Studiobau in einem ehemaligen Büroraum

Raumakustik optimieren – Ausbau einer Regie

Stephan Lembke
Zur Überprüfung der akustischen Maßnahmen nimmt Markus Bertram die Abhörposition am Arbeitsplatz als Messpunkt. Allerdings können später noch eventuelle Reflexionen auftreten, welche durch die Frontplatten der 19“ Geräte im Studiotisch entstehen können.

Bei einem Umzug des eigenen Arbeitsplatzes in andere Räumlichkeiten stellt sich für einen Tonschaffenden in erster Linie die Frage nach dem Klang der neuen Arbeitsumgebung. Gerade wenn ein Raum nicht vollkommen neu aufgebaut und frei konstruiert werden kann, sind der Anpassung der Akustik oft klare Grenzen gesetzt. Wie so ein Umbau und Studio-Upgrade in der Realität aussehen kann, wird in diesem Bericht genauer betrachtet. 

Studiogemeinschaften platzen heutzutage meist aus allen Nähten. Die ursprünglich oft großzügig angelegten Räumlichkeiten beherbergen mittlerweile oft mehr Tonschaffende, als ursprünglich eingeplant waren. Wo sich eine Studiogemeinschaft mit bis zu drei Studios mit eigenen kleinen Aufnahmekabinen, Maschinenräumen und einem gemeinschaftlichen Aufnahmeraum befand, tummeln sich heute Produzenten, Musiker und Medienschaffende an jedem freien Schreibtischplatz. Oft werden dabei Räume umfunktioniert, die nicht die optimalen Gegebenheiten für einen Tonarbeitsplatz aufweisen, einfach weil eine große Nachfrage dafür besteht. Platzmangel gehört meist zur Tagesordnung, und Vermieter können sich kaum vor Anfragen retten. Genau in dieser Situation bin ich die letzten drei Jahre verharrt, und nun kam endlich die Möglichkeit zur räumlichen Erweiterung innerhalb der Gotteswegstudios in Köln.

Gegebenheiten 

Lange wurde überlegt, wie ein Neubau von weiteren Studioräumen aussehen könnte, für den eine nicht unerhebliche Zahl von Proberäumen hätte weichen müssen. Allerdings ist die Mietsituation in Köln genauso grausig wie in Hamburg, Berlin, München und in vielen deutschen Großstädten, sodass eine Veränderung und Verlängerung der bestehenden Mietverträge viele Fragen entstehen lässt. Um Problemen und Investitionsruinen aus dem Wege zu gehen, wurde ein Neubau daher zunächst vertagt und nun doch ein ehemaliges Büro zur Tonregie umfunktioniert. Damit sind den Baumaßnahmen natürlich auch klare Grenzen gesetzt, weil eine Veränderung der Raumgrundfläche nicht möglich ist. Zudem soll der Fokus auf der Raumakustik liegen; nicht geplant ist eine Verbesserung der Bauakustik, um beispielsweise Schall von außen und somit Nebengeräusche zu reduzieren.

Zunächst musste der vorhandene Raum genau vermessen werden, damit später eine detaillierte Planung am Modell erfolgen konnte. Nach der Bemaßung wurden die ersten Überlegungen zur Bewertung des Raumes vorgenommen. Beim sogenannten Bolt-Verhältnis werden dafür die Länge und Breite des Raumes durch dessen Höhe geteilt. Liegt das Verhältnis innerhalb des von Richard Bolt definierten Bereichs, weist der Raum eine grundlegende Eignung als Regieraum auf.

Eine zweite Bewertung wird mithilfe der Überprüfung des Bonello-Kriteriums vorgenommen, welches Auskunft über die Eigenmoden-Verteilung in einem Raum gibt. Das Bonello-Kriterium gilt als erfüllt, wenn der Raum in jedem Terzband mindestens die gleiche Anzahl von Eigenmoden aufweist wie die vorangegangene, tiefere Terz. Unglücklicherweise fallen beide Bewertungsmethoden für die hier geplante Tonregie negativ aus. Beim späteren Feintuning des Abhörplatzes können jedoch noch Maßnahmen zur Klangverbesserung vorgenommen werden.

Des Weiteren wurden Messungen an verschiedenen Stellen im Raum durchgeführt, um ein genaues Bild von den akustischen Gegebenheiten zu bekommen und die genaue Planung vornehmen zu können.

Stephan Lembke
Der ehemalige Büroraum wurde schon längere Zeit als Musik- und Produktionsraum verwendet. Daher musste dieser vor der Vermessung leergeräumt und entrümpelt werden, bevor die akustischen Messungen von Markus Bertram, Geschäftsführer der Firma mbakustik aus Osnabrück durchgeführt wurden.

Planung 

Daniel Rathke von mbakustik erstellte zunächst ein detailliertes 3D-Modell des Raumes mit allen Details wie Vorsprünge, dem vorhandenen Heizkörper, hervorstehende Rohre und Besonderheiten der Wand- und Deckenstruktur. Anschließend wurde zunächst eine Optimallösung erarbeitet, welche mehrheitlich auf abgestimmten Bassfallen und Breitbandabsorption basierte.

Auch wenn der erste Entwurf ein nahezu optimales Ergebnis unter den gegebenen Umständen erzeugen würde, so wären die Platzeinbußen im Raum einfach zu hoch. Zudem bestand das Problem, dass die individuell auf den Raum abgestimmten Resonanzabsorber bei einem eventuellen Umzug kostspielig verändert werden müssten.

Da eine räumliche Veränderung mit Sicherheit in den nächsten Jahren stattfinden wird, musste also von der maßgeschneiderten Bassabsorption Abschied genommen werden. Nach sechs weiteren Entwürfen, die unterschiedlichen Umfangs waren, wurde schließlich ein passender Kompromiss gefunden. Diese stellt eine Lösung dar, die gleichermaßen eine klangliche Verbesserung bringt, platzsparend ist und im Falle eines Umzugs wiederverwendbar wäre.


Messergebnisse vor und nach dem Umbau: Die Messungen an der späteren Abhörposition wurden vor und nach dem Umbau durchgeführt, wobei stets das gleiche Equipment zur Messung verwendet wurde. Markus Bertram hat passende Bewertungskriterien gewählt, welche interessante Ergebnisse hervorbringen.


Insgesamt kamen drei Bassfallen mit je 50 cm Tiefe an der Kopfseite des Raumes zum Einsatz, während vier Bassfallen mit 35 cm Tiefe seitlich auf Höhe des Arbeitsplatzes positioniert wurden. Der Breitbandabsorber an der Kopfseite verdeckt den dort vorhandenen Heizköper und wird auf den Bassfallen abgestützt. An den Seitenwänden und der Rückseite sowie der Decke befinden sich insgesamt fünf große Breitbandabsorber mit den Maßen 215 x 120 x 15,5 cm. Insgesamt kommen in der Planung also sieben Bass- und sechs Breitbandabsorber zum Einsatz.

Als sehr angenehm ist hervorzuheben, dass mbakustik im Planungsprozess äußerst flexibel war und wir uns im ersten Gespräch zunächst auf eine mögliche Richtung einigten, die im Verlauf der Planung weiter angepasst wurde. Hätte ich mehr Zeit für den Umbau aufbringen können, so hatte mir das Team von mbakustik lediglich beratend zur Seite gestanden. Der Bau der Bassfallen und Absorber hätte eigenständig nach den Vorgaben der Akustikplanung durchgeführt werden können.

Zeit für den Umbau 

Aufgrund der Tatsache, dass mbakustik fertige Module einschließlich entsprechender Wandund Deckenhalterungen anbietet, war wenig Vorbereitung für den eigentlichen Studioausbau notwendig.

Die Breitbandabsorber wurden mit jeweils sechs Schraubhaken in L-Form an den Wänden befestigt. Für die Deckenmodule wurden dünne Rückwände mitgeliefert, die zunächst befestigt werden und die Breitbandabsorber mithilfe von Klettstreifen positionieren lassen. Alles in allem dauerte der Aufbau mit vier tatkräftigen Helfern einen Tag.

Das Mobiliar darf nicht fehlen 

Neben der Optimierung der Raumakustik stand zudem die Auswahl von neuem Studiomobiliar auf der Agenda. Da an meinen bisherigen Plätzen fast ausschließlich Büromöbel umfunktioniert wurden oder sehr einfache Multiplex-Lösungen zum Einsatz kamen, sollte sich mit dem Umzug in den neuen Raum auch diese Situation verbessern. Während es bei meinem letzten Studiotischkauf nur ungefähr drei Hersteller gab, die entsprechende Möbel anboten, so wurde die Auswahl mittlerweile erheblich erweitert. Dennoch fiel die Wahl mit dem Hersteller Sterling Modular auf einen Klassiker, der bereits über 20 Jahre im Geschäft ist. Neben einem Produktionstisch mit viel Platz und guter Erreichbarkeit für mein 19″-Outboard-Equipment sollte ein Side-Rack her, in dem unter anderem die Patchbays untergebracht werden sollen.

Neben der Funktionalität war der Klang ein entscheidendes Kriterium, das zur Auswahl von Sterling Modular geführt hat. Firmengründer Jim Maher hat sich mit der Plan-Serie zum Ziel gesetzt, das Studiomobiliar »akustisch transparent« zu gestalten und besonders die Reflexionen des Tisches an der Abhörposition zu minimieren. Mehr Informationen zur Philosophie von Sterling Modular und ein Testbericht des Plan-D-Produktionstisches sowie des Versa-Side-Racks werden in einer der nächsten Ausgaben folgen, da sie an dieser Stelle den Rahmen deutlich sprengen würden.

Das Ergebnis 

Nach dem Möbelaufbau wurden direkt die ersten technischen Geräte in die neue Arbeitsumgebung gebracht, um natürlich möglichst schnell einen Eindruck zur klanglichen Situation am Arbeitsplatz zu gewinnen. Beim Hören fielen direkt der verringerte Nachhall und die fokussierte Frequenzwiedergabe im Mitten- und Höhenbereich auf. Um jedoch klare Aussagen zur Akustik treffen zu können und den Vorher/nachher-Vergleich zu ermöglichen, führte Markus Bertram eine erneute Messung in der neu entstandenen Regie durch.

To Be Continued 

Auch wenn die Abhörsituation noch nicht als optimal zu bezeichnen ist, das Mobiliar viel unbelegten Rack-Space aufweist und die technischen Geräte noch ohne Schaltzentrale miteinander verbunden werden müssen, so wurde in einem überschaubaren Zeitraum schon eine deutliche Verbesserung erreicht.

Wer mehr Zeit mitbringen kann, kann sparsamer wirtschaften, wenn Arbeitsschritte wie beispielsweise die Schreinerarbeiten für die Akustikelemente selbst erledigt werden. Es ist jedoch eine immense Hilfe, wenn die Akustik vom Fachmann geplant wird, und an dieser Stelle sollte sinnvollerweise nicht eingespart werden, um möglichen Fehlern direkt vorzubeugen.

Allerdings konnte der Raum nicht vollständig fertiggestellt werden, da meine eigentliche Tonarbeit weitergehen muss. Aus diesem Grund wird sich das Studio-Upgrade wohl noch einige Monate hinziehen, bis man wirklich von einem komfortablen Arbeitsplatz in einer klanglich optimierten Tonregie sprechen kann. Der weitere Fortschritt und die notwendigen Anpassungen werden selbstverständlich in einer späteren Folge des Artikels aufgegriffen, um ein genaues Bild zum gesamten Umbau- und Entstehungsprozess liefern zu können.

Ein Kommentar zu “Raumakustik optimieren – Ausbau einer Regie”
  1. Markus Bertram

    Dieses Projekt ist ein schönes Beispiel für ein hinsichtlich Raumgröße, Raumform, Budget usw. beschränktes Projekt. Es ist ganz normal für uns, unter solchen Bedingungen die akustisch beste Lösung zu suchen. HIer ist die Raumform für den Abfall bei etwa 40 Hz verantwortlich, das ist mit raumakustischen Maßnahmen nicht perfekt auszugleichen. Als “Anwalt der Physik” ist es dann unser Job, die jeweils beste Lösung hinsichtlich Budget, Akustik und Ergonomie zu finden.

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