Kolumne mit Peter Walsh

Headline oder Kleingedrucktes?

Es ist lustig, wie man etwas, dass man nach einer Zeit wiederfindet, mehr wertzuschätzen weiß. Ich will mich nicht selbst loben, aber ich habe neulich einige meiner vorherigen Artikel gelesen und fand sie tatsächlich ziemlich unterhaltsam! Wenn ich den Prozess des Schreibens vom Prozess des Lesens trenne, kann ich die Artikel jetzt sogar mit einem gewissen Maß an Objektivität genießen. Gott sei Dank!

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So ist es auch mit einem Großteil der Musik, die ich produziert habe. Wenn ich mich von der Produktion eines Werks löse, fällt es mir später leichter, es weniger kritisch zu hören. Wenn ich durch eine andere Brille schaue, finde ich auch, dass ich die Dinge anders höre. Ein bisschen Abstand kann eine wunderbare Sache sein! Mixe, für die ich bis in die frühen Morgenstunden geschuftet habe, schienen am nächsten Tag stets besser zu klingen und nach ein paar Monaten Pause noch besser.

Diese kleine Verzerrung auf einer Vocal-Spur, die ich stundenlang vergeblich zu verschleiern versucht habe, ist zwei Monate später nicht mehr zu hören. Und das Gitarrenriff, das im März noch verstimmt war, hat sich scheinbar bis Mai wieder von selbst korrigiert. Worüber habe ich mir Sorgen gemacht?

Unsicherheiten wie diese resultieren aus einer großen Besorgnis in diesem Moment, lösen sich allerdings im Laufe der Zeit in Luft auf! Seine Perspektive zu wahren ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Musikproduktion. Von der Komposition über das Arrangement und die Aufnahme bis zum Mischen versuche ich immer, das Gesamtbild zu betrachten. Leider ist es aber auch sehr leicht, sich im Detail zu verfangen. Manchmal denke ich, dass zwei Produzenten in meinem Kopf sind: einer, der über bestimmte Dinge wütend ist und an Zwangsneurosen leidet, und der andere, der ein bisschen cooler, weniger analytisch ist und Sounds und Performances akzeptiert, auch wenn sie nicht ganz auf den Punkt sind.

Perfekte Tonhöhe ist eine Sache, aber etwas im richtigen Moment zu haben, leicht verstimmt, kann etwas Schönes sein. Du musst nur wissen, wann und wie viel. Es sind oft genau diese kleinen Unvollkommenheiten, die einem Track Persönlichkeit und diesen einzigartigen Charakter verleihen, der so wichtig ist. Das macht einige der alten Klassiker zu Klassikern. Man hätte Mick Jagger oder John Lennon nie dazu bekommen, ein Pitch-Correction Plug-in zu benutzen.

Einen Teil des Januars habe ich damit verbracht, mit der Sängerin Sarah Brown (Simple Minds, Roxy Music, Simply Red) an ihrem neuesten Album zu arbeiten. Als ich dabei war, einem der Mixe den letzten Schliff zu verleihen, begann ich, die Lautstärke der Hauptstimme in zu hinterfragen. Auf meinen ATC-Lautsprechern schien sie etwas zu laut zu sein, bei den Genelecs fühlte es sich nicht laut genug an. Wir haben es hier mit Kleinigkeiten zu tun. Paranoia machte sich langsam im Raum breit!

»Lass uns eine Version mit um ein halbes dB lauteren Vocals machen«, schlug der Produzent in mir vor, »1 dB scheint etwas zu viel.« Wirklich? Ich weiß, dass es in ein paar Monaten nicht mehr so kritisch sehen werde. Dann werde ich wahrscheinlich gar nicht mehr wissen, wie viele dB es waren oder ob es mehr oder weniger war.

Aber was passiert, wenn wir diese Detailgenauigkeit und Präzision aus den Augen verlieren … um die ultimative Balance, den perfekten EQ, den präzisen Hall-Anteil oder die Menge an Feedback eines Delays zu finden? Das Ignorieren der Details kann ebenfalls sehr falsch sein. Man kann diesen Job nicht machen, ohne manchmal die Lupe herauszuholen und tief zu graben. Es ist die Liebe zum Detail, die die Kunden immer wieder zurückkommen lässt.

Letztendlich braucht man beide Persönlichkeiten. Manchmal sind beide Produzenten präsent oder aufgeteilt unter den Leuten, mit denen man arbeitet. Das macht ein erfolgreiches Team aus. Bei Simple Minds war es Frontmann Jim Kerr, der sich um das große Ganze kümmerte, während Gitarrist Charlie Burchill besessener war und jedes Detail erforschte und verfeinerte. Als ihr Produzent war ich recht komfortabel in der Mitte platziert, nahm das Beste aus beiden Welten und fungierte als eine Art Filter. Zusammen bilden sie immer noch ein großartiges Team. Es funktioniert wirklich, wenn man diese Dynamik hinbekommt!

Kürzlich habe ich mit der Augsburger Folk-Rock-Band The Seer zusammengearbeitet (nicht zu verwechseln mit der österreichischen Schlager-Band The Seer oder der australischen Death Metal-Band The Seer. Warum gibt es überhaupt so viele Bands namens The Seer? Meine The Seer kamen Jahre vor allen anderen!). Wir haben 1994 zum ersten Mal zusammengearbeitet, als sie bei BMG Ariola in München unter Vertrag standen. Ich wurde damals gebeten, einen Extended-Mix aus einem Track namens Across The Border zu machen, der zu dieser Zeit viel Airplay bekam. Ich habe seitdem oft mit ihnen gearbeitet.

Diesmal sollte ich zwei weitere Versionen desselben Songs für eine Special-Edition-EP mischen. Bei einer dieser Versionen ging es darum, dem Song eine besondere mexikanische Atmosphäre zu verleihen (»Across The Border«, alles klar?). Sie hatten eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sie das konzeptionell realisieren wollten, aber es lag an mir herauszufinden, wie dies am besten erreicht werden kann und aus den Millionen von Tracks, die sie aufgenommen hatten, die richtigen Zutaten auszuwählen. Dazu muss man im Gesamtbild denken, dann aber in den hyper-analytischen Modus wechseln, um herauszufinden, was funktioniert. Am Ende brauchte es nur ein paar Tarantino-Gitarren und einen Vibroslap, um den genauen Geschmack zu erhalten. Ich war kurz davor, unterschwellig ein Morricone-Pfeifen hinzuzufügen! Es ist interessant: Die Künstler, mit denen ich lange zusammengearbeitet habe, sind diejenigen, bei denen sich unsere Persönlichkeiten ergänzen. In diesem wettbewerbsorientierten Job ist das ziemlich selten. The Seer ist eine dieser Bands.

Gene Loves Jezebel ist ein weiterer Künstler, dessen Gitarrist James Stevenson ein lebenslanger Freund geworden ist. James ist ein sehr akribischer Typ, der einen Song bis ins Mark reduziert und dann rekonstruiert, während Frontmann und Sänger Jay Aston absolut keine Detailperson ist. Er bringt seine Spontanität und Lebendigkeit in die Aufnahmen, und die Konzentration auf zu viele (langweilige) Details würde seinen Performances das ganze Leben nehmen.

Aber Scott Walker war wahrscheinlich das beste Beispiel für eine gespaltene Persönlichkeit, die ich auch habe. Wir teilten sowohl die »Überschriften«- als auch die »Kleingedrucktes«-Rollen, wobei wir beide das kleinste Detail respektierten, aber auch versuchten, das Gesamtbild richtig erscheinen zu lassen.

Nächste Woche werde ich wieder mit Daniel Blumberg zusammenarbeiten, einem Künstler, der in letzter Zeit zu einem großen Teil meines Lebens geworden ist. Wir haben in den drei kurzen Jahren, die ich ihn kenne, drei Alben und viele Nebenprojekte zusammen produziert. Er ist definitiv ein Mann mit einer großen Vision, und ich kümmere mich um das Detail. So funktioniert die Dynamik am besten zwischen uns.

Während ich hier sitze und in der Lobby meines Hotels in Berlin schreibe, höre ich einen Simple-Minds-Track aus dem Restaurant. »Ich hab das gemacht«, sage ich voller Stolz und Freude zu meiner Freundin Kate. »Ich habe es produziert, aufgenommen, gemischt.« Das ist es, worum es geht. Deshalb verbringe ich so viel Zeit mit den Details … Es wird in einer Hotellobby gespielt, 38 Jahre, nachdem ich die ganze Nacht damit verbracht habe, es zu mischen … und all die Stunden der Überlegung scheinen sich zu lohnen.

Oh … Moment mal … Ist die Bassdrum zu laut? Ich sehe mich um und beobachte die Reaktionen der anderen Hotelgäste. Vielleicht ist sie zu laut, aber niemand scheint es zu bemerken. Und selbst wenn, könnte ich es jetzt ja sowieso nicht ändern!

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