Expertentipps von Markus Bertram (mbakustik)

Raumakustik im DIY-Studio

»Raumakustik vom Experten? Viel zu teuer!«, lautet der spontane Gedanke aller Musiker, wenn es um die fachmännisch richtige und sinnvolle Ausstattung sowie Akustikbau geht. Dennoch hat es sich immer schon bewährt, jemanden zu konsultieren, der etwas von der Materie versteht. Wir haben beim Studiospezialisten Markus Bertram von mbakustik nachgefragt …

mbakustik / www.chaussee-filmton.de)
Der Regieraum von Chausse Filmton in der Bauphase (Foto links): Als günstige Methode, die Eigenmoden des Raums in den Griff zu bekommen, werden hier testweise vier große Ballen Mineralfaser an unterschiedlichen Positionen aufgestellt. Solch ein Ballen hat eine Absorption bei 80 Hz und tiefer. Auch wenn das im kommerziellen Studio dann nicht so bleiben kann, reicht im DIY-Raum ein einfacher Stoffbezug und fertig sind die Bassfallen.

Als DIY-Musiker kann man vom High-End-Hochglanzstudio, wie es die Broschüren und Werbeanzeigen von professionellen Studio-Ausstattern zeigen, natürlich nur träumen. Aber verständlich: Wer wirbt schon gern mit Fotos, in denen verschrammelte Selbstbaustudios abgebildet sind − selbst wenn die gezeigten Akustikbaumaßnahmen einen professionellen Hintergrund haben? Nichtsdestotrotz: Auch die ganz Großen im Business haben meistens klein angefangen, d. h., der Weg beginnt für viele bei Selbstbaulösungen. Davon weiß auch Markus Bertram zu berichten, dessen Firma »mbakustik« nicht ausschließlich Recording-Tempel konzipiert und baut, sondern auch für DIY-Musiker ein offenes Ohr hat. Wir zeigten ihm die in unserem Special ab Seite 14 gezeigten DIY-Studios und fragten ihn nach seiner Meinung.

Markus Betram: Was natürlich sofort auffällt, ist, dass die Bands sich in erster Linie um eine gute Akustik des Aufnahmeraums gekümmert haben − die Regieräume hingegen wurden vernachlässigt. Das ist natürlich absolut verständlich, wenn man sich die Perspektive der Musiker veranschaulicht. Was die akustischen Maßnahmen betrifft, wird dieser Raum meistens so gestaltet, dass er für den Musiker bzw. die Band gut klingt. Das Wichtigste ist hier erst einmal, dass die musikalische Interaktion gut gelingt. Die Instrumente sollen so klingen, dass man gerne musiziert und es Spaß macht, in diesem Raum zu spielen. Das ist auch gar nicht falsch!

Ein Raum, in dem die Instrumente gut zur Geltung kommen, jedes Bandmitglied sich in seinem Teil des Raumes gut hören und kontrollieren kann, der passend und ausgewogen ist für die Musik, die man machen möchte, ist eine der Voraussetzungen, um einen guten Band-Sound zu entwickeln.

Sind all diese Gegebenheiten erfüllt, muss man noch einen Schritt weiter gehen und ein weiteres Kontrollmittel hinzufügen, und das ist der Regieraum, in welchem man die Signale, die man aufnehmen möchte, bewerten kann.

mbakustik
Der wohl krasseste Gegensatz zum DIY-Regieraum: Mastering-Studios. Sie bestehen praktisch nur aus Regieraum, bei dem auf höchstem Niveau für eine optimale Abhörsituation gesorgt wird. So z. B. im Mastering Mansion Madrid, das selbst unter den Mastering-Studios ein sehr ambitioniertes Projekt ist.

Ideale Regie?

Im Regieraum will man den Sound möglichst ohne Einflüsse wie Lautsprecher oder Raumakustik beurteilen können, damit das, was über die Mikrofone aufgenommen wird, auch möglichst unverfälscht auf der Festplatte landet. Diese Idealvorstellung wird nie wirklich erreicht, sollte aber immer das Ziel sein. Dass dieses für DIY-Studios in sehr weiter Ferne liegt, wird deutlich, wenn man sich z. B. Mastering-Studios anschaut. Diese bestehen praktisch nur aus einem Regieraum, dem man bei der Optimierung sämtliche Aufmerksamkeit widmet. So z. B. im Mastering Mansion Madrid, das selbst unter den Mastering-Studios ein sehr ambitioniertes Projekt ist, und man sollte nicht von einer sich selber produzierenden Band erwarten, dass sie an den Regieraum mit einem solchen Anspruch herangeht.

Ebenso sollte allen klar sein, dass eine »normale« Regie nicht geeignet ist, um darin ernsthaft selber zu mastern. Jemand anderen mit dem Mastering zu betrauen, liegt nicht etwa allein in den Unzulänglichkeiten der eigenen Regie, sondern hat ja neben der Akustik auch noch ganz andere Hintergründe wie entsprechendes Equipment für akustische Kontrolle und die Bearbeitung des Materials, vor allem aber Erfahrung! (siehe auch Artikel »Mastering-Tipps auf den vorhergehenden Seiten 84 u. 85)

Auch wenn die Industrie diesen Gedanken in etwa vorgibt − man sollte nicht dem Irrtum verfallen, dass man mit einer DAW-Software wirklich alles selber machen kann, selbst wenn sogar Mastering-Plug-ins dabei sind.

Die Ohren optimieren

Bevor wir uns mit den technischen Dingen beschäftigen: Eine wichtige Voraussetzung ganz allgemein ist die persönliche Eigenschaft, den Biss zu haben, Gegebenheiten grundsätzlich zu hinterfragen und entsprechende Schritte zu unternehmen. Den selber aufgenommen Sound richtig zu beurteilen will gelernt sein. Man muss sich immer und immer wieder seine Aufnahmen unter den verschiedensten Bedingungen anhören, um anschließend entsprechende Änderungen am Mix erneut auszuprobieren. Auf die Raumakustik bezogen bedeutet das, dass man auch bereit sein muss, räumliche Änderungen in die Tat umzusetzen − verschiedene Raumakustiken lassen sich leider nicht auf Knopfdruck vergleichen. Daher neigen viele dazu, nichts zu ändern und gewöhnen sich an ungünstige Akustikbedingungen.

Änderungen protokollieren

Wer sein halbwegs ambitioniertes Heimstudio schon mal um 180 Grad im Raum versetzt hat, um die Abhörsituation zu optimieren, der weiß, dass dabei unter Umständen zwei Tage vergehen, bis endlich wieder alles läuft. Der Aufwand ist groß, kann sich unter Umständen aber lohnen. Es kann dennoch der Fall eintreten, dass die neue Anordnung der Abhöre nicht den erhofften Effekt bringt. Auch um das zu beurteilen, sollte man sich etwas Zeit nehmen. Ich möchte deutlich machen, dass der Faktor Zeit einem so manchen Streich spielen kann. Daher ist mein Tipp: Dokumentieren! Wer etwas Erfahrung beim Abhören hat, weiß, dass die aurale Aufmerksamkeit starken Schwankungen unterliegt. Vor allem wenn man das eigene Gehör als Kriterium für die Qualität der eigenen Raumakustik nehmen möchte (oder muss), sollte man sich die Möglichkeit der Vergleichbarkeit schaffen.

Ein paar Notizen, Skizzen und/oder Fotos sollten ausreichen, wenn man sie später zeitlich zuordnen und Details wie z. B. die Positionierung von Lautsprechern oder Akustikelementen vergleichen kann. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die in ihrer Wirkung einen großen Unterschied machen. Auch macht es Sinn, sich dieser Aufgabe mit einem oder zwei Partnern zu widmen und die wahrgenommenen Unterschiede zu diskutieren.


Akustikbau DIY-Tipps Für akustische Baumaßnahmen muss man sich nicht gleich in Unkosten stürzen. Auch als Anbieter von akustischen Modulen empfiehlt mbakustik seinen Kunden oft Materialien, die man für wenig Geld im Baumarkt bekommt.


 

Akustik messen?

Raumakustiker haben hier sicher einen anderen Ansatz als DIY-Musiker, aber die Mittel für Akustikmessungen sind heute sehr erschwinglich geworden. Ich würde nicht grundsätzlich davon abraten, selber Messungen zu machen − in einigen Fällen konnten wir aus selbst erstellten Messergebnissen unserer Kunden wertvolle Informationen gewinnen. Aus den Messungen dann aber die richtigen Akustikmaßnahmen abzuleiten, ist aus unserer Erfahrung für Laien zu komplex.

Vier No-Budget-Tipps

Bevor man sich als DIY-Musiker tief in die Theorie stürzt, gibt es einige Dinge, die man akustisch in Angriff nehmen kann, und zwar ganz und gar ohne Geld für akustische Baumaßnahmen zu investieren. Sicher ist jeder Raum speziell, aber mit den vier folgenden Kochrezepten lassen sich gute Voraussetzungen für ein Nahfeld-Monitoring schaffen:

Tipp 1 − Stereo-Symmetrie: Man sollte keinen L-förmigen Raum nehmen und die Monitore so positionieren, dass der linke und der rechte Lautsprecher ungefähr den gleichen Raumanteil als akustische Impedanz haben. Ebenfalls sollen die Übertragungswege von beiden Lautsprechern auf die Ohren annährungsweise gleich sein. Das ist die wichtigste Voraussetzung für eine Phantommitte.

Tipp 2 − Raummitte vermeiden: Wenn man sich aus Gründen des Stereobildes bereits in der Mitte der Raumbreite befindet, sollte sich der Regieplatz nicht auch in der Mitte der Raumlänge befinden. Besonders in der Mitte können die Bassmoden starke Effekte haben: Die Grundmode hat dort ein Loch, eine Oktave höher ist wieder eine Anhebung, eine weitere Oktave darüber gibt es wieder eine Absenkung usw.

Tipp 3 − Längsausrichtung vermeiden: Wenn ich einen 3 x 5 Meter großen Raum habe, sollte man als Stirnwand möglichst die kürzere Wand wählen, da in der Längsausrichtung wiederum Bass-Probleme zu erwarten sind. Nicht immer, aber meistens ist die längste − also tiefste − Bassmode im Raum dominant, und in diese begibt man sich, würde man den Regieplatz genau in der Mitte des Raumes stellen.

Tipp 4 − Experimentieren! Die Tipps 1 bis 3 sollen kein Dogma sein, in den seltensten Fällen erlaubt die räumliche Anordnung eine optimale Aufstellung des Regieplatzes. Man kann sich sogar ganz bewusst für eine nicht symmetrische Aufstellung entscheiden, so kann es völlig legitim sein, wenn z. B. ein Techno-Producer auf die möglichst exakte Stereoabbildung verzichtet zugunsten einer Positionierung, die für ihn den besseren Bass-Response hat. Ebenso ist jeder Raum anders, und ohne Herumprobieren kriegt man die beste Positionierung nicht heraus. Außerdem kann ich nur empfehlen, immer wieder verschiedene Referenz-Aufnahmen zu hören und zu vergleichen.

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