Wellenreiter

PPG Wavecomputer 360 Wavetable Synthesizer (*1979)


Er kam zu einer Zeit heraus, in der Wörter wie »Computer« noch einen exotischen, SciFi-artigen Klang hatten: der PPG Wavecomputer 360. Dieser Synthesizer war der Vorreiter der legendären PPG-Wave-Reihe und der erste in Serie gefertigte, polyfone Synthesizer mit digitaler Klangerzeugung.

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Bernhard Lösener

Die Synthesizer-Neuzeit fing an mit dem PPG Wavecomputer 360. Dieses Instrument war radikal anders als damalige konventionelle Synthesizer mit subtraktiver Synthese und wirkte 1979, im Jahr seiner Markteinführung, mit seiner Wavetable-Synthese auf viele Musiker wie ein aus der Zukunft geschickter, unverständlicher Monolith.

Schon der Begriff »Wavecomputer« soll damals auf viele Musiker sogar irgendwie abschreckend gewirkt haben. Auch der irritierend andersartige Klang des ca. 8.800,– Mark teuren Gerätes verwirrte den gemeinen Keyboarder. Da verwundert es nicht, dass von dem damals futuristischen Klangerzeuger, dem direkten Vorläufer des PPG Wave, nur etwa 40 Stück verkauft wurden.

Wavetable-Synthese

Der Wavecomputer 360 existiert in zwei BasisVarianten: die ursprüngliche Version ist vierstimmig; die Version A bringt es auf acht Stimmen, die sich auch mit zwei unterschiedlichen Sounds übereinanderlegen lassen. Die Sounds − die auf 70 Speicherplätzen abgelegt werden können − werden digital erzeugt; auf konventionelle Bausteine wie etwa Analogfilter wurde verzichtet. Der Oszillator basiert auf digital erstellten 8-Bit-Wellenformen.

Diese sind in 30 Wellenform-Bänken, den sogenannten »Wavetables«, die jeweils 60 Wellenformen enthalten, gespeichert. Das Besondere an der Klangerzeugung ist die Tatsache, dass die Wavetables auch dynamisch durchfahren werden können. Dabei werden die Übergänge zwischen den teilweise höchst unterschiedlichen digitalen Wellenformen interpoliert, um allzu heftige Sprünge zu vermeiden.

Der Klangcharakter wird also schon auf Oszillator-Ebene gestaltet, statt wie bei konventionellen Synthesizern durch nachträgliches Filteren. Zur Klangformung stehen ein LFO und zwei Hüllkurven bereit: Sie können sowohl auf die Lautstärke einwirken als auch zur Modulation des Wavetable-Verlaufs eingesetzt und mit Fadern in Echtzeit modifiziert werden. Während die eine Hüllkurve nur Attack- und Release-Parameter besitzt, bietet die andere eine komplexere ADPSR-Struktur, wobei »P« für »Peak«, also die maximale Lautstärke der Decay-Phase steht. Der LFO arbeitet mit vier Wellenformen und kann auf Lautstärke und Pitch einwirken oder zur Modulation der Wavetables genutzt werden.

Sound

Der Wavecomputer bietet eine Soundpalette, die im Jahr seines Erscheinens befremdlich klang. Da kein Analogfilter an Bord ist, sind fette Bässe oder Leads nicht im Programm, alles wirkt eher ein wenig dünn und manchmal auch etwas starr. Allerdings klangen ungefilterte 8 Bit noch nie so warm und angenehm wie beim Wavecomputer 360. Palm hatte bei der Auswahl der Wellenformen in der Regel auf allzu harsche Typen verzichtet und »Musikalisches« präferiert.

Schön futuristisch präsentiert sich das Instrument beim dynamischen Durchfahren der Wavetables; klasse ist die Möglichkeit, unterschiedliche Sounds zu layern und auf den beiden individuellen Outputs auszugeben. Krassere Klänge lassen sich auch erstellen, aber dank der sanften Interpolation der Wellenform-Übergänge gibt es kaum Glitches, und das Klangbild bleibt rund. Palms Konzept ging aber erst mit dem PPG Wave wirklich auf, bei dem dank des analogen Filters auch fettere Sounds möglich sind.

Der Wavecomputer 360 wurde uns von Ingo Rippstein (www.synth master.de) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Die frühen Wavetable-Synthesizer von PPG waren kein kommerzieller Erfolg, aber es gab einige namhafte Musiker, die von den neuartigen Synthesemöglichkeiten und Sounds des Wavecomputers fasziniert waren. Dazu gehörte zum Beispiel der britische Synth-Wizard Thomas Dolby. Auch wurden Chris Franke, Peter Baumann und Edgar Froese von Tangerine Dream auf Wolfgang Palm aufmerksam, beauftragten ihn, ihre Minimoogs und ARP Odysseys zu modifizieren, und nutzten seine auf – regenden Neuentwicklungen. Es kam zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit, die viele Jahre andauerte.

Links

www.keyboards.de

www.soundandrecording.de/equipment/ppg-wavecomputer-360/

 

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