Networking Deluxe!

Die Sound&Recording-Studioszene auf der Musikmesse 2018

Studioszene Sound&Recording
(Bild: DIRK.HEILMANN)

Und schon ist sie wieder vorbei, die Musikmesse 2018! Ein Event, auf das wir in den vergangenen sechs Monaten mit Hochdruck hingearbeitet haben, um den Besuchern mit der Studioszene eine Plattform mit einem Programm zu bieten, das die Audio- und Musikerwelt dazu bewegt, die Musikmesse und unser Team, zu dem ich auch die Aussteller der Studioszene zähle, zu besuchen.

Insgesamt stellten bei der Prolight + Sound und der Musikmesse an insgesamt fünf Messetagen 1.803 Unternehmen aus 56 Ländern ihre Produkte vor. Laut der Messe Frankfurt fanden über 90.000 Besucher aus 152 Ländern den Weg auf das Messegelände − trotz erschwerter Bedingungen durch 800 Flugausfälle sowie Streiks im öffentlichen Nahverkehr. Darüber hinaus besuchten auch in diesem Jahr rund 20.000 Besucher die Konzerte des Musikmesse Festivals in 30 Locations in ganz Frankfurt.

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Unser Beitrag zur Musikmesse 2018 war wie schon im vergangenen Jahr die Studioszene. Auf einer Fläche von über 150 m² mit Vorführbereich, Kicker und Lounge zum Networken zählten hauptsächlich 26 hochkarätig besetzte Workshops und Produktvorführungen zum Programm. Neben unseren Autoren Stephan Lembke, Waldemar Vogel, Christoph Aßmann und Henning Verlage waren auch Sounddesigner Jan Hennig aka Kabuki, Gitarrist der Fanta4 Markus Birkle und viele weitere Produktspezialisten vor Ort, die nebenbei entweder als Musiker oder Produzenten unterwegs sind. Zu Letzteren zählt Julian David, der das Mikrofon-Modeling-System Sphere L22 von Townsend Labs vorstellte.

Mikrofon mit Atmosphäre

Julian David führte bei uns das vielleicht vielseitigste Mikrofon vor, das derzeit zu haben ist. Das Townsend Labs Sphere L22 ist kein »gewöhnliches« Mikrofon, sondern das erste serienreife Modeling-Mikrofon, das auf den Markt kam. Das erst einmal relativ gewöhnliche Doppelmembran-Kondensatormikrofon wird zusammen mit einer Software ausgeliefert und betrieben. Erster Vorteil: Es gibt bereits eine ganze Reihe an Vintage-Klassikern, die das Sphere L22 imitieren kann, für die, sofern überhaupt eines angeboten wird, meist tief in die Tasche gegriffen werden muss, wenn man sich eines zulegen möchte. Zweiter Vorteil: Den modellierten Mikrofonen können Richtcharakteristiken zugeordnet werden, die die Originale gar nicht bieten, und Vorteil Nr. 3: Auch nach der Aufnahme können die verschiedenen Mikrofontypen und Charakteristiken geändert und somit direkt verglichen werden. Wie das Ganze in der Praxis aussieht, hat Julian David live vor Ort vorgeführt.

 

Studioszene Sound&Recording
Das Sphere L22 für ca. 1.500 Euro imitiert Klassiker, die sonst vier- oder gar fünfstellige Summen kosten. (Bild: DIRK.HEILMANN)

Alles live

Michael Voß stellt zum einen die breite Palette an MOTU AVB-Interfaces (AVB: Audio-Video-Bridging) vor, die nicht nur Audio-, sondern gleichzeitig auch Videodaten verarbeiten können, und zum anderen das MOTU Show-Control-System, mit dem in den USA schon etliche Künstler und Bands arbeiten, um eine zwischen Musik, Licht und Spezialeffekten perfekt synchronisierte Show hinzulegen.

Die Interfaces haben einen vielseitigen Einsatzbereich mit geringer Verzerrung und geringer Latenz. Außerdem können sie um weitere Geräte von MOTU erweitert und zu einem Netzwerk ergänzt werden. Ein Computer sendet dann z. B. einen Clicktrack zu den Musikern und gleichzeitig Signale zu Lichteffekten, Videowänden oder zu abstürzenden Flugzeugen, die dann punktgenau in eine Wand krachen, wie bei Pink Floyds The Wall. Die Band selbst spielt dabei immer live!

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Michael Voß: Alles bleibt live! (Bild: DIRK.HEILMANN)

Softube

Andreas Lisibach war für die Schweden von Softube vor Ort und stellte das Arbeiten mit der Console1 MKII vor. Console1? Das ist vielleicht die Brücke oder die Lösung für Hobby- und professionelle Engineers, die sich nicht zwischen Hard- und Software entscheiden können. Mit einem etwa Tastatur-großen haptischen Controller steuert man Maus-los die Software. Das spart Zeit, man ermüdet nicht so schnell und kommt schließlich schneller ans Ziel.

Grundsätzlich ist die Console1 ein Channelstrip, bestehend aus einer Dynamic-Shape-Section, einem Equalizer und Kompressor − beim Kauf mit dabei ist der SSL 4000E Channelstrip, allerdings können auch jede Menge andere Plug-ins (u. a. auch UAD-2-Plug-ins) integriert werden − die Console1 kann also wachsen.

Musikmesse Studioszene Sound&Recording
»Haptisch und klanglich hat für mich Hardware eigentlich keine Vorteile mehr.« Andreas Lisibach (Bild: DIRK.HEILMANN)

Wie das Arbeiten genau aussieht, führte Andreas vor Ort am Beispiel eines Rock-Songs vor und korrigierte Bassdrum, Snare, Bass, die Gitarren und Gesang. Gleichzeitig gab er nützliche Tipps, wie man die Instrumente mixt, um Überlagerungen im Sound zu vermeiden.

The Wild 1176ers

Im letzten Jahr wurde der legendäre Kompressor 1176 fast unbemerkt 50 Jahre alt. Er wurde 1966 vorgestellt und ging 1967 in den Handel. Wir widmeten dem Kultgerät den Titel und ein Special in der Ausgabe 12.2017, in dem Stephan Lembke die verschiedenen Revisionen des Originals, Hardware-Nachbauten und Software-Klone miteinander verglichen hat.

Aufbauend auf diesem Special präsentierte Stephan die 1176er an einem eigenen Stand auf der Workshop-Fläche unserer Studioszene und zeigte in einem Vortrag die Geschichte und Funktionsweisen des Kompressor/Limiters auf Transistorbasis.

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Der 1176 ist ein FET- bzw. ein FieldEffect-Transitor-Kompressor, also ein Kompressor, der mit einer Transistor und nicht mit einer Röhrenverstärkung arbeitet. Er besitzt auch kein Opto-Element, um Kompression zu erzeugen. (Bild: DIRK.HEILMANN)

 

 

Fix My Mix

Auch Fix-My-Mix-Autor Waldemar Vogel war mit an Bord der Studioszene. Der Mixing-Engineer, der in unseren Screencasts zwar nicht zu sehen, aber dafür zu hören ist, präsentierte seine Mixing-Tutorials wie bereits im letzten Jahr live vor Ort auf der Musikmesse. Waldemar demonstrierte, wie man einen Song mit stark dezimiertem Arrangement, der nur aus Akustikgitarre und Gesang besteht, pimpt. »Bei den Vocals ist oft das Problem, dass man sie offen und groß haben will. Wenn man sie allerdings komprimiert, schießen einem die S-Laute um die Ohren. Das ist echt brutal. Auf der einen Seite möchte man den Gesang auch hell und trotzdem dunkel haben. Wenn die Akustikgitarre dann mitspielt, sollen die Vocals trotzdem vorne sein!«, so Waldemar. Im Workshop zeigte er, wie er aus einem recht undurchsichtigen Mix einen offenen Song gemixt hat.

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Henning Verlage und Christoph Aßmann waren live auf unserer Studioszene und gaben ihre Tipps beim Musikproduzieren zum Besten. (Bild: DIRK.HEILMANN)

 

Drum-Recoording mit Jens Kleinhuis

Im Tonstudio gehört das Thema Drum-Recording zur Königsdisziplin − kaum ein anderes Instrument bedarf einer solch großen Anzahl an Mikrofonen und verschiedener Arten der Mikrofonierung. Aber wie und wo fange ich an, was muss ich bedenken, und wie stelle ich die Mikrofone am besten auf, um den Sound einzufangen?

Die Antworten zu diesem komplexen Thema gab uns der Vortrag von Jens Kleinhuis auf der Studioszene. In dem dreißigminütigen Vortrag zeigte der Drummer und Abbey-Road-Institut-Dozent die einzelnen Aspekte der Schlagzeugaufnahme auf, gab einen Überblick über das Abstrahlverhalten der einzelnen Schlagzeug-Instrumente, stellte einzelne Mikrofontypen vor und erklärte, was jeweils zu beachten ist. Ein nützlicher Tipp z. B. war die sorgsame Beachtung der jeweiligen Schalldrücke, welche je nach Mikrofontyp erheblich variieren und bei Falschanwendung Verzerrung und (im schlimmsten Falle) die Zerstörung der Mikrofonkapsel hervorrufen können.

Anhand von Hörbeispielen ging es an die einzelnen Schlagzeugelemente, und Jens demonstrierte mit kleineren Aufnahmen, wie die einzelnen Mikrofone an den unterschiedlichen Trommeln klingen und welchen Einfluss der Mikrofonierungswinkel auf den Klang hat.

Es ist natürlich sehr schwer, einen solch komplexen Prozess wie das Drum Recording in 30 Minuten zu erklären, trotzdem gab der Vortrag dem interessierten Zuschauer alle nötigen Tools und Handgriffe mit auf den Weg, um erfolgreich selber in die Welt der Schlagzeugaufnahme einzutauchen.

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Uli Schiller — Leiter des Abbey Road Institutes Frankfurt — präsentierte seine Erfahrungen beim Vocal-Recording. (Bild: DIRK.HEILMANN)

Tracking in Pro Tools mit Markus Birkle

Markus Birkle, Produzent und Gitarrist der Fantastischen Vier aus Stuttgart, widmete seinen Vortrag dem Gitarren-Tracking in der DAW Pro Tools im professionellen Kontext.

Wie sieht der erste Kontakt mit dem Kunden aus, wenn ich als Gitarrist gebucht werde? Was gilt es am Anfang zu klären? Soll die Aufnahme einen Live-Charakter haben oder soll editiert werden, und wie kann man die DAW Pro Tools optimal auf eine anstehende Tracking-Session vorbereiten, damit die folgende Session reibungslos abläuft? Wie schafft man es, dass die Technik nicht dem kreativen Flow im Wege steht? Was muss ich besonders als Gitarrist beachten, was wird von mir erwartet, und welche Stolperfallen gibt es, die ich tunlichst vermeiden sollte?

Markus zeigte die Antworten auf all diese Fragen in seinem Vortrag auf und gab durch zwei Pro-Tools-Sessions, jeweils Studio und live, einen Einblick in den Arbeitsalltag eines Profi-Studiogitarristen.

Neben verschiedenen Denkschritten, die man für ein erfolgreiches Tracking beachten sollte, vermittelte Markus dem Publikum auch direkt die passenden Pro-Tools-Shortcuts und Routing-Techniken.

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Markus Birkle (Bild: DIRK.HEILMANN)

DPA Mikrofon-Technologie

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Mikrofon? Zugegeben, die Chancen diesen Unterschied auf einer Messe zu hören, sind etwas geringer als in einer kontrollierten Hörumgebung, trotzdem haben die beiden Techniker des Mikrofonherstellers DPA eine Lösung gefunden, mit der den Zuschauern auf unterhaltsame Weise der Unterschied vermittelt werden konnte: Anhand eines Kupferbechers und zwei Löffeln aus dem Buffet des Hotels (es wurde versprochen, dass beide Löffel wohlauf zurückgegeben werden würden …) wurde ein Klangerzeuger geschaffen, der sich durch besonders »fiese Transienten« (»this is a nasty transient device«) auszeichnet und dank der Peaks und Klirranteile ein komplexes Klangereignisses erzeugt. Ein wahrlich schrecklicher Klang, jedoch perfekt, um anhand der Wellenform aufzuzeigen, wie die verschiedenen Mikrofon- und Kapseltypen jeweils auf den Sound reagieren.

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Außerdem wurden die unterschiedlichen Effekte und Auswirkungen verschiedener Mikrofontypen besprochen (wie zum Beispiel der Nahbesprechungseffekt), wie die unterschiedlichen Richtcharakteristiken entstehen und wie deren Einfluss auf den Klang ist. Nach der transientenreichen Becher/Löffel-Performance ging es dann mit der etwas konventionelleren Aufnahme einer akustischen Gitarre weiter, anhand welcher das DPA-Duo noch einmal sehr schön demonstrierte, was dabei auf der mikrofontechnischen Seite passiert − Backgroundwissen, mit dem man sich definitiv etwas besser in der großen Kleinmembranwelt zurechtfindet.

Veränderungen»Das insgesamt positive Echo von Ausstellern des Messeduos und die hohe Besucherqualität zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind«, sagt Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. »Der Fokus auf den fachlichen Austausch an den Werktagen wurde von der Branche honoriert. Zudem haben wir mit unserem vielfältigen Programm zur Nachwuchsförderung und dem erfolgreichen Musikmesse Festival ein starkes Signal für Musik und Events gesetzt. Wir möchten auch zukünftig auf den Stärken des Messeduos aufbauen. Daher stellen wir die Weichen für eine Musikmesse und Prolight + Sound 2019, die die Wünsche unserer Kunden nach einem internationalen Place-to-be der Musik- und Eventtechnologiebranchen noch stärker in den Mittelpunkt stellen und Synergien zwischen den Veranstaltungen optimal nutzen.«

So hat die Messe Frankfurt für das kommende Jahr eine vollständige Überschneidung der Tagesfolge bei Musikmesse und Prolight + Sound angekündigt. Darüber hinaus werden die Veranstaltungen auch räumlich näher zusammenrücken. Musikmesse und Prolight + Sound setzen Impulse für die Branche. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr!

www.musikmesse.com

www.prolight-sound.com

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Danke an alle, die dabei waren! (Bild: DIRK.HEILMANN)

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