicht erreichen kann – man muss nur nach dem Preset »Real Pizz« Ausschau halten.

Wenn man den Sound dann anspielt, merkt man direkt, dass der Klang, abgesehen vom pompösen Reverb und den üblichen Mixanpassungen, ziemlich originalgetreu übernommen wurde. Das 90s-Revival kann also beginnen.

Back to the future

Da es sich bei Rolands JV/XV-Reihe um »Rompler« handelt, also um Klangerzeuger, die mit kurzen Samples und vorgespeicherten Wellenformen arbeiten, ist es schwierig, die Klänge auf anderen Geräten möglichst exakt nachzubauen. Hinzu kommt der Umstand, dass der Originalsound relativ weit verbreitet ist und sich die Mühe deshalb nicht unbedingt lohnt. Daher möchte ich mich im folgenden Beispiel am Charakter des Originals orientieren, ihm aber einen modernen Anstrich geben und den Sound in Vital, also einem aktuellen Wavetable/VA-Synthesizer, erzeugen.

Schauen wir uns das Original ein wenig genauer an. Ich habe den Sound in meinem XV-3080 geladen, und isoliert betrachtet besteht der Gesamtsound aus drei sogenannten »Tones«. Diese könnte man grob als kleine Sound-Layer betrachten, aus denen dann der finale Sound entsteht. Zwei der Tones beinhalten dasselbe Sample, nämlich einen Upright Bass. Sie sind allerdings links-recht gepanned und leicht gegeneinander verstimmt. Diese zwei Tones sorgen einerseits für den knackigen Anschlag des Sounds, andererseits für die Fülle im unteren Bereich. Hinzu kommt der dritte Tone, der das eigentliche Pizzicato-Sample enthält und somit für den klanglich sehr mittigen Hauptteil des Sounds sorgt.

Sounddesign in Vital

Ausgehend vom Init-Preset haben wir in Vitals Osc 1 einen Sägezahn, welchen wir auch so belassen. Unison von Osc 1 erhöhen wir auf zwei Voices und reduzieren Unison-Detune auf 4 %. Um für eine gewisse Schwebung in Kombination mit den folgenden Oszillatoren zu sorgen, stellen wir Finetune auf 18 cent.

Osc 3 stellen wir ganz ähnlich ein, allerdings stimmen wir diesen Oszillator um eine Oktave nach unten, stellen Finetune auf –6 und Unison-Detune auf 6 %. Das Level reduzieren wir außerdem auf 0,23. Damit haben wir den Job der ersten beiden Tones plus einen gewissen Obertonanteil bereits abgedeckt.

Osc 2 übernimmt eine etwas speziellere Rolle, denn dieser soll für den mittigen Anteil des Sounds sorgen. Dazu wählen wir den Wavetable »Classic Fade« aus und schieben den Frame-Regler komplett nach oben. Anschließend wird auch dieser Oszillator eine Oktave nach unten gepitched.

Alle drei Oszillatoren routen wir anschließend in Filter 1. Als Filtertyp belassen wir es beim standardmäßigen »Analog 12dB«, reduzieren jedoch sowohl Cutoff als auch Resonance auf 0. Damit wir nun bei komplett geschlossenem Filter wieder etwas hören, routen wir Env 2 auf den Cutoff von Filter 1, stellen die Modulationsintensität auf ca. 105 und drehen für Attack, Hold und Sustain den
Regler jeweils komplett nach links; Decay und Release landen bei ca. 200 ms. In diesem Zuge widmen wir uns auch gleich Env 1, stellen Attack und Hold wiederum auf 0, Decay und Release auf ca. 275 ms und Sustain auf 0,540.

Der Originalsound, geladen in einem Roland XV-3080

Um den Attack des Sounds noch ein wenig knackiger zu gestalten, bringen wir Vitals Sample-Oszillator ins Spiel. Als Sound wählen wir »White Noise« und reduzieren das Level auf 0. Anschließend routen wir das Signal in Filter 2 (Filtertype ebenfalls Analog 12dB), dessen Cutoff wir auf ca. 2.900 Hz und die Resonanz auf ca. 25 % stellen. Um den Sample-Oszillator nun wieder hörbar zu machen, modulieren wir dessen Level mit Env 3 und einer Modulationsintensität von 0,7. Attack, Hold und Sustain drehen wir wieder auf 0 und Decay sowie Release auf 85 ms.

Finalisierung

Zunächst benötigt unser Sound noch einen guten Schuss Reverb. Dieser darf gerne sehr plakativ und auch höhenbetont sein, vor allem wenn man sich am Original orientieren möchte. Wer dem Patch außerdem noch deutlich mehr Präsenz, Punch und ein modernes Feeling geben möchte, der aktiviert Vitals Multiband-Compressor und belässt es bei den Default-Einstellungen. Lediglich den Mix könnte man auf ca. 50 % reduzieren, damit der Sound nicht komplett inyour-face ist.

Der finale Sound in Vital

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