Subtile Klangverbesserung en masse!

E-Gitarren Recording mit Hans Martin Buff, Ingo Powitzer und Stephan Lembke

(Bild: Dirk Heilmann)

Am 10. Mai fand im Abbey Road Institute in Frankfurt unser E-Gitarren-Recording-Workshop mit unseren Dozenten Hans-Martin Buff, Ingo Powitzer und Stephan Lembke statt. Vor insgesamt zehn Teilnehmern überraschten die Protagonisten mit einfachen Tricks in ihrem Handwerk, die allerdings den Sound der E-Gitarre sowohl vor als auch hinter dem Mikro maßgeblich verbesserten. Es gibt eben nicht nur diesen einen fundamentalen Trick, sondern viele kleine subtile!

Wann kann man schon mal Hans-Martin Buff und Ingo Powitzer bei E-Gitarren-Aufnahmen während einer Produktion der Scorpions über die Schulter schauen? Nie! In unserem Workshop gaben sie allerdings den Teilnehmern und unserem Team Schritt für Schritt einen Einblick in dieses Szenario. Angefangen bei den Einstellungen und der Besaitung der E-Gitarre über die Kabelauswahl, die AmpSettings, die Mikrofonauswahl und -position vor dem Amp bis hin zum Arrangement und der Platzierung des E-Gitarren-Signals im Mix.

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Sound entsteht in den Fingern

Ingo Powitzer ist Backliner und Gitarrist im Dienste der Scorpions und damit nicht nur für das Equipment des von ihm betreuten Gitarristen, sondern auch für dessen Sound auf der Bühne und im Studio verantwortlich. Für ihn beginnt eine Recording-Session mit dem Besaiten einer E-Gitarre. »Für mich sind neue Saiten ein Muss! Danach geht es um die Saitenlage. Beim Besaiten gibt es unterschiedliche Philosophien, ich persönlich lasse die Basssaiten am Kopf so, wie sie sind, bei den unteren Saiten mache ich einen Haken dazwischen, damit sich hier nichts bewegt. Das kann allerdings jeder machen wie er will, das ist nicht das Entscheidende.

Hans-Martin auf allen Vieren: Mit dem Ohr direkt am Lautsprecher (hier eine 2×12-Box) macht er den lautesten Punkt aus

Dann haben wir den Sattel, der im Grunde so sein muss, dass dort nichts klemmt. Hier benutze ich weder irgendwelche Öle oder sonstiges, sondern nehme einen Bleistift und ein Taschenmesser und kratze dort Grafit rein. Das hat jeder zu Hause, und das funktioniert auch gut. Denn alles, was sich hier bewegen kann, führt dazu, dass das Tuning nicht mehr bleibt.

Viele Leute haben Angst davor, neue Saiten vor einer Show aufzuziehen, weil sie glauben, dass sich die Saiten danach leichter verstimmen. Deshalb muss man die Saiten vorher eindehnen. Dazu ziehe ich mit den Händen wirklich fest an der jeweiligen Saite von Kopf bis zum Steg. Dann tune ich nochmal nach und wiederhole das Eindehnen so lange, bis sich die Gitarre nicht mehr stark verstimmt. Dazu benötige ich vielleicht eine halbe Stunde. In diesem Prozess merke ich auch, ob eine Saite einen Fehler hat, und kann sie direkt austauschen.

Wichtig ist auch, dass die Pickups richtig justiert sind und nicht zu hoch oder zu niedrig liegen. In Single-Coils sind extrem starke Magneten drin, die die Saiten anziehen, und wenn die zu hoch liegen, dann klingt auf dem Griffbrett im oberen Bereich plötzlich alles et – was zu hoch, und man sucht ewig nach dem Fehler. Der Hals-Pickup kann etwas tiefer liegen, der mittlere etwas höher und der am Steg nochmal etwas höher als der mittlere, dann liegen alle in einer aufsteigenden Linie. Wenn das richtig starke Pickups sind, empfehle ich, diese etwas runterzuschrauben. Wenn diese Einstellungen stimmen, hast du schon mal die Basis für einen passablen Sound. Bei unseren Produktionen haben wir natürlich verschiedene Gitarrenformate wie Les Paul, Telecaster oder Stratocaster dabei, um den Sound umsetzen zu können, den der Produzent gerade möchte. Bei vielen Produktionen, die Hans-Martin produziert, bringe ich aber auch meine Gitarren mit, um einfach flexibler in den Möglichkeiten zu sein. Am häufigsten benutze ich eine Gitarre mit zwei Humbuckern am Hals und Steg und einem Single-Coil in der Mitte. Die Humbucker kann ich allerdings auch als Single-Coils verwenden. Damit kann ich im Grunde alle Sounds mit nur einer E-Gitarre anbieten.

Beliebte Buff-Kombi: das SM57 als bewährter Standard und das Royer 121 als Ergänzung (Bild: Dirk Heilmann)

Je nachdem, welche Gitarre ich verwende, stelle ich auch den Amp ein. Bei SingleCoils muss man allerdings aufpassen, dass man sie nicht überfährt, denn sie sind sehr anfällig für Einstreuungen und brummen ganz gerne. Man muss dann natürlich schon mit Blick auf den Mix aufpassen und sich fragen: Wie viel Brummen darf es denn sein?«

Wird häufig für ein Kondensatormikrofon gehalten, ist aber ein dynamisches, das Beyerdynamic M201. Besonderheit: Es ist dennoch sehr hochauflösend, ähnlich wie ein Kondensator-Mikrofon, recht offen im Klang und im direkten Verglichen mit dem SM57 etwas voller. (Bild: Dirk Heilmann)
Ein Klassiker unter den Bändchen-Mikrofonen ist das M160. Für ein Bändchen recht untypisch ist es sehr präsent. Der rote Punkt an der Oberseite gibt die Position des Bändchens an. (Bild: Dirk Heilmann)
Das klassische Royer-Bändchen R-121 (links) von 1999: Es wird gerne in Kombination mit dem SM57 verwendet. In den Bässen ist es recht voll und bleibt bis ca. 8 kHz sehr linear; Höhen hat es Bändchen-typisch wenig. Das R-122 MKII (rechts) ist die aktive Variante des R-121, braucht daher Phantomspeisung und bietet auch einen höheren Output. Es besitzt im Gegensatz zum Vorgängermodell einen −15-dB-Pad-Schalter und ist im Vergleich zum R-121 noch etwas hochauflösender, was jedoch nicht bedeutet, dass es vor dem GitarrenAmp per se besser klingt. (Bild: Dirk Heilmann)
Ebenfalls bereit standen (v.l.n.r.): Das Beyerdynamic M88 ist sehr basslastig und wird gerne für High-Gain-Sounds verwendet. Das Mojave MA-201fet von Mojave Audio ist ähnlich wie das Røde sehr flexibel und im Frequenzgang sehr ausgeglichen; Das Royer R-101 ist die günstigere Version vom R-121, und das aktive Röhrenmikrofon R-122V von Royer bietet edelste Technik und hervorragenden Klang, besonders in den Mitten, ist jedoch sehr kostspielig und mit einem eigenen Netzteil sehr aufwendig in der Handhabung. (Bild: Dirk Heilmann)

Auf allen Vieren zum Top-Sound

Mein Highlight des Workshops war, als HansMartin vor der Box kniete, mit dem Ohr an der Membran gelehnt, und nach der richtigen Mikrofonposition suchte. »Ich suche mir jetzt den Punkt, wo das Eigenrauschen des Amps am lautesten ist«, sagt er und stellt fest: »Hier ist der Punkt, und da stelle ich jetzt das Mikrofon hin! Ende der Durchsage! Ist der mir nachher zu laut, gehe ich von diesem Punkt aus weiter nach außen. Wenn ich jetzt noch weitere Mikrofone aufstellen will, markiere ich mir diese Stelle mit einem Klebestreifen. Das gleiche mache ich dann auch für das zweite Mikrofon, dann habe ich auch schon mein Grund-Setup, mit dem ich schon tierisch weit komme. Ich nutze eigentlich immer ein SM57 und ein weiteres Mikrofon, das ich für eine gute zusätzliche Möglichkeit halte, wie zum Beispiel das Bändchen Royer 121, was ich gerade entdeckt habe.«

Hier spielte Ingo Powitzer ein Solo testweise über zwei verschiedene Gitarren ein: mit einer Les Paul … (Bild: Dirk Heilmann)
… und zum Vergleich mit einer Strat, ebenfalls mit Humbuckern. (Bild: Dirk Heilmann)

Raummikros und die Phase

»Ich hatte mal das Glück und konnte im Abbey Road Studio Mikrofone vergleichen«, erzählt Hans-Martin. »Bei der Mikrofonliste hät te ich fast geweint vor Glück, nicht nur weil die einfach jedes Mikro da haben, sondern von jedem auch noch fünf! Vor einer Box habe ich dann erst mal meine üblichen positioniert, ein SM57 plus ein weiteres, und im Raum hatte ich ein U67 und das RCA44, also richtig großes Kino. Dann ist genau das passiert, was man von ganz vielen älteren Aufnahmen kennt: Es klingt nasal. Da fehlt untenrum was, und das ist genau das Phasending. In der DAW habe ich die Möglichkeit, die Raummikros virtuell nach vorne zu ziehen, indem ich die Spur einen Ticken verrücke, sodass sie in Phase mit den Spuren der Mikros ist, die direkt vor der Box stehen. Dabei kopiere ich mir die Spur zuerst, die eine verrücke ich, die andere nicht. Dann kann ich schnell entscheiden, was mir besser gefällt. Im Vergleich fallen die tiefen Mitten auf, die bei der unverrückten Spur fehlen und einfach da sind, wenn alles in Phase ist. Die Gitarre ist auch viel lauter, obwohl ich sie nicht lauter gemacht habe − das ist ein reines Phasenphänomen. Dabei bin ich immer ein Freund von schnellen Entscheidungen. Ich entscheide mich für die Mikros schnell und auch, ob ich das Phasenphänomen nutzen möchte oder eben nicht. Sobald ich mich für eine Kombination an Mikros und ›Phase: ja oder nein‹ entschieden habe, wird sie zusammengebounced.«

Beim Workshop forderte Hans-Martin die Teilnehmer auch am Pult selbst heraus. (Bild: Dirk Heilmann)

Das Kabel und der Sound

»Jetzt wollen wir das Ganze nochmal umdrehen«, sagt Hans-Martin. »Wir nehmen nur eines dieser Mikros, das SM57, und Ingo spielt ein Riff über vier verschiedene Kabel ein, und dann können wir mal hören, was das für einen Unterschied macht.« Im Vergleich hatten wir ein Cornish Kabel, ein Monster Studio (vorsichtshalber in richtiger Laufrichtung – das Fähnchen gehört zum Amp), ein Vovox Sonorus (auch hier gehört das Fähnchen zum Amp) und ein günstiges Standard-Thomann-Kabel. »Jetzt sollte man nicht mit dem Gedanken rangehen, dass es ein Bestes und ein Schlechtestes gibt. Ich hatte mal eine Band, die hatte sich aus dem Baumarkt was Antennenkabel-Ähnliches besorgt, weil das irgendwie zum Sound gepasst hat.«

Die vier Spuren legte Hans-Martin in der DAW übereinander und loopt sie. Mittels Soloschalter konnten so die Teilnehmer simpel zwischen den Kabeln hin- und herschalten und einen direkten Vergleich hören. Beim Einspielen gab es noch einige kritische bis gespannte Gesichter, beim direkten Vergleich müssen selbst die Skeptischsten akzeptieren, dass es einen Unterschied gibt. Man ist sich nicht ganz einig über den »besten« Klang. Im Vergleich zu seinen vielfach teureren Konkurrenten ist das Thomann-Kabel etwas muffig und wenig klar, Hans-Martin ergänzt allerdings: »Das kann aber auch im Mix gewollt sein und deshalb gut klingen.« Das Vovox-Kabel ist extrem neutral, Monster und Conish hingegen bringen etwas mehr Klangfärbung mit rein. »In der Praxis allerdings kauft man sich eines, das einem gefällt und bleibt dabei, fertig, aus! Auch ist das Kabel nicht am Ende daran schuld, wenn der Sound nicht stimmt. In dem Fall ist in der Verkettung vorher schon etwas verkehrt«, betont Ingo. Und trotzdem hat dieser Vergleich ein Grübeln über den nächsten Kabelkauf hinterlassen.

Meister Hans-Martin Buff stellt sich der Herausforderung des E-Gitarren-Recordings. (Bild: Dirk Heilmann)

Resümee

Es war auch für mich sehr spannend, beim Workshop dabei zu sein und zu sehen, wie Hans-Martin und Ingo im Recording-Alltag arbeiten. Man hat schnell gemerkt, dass die beiden ein eingespieltes Team sind und bereits viele Gitarren für verschiedene Platten gemeinsam aufgenommen haben. Vielen Teilnehmern war anzumerken, dass sie während des Workshops ungeduldig auf diesen einen besonderen Kniff gewartet haben, der der Ursprung eines guten Sounds ist. Sie warteten vergeblich und mussten feststellen, dass es sich um eine Verkettung von vielen kleinen Sachen handelt, auf die man achten muss. Angefangen bei den Saiten und den Settings der Gitarre über das Gitarrenkabel bis hin zum Mikrofon und der Platzierung im Mix. Ich glaube, es hat viele überrascht, dass es eigentlich die bekannten Basics sind, die zu einem soliden Gitarren-Sound führen. Was allerdings dem einen oder anderen fehlt, ist die Erfahrung und die Praxis − eben die Zeit, sich mit dem Thema so intensiv zu beschäftigen wie Hans-Martin und Ingo. »Übung macht den Meister« ist eine alte Bauernweisheit, die sich wieder einmal bewährt. Es reicht eben nicht, sich auf YouTube Tutorials anzuschauen oder sich das Know-how bei uns anzulesen. Denn sonst müsste ich der Profi-Recording/Mixing/Mastering-Engineer sein, weil ich alle unsere Artikel lese. Bin ich aber definitiv nicht, weil mir neben dem Job die Zeit fehlt, die Sachen intensiv auszuprobieren. Das Ausprobieren und Anwenden der gelernten Sachen ist allerdings eine elementare Voraussetzung für einen Erfolg und für das Kennenlernen der klanglichen Auswirkungen der Techniken −man muss sich den Prozess wirklich draufschaffen. Übung und Erfahrung macht den Profi Recording/Mixing/Mastering-Engineer − los geht’s!

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