Software-Sequenzer

Cubase Pro 9 von Steinberg im Test

Testbericht

 

Schon wieder ist ein Jahr vorbei – und pünktlich zur Winterzeit bringt Steinberg, die Software-Schmiede aus Hamburg, ein neues Major-Update seines DAW-Boliden auf den Markt. Bereits Cubase 8 war auf einem Niveau angelangt, das eigentlich kaum noch Wünsche offen ließ. Eine erstklassige MixConsole, ausgiebige MIDI-Funktionalität und tolle Editing-Tools bieten dem professionellen Musiker so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Nur beim Workflow gab es noch ein paar Baustellen. Mal sehen, ob der Hersteller das neue Cubase 9 in diesem Punkt weiterentwickelt hat.

GUI und Workflow

Nachdem letztens auf der rechten Seite des Arrangement-Fensters „VST Instrumente“ und die „Media Bay“  als einklappbare Zone vorgestellt wurden, geht Steinberg nun noch einen weiteren Schritt in Richtung „Ein-Fenster-Design“. Denn nun lässt eine weitere Zone im unteren Bereich einblenden. Diese „Lower Zone“ zeigt mithilfe von Tabs verschiedene Fenster an, ähnlich wie in Ableton Live oder PreSonus StudioOne.

Werfen wir zuerst einen Blick auf das Tab „Editor“. Wenn ein MIDI-Part im Arrangement selektiert ist, wird dort der Inhalt, also alle MIDI-Events in Form des altbekannten Noten-Editors dargestellt. Ist hingegen ein Audio-Event ausgewählt, erscheint hier der Audio-Editor – fein säuberlich und nahtlos, ohne das ein weiteres Fenster aufgeht.Ebenso kann man dort die MixConsole oder die Chord Pads einblenden.

Ein weiteres Tab namens „Sampler Control“ birgt sogar eine vollkommen neue Funktion von Cubase 9. Hier wird zunächst ein leeres Fenster gezeigt. Legt man allerdings eine beliebige Audio-Region aus dem Arrangement per Drag&Drop ab, erscheint ein Sampler. Automatisch wird im Arrangement eine neue MIDI-Spur, mit „Sampler Track“ betitelt, angelegt. So lässt sich das Audio-Material sofort chromatisch über ein Keyboard spielen.


Klaus Baetz hat bereits die ersten Tutorials mit dem neuen Cubase 9 von Steinberg aufgenommen.


Der Sampler verfügt klassisch über eine Pitch-Sektion inklusive Glide-Funktion sowie über eine Filter-Sektion, die eine Vielzahl von Filter-Typen (Tube, Clip, Bit Reduction, usw.) bereitstellt. Zudem hat man unter dem Drop-Down-Menü „Shape“ eine große Auswahl zwischen diversen Hoch-, Band- und Tiefpassfiltern mit unterschiedlicher Flankensteilheit. Die Amp-Sektion ist lediglich mit den Parametern „Volume“ und „Pan“ versehen. Pitch-, Filter- und Amp-Sektion besitzen je einen eigenen Editor zum Anpassen der ADSR-Hüllkurve.

Zudem hat Steinberg in der Sektion „Audio Warp“ einen temposynchronen Wiedergabemodus eingebaut. Ziemlich clever, denn somit lässt sich das Originaltempo stets beibehalten, egal mit welcher Tonhöhe das Sample abgespielt wird. Leider fehlt dem Sampler eine integrierte Slice-Funktion, die längere Samples etwa anhand von Transienten in einzelne Bestandteile zerlegt und auf der Klaviatur verteilt. Um diese Funktion zu nutzen, könnte man den Sampler in ein anderes Instrument umwandeln – Steinberg bietet diese Funktion für „Groove Agent SE“ oder, falls installiert, „HALion“ an.


Im Arrangement-Fenster finden sich interessante Optionen.


Bisher war in Cubase nur eine Marker-Spur erlaubt. Nun lassen sich bis zu 10 Marker-Spuren in das Arrangement-Fenster einfügen und mit einer dedizierten Schaltfläche selektieren bzw. aktivieren. So könnte man beispielsweise bei einem Live-Mitschnitt Marker für die einzelnen Songs setzen. Geht es dann an das Mixing, ließen sich wiederum relevante Parts innerhalb eines Songs auf neuen Marker-Spuren unterteilen. Sehr praktisch!

Diesbezüglich ist auch die neue Funktion im Dialog-Fenster „Audio-Mixdown“ zu erwähnen, denn hier hat man in der Sektion „Export Cycle Marker“ die Möglichkeit, einzelne Cycle Marker auszuwählen und in einem Aufwasch als getrennte Audio-Dateien zu exportieren – etwa die einzelnen Songs des Live-Mitschnitts, oder einen Radio Edit und eine Extended Version des gleichen Projekts, während man eine Kaffeepause einlegt. Leider übernimmt Cubase hier nicht die Benennung der Cycle Marker, sondern nur deren Nummerierung.

Plug-ins und Mixing

Cubase ist ab sofort mit einem „Plug-in Sentinel“ ausgestattet. Letztendlich handelt es sich hier um einen automatischen Scan-Prozess  während des Programmstarts, bei dem Cubase alle Plug-ins überprüft und bei einem Crash in eine „Blacklist“ verschiebt. Diese Liste lässt sich im „Plug-in-Manager“ einsehen und das Embargo für einzelne Plug-ins bei Bedarf individuell aufheben – immerhin ein Feature, das wiederholte Programmabstürze bei einer großen Plug-in-Sammlung verhindern kann.

Für manche Nutzer mag folgende Neuerung ärgerlich sein, denn Cubase 9 unterstützt nur noch Plug-ins mit 64-Bit-Architektur. Der Fairness halber sei hier jedoch angemerkt, dass alle relevanten Software-Schmieden ihre Plug-ins schon lange mit 64 Bit, oft sogar mit dem gleichen Installer anbieten.


Cubase 9 Tutorial zum Thema Autopanning


Für den Übergang allerdings, könnte man die vorherige Version von Cubase auf dem Rechner belassen und Version 9 als eigenständige Instanz installieren. Wenn alle Stricke reißen und ein älteres Zauberkistchen unbedingt geladen werden muss, kann man immer noch die kostengünstige Software „JBridge“ zur Hilfe nehmen, welche 32-Bit-Plug-ins für die 64-Bit-Umgebung einsatzbereit macht. Nur zum Vergleich: Cockos Reaper „bridged“ alle 32-Bit-Plug-ins intern, ohne die Nachrüstung von Drittanbieter-Software.

Steinberg hat in Cubase 9 nicht nur einigen Plug-ins ein neues Gewand spendiert, etwa dem „Maximizer“ oder „Autopan“, sondern auch einen brandneuen Equalizer an den Start gebracht. Der sogenannte „Frequency EQ“ bietet insgesamt acht Bänder, die individuell (!) im Stereo-, M/S- oder L/R-Modus arbeiten können. Alle Bänder lassen sich als Peak-, Notch- oder Shelving-Filter konfigurieren. Das erste und letzte Band verfügt zudem über Cut-Filter mit einer Flankensteilheit zwischen 6 und 96 dB/Oktave.

Steinberg integriert außerdem den ersten hauseigenen Equalizer für Cubase, der über einen Linear-Phase-Modus verfügt – ebenfalls für jedes Band separat zu aktivieren. Super! Eine Vorhör-Funktion, die jeweils das selektierte Band „Solo“ schaltet, vergleichbar mit beispielsweise dem Fabfilter „Pro-Q“, vereinfacht das Aufspüren von Resonanzen. Unter dem Graph lässt sich im Stil des Waves „H-EQ“ eine Klaviatur einblenden. Mit gehaltener Maustaste kann man so das selektierte Band exakt auf einen gewünschten Notenwert fixieren. Das eignet sich sehr gut, um etwa den Grundton einer Kick passend zur Tonart des Songs herauszuarbeiten.

Unter dem Strich handelt es sich bei diesem neuen Equalizer um ein sehr vielseitiges Werkzeug für Mixing und Mastering, das dem traditionellen Kanal-EQ von Cubase um Meilen voraus ist. Lediglich ein Input-Trim sowie eine Funktion zum Selektieren und Verschieben mehrerer Bänder gleichzeitig wird hier noch vermisst.


Die MixConsole wurde mit ein paar neuen nützlichen Features ausgestattet.


Eine Undo/Redo-Funktion gab es in Cubase bereits seit den Anfangstagen. Allerdings wurden hier stets nur die Aktionen im Arrangement oder Editor, jedoch leider nie innerhalb der MixConsole mit einbezogen.

Ableton Live beispielsweise macht diesbezüglich keine Unterschiede und nimmt Fader-Rides, Clip-Editing usw. allesamt in die gleiche History mit auf. Um den Shortcut [Strg]/[Cmd]+[Z] in Cubase weiterhin für das Arrangement und die Editoren gelten zu lassen, wurde eine neue Tastenkombination [Alt]+[Z] ausschließlich für den Mixer eingeführt. Sehr praktisch! Wem das zu heikel ist, kann auch auf die beiden dedizierten Schaltflächen links oben im Mixer zurückgreifen.

Der linke Bereich in der MixConsole verwaltet immer noch die „Sichtbarkeit“ sowie die „Zonen“ der einzelnen Kanalzüge. Nun ist noch ein drittes Tab hinzugekommen, das eine Liste aller Bearbeitungsschritte anlegt. Jede Änderung an einem Lautstärkeregler, Eingangsfilter oder Parameter eines Plug-ins wird hier fein säuberlich vermerkt und sogar mit der entsprechenden Uhrzeit festgehalten.

So kann man mit einem einfachen Mausklick zu beliebigen Mixer-Settings während einer Session zurückspringen und schnelle A/B-Vergleiche zwischen exakt definierten Zeiträumen vornehmen. Diese „History“ funktioniert sogar bei Plug-ins von Drittanbietern. Doch Vorsicht, nach einem Neustart des jeweiligen Projekts ist diese Liste wieder leer. Vielleicht kommt demnächst ja noch ein vollwertiges Snapshot-System hinzu, dass verschiedene Mixer-Settings innerhalb eines Projekts jederzeit Speichern und Abrufen kann.

Fazit

Die neue „Lower Zone“ im Arrangement-Fenster schafft mehr Übersicht während dem Mixing und Editing, besonders bei der Arbeit am Laptop. Da hier auch gleich ein „Sampler Track“ integriert wurde, eröffnet sich dem Musiker ein schneller und zeitgemäßer Weg, um kurze Audio-Phrasen chromatisch auf der Klaviatur zu spielen.

Auch die Liste der Bearbeitungsschritte sowie die Undo/Redo-Funktion in der MixConsole beschleunigen den Workflow ungemein und schließen eine weit klaffende Lücke in der sonst hervorragenden Mixer-Umgebung.

Steinberg hat so manche Plug-ins kosmetisch etwas aktualisiert – der brandneue „Frequency EQ“ allerdings toppt mit seiner vielseitigen Parametrisierung alle bisher von Steinberg veröffentlichten Entzerrer. Nur über den Wegfall von Plug-ins mit 32-Bit-Architektur wird sich vielleicht der ein oder andere Nutzer ärgern.


Cubase Pro 9

Hersteller: Steinberg
Download-Preis: 579,- Euro

www.steinberg.net

+++
Verbesserung des Workflows durch „Lower Zone“

+++
integrierter Sampler-Track

+++
„Frequency EQ“

+
History / Undo-Funktion in MixConsole


keine Unterstützung von 32-Bit-Plug-ins

3 Kommentare zu “Cubase Pro 9 von Steinberg im Test”
  1. Hört sich alles super gut an! Erst mal danke für diese Info. Was MICH aber besonders interessiert (und das fällt mir immer häufiger auch bei anderen Herstellern auf) ist, kann man diese düstere Hintergrund Farbgebung ändern? Weiße Schrift auf fast schwarzem Hintergrund?? Das hat mit Augenergonomie rein gar nichts zu tun. Man stelle sich vor, alle Bücher, Zeitungen und Zeitschriften würden ihre Texte in weißer Schrift auf schwarzem Papier drucken! Da ich mich seit einiger Zeit für die Anschaffung gerade von Cubase ernsthaft interessiere, wäre so eine Test-Info SEHR nützlich gewesen.

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