Am Beispiel des Singer/Songwriters Senore Matze Rossi

Selfmarketing und DIY-Strategien für Künstler – Teil 2

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(Bild: Sven Hoppmann)

Do it Yourself

Im Zuge von Web 2.0, Social Media als auch immer professionelleren Homerecording-Lösungen haben sich für Musiker viele neue Möglichkeiten entwickelt, sich selbst zu produzieren, präsentieren und zu vermarkten. Die klassische Gatekeeper-Funktion der großen Plattenfirmen, die früher kontrollieren konnte, wer auf den Markt kommt, entfällt. Gleichzeitig ist die Frage: Wie geht man mit dieser Vielzahl an Möglichkeiten als Künstler um? Wie setzt man sie zielgerichtet und effektiv ein? Nicht jeder Selfmarketing-Ansatz oder jedes DYI-Prinzip funktioniert für jeden. In dieser Serie wollen wir also anhand von Praxis-Beispielen darstellen, in welchen Kontexten welche Anwendungsbezüge Sinn machen und wie sie von aktuellen Künstlern erfolgreich umgesetzt werden.

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Senore Matze Rossi alias Matthias Nürnberger singt oft von den Guten, zu denen er selbst bedenkenlos gezählt werden darf. Wenngleich er auch im Song „Dreh mich“ von den Typen in den grauen Anzügen erzählt, die ihm die Zeit stehlen wollen — es scheint, als würde er diesen Gestalten immer noch bestens entkommen: der dreifache Familienvater ist neben seinem Singer/Songwriter-Projekt Senore Matze Rossi auch Yogalehrer, Sänger der Punkband Bad Drugs, Labelbetreiber und Dozent an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Schweinfurt. Einen solchen Alltag zu organisieren und zu bewältigen geht nur, wenn man mit Leidenschaft dabei ist, sonst funktioniert es nicht — da muss 100% Herz und Seele drin stecken. Im Punkrock sozialisiert, hat er mit seiner ehemaligen Band TAGTRAUM alle Facetten des musikalischen Undergrounds durchlebt und weiß, wovon er spricht, wenn er von DIY redet: Platten machen, Konzerte organisieren, Merchandise entwerfen und auf Konzerten verkaufen — das waren die wichtigen Eckpfeiler seiner Aufgabengebiete, insbesondere damals noch in den 90ern. Denn Matze Rossi kommt aus einer Zeit, als Vinyl noch völlig normal und nicht hip war, die CD gerade ihren Boom hatte, und es hier und da sogar noch (Musik-)Tapes gab. Seit der Tagtraum-Auflösung im Jahr 2004 produziert und veröffentlicht er seine Musik konsequent selbst. Das kostet zwar Zeit, Geld und erfordert einen hohes Maß an Selbstorganisation, bringt aber gleichzeitig Selbstbestimmung und künstlerische Freiheit. Grund genug, mit ihm über seine DYI-Erfahrungen, seine Perspektive in puncto Label-Arbeit und die Veränderungen im Zuge der digitalen Musikwelt zu sprechen.

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DIY ist ein Prinzip, welches du seit jeher in deiner musikalischen Karriere befolgst. Man könnte es einen stetigen Wegbegleiter nennen. Warum und wie kommt es dazu, dass du dieser Arbeitsweise — obwohl sie in der Regel mehr Arbeitsaufwand und weniger finanzielles Budget bedeutet — bis auf einige Ausnahmen immer treu geblieben bist?

Ich habe mit 12 Jahren Punkrock für mich entdeckt, und bin dadurch mit und in dieser Kultur groß geworden — somit war ich auch schon immer ein Fan von Selbstverwaltung und Selbstbestimmung. Ich habe schnell gemerkt, dass es schön und gut ist, alle Fäden selber in der Hand zu halten und mit den Menschen, die auf die Konzerte gehen oder Konzerte machen, Platten hören oder Platten verkaufen, direkt Kontakt zu haben. Das ist ein einfach ein persönlicher Draht. Dazu kam, dass alle Angebote die wir von Labels bekamen, einfach schlechte Deals waren. Das war keine wirklichen Optionen. Je länger und je mehr du dich dann mit den einzelnen Dingen selber beschäftigst — und so nervig sie auch sein mögen —, du gewinnst sie  irgendwann lieb und sie werden ein Teil von deiner Arbeit. Bis zu einem gewissen Grad geht das auch gut, aber als dreifacher Vater und Dozent war es ab einem gewissen Punkt nicht mehr möglich, Booking, Label und Management, Layout, Recording etc. in Eigenregie zu bewerkstelligen. Daher musste ich mir dann Unterstützung holen.

Welche Partner hast du dir ins Boot geholt?

Ich sehr froh, jetzt das Booking an Grand Hotel van Cleef (Konzertsparte des renommierten Hamburger Indie-Labels, Anmerk. d. Verf.) abgegeben zu haben und mir das Management mit meinem langjährigen Freund Oise Ronsberger von End Hits Records zu teilen. So kann ich mich mehr auf die Musik, die Fans und mein Privatleben konzentrieren — und komme auch ab und an  mal zum Gitarre üben. (lacht)

Gab es nie die Versuchung oder den Wunsch, das Projekt mal „aus der Hand“ zu geben und dafür aber ein entspannenderes finanzielles Polster in Kauf zu nehmen?

Wie gesagt, ich empfand die Label-Anfragen immer als völlige Abripperei und die Aussicht, mehr Geld zu verdienen, war dann tatsächlich on the long run auch eher im DIY-Bereich zu finden. Klar war auch, dass das mit einem großen Arbeits- und Zeitaufwand verbunden sein würde. Da darf man sich keine Illusionen machen. Aber so hat man eben die Sicherheit, größtmögliche Kontrolle über alle künstlerischen und strategischen Entscheidungen zu behalten, was mir bislang immer sehr wichtig war — unter anderem auch, weil mir diese Freiheit und die damit verbundene Glaubwürdigkeit sehr viel wert sind.

Wo liegen deine Kritikpunkte in Bezug auf die Label-Deals?

Naja, Anfang der 90er konnte man ja noch als Label richtig gut Geld verdienen, da sich die  CD als Tonträger wie blöd verkauft hat. Ich erinnere mich noch daran, dass wir — nachdem wir ein paar Kassetten verkauft hatten — Anfragen bekamen, die wir damals schon nicht optimal fanden. Also beispielsweise die Tatsache, über die nächsten vier Alben gebunden zu sein oder zum Beispiel GEMA- und Verlagsrechte abgeben zu müssen. Das Ganze hatte halt ein nettes Startbudget bzw. einen ordentlichen Vorschuss als Köder, der sich aber wieder über die Verkäufe zurück finanzieren sollte. Die Einnahmen über GVL wurden nicht erwähnt usw. Im Prinzip sind Labels ja nichts anderes als eine Bank mit einer professionellen Infrastruktur in Form von Know-how, den richtigen Kontakten und Arbeitswillen — wenn es ein gutes Label ist…

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(Bild: Sven Hoppmann)

Gibt es auch positive Beispiele für Labelarbeit, die du nennen wollen würdest?

Im Falle meiner Band Tagtraum war dies klar die Zusammenarbeit mit Vitaminepillen Records, ein Indie-Label, welches Ende der 90er/Anfang der 2000er eine bedeutende Rolle im deutschen Punkrock hatte und viele tolle Platten veröffentlicht hat. Da waren die ersten Jahre sehr toll, es war ein sehr familiärer Rahmen, lustig und gut, allerdings war dann so gegen ’99 klar, dass Ralf und Myra, die beiden Label-Betreiber, mehr in ihre anderen Standbeine investiert haben. Das war auch vollkommen legitim, aber darauf mussten wir für unseren Weg dann reagieren und für uns optimale Bedingungen schaffen — das war der Grund, dass wir dann zu Dancing In The Dark Records gewechselt sind. Das Label habe ich dann ja übernommen und Oise hat End Hits Records gegründet, wo ich jetzt wieder veröffentlichen werde. Die Kreise schließen sich immer wieder. (lacht)

In den seltenen Fällen, wo du mit Partnern gearbeitet hast, waren es meistens Menschen, die du kanntest und die ein menschlich wie musikalisches Verständnis für deine Sache mitgebrachten. Inwiefern spielen also Persönlichkeit und Vertrauen für dich eine entscheidende Rolle, geschäftliche Partnerschaften einzugehen? Welche Ansprüche und Erwartungshaltungen gab es deinerseits an sie? Inwiefern haben kommerzielle Belange hierbei jemals eine Rolle gespielt?

Natürlich muss hier eine Vertrauensbasis da sein, also gleiches Interesse und Leidenschaft für die Musik. Mir ist wichtig, dass zum Beispiel GHvC im Booking und Oise im Management mit der gleichen Ausdauer und Energie an die Arbeit gehen, wie ich es tue oder getan habe. Kommerzielle Belange haben früher gar keine Rolle gespielt, heute nehmen sie ihren Teil ein, da ich ich einfach zu einem großen Teil vom Musik machen lebe und ich schauen muss, wie ich Kredite, Essen, Heizung etc. bezahle. Musikmachen ist einer meiner Jobs, aber zusammen mit dem Yogaunterrichten der schönste, den ich mir persönlich vorstellen kann.

Welche konkreten Aufgaben hat dein DIY-Betätigungsspektrum umfasst? 

Ich habe wirklich alles gemacht: Angefangen beim Songwriting, also dem Schreiben von Texten und dem Komponieren der Musik, dem Produzieren, also das Mischen und Mastern der Songs, über das Layouten, Designen und Illustrieren von Booklets sowie Merchandise-Artikeln, bis hin zur Label-Arbeit, die neben dem physischen Pressen von Tonträgern ja auch Presse- und Promoarbeit umfasst, und zum Booking meiner Konzerte und Touren. Und klar bleibt dann irgendwo irgendeine Sache des Ganzen dann immer ein wenig auf der Strecke… Aber missen will ich die Zeit nicht, sie ist ein Teil von mir.

Wie hast du dir Know-how angeeignet? Learning by doing oder gab es dabei irgendwelche Hilfe?

Das war alles klassisches Learning by Doing. Ich habe mir Bücher gekauft und mit Menschen, die das professionell machen — also Label-Betreibern, Musikern, Produzenten — geredet. Mit den richtigen Personen, die das Verständnis für die Sache, also was dein Projekt eben auch ausmacht, in Austausch zu treten und sich von ihnen Einschätzungen und Tipps zu holen, kann sehr viel Wert haben. Genau das verstehe ich als DIY-Prinzip: alles ist da, du musst es dir nur holen.

Inwiefern würdest du sagen hat das DIY-Prinzip und Selfmarketing für dich und deine Projekte funktioniert?

Im Prinzip hat es wirklich sehr gut funktioniert — bis zu einem gewissen Punkt. Ich bin sehr dankbar für die große und loyale „Fangemeinde“, die mich teilweise seit 23 Jahren mit dem Musikmachen begleitet und über all die guten Kontakte, die ich mir über die Jahre aufgebaut habe und bis heute pflege. Aber man bewegt sich dadurch gleichzeitig immer in einem eigenen Mikrokosmos, der sehr natürlich expandiert. Um es jedoch mal bildlich zu sagen: andere Galaxien zu besuchen macht auch Spaß, um neue Perspektiven zu schaffen, und dazu braucht es manchmal die Hilfe, Ideen und Zusammenarbeit mit guten und ausgewählten Leuten.

Hätte es auch andere Ansätze gegeben, die du heute in Rückbetrachtung siehst, mit denen man bestimmte Dinge anstelle von DIY hätte „besser” umsetzen können?

Klar hätte den jetzigen Schritt eher gehen können, aber für mich war es eben der richtige Weg, alles sehr bewusst und kontrolliert abzugeben — step by step, alles zu seiner Zeit.

Welche Dinge kann man deiner Meinung heutzutage als Künstler gut selber machen, in welchem Bereichen macht es Sinn, die Dinge aus der Hand zu geben? Wie sollte man seine „Kräfte“ heutzutage gut einteilen?

Ich will da gar keinen Königsweg vorschlagen, das finde ich immer ein bisschen schwierig, weil es ja individuell vom Projekt und dem jeweiligen Künstler abhängig ist — also, welche Entscheidungen notwendig und für den Weg sinnvoll sind. Grundsätzlich ist es aber denke ich wichtig, sich mit allen Prozessen und Bereichen auszukennen, um mitreden und Erwartungen an seine Mitstreiter klar formulieren zu können. Auch eben, um Dinge selbst einschätzen und beurteilen zu können. Die Sachen, die ich jetzt outgescourced habe, sind für mich entbehrlich, weil sie einfach ein gewisses Handwerk, das man übertragen kann, erfordern. Im Gegenzug würde ich aber beispielsweise nie den Kontakt zu meinen Hörern abgeben. Der direkte Draht zu ihnen ist mir extrem wichtig. Wenn mir jemand Kontakt mit mir sucht und mir schreibt, bekommt er auch definitiv von mir persönlich eine Antwort. Dieser Dialog ist unersetzlich.

Du kommst noch aus der „analogen Welt“, wo Vinyl, Tapes und CDs verkauft wurden. Worin siehst du heutzutage Chancen und Möglichkeiten für Künstler, sich nach Selfmarketing-Prinzipien mithilfe des Web 2.0s zu entfalten? Welche positiven Seiten gibt es deiner Meinung nach und welche negativen?

Oh, die Möglichkeiten durch das Internet, insbesondere durch Facebook, Soundcloud etc., sind natürlich riesig. Es ist Segen und Fluch zugleich: Alles ist greifbarer, direkter und schneller geworden, dadurch gleichzeitig leider auch beliebiger und schnelllebiger.

Ziehe doch mal einen konkreten Vergleich analog vs. digital…

Für mich war es früher immer ein absolutes Erlebnis, in OX oder Visions zu lesen, wann die nächste Platte meiner Lieblingsbands rauskommt. Allein das Warten war schon ein Hochgenuss — und dann das Ding bei einem klassischen Mailorder wie Green Hell oder Flight13 zu bestellen, war ein echtes Ereignis, weil wir dann immer zu fünft oder zu sechst bestellt haben. Als dann die Platten kamen, saßen wir alle zusammen, haben sie ausgepackt und gemeinsam in alles reingehört. Dazu haben alle Bier getrunken und geraucht, das war ein richtiges Happening, hatte schon fast was von einem Ritual. Das gab es sehr viel Wertschätzung für den Tonträger. Heute ist es wohl eher so: „Ach, da kommt schon wieder eine neue Scheibe von XY!“ — Zack vergessen, dann ist sie draußen, man liest es in einer Werbung oder sieht es bei iTunes, kann in die Snippets reinhören oder streamt, meistens auf Laptopboxen… Und da bleibt für mich nichts mit Substanz hängen, es gibt keine konkrete Verbindung mehr mit etwas. Wenn ich an meine alten Platten denke, dann weiß ich, was ich gemacht habe, als ich sie gehört habe: in wen ich verliebt war, was mich wütend gemacht hat und so weiter. Das fehlt mir beim digitalen Musikhören. Bei den letzten Platten, die ich mir digital angehört habe und was auch sicher auch gute Alben waren, sehe ich mich am Computer weiterklicken. Der Faktor, es mehr erlebbar und fühlbar zu machen, fehlt mir hier. Für mich gehört zum Musikhören und genießen eben das Auspacken und riechen, Auflegen und Spüren mit allen Sinnen dazu. Wie bei allen guten Dingen. (lacht)

Was würdest du einem jungen Künstler oder einer jungen Band raten, die gerade ihr erstes Demo aufgenommen hat, und sich gerne weiter bekannt machen möchte?

Wenn man schon Fans hat, sollte man sie ins Boot holen, um den Schneeballeffekt nutzen. Heutzutage macht es auch viel Sinn, audiovisuell zu arbeiten, also Videos zu drehen und sie online zu stellen. Grundsätzlich: Viel Präsenz zeigen, sich einsetzen für bestimmte Themen, die einem wichtig sind; sich nicht billig verkaufen, sich bewusst sein, dass es etwas wert ist, was man erschafft. Und dementsprechend: nichts verschleudern, seine Energie sinnvoll und fokussiert für die eigene Sache einsetzen. MediaMarkt und Saturn wollen uns glauben lassen, Geiz sei geil, ist es aber nicht…

Nach über 20 Jahren im Punkrock-Business: Was bedeutet DIY für dich heute?

In erster Linie bedeutet es immer noch, wirklich zu wissen, was man will und was man eben auch nicht will. Wenn man das für sich geklärt hat, kann man gut aus dieser Basis Entscheidungen treffen und dann anfangen, damit zu arbeiten. Es geht darum, sich den eigenen Kopf zu behalten und sich gegebenenfalls gute Menschen an Bord holen — oder auf deren Schiff ein Stück mitzufahren.

www.senorematzerossi.de

www.facebook.com/Senore-Matze-Rossi

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