Qualität, Leidenschaft und Know-how

Studioszene D – Horus Sound Studio Hannover

Das Studio wurde 1979 von Frank Bornemann − Chef der Progressive-Rock-Truppe Eloy − gegründet. Eloy, Helloween und Running Wild haben hier aufgenommen, die Stilrichtung wurde zum »Markenkern«. 2014 haben die Eigentümer gewechselt. Bornemann, mittlerweile 70, hat sich verabschiedet − eine »Staffel- übergabe«, wie Tontechniker und Miteigentümer Arne Neurand erzählt, der das Studio zusammen mit seinem Kollegen Mirko Hofmann betreibt. Geschäftsführer ist Guano-Apes-Gitarrist Henning Rümenapp, bereits seit 1999 ebenfalls Teilhaber des Studios. In den vergangenen Jahren zählten neben den Guano Apes etwa The Intersphere, die Donots, Subway To Sally, Jennifer Rostock, Mark Forster und Revolverheld zu den Kunden.

Horus Studio

Große Studios findet man oft in weitläufigen Gegenden, am Stadtrand oder im Industriegebiet, fernab vom alltäglichen Trubel einer belebten Innenstadt. Das Horus-Studio in Hannover bildet eine Ausnahme. Es liegt mitten in der Stadt, in einem Hinterhof. Hier wirkt es wie eine Oase der Ruhe. Lediglich der Parkplatz im Hof verlangt nach bewusster Organisation. Produzent und Tontechniker Mirko Hofmann dirigiert die Reihenfolge der gerade angekommenen Musiker: Wer zuerst geht, parkt am Ende − sonst kommen die anderen nicht mehr raus.

Der Vorteil des Studios gegenüber der Konkurrenz? Die beiden Aufnahmeräume seien ein Alleinstellungsmerkmal: Der Drum-Room im Nebengebäude misst rund 150 m² und ist vor allem gut für große, knallige Schlagzeug-Sounds. Viele Künstler und Bands kämen bewusst wegen der Klangeigenschaften des Raums, meint Hofmann − zu hören etwa auf dem Guano-Apes-Debüt Proud Like A God oder Moses Pelhams Geteiltes Leid 3. Zum Drum-Room gehört eine kleine Regie am Ende des Gebäudes; man will bald noch eine Sichtverbindung einrichten.

Der zweite Aufnahmeraum stellt mit seiner Regie das eigentliche Studio dar, so wie es 1979 gegründet wurde: „Ein klassischer, multifunktionaler Raum, der trockener klingt, in dem man warm klingende Drums und Gitarren-Amps aufnehmen kann“, sagt Hofmann. Im Aufnahmeraum steht ein Backline-Vorrat: ein Kontrabass, rund 30 Gitarren, dazu unterschiedliche Verstärker, teilweise vom Guano-Apes-Gitarristen Henning Rümenapp. Der Regieraum ist mit einem analogen ADT-MT5-Mischpult mit 48 Kanälen ausgestattet. „Ich mag das Arbeiten an der Konsole“, bekräftigt der Producer. Plug-ins nutze er vorwiegend für chirurgische Korrekturen, während für die Klangfärbung gerne das Outboard verwendet wird.

Und sein Lieblingsgerät? Das ist das analoge Roland RE-301 Band-Echo, das er wegen seiner Wärme gerne für Atmosphäre einsetzt. Ein Urei 1176- Kompressor sei „die Waffe“, wie er sagt. Der Empirical Labs Distressor, der unter anderem das 1176-Modell nachempfindet, befindet sich gleich drei Mal im Studiobestand. Hofmann empfindet die Klangästhetik als aggressiv, setzt das Tool entsprechend ein. Im Mikrofonbestand finden sich Neumann U87, M149, zwei TLM170, zwei KM84- Kleinmembran-Mikrofone und auch ein Neumann-Gefell UM57, zwei AKG C414 und vier C451-Kleinmembraner, zwei Royer R121- Bändchenmikrofone, dazu „die Standard- Dynamikmikrofone“, wie Hofmann sagt. B

esonderheiten? Alte MPC50-Grenzflächen von Beyerdynamic, die eher wie Kleinmöbel aussehen, verwendet er gerne für den Schlagzeugraum; der Klang sei „schön aggressiv.“ Als Preamp nutzen sie für die Hauptstimme gerne einen Manley-Voxbox-Channelstrip. Zum analogen Recording-Equipment des Studios zählt eine Studer A827-24-SpurMaschine, die − nach einiger „Auszeit“ − wieder einsatzfähig ist. Im Regieraum steht zu – dem eine A80-Zweispur-Maschine, für den Mixdown. Die Räumlichkeiten vermitteln − wie die Studioinhaber selbst − ein entspanntes Betriebsklima, einzelne Räume strahlen noch 80er-Jahre-Flair aus.

Die einzelnen Baustellen würden sie langsam modernisieren, meint Hofmann. Aber zwischen den eigentlichen Produktionen bleibe wenig Zeit − nicht das schlechteste Zeichen für ein kommerzielles Studio. Weitere Räumlichkeiten befinden sich im Haus über dem ursprünglichen Studio: Zwei Appartements können von Musikern genutzt werden. Im Nachbarhaus hat sich Frank Bornemann ein kleines Projektstudio unter dem Dach eingerichtet, dass als „Wohnzimmerstudio“ für Overdubs zur Verfügung steht − das sei gut, um parallel arbeiten zu können, meint Arne Neurand. Gerade ist ein französischer Journalist zu Gast, selbst großer Eloy-Fan. Er lässt sein eigenes Progressive-Rock-Projekt über das große Pult und Outboard-Equipment mischen − um das Qualitätslevel seiner Idole zur Verfügung zu haben.

Wie die Mixing-Aufträge sonst ablaufen? Gelegentlich betreiben Interessenten einen Contest, fordern einen Testmix verschiedener Studios an, erzählt Hofmann. „Ich gebe einen Mix ab, und entweder der gefällt oder gefällt nicht.“ Die „Leistungsgesellschaft“ wolle er damit nicht bedienen, keinen überzogen hellen Mix abliefern, um im ersten Moment zu beeindrucken. „Ich arbeite lieber mit einem Künstler zusammen und gehe auf die speziellen Wünsche ein.“ Er berücksichtige, wie etwas entstanden ist, wo jemand hin will. Er gehe eine Mischung von der kreativen Seite an, höre auf sein Bauchgefühl anstatt nur technische Parameter zu betrachten, erzählt er. Hofmann ist „klassisch“ in den TonstudioBetrieb reingerutscht: „Ich hatte angefangen, Musikwissenschaften zu studieren, mich dann aber zugunsten der Musik und meiner Band entschieden.“ Nebenbei sparte er Geld für eine Tontechnik-Ausbildung bei der SAE, entschied sich bei einem Tag der offenen Tür jedoch dagegen und bewarb sich stattdessen bei Tonstudios um Praktika.

Hofmann landete schließlich beim Horus-Studio, das ihm als einziges ein Praktikum über ein halbes Jahr anbot statt nur für einen Monat. Das war im Januar 2010, der berühmte „Sprung ins kalte Wasser“, wie er sagt. Seitdem hat er sich etabliert. Sein Kollege Arne Neurand arbeitet bereits seit 2003 im Horus, hat zuvor eine SAE-Ausbildung in Hamburg absolviert − zu seinen Credits zählen die Guano Apes, Subway To Sally oder Revolverheld. Mirko Hofmann hat beispielsweise mit den Emil Bulls und der Rock-Truppe And You Will Know Us By The Trails Of Dead gearbeitet. Seit 2014 bietet das Studio einen „Demo Check Day“ an, der jährlich stattfindet: Junge Bands haben dann die Möglichkeit, das Feedback der Produzenten zu erhalten.

Im Rahmen der Veranstaltung, die jeweils im Sommer stattfindet, verlosen die Horus-Eigentümer zwei Studiotage samt Engineer. Worin konkret der Unterschied besteht zum eigenen Aufnehmen zu Hause, mit gutem Equipment? Probleme beim Home-Recording, erklärt Hofmann, entstünden oft durch kompakte Aufnahmeräume, die akustisch unbehandelt sind oder pauschal einer „Dämmorgie“ unterzogen wurden, weshalb merkwürdige Ergebnisse eingefangen würden. „Das wird oft zum Problem, wenn Bands Spuren zum Mixdown anliefern, die zu Hause oder im Probenraum aufgenommen wurden − dort sind meist störende Frequenzen enthalten. Die nah aufgenommenen Signale sind oftmals brauchbar. Aber die Räume und deren Klangqualität sind sehr wichtig, um nachher eine gute, professionelle Produktion zu fahren − gerade bei Drums.“

 

Die generellen Voraussetzungen für eine gute Produktion: „Qualität, Leidenschaft und Know-how“, so fasst Mirko Hofmann zusammen. Letzteres werde beim Homerecording oft unterschätzt. Bei Bedarf rufen sie professionelle Schlagzeuger an, zum Drum-Tuning. „Das ist für den Qualitätsstandard manchmal notwendig«, meint Arne Neurand, und es mache letztlich im Klangergebnis den Unterschied zwischen »Proberaum« und »Platte“.

www.horus.de

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