Kleiner 1176 ganz weit vorne

Black Lion Audio Bluey 500 – FET-Limiter im Test

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BLA_BLUEY_500(Bild: Nick Mavridis)

Überschriften wie »Liebling, ich habe den 1176 geschrumpft« verbieten sich sowohl aus Stilgründen als auch aufgrund des inflationären Gebrauchs – besonders in Hinblick auf Studiogeräte, die von 19″ ins Kompaktformat Series 500 transferiert wurden. Obwohl … Passend wäre eine derartige Überschrift allemal, denn der Black Lion Audio Bluey 500 ist nun mal genau das: ein geschrumpfter 1176. Allerdings ist schon die seit einigen Jahren erhältliche Rack-Version des Blueys nicht einfach der Nachbau eines der Blue-Stripe-1176-Modelle A, AB oder B von 1967 oder 1968, sondern besitzt noch die eine oder andere kleine Besonderheit, die auf die Zusammenarbeit mit Mixing-Engineer Chris Lord-Alge zurückzuführen ist.

Bluey, ob nun im 19″- oder 500er-Format, ist nicht die einzige Umsetzung des 1176-Prinzips durch Black Lion Audio (BLA). Der Seventeen basiert auf dem 1176 der »Blackface«-Variante Revision E, welche aber unter Zuhilfenahme der Expertise von Tobias Lindell sinnvoll erweitert wurde. Wem hier direkt vor »Bluestripe«, »Blackface« und »Revisions« die Transistoren im Hirn rauchen: Stephan Lembke hat in einem 1176-Artikel alles fein säuberlich und verständlich erklärt. Als Kurzfassung sei gesagt, dass der 1176 das wohl bekannteste und beliebteste Transistor-Dynamikgerät der Welt ist. Beliebt für Vocals, Snare, Gitarren, Bässe und viele weitere Monosignale, wird unter anderem sein bei Bedarf knalliger Charakter genannt, der Signale schön nach vorne bringt. Der beliebte »All-Buttons-Mode« ist eigentlich eine Fehlbedienung, die aber wundervoll pumpende, lebendige Bewegung in Signale bringen kann – vor allem bei Drums.

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Ein geschlossenes Gehäuse schütz vor Emissionen und Immissionen. In dieser Seitenansicht ist die Bauhöhe der Potikappen gut zu erkennen. (Bild: Nick Mavridis)

Das Layout von der riesigen Fläche eines 19″/2HE-Geräts auf die auch bei doppelter Slot-Breite reichlich schmale Gehäusefront zu portieren, ist keine leichte Aufgabe, zumal ja nicht nur die Bedienelemente angeordnet, sondern auch das Innenleben entsprechend gestaltet sein will. BLA ist das beim Bluey 500 aber hervorragend gelungen. Die beim 1176 ursprünglich rechts gelegene Einheit, die die schaltbaren Ratios links und die Meter-Settings (+4 dB, +8 dB oder Gain Reduction) und den Bypass rechts des VU-Meters angeordnet hat, ist im 500er-Modul nach oben gewandert. Natürlich ist alles deutlich kleiner, die kastigen Schalter mussten kleinen, runden weichen, doch die Positionen wurden beibehalten – klasse, wenn man einen »großen« 1176 gewohnt ist. Einzige Ausnahme: Der Schalter rechts unten ist Bypass statt Off, aber das ist mehr als sinnvoll. Ein schönes Detail ist, dass über dem Meter der namensgebende blaue Streifen zu finden ist. Ich finde es prinzipiell sehr löblich, dass man die Detektorwege zweier Bluey 500 für den Stereobetrieb miteinander koppeln kann, aber auch beim Bluey wäre es ratsam, die externe Box UA 1176SA zu verwenden.

Input zum Heranführen des Signals an den festen Rotationspunkt des FET-Limiters und Output zur Aufholverstärkung sind in gleicher Reihenfolge nebeneinander angeordnet wie üblich, aber selbstredend mit kleineren Potis. Attack und Release sind nicht über-, sondern ebenfalls nebeneinander angeordnet. Und BLA haben einen fünften Regler mit auf die Front gemogelt, der ein gern gesehenes Additiv ist: Dry/Wet.

Ein Blick hinter die Kulissen

… zeigt, dass es wohl kein Zuckerschlecken gewesen sein dürfte, die notwendigen Bauteile des volldiskreten Prozessors unterzubringen. Dicht und oft hochkant sind die Thrugh-the-hole-Komponenten eingesetzt. An Qualität und den Toleranzen der Bauteile wurde wohl nicht gespart, der Aufbau wirkt durchdacht, und die Material- und Herstellungsqualität wertig. Wohl um den Einschub nicht zu teuer werden zu lassen, erfolgt die Fertigung in China. Die Trannys sind dem UTC im Input und dem Reichenbach am Ausgang alter 1176 nachempfunden.
Der Bluey unterscheidet sich von anderen Klonen und Interpretationen laut BLA dadurch, dass er nach einem spezifischen Gerät modelliert ist. Die »Gold Unit« von Chris Lord-Alge ist ein Blue-Stripe (wahrscheinlich Model B), der von verschiedenen Technikern verändert wurde, teilweise wohl aus Gründen der Nichtverfügbarkeit bestimmter Bauteile. Wichtig sei laut BLA, dass bestimmte Stromverstärker an Input und Output hinzugefügt wurden, womit nicht nur der Limiter selbst, sondern der komplette Pult-Einschleifweg von Lord-Alges umgesetzt wurde.

Mit technischen Daten wirft BLA nicht gerade um sich, nennt aber etwa die Regelzeiten. Der wichtigste Wert ist die kürzest mögliche Attack. Diese beträgt wie bei Urei-/UA-1176 und allen Clones, die etwas auf sich halten, 20 µs. Damit können Signalspitzen von Hi-Hats, Konsonanten und diversen anderen Attack-Bereichen abgefangen werden. Max. Attack ist bei 800 µs, Release ist von 50 bis 1.200 ms regelbar.

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Es ist beileibe nicht so, dass durch die doppelte Slot-Breite wahnsinnig viel Platz im (hier aufgeschraubten) Gehäuse wäre. Unten rechts (eckig) und mittig (rund) sind die beiden CineMag-Übertrager zu erkennen. (Bild: Nick Mavridis)

Ins Housing geschraubt

… kann ich kaum erwarten, Signale durch den BLA Bluey 500 zu jagen. Zwar habe ich meinen 1176LN vor einem Jahr verkauft, doch sind mir 1176er-Sound und Bedienung nach wie vor sehr vertraut. Da wäre zunächst das Layout der blaugestreiften Miniversion. Ich fühlte mich direkt zuhause und konnte das Gerät ohne Hinsehen bedienen. Trotz Enge können die Finger weit zwischen die hohen Potis greifen, die Anordnung der Regler ist perfekt. Die an klassische Ureis angelehnten Kappen sind aufgrund ihrer Riffelung hervorragend greifbar, die feine Rasterung gefällt mir sehr.

Allerdings störte mich zunächst etwas, dass Attack »falsch herum« läuft – oder »richtig«, je nach Sichtweise. Verwirrt? Nun, bei einem 1176-Design ist die Attack-Zeit üblicherweise rechts kurz und links lang. Das ist anders herum als bei den meisten Comps, weil der Regler eben nicht als Attack-Zeit interpretiert wird, sondern als Attack-Bearbeitung. Das Vorbild des Bluey von Lord-Alge ist jedoch auch in diese Richtung modifiziert. Ich finde es schon etwas schade, dass diese kleine Extravaganz ausgebügelt wurde.

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Attack läuft anders herum – oder richtig, je nach Sichtweise. (Bild: Nick Mavridis)

Der sagenumwobene All-Buttons-Mode funktioniert, wenn alle vier kleinen Schalter gleichzeitig versenkt werden. Das ist schwieriger, als mir lieb ist. Warum man gerade hier auf Originaltreue setzt, anstatt wie Universal Audio selbst bei der Preamp-Limiter-Kombi 6176 einfach eine zusätzliche »All«-Option zu integrieren, ist mir rätselhaft. Dennoch ist es sicher falsch von mir gewesen, das arme Modul bei manchen Versuchen derart zu beschimpfen. Tut mir leid, Bluey, war nicht so gemeint.

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Der All-Buttons-Mode funktioniert, erfordert aber unnötig viel Koordination. Ein simpler zusätzlicher Schalter wäre praktischer. (Bild: Nick Mavridis)

Dafür habe ich aber ein besonderes Lob in der Tasche: Das Meter ist absolut akkurat und verfügt über schnelle Integrations- und Rücklaufzeiten. Spötter behaupten ja, dass das Meter im 1176 nicht mehr Funktionalität besitzt als eine einzelne »Gain Reduction«-LED. Meter Adjust ist gut erreich- und treffsicher einstellbar.

Sobald die ersten Signale vom Bluey bearbeitet werden

… ist sofort klar, dass hier wie zu erwarten das klassische Regelverhalten und der bekannte Soundcharakter eines 1176 Regie führen. Mit Settings wie dem vorsichtigen Verdichten von Stimmen mit 4:1 über das flotte Abfangen von Peaks mit 20:1 gelingt alles so, wie man es von einem 1176 kennt und erwartet. Die zackigen 20 ms Attack sind offenbar korrekt und hilfreich, wenngleich ich mittlerweile durch die Spectra-Limiter mit ihren 90 Nano(!)-Sekunden noch schnellere Zugriffe gewohnt bin. Besonders auf der Snare macht der Bluey so richtig Spaß. Das besonders deswegen, weil es so einfach ist, zwar etwas beherzter zur Sache zu gehen und einen stärkeren, auffälligeren Regelvorgang zu erzeugen, aber mit Wet/Dry-ein wenig Lebendigkeit ins Signal zurückzubringen. Wer patschige Snares mag, die einem um die Ohren gehauen werden: Der Bluey ist die Kiste dafür. Allenfalls mit dem VCA-Comp dbx 560 konnte ich noch etwas knalliger zu Werke gehen, dafür büßte das Snare-Signal damit auch an Luftigkeit und Agilität ein.

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Der FET-Limiter ist einkanalig, aber zwei Slots breit. (Bild: Nick Mavridis)

Im All-Buttons-Mode pumpte und ächzte der Bluey im Test in bester Manier. Die Monosumme eines Drum-Overhead-Pärchens, ein Front-of-Kit und ein Dirt-Mike brachten diese enorme Dichte und große Bewegung in das Drum-Signal. Hier war der Dry/Wet-Regler natürlich Gold wert, denn so verrückt die Drums im All-Buttons-Betrieb auch tanzten, es ließ sich mit einem Handgriff schnell alles mixverträglich einfangen.

Mir fällt es schwer einzuschätzen, ob der Hype um Chris Lord-Alges’ spezifischen »Gold Unit«-1176 aufgebauscht ist (wie vielleicht Kanal Nummer 17 aus Bruce Swediens Harrison 3232C …). In jedem Fall ist der BLA ein klanglich hervorragender 1176, der ein klein wenig »hotter« wirkt und schneller Zähne zeigt. Davon profitierten im Test ganz besonders Rockbass-Signale, die ohne zu Verschwimmen konturierter und etwas giftiger klingen konnten, ohne dass jene 1176-Charaktereigenschaft zu sehr hervortritt, die ich bei stärkerer Kompression oft feststelle, bei der das Signal dann »gewürgt« klingt und schnell ins Eindimensionale kippt. Verringert man dann die Ratio oder bringt das Eingangssignal häufiger unter den Rotationspunkt, erzielt man nicht die gewünschte Dynamikreduktion. Verringerung der Release-Zeit passt oft nicht in den musikalischen Kontext. Beim Bluey habe ich das schöne Gefühl, dass ich etwas mehr typischen 1176-Charakter auch mit softeren Settings erhalte und er insgesamt etwas frischer klingt. Das gefällt! Außerdem hilft hier erneut Dry/Wet.

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Im Grunde ist alles an gewohnter Stelle. Dass Bypass vom Attack-Linksanschlag des Originals an die Position des ursprünglichen Off-Schalters gewandert ist, ist zweifelsohne ein Gewinn. (Bild: Nick Mavridis)

Das wichtigste Signal (überhaupt) zum Schluss: Stimme. Gesungene Stimmen zu bearbeiten, gehört wohl zu den Lieblingsaufgaben des Bluey. Dabei geht die kleine Kassette einen kleinen Tick präsenter als mir bekannte 1176er vor. BLAs Bluey war ein Gewinn für wirklich alle Arten von Vocals, die ich durch ihn hindurchgeschickt habe. Eine männliche Rockstimme mit Shure SM7B konnte ich mit dem Limiter und reichlich Hub weiter nach vorne bringen und durch den Mix schneiden lassen als mit dem Electric & Company EC5B, welcher eine Weiterentwicklung des (Röhrengeräts!) Universal Audio 175b darstellt. Der Bluey raut Signale etwas an, was ihnen Griffigkeit verleiht, die enorme Größe und Tiefe des EC5B besitzt er nicht, aber das sollte aufgrund des Konzept- und Preisunterschieds nicht verwundern.

Allerdings fällt gerade bei den Vocals auf, dass der Bluey ganz deutlich größer, edler und stimmiger klingt als der dbx. Ein Unterschied zu anderen 1176 ist, dass er etwas präsenter abgestimmt ist. Diese Eigenschaften machen den Bluey zu einem guten Kompagnon in einer Bearbeitungskette für Rap. Die genaue zeitliche Kontrolle über Konsonanten und die Fähigkeit, die Stimme weit nach vorne zu bringen, machen den Bluey zum idealen Match für viele Stimmen und Mikrofone. Etwas zu viel des Guten war die Sprechgesang-Kombination mit dem sowieso schon recht präsenten Equitek E200, aber ein Gefell UM 92.1S passte hervorragend, wenn ein sehr nach vorne schiebender Klang mit hoher Sprachverständlichkeit gewünscht war.

Fazit

Der Black Lion Audio Bluey 500 ist ein spannendes Gerät, welches wohl jedes 500er-Rack sinnvoll erweitert. Zwar sehe ich es so, dass seine Leibspeise die technische und gleichzeitig klangästhetische Verdichtung von Stimmen – besonders kräftigen Rock- und Rap-Vocals – ist, doch ist der Limiter gleichzeitig ein Prozessor, der wohl in jeder Produktion eine sinnvolle Aufgabe übernehmen kann. Knallige Snares sind genauso sein Ding wie das dynamische Moderieren und leichte Veredeln von Saiteninstrumenten. Die Kiste ist aus hochwertigen Komponenten aufgebaut, was sich sogar für das Meter sagen lässt, nutzt den Doublewide-Formfaktor sowohl auf als auch hinter der Frontplatte perfekt aus und ruft einen moderaten Preis auf.

Hersteller/Vertrieb: Black Lion Audio / Audiowerk

Internet: www.blacklionaudio.com / www.audiowerk.eu

UvP: 929,– Euro

Unsere Meinung

+++ 1176-Klang- und Regeleigenschaften gut umgesetzt
+++ etwas präsentere Ausrichtung unterstützt den typischen 1176-Einsatz bei Drums und Vocals
+++ hochwertige Bauteile, guter Aufbau
++ sehr gut zu bedienen (mit u. g. Einschränkung)
– All-Buttons-Mode umständlich zu aktivieren

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