Vinyl Transfer

Schallplatten digitalisieren

Wer seine Schallplatten digitalisieren möchte, sollte beim Überspielen auf Qualität setzen. Was du beim Transfer deiner Vinyl-Schätze in die digitale Domäne beachten musst, erfährst du hier!

Beim Schallplatten digitalisieren spielen eine Menge Details eine Rolle. Außerdem werfen wir einen Blick auf das möglichst verlustfreie Abspielen ganz ohne Nadel. Zunächst schauen wir uns diesen Prozess ohne die abschließende Restaurierung an, wobei auch Mastering-Experten wertvolle Tipps liefern.

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»Man muss bedenken: Die Schallplatte hat eine mechanische Abtastung; das bedeutet, sie klingt auf jedem Plattenspieler anders«, fasst Björn Bieber von Flight 13 Duplication die Individualität des Vinyl-Erlebnisses zusammen. Womit wir schon beim Thema sind: Wir betrachten Plattenspieler, Tonabnehmer und Nadel im Hinblick auf einen Transfer.

Tonabnehmer-System und Nadel

Ähnlich wie ein Gitarrentonabnehmer bietet auch ein Vinyl-Tonabnehmer-System samt Nadel unterschiedliche Klangeigenschaften. Grundsätzlich existieren zwei verschiedene Systeme, mit denen die mechanische Bewegung der Nadel in Spannung umgewandelt wird:

MOVING MAGNET (MM): An der Nadel ist ein Magnet befestigt, der durch die Auslenkung der Schallplattenrille in eine fest montierte Spule bewegt wird. Dadurch wird eine Spannung induziert.

MOVING COIL (MC): das umgekehrte Prinzip − an der Nadel befindet sich statt des Magneten eine Spule, die über einen fest montierten Magneten bewegt wird, um die Spannung zu induzieren. Das Moving-Coil-System kam später auf den Markt und gilt als »dynamischer« mit besserer Höhenabtastung, da die Spule an der Nadel weniger Masse besitzt als ein Magnet und sich dadurch schneller be wegen kann. Der Nachteil von MC-Systemen besteht in geringerer Ausgangsleitung, was sich auf den Rauschabstand auswirkt − hier müssen ca. 10 dB zusätzlich verstärkt werden. Viele Phono-Vorverstärker sind zwischen beiden Typen umschaltbar. Vorverstärker ohne Umschaltung sind üblicherweise auf MM-Systeme ausgelegt.

Der Klang eines Systems ist größtenteils Geschmackssache − nicht zwangsläufig muss dabei der persönliche Geschmack dem teuersten System entsprechen. Eine Auswahl im günstigen Bereich: Das MM-System »OM 10 Super« des dänischen Herstellers Ortofon (ca. 80 Euro) dient als guter »Allrounder«. Ebenfalls ein beliebter Allrounder: Das AT-95E-System von Audio Technica, das mit 22 Euro als Preis/Leistungs-Knaller gilt: Das System bietet Klangfülle und Brillanz, kann allerdings Zischlaute unangenehm betonen.

Höherwertige Systeme stellen mitunter die »Schattenseiten« einer Schallplatte − Qualität der Pressung und Zustand − deutlicher heraus, die höhere Auflösung zahlt sich allerdings bei guten Pressungen aus. Bei einem Transfer kann es sich lohnen, Systeme als »Equalizer« einzusetzen: Sehr hell klingende Tonabnehmer können für eine dumpfere Pressung gut funktionieren, umgekehrt können »warm« klingende Tonabnehmer abgenutzten, »zischenden« Platten zu einem homogenen Transfer verhelfen. Welche Balance dem eigenen Geschmack entspricht, kann nur der Selbsttest zeigen. Björn Bieber nutzt beispielsweise am Tonarm seiner Neumann VMS-80-Schneidemaschine zum Testhören geschnittener Folien ein Shure V15V-System. Das kommt allerdings nicht zum »normalen« Hören zum Einsatz: »Allein die Nadel des Tonabnehmersystems kostet 500 Euro.«

Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Die Firma EMT »Elektromesstechnik Wilhelm Franz«, im Tonstudiobereich durch die Hallplatte EMT 140 bekannt, fertigte früher professionelle Rundfunk-Plattenspieler und bietet nach wie vor Tonabnehmer an. Die MCSysteme − etwa das Modell TSD-15 oder die JSD-Serie − bewegen sich zwischen 1.000 und 3.500 Euro.

DJ-Tonabnehmersysteme − beispielsweise das Ortofon »Concorde« − eignen sich generell weniger für hochwertige Transfers: Sie bieten ein »härteres« Klangbild, der Fokus liegt auf Robustheit und Funktionalität unter widrigen Bedingungen, wie etwa die Optimierung der Nadel zum Scratchen.

Stichwort Funktionalität: Eine abgenutzte Nadel fällt durch Zischlaute in den Höhen auf. »Sie kann sich − vereinfacht ausgedrückt nicht mehr schnell genug bewegen, dann entstehen Verzerrungen«, erklärt Robin Schmidt von 24-96 Mastering. Er setzt für Transfers einen EMT 938-Rundfunkplattenspieler samt TSD-15-System ein.

Plattenspieler

Beim Plattenspieler ist die Auswahl ebenfalls nahezu unbegrenzt, wir betrachten drei zuverlässige Varianten: Rundfunkanstalten brauchten seinerzeit ein professionelles Arbeitswerkzeug, das ein einsatzbereites Setup samt Phono-Vorstufe beherbergte. Die Firma EMT lieferte bereits einige schwere »Rundfunk-Flaggschiffe« (z. B. EMT 948 und 950) und brachte mit dem 938 ein halbwegs portables Modell heraus.

Rundfunkstandard mit »Masse«: Trittschall und andere Ereignisse beeindrucken den ca. 25 kg schweren Plattenspieler wenig — hier in einem Tisch eingebaut. Ein Phono-Vorverstärker, der +4 dBU an symmetrischen XLR-Ausgängen liefert, ist bereits eingebaut. (Pressefoto: EMT)
Rundfunkstandard mit »Masse«: Trittschall und andere Ereignisse beeindrucken den ca. 25 kg schweren Plattenspieler wenig — hier in einem Tisch eingebaut. Ein Phono-Vorverstärker, der +4 dBU an symmetrischen XLR-Ausgängen liefert, ist bereits eingebaut. (Pressefoto: EMT)

 

 

Der Plattenspieler besitzt XLR-Anschlüsse mit +4 dBU-Ausgangssignal.  Der Vorverstärker ist mit Röhren aufgebaut, der Plattenspieler liefert deutliche Klangfülle im Bassbereich und klingt trotz Röhrentechnik verhältnismäßig »schnell« in der Ansprache. Auf dem Gebrauchtmarkt schlägt das Modell mit ca. 1.500 − 2.500 Euro zu Buche. Ein anderes Beispiel: Der Technics SL-1210 gilt als etablierter Standard im DJund Studiobereich. 1979 entwickelt, hält das Gerät »DJ-Belastungen« aus und funktioniert auch im Studio zuverlässig. Neu kostete das Modell zuletzt ca. 500 Euro, Technics-Eigentümer Panasonic hat die Produktion der 1200er-Serie inzwischen aber eingestellt.

Direktantrieb vs. Riemen

Bei den oben erwähnten Modellen wird der Plattenteller direkt angetrieben. Der Rundfunk bevorzugte seinerzeit direktangetriebene Modelle, da weniger Fehlerquellen vorhanden waren und ein Titel schnell »angefahren« werden konnte, ohne die Trägheit eines Riemens zu überwinden. Auch der DJ-Markt setzt auf Direktantrieb, um den Plattenteller unmittelbar »bearbeiten« zu können.

Hi-Fi-Hörer attestieren einem riemengetriebenen Laufwerk, dass der schwere Plattenteller mitschwingen kann und den Klang mit formt. Was besser gefällt, hängt vom eigenen Geschmack ab. Preis/Leistungs-Empfehlung bei riemengetriebenen Exemplaren: alte Thorens-Modelle, etwa der TD- 280, sind gebraucht ab 100 Euro zu haben und liefern ein angenehm »rundes« Klangbild.

Schallplatten digitalisieren: Mit Laser abspielen

Vinyl geht auch anders: Die japanische Firma ELP bietet Laser-Plattenspieler an, die Schallplatten ohne Kontakt und damit ohne Abnutzung abtasten. Die günstigste Ausführung kostet ca. 7.800 Euro netto (www.laserturntable.com). Die Vorteile: Kratzer, die normales Abspielen verhindern, sind für den ELP-Plattenspieler kein Problem, sogar auseinandergebrochenes und verbogenes Vinyl bleibt mitunter spielbar.  Die Technik eignet sich auch für empfindliches Material wie Acetate, die durch mehrfaches Abspielen abgenutzt würden.  Kratzgeräusche bleiben auch bei der Laser-Abtastung hörbar, ohne mechanischen Nadelkontakt aber auf ihr tatsächliches Minimum reduziert.

Laser statt Nadel: Der ELP »Laser Turntable« eignet sich für verlustfreies Abspielen und für beschädigte Platten, die mit normalem Equipment nicht mehr »wollen«. (Pressefoto: ELP)
Laser statt Nadel: Der ELP »Laser Turntable« eignet sich für verlustfreies Abspielen und für beschädigte Platten, die mit normalem Equipment nicht mehr »wollen«. (Pressefoto: ELP)

 

Die Verwendung eines Lasers hat indes nichts mit Digitalisierung zu tun: Die Signalkette bleibt analog. Das Gerät erinnert dafür optisch an einen alten CD-Wechsler. Zumindest bei der Bedienung kann der ELP mithalten und erlaubt Vorund Zurückspulen wie bei einer CD sowie Wechseln zwischen den Songs.

Die Nachteile: Der ELP-Plattenspieler spielt lediglich schwarzes Vinyl ab − andere Farben werfen den Laserstrahl nicht ausreichend zurück. Auch wird eine Plattenwaschmaschine benötigt: Der Laser dringt »vollständig« in die Rille ein, dadurch werden auch Staubpartikel hörbar, die für mechanische Systeme unerreichbar wären.

Klanglich ist der ELP Geschmackssache: Der »reine« Vinyl-Sound, wie ihn der Laser ohne die Färbung eines Tonabnehmersystems ausliest, klingt ungewohnt »nüchtern«. Der Laser-Plattenspieler bietet einen Line-Ausgang mit −10 dB Pegel sowie auf Wunsch einen Phono-Ausgang.

In unserem Shop findest ein ausführliches Vinyl-Special, in dem du alles über die Restaurierung und Selbstvermarktung mit Vinyl nachlesen kannst! Außerdem enthält das E-Paper den Produktionsbericht von Jack Whites Lazaretto. 

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  1. Vinyl restaurieren − auf schonungsvolle Weise! › SOUND & RECORDING

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