Alles nur Beat?

Deep House mit Frank Wiedemann

Frank Wiedemann

Schwelgerische Atmos, hymnengleiche Melodien und … ein butterweicher Deep-House-Beat, außergewöhnlich rund, kraftvoll und dennoch genial reduziert. Mit diesen Ingredienzien hat die 2012er Underground-Hymne Howling nicht nur House-Fans in ihren Bann gezogen. Nun folgt endlich das Album, ausgestattet mit eben solcher rhythmischen und klanglichen Eleganz. Höchste Zeit, sich mit Produzent Frank Wiedemann über Beats und Sounds auszutauschen.

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Frank Wiedemann und sein Kompagnon Ry Cummings haben mit ihrem Howling-Debütalbum Sacred Ground zwölf intensive und hoch emotionale Songs geschaffen, welche die Limitierungen der Clubmusik weit hinter sich lassen. Ganz besonders beeindruckt Franks außergewöhnliches Beat Programming. Obwohl absolut minimalistisch und reduziert, entwickeln die Beats auf Sacred Ground eine fast magische Kraft, die den Songs als Energiequelle dient.

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Die weichen, seidigen Drum- und Percussion-Sounds ordnen sich den fulminanten und fein gewobenen Atmos, Melodielinien und Vokal-Passagen unter, besitzen jedoch immer genügend Präsenz, um die Songs mühelos nach vorne zu bewegen − erstklassig! Wir haben Frank Wiedemann in seinem Berliner Studio besucht, um einige seiner Tricks in Erfahrung zu bringen. Dabei liefert Frank kein “Kochrezept” für typische Deep-House-Beats. Stattdessen betrachtet er verschiedene interessante Aspekte des Beat-Programming auf eine eher “ganzheitliche” und sehr persönliche Weise.

Tempo

“Deep-House-Tracks besitzen üblicherweise ein Tempo zwischen 100 bis 127 BPM und sind damit gebremster als etwa Tech-House. Meine Beats machen da keine Ausnahme. Im Rahmen der Genre-üblichen Gewohnheiten sollte jedoch immer Raum für freie Interpretation bleiben, denn auch das Tempo ist ein wichtiges musikalisches Element. Es bestimmt die Wirkung des Songs mit und muss deshalb in erster Linie zu dessen Vibe passen. Für die Songs auf Sacred Ground habe ich Tempi zwischen 120 und 125 BPM gewählt.”

Kick

“Ein House-Track besitzt eine starre Vierer-Kick − einfacher geht’s nicht. Den optimalen Kickdrum-Sound zu finden, empfinde ich dagegen für die anspruchsvollste und schwierigste Herausforderung beim Beat-Programming − schließlich trägt die Kick den gesamtem Track. Für unbedingt essenziell halte ich das richtige Tuning im Bezug zur Bassline; Kick und Bassline sollten sich ergänzen und ein Gefüge bilden. Dabei benötigen beide sowohl auf tonaler, rhythmischer wie auch auf klanglicher Ebene ausreichend Raum zur Entfaltung. Nur dann klingt der Groove druckvoll und durchsichtig. Je voluminöser die Sounds, desto mehr Raum benötigen sie rhythmisch und klanglich.”

Backbeat

“Standard ist hier bekanntlich eine Snare oder ein Clap auf den Zählzeiten »2« und »4«. Für mich ist das jedoch kein Muss. Es gibt Alternativen, die den Song möglicherweise besser unterstützen. So kann man sich für ein tonales Element, etwa einen perkussiven Chord-Sound, entscheiden. Ich lasse Snare/Clap auch gerne einmal ganz weg und gebe stattdessen der Hi-Hat mehr Raum. Hier nutze ich dann verschiedene Sounds bzw. Samples, arbeite mit Hall und erhalte mit der Hi-Hat ein interessantes Element für Steigerungen. Der Gesamteindruck des Beats bleibt dennoch sehr übersichtlich und reduziert.”

Das Studio von Frank Wiedemann ist mit feiner Hardware ausgestattet. Frank schätzt die Eigenheiten und Limitierungen von Vintage-Drumcomputern und Synthesizern als hilfreiche Unterstützung für den kreativen Prozess.

Frank Wiedemann Mixer
Drummies und PercussionSynthesizer dienen Frank bei der Beat-Programmierung. Das Studio verfügt über eine reiche und exotische Auswahl, beispielsweise Linndrum, StarSound Synare (das UFO) oder Pearl Syncussion.

Zwischenschläge

“Hier arbeite ich besonders gerne mit tonalen Elementen und sogenannter ›tuned Percussion‹. Ziel ist es, Rhythmik, Harmonik und Melodik des Songs ineinander fließen zu lassen. Beim Kick/Bassline-Gefüge passiert das ja schon (s. o.). An dieser Stelle lässt sich eine solche Technik weiter ausbauen, und zwei Fliegen lassen sich mit einer Klappe schlagen, indem man ein Element gleichzeitig rhythmisch und tonal nutzt und so ein weiteres einspart. Unser Ziel ist bekanntlich ein optimal reduzierter Song, der dennoch nicht ereignislos klingen sollte. Um die richtigen Zwischenschläge für einen Beat zu finden, arbeite ich manchmal gerne rückwärts: Ich lege einen Sample-Loop unter das bisherige und beschneide den Loop so lange, bis vielleicht nur ein einziger Schlag davon übrig bleibt. Überhaupt sollte schon an dieser Stelle darüber nachgedacht werden, ob alle bisherigen Elemente für den Beat wirklich zwingend notwendig sind. Jeder Baustein, jede Note ohne klare Funktion sollte gelöscht werden.”

Delays

“Ein hervorragendes Mittel, um Leben in einen Beat zu bringen. Dazu synce ich die Verzögerungszeit nicht exakt zum Song – tempo, sondern lasse sie um wenige Millisekunden ›daneben‹ liegen − das schiebt! Kurze Slapback-Echos reichen häufig schon aus − es müssen nicht immer lange und dubbige Delays sein. Man sollte sich jedoch unbedingt hüten, Delays überzubeanspruchen. Ein einzelner Sound mit Echo-Effekt reicht meist aus.”

Arpeggios und Ticker-Sounds

“Einem sparsam gestrickten Beat lässt sich mittels statisch durchlaufendem 16tel-Element sehr einfach ordentlich Drive verpassen. Handelt es sich um einen tonalen Sound, bietet sich ein Arpeggio an, welches natürlich mit der Melodie harmonieren muss. Alternativ verwende ich dazu gerne eher unauffällige ›Ticker‹- oder ›Knackser‹-Sounds.”

Frank Wiedemann Vermona
Im Rack Vermona DRM1, Simmons SDS V und davor eine Rarität aus Russland: der Drumsynth March UDS

Sounds finden

»Hier gibt es natürlich keinerlei Einschränkungen. Ich selbst mag Vintage-Drumcomputer und -Drumsynthesizer. Gerade durch ihre Limitierungen liefern sie schnell brauchbares Material. Alte Orgel-Drumboxen und Begleitautomaten sind ebenso immer wieder gut für einen schönen Loop. FM-Instrumente, etwa alte Yamaha-Geräte, erzeugen ebenfalls gute Percussion-Sounds. Sie sind meist sehr direkt und kontrastieren mit analogen Klängen. Zudem kann ich nur die Aufnahme von akustischen Percussion empfehlen. Die so gewonnenen Sounds besitzen natürlich eine individuellere Note als Library-Futter. Für eine gute Percussion-Aufnahme verwende ich Schoeps Mikrofone.”

Arrangement

“Bei meinem Projekt Ame funktioniert das Arrangement meist so: Ich stelle mir entsprechend der Grundregeln bezüglich ›DJ-Kompatibilität‹ zahlreiche Loops in Ableton Live zu Songs zusammen und spiele diese so oft wie möglich im Club. Dabei arrangiere den Track live. So bildet sich schnell die Essenz von Beat und Song heraus − ein sehr effizientes Testverfahren. Im Idealfall bleiben gerade einmal acht Elemente übrig. Da ich jedoch meine Musik nicht grundsätzlich als reine Clubmusik betrachte, werfe ich im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht alles andere weg. Einige dieser Elemente verbleiben, um auch ein tiefergehendes Hörerlebnis auf der Couch zu ermöglichen.”

Drummies aufnehmen

“Wie gerade erwähnt, arbeite ich gerne mit Vintage Geräten. Um deren Nuancen bei der Aufnahme einzufangen, recorde ich längere Passagen. Wenn möglich, nutze ich dabei Einzel-Outs und bearbeite die Sounds schon bei der Aufnahme mit EQ, Kompression und Effekten. Korrekturen erfolgen dann nach Bedarf beim Mix im Rechner.”

Vom Clubtrack zum Radio-Edit

“Wie dampft man einen 7-Minuten-Track auf radiokompatible 3 Minuten ein? Ich überprüfe dazu noch einmal die Essenz des Tracks. Allerdings weniger in rhythmischer und klanglicher Hinsicht, sondern hinsichtlich der Songprägenden Elemente − was ließe sich auch am Piano oder mit der Gitarre spielen? Um den zeitlichen Ablauf stauchen zu können, verzichte ich auf alle Elemente, die eine lange Entwicklung benötigen − etwa Intro, Outro, lange Breaks usw. Ebenso auf statische Dinge wie das oben erwähnte Arpeggio. Ein Radio-Song muss sofort losgehen.”

Ideenfindung

“Manchmal will sich einfach keine zündende Idee finden. In solchen Fällen lässt sich der Kreativität ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich gehe dazu gerne auf Entdeckungs – reise in fremde Gefilde. Würde ich etwa Indien als Ideengeber wählen, könnte ich versuchen, zumindest ein wenig in die Geheimnisse des Raga einzutauchen. Dabei geht es nicht darum, meinem Track eine Tabla oder Ähnliches aufzupressen − ich möchte stattdessen herausfinden, was die da machen, und so mein musikalisches Vokabular um neue Ausdrucksformen erweitern. Anwenden lässt sich das Gewonnene auf alle musikalischen Parameter, neben dem Beat also auch auf Melodik und Sound. Das funktioniert natürlich nicht nur kultur- übergreifend, sondern auch bei der Beschäftigung mit anderen Genres. Lebt nicht die aktuelle Musik vor allem von wilden Genre-Mixen?”

Den gesamten Artikel über Beat-Programming mit Frank Wiedemann findest du auch in der Sound & Recording 04/2015

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