24 Stunden Filmmusik

Elektronik-Ikone Thomas Fehlmann im Interview

Wenn Ambient- und Detroit-Techno-Ikone und The-Orb-Member Thomas Fehlmann von neuen Herausforderungen spricht, darf man mit Ungewöhnlichem rechnen – und erwartet dennoch kaum die Filmmusik zu einer TV-Live-Dokumentation von 24 Stunden Länge.

Rainer Falk

Am 5. September 2008 fangen 60 Kamerateams 24 Stunden Berliner Großstadtleben parallel und ungefiltert ein. Genau ein Jahr später senden RBB und ARTE den Zusammenschnitt des Spree-Metropolen-Alltags.

Die Musik zu dieser längsten TV-Doku aller Zeiten liefert Thomas Fehlmann, seines Zeichens seit einem Vierteljahrhundert begeisterter Wahlberliner und Fan der sprichwörtlichen Berliner Luft. Unlängst erschien sein Album Gute Luft mit einem Sublimat der Filmmusik in Form von 15 atmosphärisch dichten, entspannt pastellfarbenen und großflächig angelegten ElektronikaMeisterwerken. In seinem Homestudio berichtet Thomas Fehlmann über Erfahrungen bei der Filmvertonung und die aktuellen Aktivitäten der Ambient-Techno-Veteranen The Orb.

Thomas, wie bist du zu diesem Projekt gekommen?

Es ist eigentlich zu mir gekommen. Der Regisseur Volker Heise hatte sich mit mir in Verbindung gesetzt. Er kannte meine Sachen, und bat mich zu machen, was ich sowieso mache.

Filmmaterial von diesem Umfang zu vertonen, ist ein recht ungewöhnliches Unterfangen. Wie bist du das Projekt angegangen?

Das war schon eine Herausforderung. Ich hatte mich ja zuvor noch nie alleine mit Filmmusik beschäftigt. Zudem wurde ich gewarnt, dass es zum Zeitpunkt der Musikproduktion noch keine fertigen Bilder geben würde. Ich hatte nur einen 20-minütigen Dummy, der das Konzept veranschaulichte. Den versah ich im Vorfeld komplett mit Musik und lernte dabei eigentlich nur, dass alles höchstwahrscheinlich ganz anders kommen würde. Ich habe ein halbes Jahr vor Drehbeginn mit meinen Vorbereitungen begonnen, nach Sounds und Konzepten gesucht und schließlich etwa fünf Stunden Musik produziert. Am Anfang lief das ungefähr so ab, dass ich mir aus älteren (Ableton) Live-Projekten verschiedene Schnipsel raussortierte, die in die Luft warf, neu zusammen stellte und je nach aktueller Inspiration neue Sachen dazu erfand. Das ermöglichte einerseits ein recht hohes Arbeitstempo, andererseits konnte ich Material, was in der Vergangenheit nie fertig gestellt wurde, zu einem Abschluss bringen. Die Tracks, die schließlich für das Album ausgesucht wurden, besitzen jedoch einen hohen Anteil an neuem Material.

Wie sahen die Vorgaben seitens der Regie aus?

Volker sagte im Wesentlichen „Mach mal”. „Less is more” war eine weitere Vorgabe. Diese Freiheit war natürlich sehr angenehm, andererseits auch enttäuschend, da man sehr viele Segmente der Tracks herausgeschnitten hat. Regisseur und Cutter sind da nicht zimperlich. Diese Frustration konnte ich aber durch die Zusammenstellung des Albums kompensieren. Als musikalischer Dienstleister zu arbeiten war in jedem Fall eine interessante Erfahrung.

Matthias Fuchs
Thomas Fehlmanns Studio befindet sich in einem akustisch optimierten und schallisolierten Wohnraum.

Du hattest zuvor schon mit The Orb Musik für den Kinofilm „Plastic Planet“ gemacht. Inwieweit haben sich die Produktionsweisen unterschieden?

Auch bei Plastic Planet kam der Regisseur Werner Boote – ein großer Orb-Fan – auf uns zu. Auch hier gab es während der Musikproduktion noch keinen fertigen Film. Wir haben im Prinzip themenbezogen – aber ins Blaue hinein – ein Orb-Album gemacht. Interessant und etwas gewöhnungsbedürftig war auch hier die Erfahrung, einerseits unmissverständlich The Orb zu sein, andererseits aber als Dienstleister zu funktionieren.

Arbeitet du mit Alex (Paterson) direkt oder über räumliche Distanz zusammen?

Wir arbeiten eigentlich immer zusammen. Wir treffen uns dann meist ein bis zwei Mal monatlich für eine Woche hier in Berlin und konzentrieren uns ganz auf die Musik. Das ist sehr produktiv. Alex „füttert” mich oftmals mit Loops vom Plattenspieler, die gemeinsam weiter ausgearbeitet werden.

Matthias Fuchs
Das Outboard-Rack: Das Waldorf Filter ist ein wichtiger Soundmacher. Der Line-6-Gitarreneffekt kommt gelegentlich bei Drumloops zum Einsatz. Effekte werden gerne miteinander verkettet. Auch sämtliche Hardwaresynthis sind nach wie vor regelmäßig im Gebrauch. Der etwas ramponierte Korg MS-20 stammt noch aus Palais-Schaumburg-Zeiten.

Wie unterscheidet sich deine eigene Arbeitsweise?

Wenn ich alleine arbeite, starte ich meist direkt im Computer. Ein Sprungbrett sind oft die GRM-Tools. Obwohl diese Plug-in-Serie ja schon etwas betagter ist, überraschen die Plugs mich immer noch in allen Zusammenhängen – mit Grooves, Harmonien, Atmosphären, Geknister. Wenn ich etwas Inspirierendes finde, wird das oftmals die Basis eines Tracks. Bei meinen eigenen Sachen bin ich recht Groove-orientiert. Es muss pulsieren. Der Anteil an Loopsamples ist ungleich kleiner als bei der Arbeit mit Alex, außerdem bearbeite ich die Loops wesentlich mehr.

Mit welcher Software arbeitest du?

Ableton Live ist mittlerweile mein wichtigstes Tool geworden. Zu Beginn fand ich es für die Bühne toll, mittlerweile verwende ich es auch intensiv im Studio. Einerseits ist wohl Lives Soundqualität verbessert worden, zum anderen ist mein Soundfetischismus nicht mehr so ausgeprägt. Ich stelle mittlerweile den Inhalt über den Glanz. Perfektion im Sound interessiert mich im Zweifelsfall wesentlich weniger als ein charmanter Fehler. Wirklich wichtig erscheint mir eine eigene Handschrift und musikalische Persönlichkeit.

Welche Soundquellen nutzt du im Rechner?

Die Drums entstammen meist N.I. Battery oder den Ableton-Instrumenten. Sie sind oft sehr simpel programmiert. Zur gesamten Rhythmik zählen ja auch Bass, Chords und Delays, mit denen ich sehr gerne herum spiele. Außerdem versetze ich Startpunkte, lösche Kleinigkeiten, bis es passt – da gibt es tausend Spielarten … Die GRM-Tools helfen auch hier, dem Klang eine ausgeprägte, eigene Note zu geben. Sounds und Instrumente verbleiben bis zuletzt einzeln. Die Drumspuren liegen auf verschiedenen Tracks.

Rhythmische Atmos und Flächen sind sehr typisch für deinen Sound …

Dabei achte ich sehr darauf, dass die typischen Achtel- und 16tel-Muster aufgebrochen werden. Es soll ein freieres rhythmisches Gefühl entstehen, ohne dadurch einen DJ aus dem Konzept zu bringen. So etwas erzeuge ich recht detailliert auf verschiedenen Ebenen. Als Quelle für solche Sounds dienen Synthis und Samples, wobei ich beispielsweise Hallfahnen oder Ähnliches aufnehme und sie mit den GRM Plug-ins bearbeite – zunächst noch nicht auf Beat geschnitten, aber mit einer Bassdrum darunter zum Abhören.

Wie strukturierst du deine Arrangements?

Auch hier kommt mir Live sehr entgegen. Ich arbeite zuerst in der Kästchen-Ansicht, sammle das Material, mute, verschiebe und bearbeite die Parts. Dabei entstehen dann vielleicht 20 Scenes, aus denen ich eine horizontale Version mache. Diese Ansicht verlasse ich dann bis zur Fertigstellung des Stückes meist nicht mehr. Hier arbeite ich auch mit Automation. Die einzelnen Spuren laufen alle durch das Pult, dessen EQs ich verwende und danach als Summe in den CD-Recorder. Dieses etwas veraltete Gerät ist noch immer ganz praktisch: Man hat sofort eine CD, die ich etwa Alex ohne Umwege in die Hand drücken kann.

Im Gegensatz zu den oftmals ausufernden Strukturen deiner Ambient-Techno-Tracks komponierst du auch Radio-Jingles. Hier musst du innerhalb weniger Sekunden auf den Punkt kommen.

Das ist tatsächlich nicht immer ganz einfach. Zu Anfang sind fast alle Sachen zu lang geraten. Mittlerweile habe ich einen Workflow, bei dem ich eine Art kurzen Song baue, der bei einem durchlaufenden Beat dieselbe Idee alle vier Takte anders darstellt – mit einem anderen Dropdown, einem anderen Loop, einer anderen Harmonie. Dann wird das Ding in kurze Teile geschnitten und mit einem plakativen Sound am Start und Ende versehen. Es ist im Prinzip wie bei längeren Tracks: Es muss ein Element geben, welches dem Stück seine Existenzberechtigung verleiht – etwas, worauf man sich beim Hören freut.

Lässt du deine Tracks mastern?

Das macht Stefan Betke (Pole/~scape). Im Übrigen lege ich darauf nicht allzu viel gesteigerten Wert. Ich mache die Sachen ein wenig lauter, werfe Frequenzen raus, die auf anderen Abhörsystemen stören könnten, und das war’s.

Wie arbeitest du live?

Ich benutze ein Laptop mit Ableton Live und einen Controller. Ich spiele inzwischen gerne so in etwa eineinhalb Stunden. Ein simples Merkmal für den Aufbau des Sets ist das Tempo. Das nehme ich erst einmal als Basis und werde im Verlauf immer schneller. Man könnte sagen, am Anfang eher vegetarisch, dann immer mehr Fleisch und am Schluss Gegrilltes …

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