Britisch trotz Brexit

Softube: British Class A Channelstrip – Erweiterung für Console 1 im Test

Kein anderes Land hat so viele klassische Recording-Konsolen hervorgebracht wie Großbritannien: SSL, Harrison, Trident, Helios. Aber nichts ist legendärer als die Neve-Pulte der frühen 1970er, deren Modulbezeichnungen so mancher Audio-Verrückte nachts im Schlaf murmelt. Nun wird für Console-1-Anwender ein lang gehegter Traum im doppelten Wortsinn »greifbar«: klassischer »British Class A«-Sound, digital nachgebildet, aber »analog« bedienbar.

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Dr. Andreas Hau

Darauf hat die Console-1-Gemeinde lange warten müssen! Als Ergänzung zum mitgelieferten SSL 4000E Channelstrip gab’s letztes Jahr nicht die herbeigesehnte virtuelle Neve-Konsole, sondern den SSL 9000K Channelstrip. Okay, auch der war/ist eine klangliche Alternative: moderner, transparenter als der 4000E. Aber er klang eben immer noch nach SSL − bzw. nach DAW, weil die SSL 9000-Serie eben für kristallklaren Sound entwickelt wurde. Damals eine analoge Meisterleistung, heute digitale Normalität. Nun folgt also endlich der lang ersehnte Neve-Channelstrip mit mehr analoger Färbung, und zwar genau jene, die den Sound unzähliger Alben geprägt hat. Nicht nur in den 70ern, sondern bis heute.

Britisch Sound Made in Linköping

Im Gegensatz zu den SSL-Emulationen für Console 1 kommt der »British Class A«- Channelstrip ohne den offiziellen Segen eines Lizenzgebers. Zu den Gründen kann man nur spekulieren. Vielleicht wären die Lizenzgebühren zu hoch gewesen, zumal der Channelstrip ja eine ganze Reihe von Mischpult-Modulen emuliert. Möglicherweise gibt es Exklusivitätsklauseln in Verträgen mit bestehenden Lizenznehmern. Denkbar wären auch Vorbehalte gegenüber den funktionalen Anpassungen an Console 1 (dazu später mehr). Am Sound dürfte es kaum gelegen haben; mich jedenfalls hat der »British Class A«-Channelstrip gleich beim ersten Antesten auf der Musikmesse in den Bann gezogen. Egal! Nun kommt er eben ohne das N-Logo, dafür etwas günstiger ob der gesparten Lizenzgebühren.

Wie bei Softube üblich, kommen alle Plug-ins in einem gemeinsamen Installer, der inzwischen fast UAD-Ausmaße angenommen hat (Windows: 750 MB, Mac: 1,3 GB). Neue Plug-ins können 20 Tage als Demo getestet werden.

Nach der Installation präsentiert sich Console 1 erst mal wie gewohnt. Per Default ist nach wie vor der SSL 4000E-Channelstrip aktiv. Den »British Class A«-Channelstrip aktiviert man dann über die Load-Funktion. Man kann nun entweder den kompletten Kanalzug austauschen oder nur einzelne Teile (Gate, EQ, Kompressor) in die entsprechenden Sektionen laden. Wer möchte, kann sich so seine persönliche Frankenstein-Monster-Konsole bauen. Aber setzen wir erst mal eine Kanne Tee auf, und lauschen wir dem legendären britischen Timbre in Reinkultur.

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Der »British Class A«-Channel präsentiert sich, typisch für Softubes Console 1, ganz nüchtern, ohne fotorealistische Oberflächen.

Tea Time

Anders als bei gängigen Vintage-Emulationen gibt’s bei Console 1 kein »Eye Candy.« Auch im »British Class A«-Modus präsentiert sich die Oberfläche nüchtern-funktional. Das gehört zum Konzept (s. S&R 5.2014). Um noch einmal kurz zu rekapitulieren: Die Console-1- Software wird über einen Hardware-Controller bedient, der für alle Parameter dedizierte (Endlos-)Regler bietet. Die Wahl des entsprechenden Audiokanals geschieht über eine Knopfleiste. Prinzipiell könnte man den Channelstrip alleine über die Hardware bedienen. Zur besseren Übersicht gibt es jedoch ein skalierbares On-Screen-Display, das auf dem Computer-Monitor alle Knopfpositionen sowie die EQ-Kurve und die Kompressor-Kennlinie visualisiert. Aber ganz ohne Bling-Bling − nichts soll vom Konzept »hören und schrauben« ablenken.

Folglich gibt es auch bei diesem Vintage-Channelstrip keine fotorealistisch nachgebildeten Knöpfe oder kunstvoll gerenderten Rostflecken. Das On-Screen-Display präsentiert sich bis auf den »British Class A«-Schriftzug nahezu unverändert. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man kleinere Unterschiede in einigen Reglerbeschriftungen, wo es z. B. (Neve-typisch) »Recovery« statt »Release« heißt. Interessant wird’s, wenn man die Regler bewegt, denn die EQ- und Kompressorkurve visualisiert nicht einfach die Reglerpositionen, sondern zeigt als Resultat einer Messung das tatsächliche Verhalten an, inklusive aller Nebenwirkungen.

Letztere gehören unbedingt mit zum Reiz der hier nachgebildeten Mischpultmodule. Vintage-Technik mit Übertragern und Spulen entfaltet eben viel mehr Eigenleben als die »braven«, IC-basierten Geräte, die seit den späten 70ern die Studiotechnik dominieren.

Equalizer

Zentraler Bestandteil des »British Class A«- Channelstrips ist der Equalizer, schließlich ist kaum ein EQ so legendär wie jene frühen Neve-Designs, allen voran der dreibandige 1073 und der vierbandige 1081. Auf welchem Softubes Model basiert, bleibt ob der fehlenden Lizensierung im Unklaren. Angesichts der Parameterwerte vermute ich, dass der Neve 1084 Pate stand, was prinzipiell ein 1073 mit ein paar Extras ist: Statt einer festen Eckfrequenz hat das Hi-Shelf drei wählbare Frequenzen (10, 12, 16 kHz), und der Mitten-EQ hat Hi-Q-Schalter für schmalbandigere Eingriffe. Außerdem gibt es beim 1084 neben einem Hochpass- auch ein Tiefpass-Filter. Softube hat die Möglichkeiten noch ein wenig erweitert. Da der Console-1-Controller für einen vierbandigen EQ ausgelegt ist, wurde das Mittenband verdoppelt. Die festen Einsatzfrequenzen (350, 700, 1.600, 3.200, 4.800, 7.200 Hz) wurden beibehalten und sind für beide Mittenbänder identisch, jedoch kann man nun an zwei Punkten gleichzeitig eingreifen. Außerdem ist die Hi-Q-Funktion bei Softube in zehn Stufen regelbar. Wenngleich ohne größere Auswirkungen, denn selbst in Stufe 10 bleiben die Mittenbänder sehr breit.

Die beiden Außenbänder sind ebenfalls sehr weich greifende Shelving-Filter. Anders als beim Original lassen sie sich auf »Cut« umstellen, d. h. als Hoch-/Tiefpass betreiben. Wie beim Original gibt es jedoch keinen Peak-Modus für die Außenbänder. Zusätzlich gibt es separate High- und Low-Cuts in der Eingangssektion. Interessant: Der Low-Cut der Eingangssektion arbeitet mit den Einsatzfrequenzen des 1084 (45, 70, 160, 360 Hz), während der Cut-Modus des EQ-Tiefenbandes mit denselben Einsatzfrequenzen arbeitet wie im Shelving-Mode, nämlich 37, 60, 110 und 220 Hz. D. h., in der Summe ergibt sich eine recht feine Abstufung von Einsatzfrequenzen. Beim High-Cut ist das nicht der Fall: Im Cut-Modus schaltet das EQ-Höhenband auf dieselben Einsatzfrequenzen um, die der High-Cut der Eingangssektion bietet, nämlich 18, 14, 10, 8 und 6 kHz. Was für die meisten Anwendungen aber genügt.

Kompressor/Limiter 

Ebenfalls klassisch britisch und very vintage ist der Kompressor. Dieser orientiert sich am Neve 2254 mit Diodenbrücke als Regelelement. Gegenüber dem Original wurden die Regelzeiten deutlich variabler gestaltet − Ähnliches kennt man von Hardware-Clones wie dem Vintage-Design VDC (s. S&R 7.2015). Die Regelzeiten jener frühen Neve-Dynamikprozessoren waren nämlich nicht auf die heutige extrem Beat-getriebene Musik ausgelegt. Außerdem hat man heute ganz andere Ansprüche an Kompressoren: Einst waren sie lediglich Hilfsmittel und Arbeitserleichterung, heute gelten Kompressoren als Klanggestalter. Nichtsdestotrotz: Der Vintage-Klangcharakter jenes Neve 2254 ist heute gesuchter denn je.

Im Kompressor-Modus regelt die Softube-Emulation eher unauffällig und geschmeidig. Die minimale Attack-Zeit liegt bei 3 ms, was in etwa dem Original entspricht. Zusätzlich gibt es längere Attack-Zeiten von 6 bis 30 ms, die vor allem für Bus-Kompression sinnvoll sind, um den Punch zu erhalten. Die Release-Zeiten hat Softube dagegen nach unten erweitert, denn das Original arbeitet mit 400 bis 1.500 ms recht gemächlich. Beim »British Class A«-Compressor sind auch 200 und 100 ms drin. Wie beim Original gibt es zusätzlich einen Auto-Mode, der sich dem Abklingverhalten der Musik anpasst, aber niemals Hektik aufkommen lässt.

Leicht übersehen könnte man den Limiter-Modus, denn diesen muss man über die Load-Funktion erst in den Kompressor-Slot laden. Das ist ein bisschen umständlich, gestattet es Softube aber, ein komplett eigenständiges Modell anzulegen, was vermutlich der Qualität der Emulation förderlich ist. Im Limiter-Modus reduziert sich das Parameter-Set. Einstellbar sind nur noch Threshold und Release, während die (überraschend flotte) Attack-Zeit wie beim Original unveränderlich ist. Als Zugeständnis an die Moderne haben Kompressor und Limiter einen zusätzlichen Mix-Regler für Parallelkompression bekommen.

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Extras

Ausnahmsweise keine gesuchten Klassiker sind die Gates der frühen 70er, auch nicht die von Neve. Da aber ein Gate zu jedem Console- 1-Kanalzug gehört, hat Softube tatsächlich ein solches aufgetrieben und gemodelt. Das Gate des British Class A hat nur wenige Parameter: Threshold, Release und Depth. Etwas zu vintage finde ich, dass der Threshold in Schritten von 1,5 bis 2 dB gerastert ist. Das mag beim Original so sein, doch manchmal liegt der optimale Punkt zwischen zwei Werten. Wäre schön, wenn man bei künftigen Updates wenigstens durch Drücken der Fine-Taste die Rasterung aufheben könnte. Dieses Vintage-Gate spricht weicher an als modernere Gates, was es vor allem für kreative Nutzung empfiehlt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Console 1 über Sidechain-Funktionalität verfügt, um das Gate oder den Kompressor extern zu triggern. Mit seinem musikalischen Charakter eignet sich das »British Class A«- Gate beispielsweise zum rhythmischen Zerhacken von Synth-Flächen.

Zu jedem Console-1-Channelstrip gehört außerdem eine Drive-Funktion. Beim »British Class A«-Channel wurde das Sättigungsverhalten früher Neve-Module mit den sagenumwobenen Marinair-Übertragern gemodelt. Das entspricht der Nullstellung des Character Reglers. Dreht man nach links, wird die Verzerrung zahmer, dreht man nach rechts, wird sie aggressiver.

Klang & Praxis

Selten sind Soundverhalten und Bedienung so eng miteinander verwoben − jedenfalls in der digitalen Welt − wie bei Softubes Console 1. Wie bei einem echten Mischpult interagiert man mit dem gehörten Klang statt mit einer Plug-in-Oberfläche und trifft seine Entscheidungen basierend auf dem, was passiert, wenn man am Knopf dreht. Trotzdem gibt es natürlich eine Oberfläche in Form des On-Screen-Displays, und anfangs fand ich es etwas irritierend, dass die dort dargestellte EQ-Kurve nicht einfach die Knopfstellungen in eine Grafik umsetzt, sondern darstellt, was wirklich passiert. Beispielsweise greift der EQ bereits in Nullstellung schon sanft ein, sobald man ihn aktiviert. Außerdem wird einem klar, wie wenig die Hi-Q-Funktion tatsächlich bewirkt.

Generell wirkt der »British Class A«-EQ sehr breitbandig; für präzise Klangchirurgie, etwa das Entfernen störender Resonanzen, gibt es weitaus geeignetere Equalizer. Der »British Class A«-EQ ist ein reiner Mix-EQ zum nachjustieren der Klangbalance. Sehr gut eingefangen ist der besondere Klangcharakter jener Vintage-Module. Der EQ klingt weich und doch präsent, ein wenig grobkörnig und doch raffiniert, vintage aber keineswegs stumpf. Er hat eine ganz eigene Klangtextur, die sich durch dezentes Drehen am Drive-Regler noch intensivieren lässt.

Ähnliches gilt für den Kompressor, in der normalen Betriebsart unaufgeregt und geschmeidig agiert. Effektvoll wird’s im Limiter-Modus, der sich ausgezeichnet für Drums und Percussion eignet. Anders als moderne Limiter plättet der »British Class A«-Limiter die Signale nicht einfach, sondern es entsteht ein ganz charakteristischer Attack, während Ausklingphasen bzw. der Raumklang hoch – gezogen werden. Aber halt nicht brachial, sondern sehr organisch und musikalisch. Für mich ist der Limiter eines der großen Highlights dieses Channelstrips!

Sehr gut umgesetzt sind auch die Low-Cut-Filter. Schon bei den UAD-Emulationen des Neve 1073 und 1081 fiel mir auf, wie unglaublich druckvoll der Klang bleibt, wenn man die untersten Bässe beschneidet. Ähnlich gut macht das auch Softubes »British Class A«-Channelstrip. Mit dem Unterschied, dass man diesen in jedem Kanal zur Verfügung hat. Zwar saugt der »British Class A«- Strip etwas mehr CPU-Leistung als der mitgelieferte SSL 4000E, aber Console 1 ist so programmiert, dass die einzelnen Funktionen nur dann Prozessorkraft kosten, wenn sie tatsächlich aktiviert sind.

Insofern bringt eine simple Instanzenzählung wenig, da der CPU-Verbrauch ganz unterschiedlich ausfallen kann, je nachdem wie viele Sektionen des Channelstrips aktiviert sind. In der Praxis gelang mir jedenfalls ein komplexer Mix mit dem »British Class A«- Channelstrip in allen 76 Kanälen (viele da – von stereo). Da ich zuvor sämtliche Cubase-EQs deaktiviert und bis auf ein paar Delays und Reverbs alle sonstigen Plug-ins entfernt hatte, geschah praktisch die gesamte Bearbeitung mit dem »British Class A«-Channelstrip. Der Testrechner (Intel Core i7 2700K mit 4x 3,5 GHz, 16 GB RAM, Windows 7 64 Bit, Cubase Pro 8.5) war am Ende zu etwa 70 % ausgelastet. Daher, denke ich, sind rein »britische« Projekte mit über 100 Spuren auf aktuellen Rechnern machbar.

Fazit

Der »British Class A«-Channel ist eine höchst attraktive, noch dazu kostengünstige Erweiterung für Softubes Console 1. Auch ohne offizielle Lizenzierung durch den britischen Traditionshersteller bietet der Kanalzug authentisch britischen Vintage-Sound. Dabei ist die Qualität der Emulation im Grunde kein Novum. Bereits seit Jahren bietet die UAD-Plattform ausgezeichnete digitale Abbilder klassischer Neve-Hardware.

Softubes Verdienst ist es, eine ähnliche Qualität haptisch »greifbar« und in jedem Kanal verfügbar zu machen. Somit geht es nicht mehr nur um das punktuelle Aufhübschen einzelner Signale, sondern um den gesamten Mix. Denn Console 1 emuliert nicht nur den Klang, sondern auch die Arbeitsweise am Mischpult, mit Knöpfen, die den Klang bewegen. Wer sich nicht zufällig ein echtes Neve-Pult leisten kann, kommt diesem Traum schlafloser Engineers kaum näher als mit Softubes »British Class A«-Channel für Console 1.


+++ Konzept

+++ authentischer Klang

+++ Regelverhalten Limiter

++ Ressourcen-schonend programmiert

++ preisgünstig

British Class A Channel

Hersteller/Vertrieb: Softube/Audiowerk

UvP/Straßenpreis: 249,− Euro / ca. 199,− Euro

www.audiowerk.eu

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