Achtarmiger Hardware-Stepsequencer

Genoqs Machines Octopus – MIDI Control Sequencer im Test

Hardware-Stepsequencer erleben zurzeit einen regelrechten Boom. Vor allem kleine Hersteller erscheinen mit äußerst innovativen Konzepten am Markt, von kompakten, TB-303-ähnlichen Geräten bis hin zu komplexen Kompositions- und Arrangiertools. Zu letzterer Kategorie zählt der Genoqs Machines Octopus.

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Dieter Stork

Octopus ist das Debüt einer bisher auf die Entwicklung industrieller Anwendungen ausgerichteten jungen Firma aus Stuttgart. Ausgehend vom Gedanken eines livetauglichen, mehrspurigen Lauflichtsequenzers als Ersatz für mehrere Roland TR-909 entstand der Octopus in mehrjähriger Entwicklungszeit.

Äußeres

Erstes und auffälligstes Merkmal des Octopus’ ist zweifellos das ungewöhnliche und exklusive Design mit einem gewissen „Bang & Olufsen Hi-Fi-Anlagen-Style”. Die Rückseite des sehr aufwendig gearbeiteten Echtholzgehäuses bietet Anschlüsse für zwei MIDI-In/Out-Paare, einen bisher auf Softwareupdates beschränkten USB-Port, einen Anschluss für eine Schwanenhalslampe sowie Netzkabelbuchse und Netzschalter.

Die Bedienoberfläche bietet 21 hochwertige Encoder sowie unzählige Taster, jeder mit einer dreifarbigen LED versehen. Als Tasterkappen dienen tatsächlich Metallkugeln – das Ganze fühlt sich ein wenig wie ein Transportband für Gepäckbeförderung an und hat durchaus seinen praktischen Sinn, denn man kann mit einer Bewegung eine Vielzahl von Tastern betätigen. Nebenbei bemerkt, bieten die Taster einen hervorragenden Druckpunkt.


 

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Front-Panel und Terminologie

Die auf den ersten Blick fast unüberschaubar erscheinende Funktionsdichte lässt sich recht schnell auf ein logisches Konzept reduzieren: Die linke Hälfte des Octopus (die „Matrix”) dient zusammen mit den 20 Encodern zum Erstellen, Editieren und Verwalten von Objekten, nämlich Songs (hier: „Cluster”), Patterns („Pages”), Tracks und Steps. Die rechte Hälfte bietet im äußeren Kreis diverse Funktionstaster, u. a. die Transportfunktionen sowie eine Zehnertastatur. Der innere Kreis besteht im Wesentlichen aus Notentastern, das Zentrum beinhaltet sechs weitere Taster zur direkten Anwahl diverser Betriebsmodi. Bearbeitungsparameter werden beim Octopus „Attributes” genannt.

Konzept

Zentrale Ebene der Octopus-eigenen Hierarchie ist der sogenannte „Page-Mode”. Er dient dem Erstellen von Patterns und entspricht der klassischen Drumcomputer-Lauflichteingabe. Die Matrix symbolisiert hier eine Page (bzw. ein Pattern) aus maximal 10 parallelen Tracks mit wählbaren MIDI-Kanälen. Steps können bei Bedarf auch in Realtime über die Buttons sowie über eine externe MIDI-Tastatur eingespielt werden.

Die nächst tiefere Ebene ist der Track-Mode. Hier hat man gleichzeitigen Zugriff auf alle Parameter (Attribute) eines ausgewählten Tracks.

Unterste Ebene ist der Step-Mode. Er offenbart sämtliche Parameter eines einzelnen Steps.

Höchste Ebene der Matrix ist der Grid-Mode. Er dient als Arrangier-Fenster. Pages können horizontal und vertikal miteinander zu Clustern bzw. Songs verbunden und nach definierbaren Mustern abgespielt werden. Die am linken Rand platzierten „Mix-Encoder” ändern üblicherweise einen bestimmten auswählbaren Parameter für alle Tracks (z. B. Lautstärke oder Tonhöhe). Sie können außerdem MIDI-Controller senden. Über die „Edit-Encoder” (rechts) lassen sich dagegen verschiedene Parameter eines oder mehrerer selektierter Objekte (Pages, Tracks oder Steps) editieren. Die zum Bearbeiten zur Verfügung stehenden Objekte und Parameter ändern sich abhängig von der gerade aktiven Ebene und werden durch LEDs hervorgehoben.

Die Navigation zwischen Ebenen erfolgt über die Mode-Taster oder durch Doppelklick auf ein Objekt. Parameterwerte werden mit LED-Ketten in der Matrix dargestellt. Sämtliche Editierfunktionen und Ebenenwechsel lassen sich bei laufendem Sequenzer ausführen.

Tieftauchen

Unter den Bearbeitungsfunktionen finden sich äußerst effektive Tools zum Erstellen lebendiger Pattern und Songs. Es existieren allerdings noch weitere interessante Features: Im Step-Mode kann man Steps mit sogenannten „Step-Events” versehen. Sobald ein Track einen solchen Step erreicht, wird eine bestimmte Track-Bearbeitungsfunktion ausgelöst und z. B. Laufrichtung, Tonhöhe oder Velocity des Tracks geändert. Die Intensität der Änderung ist programmierbar.

Eine weitere, quasi automatisierte Track-Variationsmöglichkeit ist der „Effektor”. Es handelt sich dabei um ein Routing-System, mit dessen Hilfe ausgewählte Parameter eines oder mehrerer Tracks die entsprechenden Parameterwerte anderer Tracks beeinflussen. Beispielsweise werden die Velocities von Track 9 auf die Steps der Tracks 1 und 2 aufgerechnet, analog arbeiten andere Tracks mit weiteren Parametern. Insbesondere wenn unterschiedliche Laufrichtungen, Track-Längen usw. ins Spiel kommen, entstehen sehr komplexe oder sogar unvorhersehbare Pattern-Variationen.

Steps können polyfone Noteninformationen enthalten, die mit Hilfe der ganz rechts gelegenen „Chord-Buttons” und der Notentaster des inneren Kreises programmiert werden. Die Einzelnoten lassen sich außerdem mit Hilfe einer sehr komfortablen Funktion zeitlich auseinanderziehen, um Akkorde auf oder ab zu „strummen” oder Flams und Rolls zu programmieren.

Eine Harmonisierungsfunktion kann, abhängig von vorgewählter Tonart und Tongeschlecht, einem monofonen Track mehrstimmig harmonisieren.

Weitere interessante Realtime-Funktionen sind die unterschiedliche Abspielreihenfolge und die Tempo-Vervielfachung einzelner Tracks innerhalb einer Page, steuerbar per Tastendruck.

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Dieter Stork

Praxis

Wer an dieser Stelle den Eindruck gewonnen haben sollte, der Octopus sei komplex, liegt natürlich nicht falsch. Die funktionale Vielfalt ist enorm, was aber bei einem Tool mit dem Anspruch, deutlich mehr als „nur” simple Bass-Lines oder Drum-Patterns liefern zu können, fast unumgänglich ist.

Die Frage ist, ob diese Funktionsvielfalt anwendergerecht und weitestgehend intuitiv zugänglich, dargereicht wird. Hier kann man den Entwicklern durchaus großes Lob zollen, denn das „Monster” lässt sich erstaunlich gut beherrschen. Das wird in erster Linie durch die Verwendung bekannter Strukturen (Track-basierter LauflichtSequenzer, Arrangier-Fenster im Grid-Mode) und vor allem durch die flache und logische Ebenenhierarchie begünstigt.

Die Benutzerführung ist gut durchdacht: In einem bestimmten Modus zur Verfügung stehende Parameter und Funktionen werden durch LEDs hervorgehoben, und nahezu jede Funktion hat ihr eigenes Bedienelement. Diese Struktur zieht sich konsequent durch alle Ebenen. Der Status aller Objekte (Pages, Tracks, Steps) sowie sämtliche Betriebszustände und mögliche Navigationsrichtungen zwischen Menüs, ebenso wie Zahlenwerte, werden ebenfalls durch LEDs verdeutlicht. Man braucht natürlich eine gewisse Zeit, um sicher zu wissen, was gerade warum in welcher Farbe leuchtet oder blinkt. Die recht spezielle Terminologie des Octopus’ beschleunigt den ersten Einstieg ebenfalls nicht gerade, eine gewisse Einarbeitungszeit in ein solches Gerät ist aber absolut selbstverständlich.

Hat man sich das Konzept erst einmal vergegenwärtigt, erreicht man sehr schnell den Punkt, an dem man auch komplexe musikalische Ideen schnell und erfolgreich umsetzen kann. Der Octopus erweist sich dann als ernorm leistungsfähig.

Durch den spontanen und gleichzeitigen Zugriff auf 10 Tracks ist er natürlich für die Programmierung von Drums so perfekt wie kaum ein anderes Gerät. Dank der Möglichkeit, alle Tracks und Steps unabhängig voneinander zu verschieben, zu shuffeln, in der Laufrichtung zu ändern oder Flams und Rolls zu programmieren – um nur einige Funktionen aufzuzählen –, bieten sich wirklich alle Mittel, um äußerst lebendige und rhythmisch vertrackte Muster zu erstellen. Die Darstellung durch die Matrix erweist sich dabei als optimal transparent. Der Parameterzugriff erscheint direkter und einem Musikinstrument ähnlicher als bei der Verwendung von LC-Display und Cursor-Navigation.

Aber auch die Programmierung von tonalen Strukturen ist durch die Nutzung der Chord- und Skalierungsfunktionen recht einfach und effektiv, wobei hier noch ein paar Details komplettiert werden könnten.

Bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass der Octopus der bislang erste HardwareSequenzer ist, bei dem ich den Versuch, eine Song-ähnliche Pattern-Abfolge zu erstellen, nicht nach kurzer Zeit genervt aufgegeben habe. Der Grid-Mode kommt ArrangementFenster-verwöhnten Usern sehr entgegen und bietet erstklassige Eingriffsmöglichkeiten in den Ablauf einer Songstruktur.

Erfreulicherweise ist auch die Zuverlässigkeit des Gerätes hervorragend, denn es kam zu keiner Zeit zu Abstürzen oder Fehlfunktionen. Erwähnenswert ist auch das offene Betriebssystem des Octopus, was zukünftige Erweiterungen verspricht.

Fazit

Der omnipotente Stepsequenzer ist selbstverständlich Utopie, zu unterschiedlich sind Herangehensweise, Workflow und letztlich das angestrebte musikalische Ergebnis verschiedener Künstler. Auch der Octopus macht hier natürlich keine Ausnahme, bietet aber für Pattern-basierte Musik eine einzigartige Leistungsfähigkeit. Nach dem Einarbeiten in Funktionalität und User-Interface kann man musikalisch höchst interessante Strukturen und Abläufe sowohl intuitiv und schnell erstellen als auch live bearbeiten.

Dank Zuverlässigkeit und flexiblem MIDI-Controller-Handling bietet sich der Octopus als zentrales Steuerinstrument im Studio an. In der wichtigen Funktion als Ideenlieferant erweist er sich ebenfalls als verlässlicher Partner, wenngleich andere Gerätekonzepte in Sachen quasi-automatischer und zufälliger Erzeugung komplexer Pattern derzeit noch ein wenig mehr zu bieten haben.

Seine ursprüngliche Vorgabe als Live-Sequencer erfüllt der Octopus dank des flachen Bedienkonzepts und der vielen spontan zugänglichen Bearbeitungs- und Arrangierfunktionen mit Bravour.

Die stimmige Funktionalität, das hervorragende Konzept, Zuverlässigkeit und nicht zuletzt Verarbeitung und Design, und schließlich die erstklassigen Haptik des Interfaces machen den Octopus zu einem höchst leistungsfähigen und doch sehr besonderen Kompositions- und Arrangiertool.profil-genoqs

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