Die Kolumne mit Peter Walsh

Die Stimmung im Studio einfangen

(Bild: JETHRO CHAPLIN)

Vor Kurzem hielt ich einen Vortrag als Gastredner auf dem »Synapse Knowledge Event« in Prag, um dort einen meiner Lieblingsvorträge zum Thema »Stimmung im Studio« zu halten. Schaut man im Lexikon nach, wird das Wort »Stimmung« mit »besonderer Geisteszustand« beschrieben. Im Recording-Kontext entsteht eine Stimmung durch einen gewissen Klang, wenn man so will, durch die Illusion eines Klanges. Stimmung entsteht, in dem man einer Performance Charakter verleiht, sei es durch den Raum, in welcher man sie stattfinden lässt, oder durch den Raum und Tiefe, die man der Performance im Mix gewährt.

Der Workshop in Prag kam mir gelegen, da ich gerade eine Produktion fertiggestellt hatte, bei der sich alles nur um das Thema »Stimmung« drehte. Dabei bestand der Künstler von Anfang an darauf, dass die Produktion nicht überproduziert klingen solle. Es ging ihm hauptsächlich darum, das Feeling im Raum, die Stimmung und den Moment einzufangen.

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Wir haben uns viele Stunden im Voraus darüber unterhalten, wie wir es schaffen könnten, ein zwar wunderschönes, aber durchaus unkonventionelles Album fernab vom Mainstream aufnehmen zu können. Der Künstler wollte, dass das Album zwar einen gewissen Glanz hat, jedoch sollte es eben nicht zu »polished«, also überproduziert klingen. Als Produzent mit über 35 Jahren Studioerfahrung versuche ich instinktiv, immer den bestmöglichen Sound zu erzielen, weshalb es bei dieser Produktion nun an der Zeit war, altbewährte Arbeitsabläufe neu zu überdenken.

Den Glanz von einer Produktion entfernen

Vom Standpunkt des Produzenten aus ist die Frage: Wie lasse ich eine Produktion nicht überproduziert klingen? Indem ich vielleicht ein wenig am Tuning drehe und alles ein wenig verstimmt klingen lasse? Hmm, das ist ein ganz guter Ansatz, aber das reicht noch nicht ganz. Vielleicht hat es etwas mit dem Timing zu tun? Vielleicht sollte die Performance nicht ganz »drauf« sein? Auch gut, aber das ist es noch nicht ganz! Es geht darum, die Produktion so gut, wie es eben nur geht, so umzusetzen, wie der Künstler es sich vorgestellt hat, ohne alles durch zu viele Eingriffe und zu viel Editing zu zerstören.

Viele Produzenten stehen heutzutage vor dieser Herausforderung. Künstler und Labels wollen immer, dass man aus einer Performance die Emotionen und Spannung wie bei einer Live-Performance rauskitzelt, aber am liebsten mit der Präzision einer Studioaufnahme, und am liebsten auch noch möglichst günstig und mit kleinem Budget.

Irgendwie erinnert diese Einstellung an die großen Produktionen der 50er- und 60er-Jahre, welche dank der nicht vorhandenen Multitrack-Recorder stets den perfekten Moment einfingen. Es ging immer um Performance und nie um die Technik!

Ein gut klingender Raum, ein gutes Mikrofon, ein high-quality Pre-Amp und ein motivierter Künstler sind alles, was man braucht! Oh, und ein guter Song hilft auch zuweilen.

Räume aufnehmen

Eine Möglichkeit zu vermeiden, dass etwas zu clean klingt, ist, den Fokus mehr auf den Raum zu legen, in welchem die Performance stattfindet. Der Raum bestimmt maßgeblich die Stimmung der Aufnahme. Versuche durch Raummikros die Haupt-Stimmung zu kreieren, für die Details werden Stützmikros verwendet. Als gutes Beispiel hierfür dienen frühe Led-Zeppelin-Aufnahmen. Es ist unglaublich wichtig, im Hinterkopf zu haben, dass die tonale Balance und das Ambiente des Aufnahmeraums immer die Klarheit und die Dynamik der dort stattfindenden Performance beeinflussen.

Wir nahmen die Band live im Mwnci Studio (walisisch für: »Monkey Studio«; Anm. d. Übers.) auf. Das Studio ist ein umgebauter Kuhstall mitten im idyllischen und ruhigen Wales. Durch die Natursteinwände hatte der Raum eine mittlere bis kurze Nachhallzeit, und der Holzdielenboden verlieh den Instrumenten etwas mehr »Körper«. Obwohl es unglaublich wichtig ist, einen guten Raumklang einzufangen, muss man auch darauf achten, dass die einzelnen Signale dennoch einigermaßen separiert aufzunehmen sind, für den Fall, dass man im Nachhinein doch noch etwas an der Balance schrauben muss. Auch bezüglich der Themen Overdubs und Editing ist dies wichtig, deshalb spielt die Mikrofontechnik hier eine maßgebliche Rolle.

Im Live-Room habe ich mich für zwei Schoeps CCM 4 als Overheads entschieden, welche die beiden Hauptinstrumente Violine und Kontrabass einfangen sollten. Der Abstand zwischen den beiden Mikros betrug ca. 1,5 m. Ursprünglich waren die beiden Mikros nicht als Raummikros gedacht, aber es stellte sich heraus, dass die beiden hervorragend als große AB-Hauptmikrofonie funktionierten.

Der Drum-Raum (Bild: JETHRO CHAPLIN)

Mit einem Mono Neumann U87-Mikrofon (Richtcharakteristik Niere), welches in einem Winkel von 90 Grad zum Klangereignis positioniert war und in Richtung des Gesangs zeigte, war es möglich, ein Mittensignal einzufangen. In gewisser Weise erinnert diese Mikrofonaufstellung an einen Decca-Tree, eine Mikrofonierung, die für die Orchester-Produktion entwickelt wurde.

DPA 4009 Kondensatormikrofone (alles Nieren) dienten als Stützen für die Details und waren für die Direktsignale von Violine und Kontrabass zuständig. Normalerweise sind diese Mikros nicht unbedingt meine erste Wahl zur Aufnahme von Streichern im Studio, in diesem Falle funktionierten sie aber hervorragend. Dadurch, dass man diese Mikros als Clip-Mics anklammern kann, bleibt man stets im richtigen Abstand zum Instrument, was auch der Separation und Definition der Signale zugutekommt. Im Mix pannte ich diese Mikros etwa zu 50 % nach links und zu 50 % nach rechts, was der Aufnahme zu mehr Tiefe und Räumlichkeit verhalf. Zur Mitte hin wurde der Klang dadurch immer fokussierter und direkter.

Der »tote Winkel« des Studios eignet sich hervorragend, um dort die Drums aufzunehmen, da diese Ecke vom Rest des Studios durch eine Glastür abgetrennt ist. Hier habe ich dasselbe Prinzip wie im Hauptraum verwendet: zwei Coles 4038 Bändchen als Overheads, gestützt durch Shure Beta-181-Mikros für Snare und die Toms. Das Bassdrum-Mikro (Neumann FET 47), welches ich ca. 30 cm von der Bassdrum entfernt platzierte, lieferte genug Low-End und gab mir die perfekte Mono-Perspektive für die Abbildung des Drum-Raums. Da der Drum-Raum sehr trocken war, nutzte ich ein wenig Kompression auf den Overheads, um das Schlagzeug etwas lebendiger wirken zu lassen.

Fazit

Wenn alle Musiker gemeinsam im Raum spielten, herrschte diese gewisse Stimmung! Das Ziel dieser Produktion war es, diese Stimmung, so gut es geht, einzufangen, auf die einfachste und effektivste Art und Weise. Obwohl es mir ab und an schwerfiel, die Aufnahmen so roh und so »unpolished« zu belassen und gegen meinen eigenen Instinkt zu arbeiten, stellte sich heraus, dass es genau das war, was der Aufnahme das »gewisse Etwas« verlieh und sehr schön zum Live-Feeling der Platte passte. Ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis der Aufnahmen. Ab Mai 2018 ist es mir auch endlich möglich zu verraten, wen ich dort aufgenommen habe.

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