Enjoy the Silence

Raumakustik: Schallschutz und Bauakustik Teil 1

Eine abgehängte Decke vor dem Aufbringen der Beplankung im Mischkino Stage 1 der ARRI TV Studios in München

Anders als bei der Raumakustik geht es nun bei der Bauakustik nicht mehr um die Dinge, die die klanglichen Eigenschaften eines Raumes beeinflussen, sondern um die Schallemissionen aus den Studioräumen nach außen und die Schallimmissionen von außen in die Studioräume. Die aus der „zivilen” Bauakustik bekannten Anforderungen und Konstruktionen lassen sich im Studiobau nur bedingt anwenden. In den meisten Fällen sind die beim Studiobetrieb auftretenden Schalldruckpegel zu hoch, vor allem aber auch die Anforderungen an die maximalen Ruhegeräuschpegel zu streng. Die Anforderungen an die bauakustischen Konstruktionen werden im Einzelfall durch die notwendigen Schallpegeldifferenzen zwischen einem Raum und seiner Umgebung bestimmt.

Schutz gegen Störungen von innen und außen

Die erste Überlegung gilt natürlich dem Schutz der eigenen Studioräume, vor allem der Aufnahmeräume gegenüber Immissionen von außen. Besonders wichtig ist dabei die Einbeziehung von Körperschallübertragung die von Quellen ausgeht, die im Gebäude weiter entfernt oder sogar außerhalb des Gebäudes liegen können, wie Kompressoren von Klimaanlagen oder nahe gelegenen Bahnlinien. Die maximal zulässigen Schalldruckpegel werden für Studioräume in der Regel nicht in Form von Summenschalldruckpegeln angegeben, sondern in spektraler Form durch nicht zu überschreitende Grenzkurven festgelegt. Grenzkurven für die maximal zulässigen Ruhegeräuschpegel in Aufnahme- und Regieräumen sind z. B. in DIN 15996 „Bild und Tonbearbeitung in Film-, Video- und Rundfunkbetrieben” angegeben. Geht es nun nicht darum, die eigenen Studioräume vor Immissionen von außen zu schützen, sondern sich selbst vor juristischen oder tätlichen Angriffen genervter Nachbarn zu bewahren, stellt sich natürlich die Frage: „Wie viel Lärm darf ich meinem Nachbarn eigentlich antun?”

Der Schalenzwischenraum einer massiven Raum-in-Raum-Konstruktion

Die Frage ist nicht in einem Satz zu beantworten. Lärm, ob nun von krähenden Hähnen, kreischenden Sägen, dröhnenden Flugzeugen, läutenden Kirchenglocken oder ratternden Rasenmähern gehört zu den Hauptstreitpunkten, die unsere Gerichte beschäftigen. Ob ein Geräusch als Belästigung empfunden wird, hängt nun mal nicht nur vom Schalldruckpegel oder von psychoakustisch bewertbaren Größen (wie der Lautheit oder der Lästigkeit des Geräusches) ab, sondern vor allem auch von der Einstellung des Einzelnen zum Geräusch und zur Quelle, von der das Geräusch ausgeht. Grundsätzlich ist zunächst eine Unterscheidung nach rechtlicher Stellung des Studios zu treffen: Lärm, der von gewerblichen Anlagen ausgeht, ist Gewerbelärm. Regelungen zum Gewerbelärm enthält die TALärm (Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm), eine Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz. Die TALärm ist bundesweit gültig und enthält klare Vorgaben für zulässige Immissionswerte. Zum privaten Nachbarschaftslärm dagegen existieren keine bundeseinheitlichen gesetzlichen Regelungen. Die Informationsquellen reichen von den Landesimmissionsschutzgesetzen der Bundesländer über Regelungen der Gemeinden und Hausordnungen bis hin zum Bürgerlichen Gesetzbuch. In DIN 4109 „Schallschutz im Hochbau” sind Anforderungen an die Akustik von Gebäuden festgelegt, die in der Regel ausreichend sind, um Menschen in ihren Wohnräumen vor unzumutbaren Belästigungen durch Schallübertragung aus angrenzenden Bereichen zu schützen.

Die Trennung einer Kabeltrasse am Übergang zwischen zwei entkoppelten Schalen einer Raumin-Raum-Konstruktion. Auch Detailpunkte entscheiden über den Erfolg der Konstruktion

Grundlage für diese Anforderungen ist die Nutzung der Räume durch Sprache, Musik usw. bei Zimmerlautstärke, aber bereits der Begriff „Zimmerlautstärke” lässt natürlich beliebig Spielraum für Diskussionen und nicht nur die in Studios und Übungsräumen auftretenden Schallpegel überschreiten die hier betrachteten Pegel häufig bei weitem, was in der Regel zu Belästigungen der Anwohner führt. Ist für den gestörten Nachbarn der Dialog mit dem Verursacher nicht fruchtbar, ist der nächste Ansprechpartner die Ordnungsbehörde, darauf folgt als letzte (legale) Möglichkeit der private Rechtsweg. Aber egal, in welcher rechtlichen Situation ich mich befinde, das Risiko eines Rechtsstreits sollte ich nicht von vornherein in Kauf nehmen, denn die Niederlage in dieser Auseinandersetzung könnte die Einstellung des Betriebs meines Studios bedeuten. Wenn ich es also nicht soweit kommen lassen will, sondern vorher bauliche Maßnahmen treffen möchte, ergibt sich als Grundlage für meine Betrachtungen der maximal zulässige Immissionspegel in meiner Umgebung einerseits und die zu erwartenden Schalldruckpegel innerhalb meiner Räume andererseits. Ein wichtiger Punkt ist dann auch noch die ausreichende Dimensionierung der Bauteile innerhalb des eigenen Studios, um ein störendes Übersprechen zwischen Regie- und Aufnahmeraum und eventuell zwischen separaten Studiobereichen zu vermeiden.

Grundregeln

Die ersten Überlegungen zur Akustik sollte man beim Bau eines Studios nicht erst bei der Festlegung von Wand- und Deckenaufbauten anstellen, sondern bei der Gestaltung des Grundrisses. Ein einfaches Prinzip, das jeder Architekt im Studium mit auf den Weg bekommt, ist: Baue niemals die Toilette der einen Wohnung ans Schlafzimmer der anderen Wohnung. Das Grundprinzip, laute Räume von empfindlichen Räumen zu trennen, lässt sich ohne Einschränkung auf den Studiobau übertragen, was dann bedeutet, nicht unbedingt das Mischkino neben den Geräuschemacher und den Aufnahmeraum, in dem man Schlagzeug aufnehmen möchte, neben das Schlafzimmer der Nachbarn zu legen. Steht der Grundriss fest, kann ich entsprechend den erforderlichen Schallpegeldifferenzen die Wand- und Deckenaufbauten festlegen: einschalige und mehrschalige Bauteile, massive Bauteile, Trockenbauwände, schwimmende Estriche, Vorsatzschalen, Sandfüllungen, Bleieinlagen, Elastomerlager und Stahlfedern. Die Möglichkeiten, Wände und Decken hochschalldämmend zu gestalten sind vielfältig.

Das Gurkenglas in der Trennwand: Schallbrücken jeder Art sollten unbedingt vermieden werden.

Türen und Fenster müssen dabei genauso in die Betrachtungen einbezogen werden wie die Schallübertragung über Kabelkanäle und Klimarohre. Die Schallübertragung von einem Raum in einen angrenzenden findet aber nicht ausschließlich über das trennende Bauteil selbst, sondern zu einem erheblichen Teil auch über die angrenzenden, die so genannten flankierenden Bauteile statt. Betrachte ich also die Schallübertragung zwischen zwei nebeneinander liegenden Räumen, muss ich in die Überlegungen nicht nur die Trennwand selbst, sondern auch den Boden, die Decke und die längs verlaufenden Wänden mit einbeziehen. Ich kann die Schalldämmung zwischen zwei Räumen nicht beliebig dadurch steigern, dass ich nur das trennende Bauteil verstärke. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem die Flankenübertragung überwiegt und eine weitere Verstärkung des trennenden Bauteils keine weitere Verbesserung der Situation mehr bringt. Das bedeutet, um sehr hohe Schalldämmmaße zu erreichen, muss ich z.B. die Vorsatzschale nicht nur vor die Trennwand, sondern auch vor die längs laufenden Wände setzen, eine abgehängte Decke einziehen und einen schwimmenden Estrich verlegen. Damit bin ich dann bei der Raum-in-Raum-Konstruktion angekommen, einer im Studiobau durchaus üblichen Bauweise. Von größter Bedeutung ist bei der bauakustischen Planung die Betrachtung auch der kleinsten Detailpunkte. Und letztlich entscheidet natürlich auch die Qualität der Ausführung der geplanten Konstruktionen über den Erfolg der Maßnahmen.

Hier geht´s weiter zu Schallschutz und Bauakustik Teil 2

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