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Schrittmacher – Tovusound Edward Ultimate im Test

Tovusound: Edward Ultimate  

Muss mal wieder alles vorgestern fertig sein und der Geräuschemacher ist sowieso nicht im Budget vorgesehen, kann die Nachvertonung von Schritten gerne mal die letzten Millimeter Fingernägel kosten, weil es einfach unendlich zeitaufwändig ist, überzeugende Schritte von Hand anzulegen. Eine Audiodatei zu zerschnibbeln und die Schritte dann passend auf das jeweilige Frame des Filmes zu schieben ist außerdem ungefähr so unterhaltsam, wie dem Wollwaschgang einer Waschmaschine beizuwohnen.

Diese schmerzhafte Erfahrung scheinen wohl auch die Sounddesigner bei Tovusound des Öfteren gemacht zu haben, denn ihr Produkt setzt diesem Drama nun glücklicherweise ein Ende. Edward Ultimate vereint nämlich die stattliche Zahl von über 50.000 Schritten, in Form von mehreren Schuhen auf mehreren Untergründen, in mehreren Nuancen – und das alles in einem Kontakt-Instrument. So kann also ein Lederschuh z.B. auf einem Holzfußboden laufen, rennen, gehen, Treppen steigen, hüpfen, usw. Aber natürlich auch gerne ein Stiefel oder ein Sneaker, dann aber doch bitte auf Marmor oder einem Schiffsdeck oder auf Gras oder, oder. So langsam verstehe ich, wie die schiere Masse an Samples zusammenkommt und bekomme Mitleid mit dem Audioeditor, der all das Material geschnitten hat. Ich nehme an er war der Namenspatron der Library und hatte Scherenhände…

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Je nach Stellung des Modulationsrades können Deck A und B entweder gleichzeitig oder abwechselnd erklingen. Dabei kann Deck B erfreulicherweise ein Delay zugewiesen werden, wenn z.B. Gruppen vertont werden sollen. Perfekt wäre hier noch ein Random-Slider, damit das Delay nicht immer haargenau gleich ist. Die beiden äußeren Positionen des Pitchwheels können ebenfalls zwei frei zuweisbare Schrittarten aktivieren, um zusätzlich für Abwechslung zu sorgen.

An die Decks

Das Praktische an Edward ist, dass alle Bedienelemente auf einer Ebene untergebracht werden konnten, was bestmöglichen Überblick und schnellstmöglichen Zugriff garantiert. Edward Ultimate besteht aus zwei unterschiedlichen Soundquellen, den sogenannten Decks. In jedem Deck kann u.a. die Schuhart und der dazugehörige Untergrund gewählt werden, aber auch weitere Parameter, wie z.B. Pitch, EQ und Mikrofonmix, um den Sound nachträglich zu gestalten.

Die verschiedenen Schritte werden nun einfach über die Klaviatur „gespielt“, denn genau hierfür sind die Tasten innerhalb zweier Oktaven bereits sinnvoll vorkonfiguriert. So haben z.B. langsame, mittlere, schnelle Schritte oder auch Gehen, Joggen, Rennen, Springen, Fußbewegungen und vieles mehr alle ihren festen Platz auf der Klaviatur. Da wo es Sinn macht jeweils mit einer eigenen Taste für jeweils den linken und rechten Fuß, damit das Schrittbild so natürlich wie möglich wird. Durch das bis zu 30-fache Round Robin ist es somit absolut einfach möglich authentische Schrittfolgen live zum Bild einzuspielen – eigentlich genau so, wie es auch ein Geräuschemacher auf seiner Foley-Stage machen würde.

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Aber wozu braucht man jetzt eigentlich zwei Decks? Der Clou ist, dass man mit dem Modulationsrad zwischen beiden Decks überblenden kann. So ist es entweder möglich die Decks gleichzeitig erklingen zu lassen und seinen eigenen Schuhsound anhand zweier Modelle zu mischen oder aber bereits mehrere Settings des Films perfekt vorzubereiten und die beiden Decks getrennt zu nutzen. Läuft im Film beispielsweise eine Person zuerst in ihrer Wohnung und dann auf der Straße, lädt man bei Deck A z.B. Sneakers auf Teppich, bei Deck B Lederschuhe auf Asphalt und switched vor der Straßenszene einfach per Modulationsrad zu Deck B. Zusätzlich können per Pitchwheel ebenfalls zwei frei definierbare Sounds angewählt werden, sodass damit noch etwas mehr Abwechslung in die Performance gebracht werden kann. Zu guter Letzt hat Edward Ultimate auch eine ganze Reihe charakteristischer und sehr schöner Indoor-Impulsantworten an Bord, die für die gängigsten Situationen ausreichen sollten. So schnell und einfach kann die Nachvertonung von Schritten sein!

Clothes & Props

Eine laufende Person ausschließlich mit Schritten nachzuvertonen klingt allerdings meist recht steril. Wenn eine Person läuft, gibt sie nämlich noch weitere Geräusche von sich, die von der Kleidung oder von Accessoires erzeugt werden, die am Körper getragen werden. Genau aus diesem Grund gibt es eine weitere Library, nämlich Clothes & Props – und hier ist allerhand am Start, was beim Laufen Geräusche von sich geben kann. Das Schöne dabei ist, dass die große Auswahl an Sounds auch vielen Filmgeneres gerecht wird: Von Hemd über Mantel, Sporttasche, Rucksack, Ballettröckchen, Kettenhemd, Lederjacke, Paillettenkleid, Gewehr, Ketten, Schlüssel und vieles mehr ist eine große Bandbreite abgedeckt.

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Weil Aufbau und Tastenbelegung identisch sind, kann die Clothes & Props Library ihre Sounds genau passend zu den Schritten abfeuern.

Das Kontakt Instrument ist nach dem gleichen System wie bei den Schuhen aufgebaut und das ist nicht etwa einfallslos, sondern großartig! Denn dadurch ist es möglich beide Kontakt Instrumente zu „synchronisieren“. Setzt man beide auf denselben MIDI-Kanal und spielt sie damit also gleichzeitig, so kommen bei langsamen Schritten nämlich die passenden, ebenfalls langsamen Kleidungs-Sounds und beim Rennen die schnellen, weil die Belegung auf der Klaviatur ja für beide Instrumente identisch ist.

Trägt die Person im Film jetzt z.B. eine Lederjacke und einen Rucksack, setzt man die Lederjacke auf Deck A, den Rucksack auf Deck B, schaltet die Modwheelüberblendung aus, sodass beide ständig zu hören sind und schon sind zusammen mit den Schritten drei Sounds gleichzeitig zu hören, die bezüglich der Bewegungsenergie aufeinander abgestimmt sind. Somit können drei Geräuschebenen mit passenden Intensitätsstufen gleichzeitig und auf einen Rutsch eingespielt werden!

…uuuuuund Action!

Das Arbeiten mit Edward Ultimate ist wirklich extrem smart und geht sehr schnell von der Hand. Es ist kein Problem ob die Person zuerst läuft, dann die Treppe runterrennt, die letzten Stufen überspringt und danach wegrennt. All das ist bequem innerhalb eines Kontakt Instruments realisierbar und von der Klaviatur aus einzuspielen. Nimmt man noch Clothes & Props dazu und sind beide Instruments richtig konfiguriert, passt das Ergebnis nach dem Einspielen auf allen drei Ebenen sehr oft gut zusammen. Wenn am Ende dann noch alles durch eine der geschmackvollen Impulsantworten geschickt wird, ist die Illusion meist schon perfekt.

Mit ein wenig Übung ist es recht einfach überzeugende Sequenzen einzuspielen, was dann oftmals wirklich ruckzuck erledigt ist. Sollte nicht alles zu 100% sitzen, lassen sich die Schritte später einfach per Piano-Roll oder MIDI-Editor anpassen.

Mir sind allerdings auch noch ein paar Kleinigkeiten aufgefallen, die dieses großartige Tool noch besser machen würden. Es wäre schön die Sounds per Release etwas länger ausklingen und damit ineinander übergehen lassen zu können, wie ich es mir besonders bei den schnelleren Kleiderbewegungen ab und an gewünscht habe. Falls das nicht möglich ist, weil die Samples schlicht und ergreifend nicht länger sind, wäre evtl. eine zusätzliche Timestretchoption sinnvoll, um zumindest auf dieses Weise ein wenig kitten zu können.

Weiterhin wäre auf meiner Wunschliste eine ganz profane ADSR-Hüllkurve, die es erlauben würde die Schritte, bzw. Clothes & Props in der Einschwingphase softer zu machen, wenn es sein muss. In Edward Extended, einer kleineren Version mit nur einem Deck, sind erstaunlicherweise die Parameter für Attack und Sustain einstellbar.

Für Edward Extended wurden übrigens völlig neue Samples aufgenommen, die sich auch teilweise mit den Bereichen der Ultimate-Version überschneiden. Es sind aber auch neue Varianten vorhanden, wie z.B. Laub, Hausschuhe und vor allem eine Barfußvariante, die ich bei Ultimate dringend vermisst habe. Als Grundstock ist die Extended-Version für viele Anwendungsfälle absolut ausreichend, zumal sie mit bis zu 50-fachem Round-Robin daherkommt und in 96kHz aufgenommen wurde.

Momentan sind schon neue Aufnahmen mit neuen Schuhen und Untergründen geplant und mit etwas Glück, könnte schon beim Lesen dieser Zeilen eine neue Version erschienen sein. Ich habe mir sagen lassen, dass u.a. eine Transientenbearbeitung wie bei Edward Extended geplant ist und die Barfußvariante auf der Wunschliste steht. Außerdem wird gerade an einer NKS-Integration für Native Instruments Maschine & Co gearbeitet. Ich bin sehr gespannt, welche Features hier noch dazukommen werden.

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Edward Extended hat ein ähnliches Konzept, aber nur ein Deck. Die Library bietet zwar insgesamt weniger Schrittvarianten und Oberflächen als in der Ultimate-Version, enthält dafür aber auch zusätzliche Varianten, wie z.B. Barfußsounds. Aufgrund einer anderen Tastenbelegung ist Edward Extended aber leider nicht mit der Clothes & Props Library synchronisierbar.

Fazit

Edward Ultimate ist definitiv ein Segen für alle, die öfter Schritte nachvertonen. Gerade in Kombination mit Clothes & Props entstehen sehr schnell glaubwürdige Ergebnisse, für die man sonst ein Vielfaches der Zeit benötigt hätte. Das Konzept ist große Klasse und die Sounds überzeugen. Dadurch macht Edward natürlich noch keinen Geräuschemacher arbeitslos, der sich den Schritten sicherlich sehr viel detaillierter annimmt, als das mit einem Kontakt-Instrument überhaupt möglich ist, außerdem seinen idealerweise reichen Erfahrungs- und Utensilienschatz einbringt und ein riesiges Soundspektrum abdeckt.

Ich sehe Edward eher da, wo kein Budget für einen Geräuschemacher bereitgestellt werden kann, bzw. wo einfach die Zeit drängt und oftmals viele Schritte nachvertont werden müssen. So werden sicherlich viele Produktionen im dokumentarischen Bereich und im TV von Edwards sehr willkommenen Diensten profitieren.

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Konzept

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Große Soundauswahl

+
Impulsanworten

––
Bisher keine Barfußvariante (Ultimate)


Bisher keine Hüllkurve (Ultimate)


Edward Ultimate Hersteller/Vertrieb: Tovusound

UvP Edward Ultimate: 299,– Dollar

UvP Edward Ultimate Clothes & Props: 149,– Dollar

UvP Edward Ultimate Bundle: 399,– Dollar

UvP Edward Extended: 99,– Dollar

www.tovusound.com


Über den Autor

Frank Schreiber ist Filmkomponist und Sounddesigner. Seit seinem Diplom an der Ludwigsburger Filmakademie arbeitet er hauptsächlich in den Bereichen Film und Werbung. Hierfür komponiert und produziert er Musik in den unterschiedlichsten Stilen, von elektronischen Tracks bis hin zu klassischen Scores. Weiterhin hat er einen Lehrauftrag für Filmmusik am Institut für Musik der Universität Oldenburg und liebt musikalisch alles, was künstlerisch ansprechend und gut gemacht ist – außer Volksmusik…

www.frankschreiber.com

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